143 | Adult Children oder: Die Tiktokisierung der Welt

„Wächst die Macht und das Selbstbewusstsein eines Gemeinwesens, so mildert sich immer auch das Strafrecht; jede Schwächung und tiefere Gefährdung von jenem bringt dessen härtere Formen wieder ans Licht.“

(Friedrich Nietzsche: Genealogie der Moral)

Noch der inzwischen tote Buckelwal wird nicht in Ruhe gelassen. Er dient als Kulisse für TikTok-Videos und wird von Touristen an der dänischen Küste belagert. Wie die Bisonjäger in Nordamerika ein Bein auf ein erlegtes Tier setzten und ihr Gewehr präsentierten, posieren die heutigen Touristen mit ihren Handys vor dem verendeten Tier. Heute werden Tiere mit dem Handy erlegt. Jede Demut ist den Leuten abhanden gekommen. In ihrem auf 200 Wörter geschrumpften Wortschatz kommt das Wort Demut nicht vor. Der Wal, der mit dem Namen „Timmy“ gequält worden ist, ist jedenfalls „mega“ und muss unbedingt fotografiert oder gefilmt werden.

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„Aber Statistiken bluten nicht; möchten wir uns doch immer das einzelne menschliche Individuum vor Augen halten, dessen Leben gewaltsam ausgelöscht wird.“

(Arthur Koestler: Die Rache ist mein)

Nach einem Bericht von Amnesty International wurden im Jahr 2025 mindestens 2.707 Menschen in 17 Ländern hingerichtet – so viele wie seit 1981 nicht mehr. Das Gros der Hinrichtungen fand im Iran, in China und Saudi Arabien statt. Gefolgt von den USA. Unter Trump ist auch dort die Zahl deutlich gestiegen. Die Anzahl der vollstreckten Todesurteile ist ein ziemlich genauer Indikator für die Lage der Menschenrechte und den Stand des Selbstbewusstseins der betreffenden Gesellschaften – sensu Nietzsche. Da nicht alle Länder die genaue Zahl preisgeben, existiert eine schwer einzuschätzende Dunkelziffer. Anlässlich des 200. Jahrestages der Hinrichtung der armen Leute von Kombach, die 1822 in der Subach eine Postkutsche überfallen und ausgeraubt hatten, habe ich mich in Folge 106 der DHP ausführlicher mit dem Thema Todesstrafe auseinandergesetzt.

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Gestern war Jörg Wuttke, der ehemalige Präsident der europäisch-chinesischen Handelskammer, in der Sendung Lanz, in der es schwerpunktmäßig um den Niedergang der deutschen Automobilindustrie ging. Wuttke brachte seine Erklärung auf den Satz: „In Deutschland stellen wir Autos her, in China produzieren sie Mobiltelefone auf Rädern.“ In China geben sich die Mächtigen dieser Welt im Augenblick die Klinke in die Hand: Letzte Woche war Trump dort, jetzt Putin. Die Machtverhältnisse haben sich in den letzten Jahren drastisch verschoben. Bei der Autoherstellung rangiert Deutschland auf dem vierten Platz. China, Japan und die USA stellen mehr Autos her. China ist mit circa 24 Millionen Pkw mit großem Abstand der größte Produzent, gefolgt von Japan mit 7 Millionen und Indien. Deutschland kommt auf zuletzt etwa 3,4 bis 4 Millionen produzierte Fahrzeuge pro Jahr. Wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen haben dazu beigetragen, dass Deutschland seine Spitzenposition eingebüßt hat und vor allem bei der Produktion von Elektrofahrzeugen weit zurückliegt. Dass die derzeitige Regierung am Verbrennermotor festhält, trägt mittel- und langfristig nicht dazu bei, den Abstand zu verringern. Mal ganz abgesehen davon, dass es unter ökologischen und klimapolitischen Gesichtspunkten ein fatale Fehlentscheidung ist. Weltweit hat man sich entschieden, den Kampf gegen den Klimawandel aufzugeben und sich nurmehr gegen seine Folgen zu wappnen. Alle, die wirklich etwas davon verstehen, warnen, dass wir diesen Wettlauf nur verlieren können. Der Igel der Naturzerstörung ist immer schon da, wenn der Hase mit seinem Rettungs- und Notfallköfferchen angehechelt kommt. Die Menschheit hat‘s verkackt. Als ich mich im Netz vergewissern möchte, ob man das so schreiben kann, bekomme ich von der KI den Rat: „Kopf hoch, durchatmen! Egal, was passiert ist – das Gefühl kennt jeder und meistens ist die Lage lange nicht so aussichtslos, wie sie sich im ersten Moment anfühlt. Um den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, gehen wir das am besten pragmatisch an.“ Genau das war es ja, was ich sagen wollte: Wir gehen die nahende Klima-Katastrophe pragmatisch an. Mit Ironie und schwarzem Humor hat es die KI nicht so.

