144 | „Subversive Integration“ (Jean Ziegler)

„Bleibe hier und kämpfe dort, wo du lebst. Hier ist das Gehirn der Maschine, also kämpfe hier.“

(Che Guevara zu Jean Ziegler)

Ein verregneter, stürmischer und kühler Feiertag ist angebrochen. Ich stamme aus einer protestantischen Gegend und einer halb protestantisch – halb „heidnischen“ Familie, so dass sich mir der Sinn des Feiertags „Fronleichnam“ nie so richtig erschlossen hat. In der Familie bot er Gelegenheit, über Land zu fahren und eine Wanderung zu unternehmen. Hier und da stießen wir auf kleinere Prozessionen. Merkwürdig angezogene Katholiken schleppten irgendwelche Figuren durch die Gegend und sangen dabei. Mein Vater hatte ein untrügliches Gespür für Pilze, und so kamen wir gelegentlich zu einem ersten Pilzgericht. Nach der Rückkehr saßen wir um einen Tisch auf der Terrasse und putzten Pilze, die zuvor vom Vater noch einmal auf ihre Essbarkeit geprüft worden waren. Vor der Heimfahrt wurde aber noch irgendetwas bestiegen oder besichtigt. Diese Besichtigungen, die mit langen väterlichen Vorträgen einhergingen, waren bei uns Kindern gefürchtet, und wir trieben hinter seinem Rücken allerhand Schabernack. Mein Vater konnte den Ruf des Kuckucks täuschend echt nachahmen und manchmal gelang es ihm dadurch, einen anzulocken, den wir dann aus großer Nähe zu Gesicht bekamen.

Ich habe schon öfter gesagt, dass von unserer Familie nichts mehr übrig ist. Sie ist nach Vaters Tod in lauter einzelne Teile zersprungen. Ich gehe davon aus, dass gewisse frühe Erfahrungen bei meinem Vater dazu geführt haben, dass sich in ihm eine emotionale Anästhesie ausgebreitet hat. So ein wilhelminisch-protestantisches Pfarrhaus, wie er es erlebt hat, überlebt man nur um den Preis einer innerlichen Abtötung. Als Vaters Mutter starb, hat er mir mal erzählt, als ich ein paar Tage mit ihm in Holland war, hat sie mehrere Tage und Nächte hindurch geschrien, gebrüllt – wohl wegen einer Mischung aus Schmerz und Verzweiflung über ein ungelebtes Leben. Er habe das mit angehört. Das ganze Dorf sei Zeuge ihres Schmerzes geworden. Er war damals sieben Jahre alt, und man kann sich vorstellen, was so ein Erlebnis mit einem Kind macht. Es wird verrückt oder es stellt sich tot und verhärtet sich inwendig. Vater hat letztere Möglichkeit gewählt. Der Faschismus ist der „Vitalismus der Toten“ (Peter Sloterdijk), die als politische Bewegung ihren grausigen Tanz aufführen. Mein Vater reihte sich zeitig in diesen Totentanz ein und übernahm in der nordhessischen Provinz eine führende Rolle in der Partei. Wie es sich für einen ordentlichen Nazi gehörte, trat er aus der Kirche aus. Auf diese Weise rächte er sich auch an seinem Vater, für den der Kirchenaustritt deutlich schlimmer war als der Beitritt seines Sohnes zur NSDAP. Kurz vor der sogenannten Machtübernahme und dem Triumph seines jüngsten Sohnes zog er sich in seine himmlischen Gemächer zurück. Der qulvolle Tod seiner Frau lag da bereits 25 Jahre zurück. In dem Maße, wie wir Objekt und Opfer solcher Erziehungsprozesse geworden sind, sind wir alle partiell Getötete und tragen in uns den Widerstreit des Toten mit dem Lebendigen aus. Das Milieu, dem wir entstammen, ist von der „emotionalen Pest“ (Wilhelm Reich) befallen und müsste im eigenen Lebensinteresse gemieden werden. Wie aber soll ein Kind seine Familie und die in ihr wütende Pest meiden? Ich trage sie leider in mir und werde sie wohl nie ganz los. Der lange Schatten Hitlers und des NS fällt also auch noch auf mein nachgeborenes Leben.