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„Wenn man mich im Zenit meines Lebens fragt: Hast du dir mit 15 geträumt, das zu werden –, was werde ich antworten?“

(André Gorz)

Auf diese existentialistischste aller Fragen kann man nur mit „Nein“ antworten. Alles andere wäre gelogen oder doch nicht ganz aufrichtig. Wir, also auch ich, hatten vor, wie Menschen zu leben. Wie wahrhafte Menschen, mit menschlichen Eigenschaften! Daraus ist nichts geworden, konnte unter den herrschenden Bedingungen nichts werden. „Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so“, heißt in Brechts „Dreigroschenoper“. Vielleicht haben wir uns bemüht, geglückt ist es uns nicht. Die Welt ist während unserer Lebenszeit zu keinem besseren Ort geworden. Peter Brückner hat das Diktum Adornos, es könne im Falschen kein richtiges Leben geben, um eine wichtigen Zusatz ergänzt: aber ein richtigeres! Ich hatte das Glück, einige Menschen kennenzulernen, denen zumindest das gelungen ist. Ich bin nicht so vermessen, mich zu diesen zu zählen. Freiheit beginnt mit der Wahrnehmung von Chancen, die sich lebengeschichtlich eröffnen. Dazu war ich manchmal zu unentschlossen, ja auch: zu feige. Manche Chance zur Befreiung verstrich ungenutzt, manchen Begegnungen bin ich aus dem Weg gegangen. All die nicht genommenen Abzweigungen, links und rechts des eingeschlagenen Lebenswegs, wohin hätten sie mich geführt? Zu welcher nicht genommenen Abzweigung würde ich gern zurückkehren, mit einer zweiten Chance? Gerade las ich bei Jonthan Lethem den Satz: „Ja, wirklich schade, dass du dich in dich verwandelt hast.“ Ich hätte wahrscheinlich auch ein anderer werden können. Nun bin ich halt der, der ich geworden bin, und versuche, damit meinen Frieden zu machen. Etwas anderes bleibt mir nun, da ich ein alter Mann bin, auch gar nicht übrig. Am Ende wäre es schön, sagen zu können: Das hatte Sinn. Genau das geht aber gerade vor die Hunde. Bei kritischem Licht betrachtet,stehe ich, stehen wir Linken alle (oder fast alle) vor einem Scherbenhaufen, auf einem Trümmerfeld. Manche drücken sich vor dieser schmerzhaften Erkenntnis und reden sich ein, das Trümmerfeld sei das Terrain des Klassenkampfes, den sie unermüdlich und irgendwann auch erfolgreich führen. Was ich sagen kann: Ich habe eine Menge Lebenszeit verdacht und bei diesem Denken gelegentlich auch Erkenntnisglück verspürt. Das war und ist keinesfalls zu verachten.

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„Weltformel nicht in Sicht: vermutlich alles sinnlos.“

(Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur)

Die Geschichte hat keinen Sinn, es sei denn, wir verleihen ihr einen. Wir, die heute lebenden Menschen, müssen die Zufälligkeit unserer Existenz mit Sinn ausstatten. Wir Menschen halten es ohne Sinn nicht aus. Als Mensch kann ich nicht aufhören zu hoffen, dass die gegenwärtigen Verhältnisse nicht das letzte Wort haben werden und dass doch noch „Notausgänge“ aus der neoliberalen Hölle des entfesselten Marktes existieren. Nach dem „Verschwinden des Proletariats“ (Gorz) und aller später an seine Stelle gerückten Kollektiv-Subjekte sind wir der Möglichkeit des kollektiven Schiffsuntergangs näher gerückt. Alles andere hängt vom Willen und Bewusstsein der heute und in Zukunft lebenden Menschen ab und davon, ob es ihnen gelingt, ihre vage Ahnung, dass man auch anders leben könnte, in den Kampf für eine Gesellschaft zu überführen, die ihren Zusammenhalt nicht auf Markt und Geld, sondern auf solidarische Kooperation innerhalb freiwillig eingegangener Assoziationen gründet. „Alles bleibt“, wie André Gorz sagt, „in der Schwebe, alles bleibt von unserer Freiheit abhängig – auch unsere Freiheit selbst.“

Auch wenn es schmerzlich ist, kommen wir nicht umhin zu konstatieren: Bei der Verwirklichung dieses Projekts können wir uns weder auf eine der Geschichte innewohnende Tendenz, noch auf ein kollektives Subjekt verlassen, das sie vollstreckt. Beides sind hegelianische Erbstücke, die in den Marxismus eingewandert sind. Der linke Historiker Arthur Rosenberg schrieb in seiner „Geschichte des Bolschewismus“: „So erhält die Arbeiterklasse in dem System von Marx eine ebenso eigenartige wie großartige Aufgabe. Sie soll die Philosophie vollenden. Sie soll den Argumenten der kritischen Köpfe zu Wirklichkeit verhelfen. Der bürgerliche Geist in seinen letzten und kühnsten Folgerungen hebt seine eigene Klasse auf. Er mobilisiert die soziale Unterwelt, um die Richtigkeit seines Denkens zu beweisen. So besteht für Marx eine untrennbare Verbindung zwischen Theorie und Revolution. Ohne die Revolution ist die Theorie ein leeres Spiel. Der Marxismus ist wie ein grundgelehrtes Buch, dessen Schlusskapitel der Aufstand ist.“

Wir, die heute lebenden Menschen, sind es, die der Geschichte eine andere Richtung geben und einen Sinn verleihen müssen, wenn wir in Zukunft als Menschen leben, arbeiten und glücklich sein und nicht ein „Volk von Fellachen“ (Max Weber) werden wollen. Doch der Höchststand kapitalistischer Entwicklung geht mit einem Tiefststand gesellschaftsveränderner Kräfte und Phantasien einher. Wo ist unsere, der Linken, Fähigkeit zur Antizipation freierer Arbeits- und Lebensverhältnisse, ja selbst zur theoretischen Durchdringung und Kritik versteinert erscheinender Strukturen? Viele können Freiheit nicht einmal mehr denken. Das ist das Mindeste, was wir in nichtrevolutionären Zeiten tun können: Die Idee der Befreiung festzuhalten und Strategien für eine geschichtsangemessene Veränderung zu formulieren. Damit wir, wenn die Wirklichkeit sich eines Tages wieder zum Gedanken drängt, nicht ohne Gedanken dastehen und wir den Menschen interpretieren können, was mit ihnen und der Gesellschaft los ist. Ab und zu muss ich auf solche Themen zu sprechen kommen und ich hoffe, dass ihr, die Leserinnen und Leser dieses Blogs, mir Wiederholungen verzeiht. Eins meiner Lieblingszitate aus der Schatzkiste der „Kritischen Theorie“ stammt von Max Horkheimer und lautet: „Die sozialistische Gesellschaftsordnung wird von der Weltgeschichte nicht verhindert, sie ist historisch möglich; verwirklicht wird sie aber nicht von einer der Geschichte immanenten Logik, sondern von den an der Theorie geschulten, zum Besseren entschlossenen Menschen, oder überhaupt nicht.“ Wenn es diese Menschen nicht oder nicht in hinreichender Anzahl gibt, wird nichts aus der Idee einer qualitativ anderen und besseren Gesellschaft. Sie wird in den Köpfen und Herzen einzelner romantischer und sensibler Individuen noch eine Weile weiterleben, bis sie eines Tages ganz verschwindet.

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„Manchmal finde ich eine Marille im Schnee, braun und verschrumpelt. Ich lege sie auf die Treppe zur Eingangstür, um meine Mutter zu ärgern. Es ist kalt, die Einmachgläser halten ein Stück vom Sommer gefangen und ich weiß, dass alles immer so weitergeht.“

(Robert Seethaler: Die Straße)

Auf dem Alten Friedhof duftet es nach frisch gemähtem Gras. Ich setze mich auf eine Bank und hänge meinen Gedanken nach. Innerhalb weniger Tage ist der Winter, der in den letzten Wochen noch einmal zurückgekehrt war, in den Hochsommer übergegangen. Die Temperaturen stiegen von 5 oder 6 Grad auf 33 Grad. Ich höre Amseln singen, einen Zilpzalp, Meisen und ein Rotkehlchen. Mein Freund A, der in der Nähe des Friedhofs wohnt, ist hinter das Geheimnis des Verschwindens der Eichhörnchen gekommen. In der Nachbarschaft soll eine hoch aggressive Katze leben, die  den Eichhörnchen nachstellt. Man hat die Eigentümer dieser Katze gebeten, darauf zu achten, dass sie das nicht mehr tut. Mal sehen, ob wenigstens hier Friedensverhandlungen etwas bringen.

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Gestern sind U und ich gemeinsam meine Lieblingsstrecke gewandert, rund um die Dicke Eiche zwischen Königsberg und Waldgirmes. Notgedrungen musste sie, die gern zügig ausschreitet, sich meinem lahmarschigen Tempo anpassen. Auf jeder Bank am Wegesrand ließen wir uns eine Weile nieder, betrachteten, was es rund um uns zu sehen gab und freuten uns über den strotzenden Frühling. Über allem lag ein dichter Klangteppich aus mannigfachen Vogelstimmen. Aus dem vielstimmigen Chor hörten wir ein Rotkehlchen heraus, das uns ja auch vor den Fenstern unserer städtischen Wohnung tagtäglich mit seinem vielgestaltigen Gesang erfreut. Alles am Rotkehlchen wirkt, wie schon Alfred Brehm feststellte, freundlich und liebenswürdig. Manchmal denke ich, dass sie das auch wissen und sich zunutze machen. Als wir uns der am Boden liegenden Dicken Eiche näherten, erhob sich gerade ein Ehepaar von der vor dem Kadaver stehenden Bank und bestieg seine elektrischen Räder. Die Bank war also frei und wir setzten uns. Auf dem Platz vor der ehemals stolzen Eiche treffen sieben Wege aufeinander, was dem Ort schon immer etwas magisch-mystisches verlieh. Einer dieser Wege ist im Laufe der Zeit fast vollständig überwuchert worden und kaum noch als Weg zu erkennen. Aber sechs Wege reichen ja auch schon, um dem Ort etwas Besonderes zu verleihen. Vor dort aus war es nicht mehr weit zum Auto, das wir dann bestiegen, um in die Stadt zurückzufahren. Wir waren uns einig, einen ganz besonderen Tag erlebt zu haben. Auch ohne Fotos gemacht zu haben, werden wir ihn in Erinnerung behalten. Um das Gesehene einordnen und begreifen zu können, nahm ich Peter Bertholds Buch „Unsere Vögel“ aus dem Regal und blätterte eine Weile in ihm herum. Ich bin durch eine Talkshow-Auftritt vor etwa zehn Jahren auf den bekannten Ornithologen aufmerksam geworden, bei dem er über den dramatischen Schwund der Sing- und Feldvögel sprach. Er sagte sagte, jeder könne zur Rettung der Vögel beitragen, indem er keinen „Psychopathen-Rasen“ anlegt, sondern ihn so wachsen lässt, wie er halt im Wildwuchs wächst. In den Städten könne man Dächer und Balkone begrünen, das seien alles kleine Schritte, die helfen könnten. Gemessen am Vogelreichtum um das Jahr 1800 herum seien uns heute nur noch 20 Prozent geblieben. So seien zum Beispiel sind 99 Prozent der Rebhühner verschwunden. Ging man früher durch die Felder, flogen links und rechts Rebhühner auf. Viele Vögel, sagt Peter Berthold, fänden heutzutage nach der Vertilgung des sogenannten Unkrauts einfach keine Nahrung mehr, Nahrung auch für ihren Nachwuchs. Nahrung in Form von Samen, Körnern und Insekten. Im Namen der Effizienz würden die Felder derart intensiv genutzt, dass zum Beispiel für die Lerche gar kein Platz mehr bleibe, sich irgendwo niederzulassen. Früher, erzählte er, hätten die Getreidehalme so weit auseinander gestanden, dass man mit dem Fahrrad Slalom um sie fahren konnte. Sie boten Bodenbrütern ausreichend Platz, ihre Nester zu bauen und den Nachwuchs aufzuziehen. Besonders der Begriff „Psychopathen-Rasen“ ist bei mir hängengeblieben, weil mir meine Anschauung beinahe täglich Beispiele für seine Existenz und seine Ausdehnung liefert.

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„Die Menschheit braucht ein neues Wozu.“

(Friedrich Nietzsche)

Altkanzlerin Merkel mischt sich wieder vermehrt in aktuelle Debatten ein. Man könnte beinahe auf den Gedanken kommen, sie brächte sich in Stellung, für den Fall, dass Merz das Handtuch wirft. Sie sagt Sätze, die von Altersweisheit und Abgeklärtheit zeugen. Zum Beispiel, wenn sie darauf hinweist, dass es nicht genügt, sich in Abgrenzung zur AfD zu definieren. Es komme vielmehr darauf an, Antworten auf die Fragen zu geben: „Was ist eigentlich unser Plan für dieses Land? Was können wir den Menschen anbieten?“

Heiner Müller hat recht bald nach der sogenannten Wiedervereinigung in einem Beitrag für die „Frankfurter Rundschau“ geschrieben: „Es stellt sich heraus, dass auch hinter Deutschland nichts steckt, bzw. das Nichts. Es entsteht ein unbenennbares Vakuum, das von der D-Mark zusammengehalten wird. Für Kleist war Deutschland noch eine Idee, eine Utopie. … Deutschland reduziert sich auf die Währungsunion. Aber Geld ist nicht patriotisch. Wenn es in Taiwan oder sonstwo mehr abwirft, wandert es dorthin. Da kann man nichts machen … Mittlerweile ist Geld der einzige Wert, auf den hin Orientierung realistisch ist oder sogar möglich ist. Ab einem bestimmten ökonomischen Niveau verzehrt es die Idee des Nationalstaats. … Es gibt nur noch Märkte, und dadurch entsteht eine ungeheure Leere. Die Frage ist, ob der Mensch das aushält. In Nietzsches Nachlass findet sich der Satzsplitter: ‚Die Menschheit braucht ein neues Wozu.‘“

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Manchmal genügt ein kurzer Aufenthalt im Botanischen Garten, um mich ruhig werden zu lassen. Er ist eine Art Zuflucht, eine kleine zeitlose Zone. Atmung und Puls verlangsamen sich, die Gedanken werden klarer. Ein Ort zum Nachdenken und Sich-Erinnern. Ein Ort für Schriftsteller und Erinnerer.

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Als ich gestern Abend auf Arte eine Dokumentation über Tito und Jugoslawien sah, fiel mir folgende Episode ein, von der ich vor Jahren gelesen habe, als ich mich mit dem Attentat von Sarajevo beschäftigt habe. Der jugoslawische Staatschef Josip Broz Tito hatte seine Macht nicht aus den Händen Stalins empfangen, sondern sie als Partisanenführer im Kampf gegen die Nazis erkämpft. Er hatte im Unterschied zu vielen anderen KP-Führern einen echten Rückhalt im Volk. Das verlieh ihm eine gewisse Unabhängigkeit, die Stalin schwer akzeptieren konnte. „Dritte Wege“ durfte es in seinen Augen nicht geben, Schwebezustände und Ambiguitäten waren ihm ein Gräuel. Man forderte Tito auf, seinen Kompass strikt nach Moskau auszurichten, aber dieser beharrte auf seinem eigenen Kurs. Als mit dem Ausbruch des Kalten Krieges die Spannungen eskalierten, schickte man aus Moskau mehrfach gedungene Mörder nach Belgrad, die versuchten, ihn umzubringen. Aber Tito überstand diese Attentate, er verfügte über Mittel und Wege, sich vor den Eispickeln der stalinistischen Auftragsmörder zu schützen. Irgendwann wurde es Tito zu bunt und er ließ Stalin wissen, dass er, falls er noch einmal versuchen sollte, ihm einen Killer auf den Hals zu hetzen, seinerseits jemanden nach Moskau schicken werde. Der sei dann aber im Unterschied zu seinen Emissären kein Stümper, sondern verstünde sein Handwerk. Das war die Sprache, die Stalin verstand, und von da an ließ er von ihm ab. Er musste seinen Sonderweg nolens volens hinnehmen. Der verursachte einen Riss im monolithischen Sowjetblock, der Folgen haben sollte. Andere folgten Titos Beispiel, es begann, im Imperium gefährlich zu bröckeln. Es war der frühe Anfang vom späteren Ende. Ein Ausdruck der jugoslawischen Unabhängigkeit und Freizügigkeit war die „Korčula-Sommerschule“, die von der undogmatisch-marxistischen Praxis-Gruppe organisiert wurde, zu der unter anderen Mihailo Marković und Predrag Vranicki gehörten, dessen zweibändige Geschichte des Marxismus rot aus dem Regal herüberleuchtet. Ernst Bloch, Herbert Marcuse, Henri Lefebvre, Erich Fromm und Zygmunt Bauman waren unter anderen dort zu Gast und konnten ihre kritischen Thesen und Gedanken vortragen.

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Ich befand mich noch im Eingangsbereich des Botanischen Gartens, als ich hinter mir eine Männerstimme irgendetwas sagen hörte. Es war nichts Bestimmtes, aber da außer mir niemand in der Nähe war, bezog ich das Gesagte auf mich. Ich wandte mich um und sah den Mann fragend an. Er reagierte gereizt und beinahe aggressiv: Was ich denn von ihm wolle? „Ich dachte, Sie hätten mit mir gesprochen“, erklärte ich ihm. „Wie kommen Sie denn darauf?“ „Weil außer mir niemand da ist“, sagte ich. Ich spürte, dass es höchste Zeit war, die Lage zu entspannen und entschuldigte mich. Es sei gewiss ein Missverständnis. Er habe mit einem höheren Wesen gesprochen, mit Gott. Aber davon hätten wir Ungläubigen ja keine Ahnung, legte er nun los. Bei nächster Gelegenheit nahm ich einen Abzweig und sah zu, dass ich aus seinem Blickfeld verschwand. Ich kenne das Eskalationspotential solcher Situationen aus dem Vorfeld schwerer Körperverletzungen. Zwischen den Kulturen existiert ein breites Feld für Missverständnisse. Worte, Blicke und Gesten können falsch gedeutet werden und eine Kette schwer kontrollierbarer Aggressionen auslösen. Ich habe aus dem Gefängnis Fälle in Erinnerung, wo so etwas mit einem Kieferbruch oder noch Schlimmeren endete. Es hielt es also für ratsam, meiner Wege zu gehen und nichts weiter zu sagen. Ich hörte den Mann noch eine ganze Weile mit sich und dem „höheren Wesen“ sprechen. Ich setzte mich auf eine Bank im Schatten und hing meinen Gedanken nach.

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„Denn aus der Eltern Obrigkeit fließt und breitet sich aus alle andere. … Alle, die man Herrn heißt, an der Eltern Statt sind und von ihnen Kraft und Macht zu regieren nehmen müssen. … Wo das Regiment der Eltern hinweg ist, so wäre es mit der ganzen Welt geschehen, denn ohne Regiment kann sie nicht bestehen.“

(Martin Luther)

Gestern hatten viele Lehrerinnen und Lehrer ihre Schüler ausgewildert und auf die Menschheit losgelassen. Auf dem Wochenmarkt bemühte sich ein freundlicher Händler, einer Gruppe von vielleicht zehnjährigen Schüler zu erklären, was Radieschen sind und was Salat. Einer erlaubte es einer Gruppe, die Erdbeeren zu probieren. Einige der Schüler begnügten sich allerdings nicht damit, sich eine Frucht zu nehmen, sondern stopften sich vier oder fünf in den Mund. Irgendwann nahm der Händler seine Erlaubnis zurück. Ob man auf diesem Weg Kunden von morgen gewinnt, was den Händler zu seinem kühnen Entschluss bewogen haben mochte, scheint äußerst fraglich. Die Kinder werden rasch unter den Einfluss der sogenannten Sozialen Medien geraten, wo man ihnen den Konsum von Bubble Tea und anderem Süßkram empfehlen wird. Wenn die eigenen Eltern alles Online bestellen oder aus irgendeinem Supermarkt und in Plastik eingeschweißt beziehen, wird man die Kinder schwerlich für den Einkauf auf dem Wochenmarkt gewinnen können. Aber, wer weiß? Auf Schülergruppen stieß ich später auch im Botanischen Garten. Sie standen um die bronzene Antilope herum und stritten, ob es sich um eine Ziege, ein Schaf oder um einen Esel handelt. Ein Esel habe keine Hörner, befand einer. Als einer auf irgendeinem Beet ein Schild mit dem Hinweis auf Katzenminze entdeckt hatte, wollten alle diese Pflanze sehen. Sie bewegten sich nicht auf den Wegen dorthin, sondern schlugen den kürzesten Weg ein, das heißt die liefen querbeet und trampelten über die Beete und Pflanzen. Die Lehrerin intervenierte nicht, sondern wohnte diesem Verhalten passiv bei. Wahrscheinlich hatte sie resigniert und wartete auf den Unterrichtsschluss und die Rückkehr zur Schule. Es ist natürlich zu begrüßen, dass Lehrerinnen und Lehrer solche Ausflüge in die Wirklichkeit mit ihren Schülern unternehmen, das Problem besteht darin, dass die Schüler heute von den Eltern in einem weitgehend unerzogenen Zustand in den Schulen abgeliefert werden und die Lehrerinnen und Lehrer mit den Erziehungsaufgaben überfordert sind. Schule funktioniert nur so lange, wie die Eltern eine gewisse Vorarbeit bereits geleistet haben. Stillsitzen und die Fähigkeit, zuzuhören und sich auf einen erst mal fremden Stoff einzulassen, müssen die Kinder zum Beispiel schon gelernt haben, wenn sie in die Schule kommen. Sonst kann pädagogisches Handeln nicht gelingen und die Lehrerinnen und Lehrer stehen auf verlorenem Posten.

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„Welches Kind hätte nicht Grund, über seine Eltern zu weinen?“

(Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra)

Seit es heiß geworden ist, nehme ich das Frühstück auf dem Balkon zu mir, wo es morgens  angenehm kühl ist. Dem Ethnologen des Inlands bieten sich von dort aus jede Menge Gelegenheiten, Beobachtungen anzustellen und die Gewohnheiten der Eingeborenen zu studieren. Ab halb acht bringen Mütter ihre Kinder zur Schule, wobei die Mütter in der Regel die Rucksäcke und Taschen schleppen. An der einen Hand halten sie ihr schulpflichtiges Früchtchen, auf der Schulter tragen sie den oft riesigen Rucksack, mit der freien Hand umklammern sie ihr Handy, das sie keinen Augenblick aus den Augen lassen. Heute Morgen sah und hörte ich, wie ein Dreikäsehoch mit falschherum aufgesetzter Basecap seine Mutter anbrüllte: „Hey, du nervst!“ Er wiederholte das noch mindestens drei Mal, ohne dass die Mutter reagierte und sich das verbot. Fehlte nur noch, dass er sagte: „Du nervst, du Bitch!“ Wenn ich die morgendliche Parade der Mütter mit ihren Kleinen erlebe, wundere ich mich nicht mehr, dass die Narzissmus-Werte durch die Decke gehen. Den Kindern wird nichts zugemutet und sie entbehren gleichzeitig das Wichtigste: einen erwachsenen Widerpart, eine Instanz, die Grenzen setzt und auf deren Einhaltung achtet. Die Regression wird zur Existenzweise, es gibt nur noch groß gewordene Säuglinge. Die Mutterbrust wird vom Lieferdienst abgelöst, der das Gewünschte ins Haus bringt. Wünsche werden befriedigt, bevor es zu einer Bedürfnisspannung überhaupt kommen kann, die ja zum Auslöser von Aktivität und Eigeninitiative werden könnte. Der Konsumismus bringt auf diese Weise ein gefräßiges, ungeduldiges, auf sein Glück bedachtes Wesen hervor, das sich betrogen fühlt und wütend wird, wenn das versprochene Glück nicht umgehend eintritt.

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„Der Südstern ist menschenleer. Auf der Terrasse zerren die Stoffbahnen der Schirme an den klackernden Stangen. Am Schaufenster des ehemaligen Antiquariats kleben kleine gelbbraune Blätter, zwei Etagen darüber knattert eine steife Vorhangfahne. Die Luft riecht nach Erde, und die Beamten tragen wieder Jackett. Eine Mutter und ihre Tochter, trippelnde Schritte, Hand in Hand. Frauen mit Einkaufstaschen. Kinder. Ein Herr mit Hut und Regenschirm. Zwei traurige Hunde im gelben Licht vor der Bäckerei. In der Tür zum Goldenen Mond steht ein Mann und zählt Münzen in seiner Hand. Autos mit zischenden Reifen auf dem nassen Asphalt. Zwei Tauben zwischen hängenden Geranienköpfen.“

(Robert Seethaler: Die Straße)

Heute haben wir die gemeinsame Lektüre von Robert Seethalers Roman „Die Straße“ beendet. Ein Buch, um es gleich zu sagen, bei dem das Zuendegehen schmerzt. Auch wegen der Verwandtschaft mit meiner eigenen fragmentarischen Schreibweise, war das Buch für mich von größtem Interesse. Seethalers Heidestraße ist bei mir die Goethestraße und der Seltersweg in Gießen. Es gibt keine das Buch durchziehende Handlung, seine Protagonisten sind die Bewohner und Bewohnerinnen der Heidestraße, des Altersheims „Abendschein“, die Gäste des Gasthofs „Südstern“ und der Kneipe „Zum Goldenen Mond“, die Kunden des Blumenladens gleich neben der Bäckerei. Die Szenen folgen lose aufeinander, oft ohne sich aufeinander zu beziehen. Einzig die Figur des Antiquars durchzieht das Buch und bildet eine Art Klammer. Es beginnt mit ihm und endet mit ihm. Kaum eröffnet, muss er den Laden auch schon wieder aufgeben. Seethaler ist ein Chronist unserer Tage, versucht festzuhalten, was verschwindet. Im letzten Buch war es das „Café ohne Namen“, dieses Mal ist es eine Straße samt ihrer Bewohner. Die Lektüre von Seethalers Romanen kann ich euch nur dringend ans Herz legen.

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Jetzt, da ich mein Frühstück auf dem Balkon einnehme, stelle ich mir jeden Morgen wieder meine soziologische Grundfrage: Wo hasten all die Menschen jeden Morgen hin? Was verbindet sie? Verbindet sie überhaupt irgendetwas? Wer oder was treibt sie an? Die Peitsche des Aufsehers, die zu Beginn der Industrialisierung zur Anwendung kam, ist nicht mehr zu sehen. Zum Beispiel dieser junge Mann in T-Shirt und kurzer Hose: Wohin zieht er um sieben Uhr morgens seinen Trolley? Warum beginnt eine Frau plötzlich zu rennen? Wohin fürchtet sie zu spät zu kommen? Und die bange Frage: Kommen die Nöte und Sorgen all dieser Menschen in unserer Theorie vor, werden sie von uns zur Sprache gebracht? Es war einmal die Qualität revolutionärer Theorie, Leidenserfahrungen und Sehnsüchte der Menschen beredt werden zu lassen. Die Wirklichkeit drängt durchaus zum Gedanken, aber wo sind unsere Gedanken?

Auch George Orwell wunderte sich über die Meisterleistungen des freiwilligen Gehorsams: „Zirkushunde springen, wenn der Trainer mit der Peitsche knallt, aber wirklich gut trainierte Hunde sind solche, die auch dann springen, wenn gar keine Peitsche da ist.“ Michel Foucault hat daran erinnert, dass „das Leben und die Zeit des Menschen nicht von Natur aus Arbeit sind; sie sind Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bedürfnisse, Zufälle, Begierden, Gewalttätigkeiten, Räubereien etc. Und diese ganze explosive, augenblickhafte und diskontinuierliche Energie muss das Kapital in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft transformieren.“ Diesen Vorgang kann man als „größtes verhaltensmodifikatorisches Experiment aller Zeiten“ (Klaus Dörner) und weltgeschichtlichen Dressurakt betrachten, die dann gelungen sind, wenn die Peitsche des Aufsehers nicht mehr nötig ist und die Menschen ihr kapitalverwertendes Unglück als Erfüllung und Bestimmung erleben. Die anfängliche Unmöglichkeit, unter kapitalistischen Bedingungen zu leben, wird auf der Basis dieser Prozesse für sie möglich. In englischen Industriestädten schrillte zu Beginn der Industrialisierung morgens um fünf Uhr eine Dampfpfeife, um die Leute aus dem Schlaf zu reißen. Mancherorts stellten die Unternehmer „Wachklopfer“ an, die von Wohnung zu Wohnung gingen und mit Stangen an die Fenster der Arbeiterquartiere klopften. Einige dieser Wachklopfer zogen gar an Schnüren, die aus den Fenstern hingen und am Zeh des Arbeiters befestigt waren. Inzwischen haben die meisten Menschen Wachklopfer und Wecker verinnerlicht und erwachen allmorgendlich von selbst. Im Namen welcher Zukunft radeln die Studenten jedem Morgen zur Uni und zwängen sich in überfüllte Hörsäle? In Gestalt ihrer Smartphones und der KI tragen sie die Totengräber ihrer Zukunft schon mit sich. Statt die Geräte im hohen Bogen in den Fluss zu werfen, starren sie sogar auf dem Fahrrad aufs Display, um nur ja nichts zu verpassen.

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„Der Totalitarismus verlangt eine ständige Veränderung der Vergangenheit, und langfristig muss er auch die Idee bekämpfen, dass es eine objektive Wahrheit überhaupt gibt.“

(George Orwell: Zeilen der Zeit)

Gestern traf ich auf dem Alten Friedhof meinen Lieblingsbettler, dem ich sonst gewöhnlich auf dem Wochenmarkt begegne, wo er eine günstige Bettelposition innehat. Er weiß, dass unter den Besuchern des Marktes die Schuldgefühle und also die Spendenbereitschaft überdurchschnittlich groß sind und bekommt auch von den Marktbeschickern dies und das zugesteckt. Ich sah ihn, als ich mich von meiner Bank an Röntgens Grab von meiner Lektüre mal erhob, um ein paar Schritte zu gehen. Er saß auf einer Bank etwas unterhalb und wir freuten uns, uns zu begegnen. Wir plauderten eine Weile miteinander und er zeigte mir die Bücher, die er zur Lektüre mit sich führte. Er entnimmt seine Lektüre demselben Bücherschrank, in den auch ich bei jeder Gelegenheit hineinschaue. Unsere Vorlieben sind allerdings doch verschieden. Als ich mich verabschiedete, um zu meiner Lektüre zurückzukehren, sagte er: „Jetzt ham wir uns auch mal privat getroffen.“ Womit er unterstrich, dass unsere samstäglichen Begegnungen auf dem Wochenmarkt gewissermaßen dienstlich sind. Meine augenblickliche Lektüre ist ein Band mit Kolumen, die George Orwell zwischen 1943 und 1948 verfasst und in der linken Wochenzeitung „Tribune“ veröffentlicht hat und die nun unter dem Titel „Zeilen der Zeit“ auf Deutsch bei Reclam erschienen sind. Er kommentiert das kriegerische Zeitgeschehen, aber auch Alltägliches, über das er sich wundert wie ein kindlicher Beobachter. Es gibt nichts, was er nicht aufgreift und kommentiert. Da ich ja auch seit etlichen Jahren ein Kolumne in einer Gießener Tageszeitung füttere, bin ich an seinen kleinen Texten höchst interessiert und lese sie mit gesteigertem Interesse. Zum Beispiel eine Passage, in der er über die prekäre Situation von Schreibenden nachdenkt: „Philosophen, Schriftsteller, Künstler, ja sogar Wissenschaftler brauchen nicht nur Unterstützung durch eine Zuhörerschaft, sondern auch ständige Anregungen von anderen Menschen. Es ist nahezu unmöglich, zu denken, ohne darüber zu reden. Wenn Defoe wirklich auf einer verlassenen Insel gelebt hätte, hätte er Robinson Crusoe nicht schreiben können, und er hätte es auch gar nicht gewollt.“ Nicht nur in diesem Punkt erlebe ich Orwell als „Bruder im Geiste“ – auch wenn ich mich allenfalls als kleiner Bruder empfinde. In einer längeren Passage, die im Grunde ein eigenständiger Essay ist, beschäftigt er sich mit der Lage der geistigen Freiheit und der unterm Totalitarismus sich ausbreitenden Verachtung des Konzepts der „objektiven Wahrheit“. Der „Zur Verhinderung von Literatur“ überschriebene Passus aus dem Januar 1946 gewinnt angesichts des Trumpismus und Putinismus eine brisante Aktuatltät.

Gerade als ich gehen wollte, ließ sich eine Amsel auf dem Grabstein gegenüber von Röntgens Grab nieder. Und zwar an der höchsten Stelle, auf einer Art von Pokal, der das Grab krönte. Von dieser exponierten Position aus sang sie nach Leibeskräften. Nun blieb ich noch ein bisschen, um ihr zu lauschen. Irgendwann brach sie ihr Konzert ab, und ich wandte mich zum Gehen. Auf dem Weg zur Pforte, wo ich mein Rad abgestellt hatte, begegnete mir eine humpelnde Taube. Sie quälte sich langsam über den Weg. Sofort fiel mein Verdacht auf die wilde Kampfkatze.

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„Nach dem Sieg hat man es mit sich selbst zu tun.“

(Alexis de Tocqueville)

Die Lektüre von Orwells Kolumnen hat mir gezeigt, dass die Atomwaffen, wenn man so will, Krieg gegen den Krieg führten. Über einen längeren Zeitraum schien es so, als habe die Atombombe mit dem Krieg Schluss gemacht. Es herrschte das sogenannte „Gleichgewicht des Schreckens“, das dafür sorgte dass zwischen den beiden Supermächten, die sich gegenseitig mit der totalen Vernichtung bedrohten, Frieden herrschte, der natürlich kein wirklicher Frieden war, sondern lediglich ein verhinderter Krieg. Der Krieg in der Ukraine hat durch die Entwicklung der Drohnentechnologie dazu geführt, dass Kriege wieder führbar geworden sind. Das ist die erschreckende Lektion, die dieser Krieg uns erteilt. Klassengespaltene Herrschaftskulturen sind auf Kriege und benennbare Feinde angewiesen, um die Zentrifugalkräfte zu bannen, die sie zu zerreißen drohen. Nach dem Ende des Kalten Krieges, der über einige Jahrzehnte einen verlässlichen Feind ausmachen konnte,  war kein feindlicher Block mehr auszumachen ist, den wir für unser Unglück verantwortlich machen können. Der Feind hat sich fortgepflanzt in eine Vielzahl kleiner und mittlerer Satane, die in allen möglichen Formen und Gestalten auftreten können. Der „Weltkommunismus“ war der Feind, der hätte erfunden werden müssen, wenn er nicht schon vorhanden gewesen wäre – ein Feind, dessen Stärke die Verteidigungswirtschaft und die Mobilisierung des Volkes im nationalen Interesse rechtfertigte und es erlaubte, die innerkapitalistischen Konflikte und Spannungen zu verdrängen. Seit seinem Untergang ist die Position des Feindes vakant und die Lage ist unübersichtlich. Es kriselt und knistert an allen Ecken, überall flackern Kriege und Konflikte auf. Da Drohnen in Garagen herstellbar sind, kann jeder gegen jeden Krieg führen. Orwell schrieb bereits 1945: „Wenn die dominierende Waffe eines Zeitalters besonders teuer oder schwer zu beschaffen ist, besteht die Wahrscheinlichkeit einer Despotie; wenn die dominierende Waffe billig und leicht zu beschaffen ist, haben auch die einfachen Leute eine Chance. Panzer, Schlachtschiffe und Bombenflugzeuge sind strukturell tyrannische Waffen, während Karabiner, Musketen, Langbogen und Handgranaten im Prinzip demokratisch erscheinen. Eine komplizierte Waffe macht den Starken noch stärker, während einfache Waffen den Schwachen Krallen geben – solange keine Abwehr dagegen vorhanden ist.“ Was in der Zivilgesellschaft das Messer ist, ist im zwischenstaatlichen Bereich die Drohne: Potenziell jeder und jede kann darüber verfügen und sie zum Einsatz bringen. Sie sind sensu Orwell die „demokratischen Waffen“ par excellence.

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Der „Paritätische Gesamtverband“ veröffentlichte dieser Tage unter dem Titel „Wachsende Armut, schrumpfende Sicherheit“ einen neuen Armutsbericht. Demnach verschärft sich die soziale Spaltung in Deutschland. 13,3 Millionen Menschen leben in Armut, die Armutsquote steigt auf 16,1 Prozent. Gleichzeitig wächst die Kluft zwischen Regionen und Bevölkerungsgruppen. Während Armut insgesamt zunimmt, verfestigt sie sich besonders bei Älteren, Frauen und Alleinerziehenden. „Wir sehen eine Gesellschaft, die sozial weiter auseinanderdriftet.“ Zahlen und Statistiken sind die dürre Spur, die das gelebte oder ungelebte Leben in den Aufzeichnungen der Wissenschaft hinterlässt. „Statistiken bluten nicht; es sind die Details, die zählen“, schrieb Arthur Koestler. Jede dieser nüchternen Zahlen müsste bebildert werden, damit sie uns erreichen und uns etwas sagen.

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