***

Ein Bild von hoher symbolischer Kraft: Auf dem Frankfurter Flughafen ist das Fahrwerk einer Boeing 787 eingeknickt und das ganze Flugzeug mit der Nase auf den Boden gesackt. Mehrere Mitarbeiter der Fluglinie wurden bei dem Vorfall verletzt. Mittlerweile konnten diese wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Passagiere waren noch nicht an Bord. Symbolisch steht dieser Zwischenfall für den Zustand der gesamten deutschen Wirtschaft oder des ganzen Landes. Fast zeitgleich scheiterte gestern das Bemühen Deutschlands um einen Platz im Sicherheitsrat der UN. Auch hier ist Außenminister Wadephul danach zusammengesackt. Dieses Scheitern war die Quittung für das deutsche Einknicken vor den Mächtigen dieser Welt. Das deutsche Lavieren kommt in großen Teilen der Welt nicht gut an.

***

In der Stadt sehe ich eine halb verschleierte arabische Mutter mit einem Kinderwagen. Als das vielleicht eineinhalb Jahre alte Kind sich muckst, beugt die Mutter sich zu ihm herab und drückt ihm ein Smartphone in die Hand. Sofort zieht das Gerät die Aufmerksamkeit des Kindes auf sich und es wird ruhig. Noch bevor es richtig sprechen kann, wird das Kind in den Modus der digitalen Moderation seiner Affekte eingeübt und das Gerät avanciert zu einem integralen und tragenden Bestandteil seiner psychischen Struktur.

Die Kinder, die das Goethe-Institut Chicago zu einer Begegnung mit zwei deutschen Fußballnationalspielern eingeladen hatte, staunten nicht schlecht über den bis zu den Ohren tätowierten David Raum. Insofern wunderte es mich nicht, dass ein Kind darum bat, ihm ein Autogramm auf die Haut eines Fingers zu schreiben. Eine Tätowier-Maschine war nicht zur Hand.

***

„So sehr sie ihn auch hassen – weder die Diktatoren noch die Bürokraten können den Frühling verhindern.“

(Georg Orwell: Zeilen der Zeit)

Georg Orwell freut sich über die schönen goldenen Augen einer Kröte, die der Frühling aus ihrem Versteck in der Erde hervorgelockt hat. „Nach der langen Fastenzeit hat die Kröte ein sehr spirituelles Aussehen, so wie ein strenger englischer Katholik kurz vor Ostern.“ Und er freut sich über das „erstklassige Konzert einer Amsel“ und die Begegnung mit einem Turmfalken. „Nach den harten Wintern, die wir in letzter Zeit durchgemacht haben, ist der Frühling tatsächlich ganz wunderbar, denn es erscheint jedes Jahr unwahrscheinlicher, dass er tatsächlich kommt. Seit dem Februar 1940 habe ich jedes Mal gedacht, dass der Winter für immer bleibt.“ An die Adresse seiner kommunistischen Kritiker gewandt fragt er: „Ist es eine Sünde, wenn man sich am Frühling und anderen Jahreszeiten erfreut? Oder genauer: Ist es, solange wir alle unter der Knute des Kapitalismus schmachten oder zumindest so tun sollten, als ob wir darunter schmachten, politisch verwerflich, wenn wir darauf hinweisen, dass der Gesang einer Amsel das Leben lebenswerter macht?“ Orwell lässt sich seine Begeisterung nicht ausreden, auch wenn sie keinen Nutzen im Klassenkampf hat, wie seine linken Kritiker ihn fordern. Er erhält Schmähbriefe, die ihm Sentimentalität und Romantizismus vorwerfen. Darauf erwidert er: „Ich glaube, dass man eine friedliche und noble Zukunft eher wahrscheinlicher macht, wenn man sich seine kindliche Liebe zu Bäumen, Fischen, Schmetterlingen und, ja, auch zu den eingangs erwähnten Kröten bewahrt. Von den Menschen zu verlangen, allein Stahl und Beton zu bewundern, führt nur dazu, dass sie kein anderes Ventil für ihre überschüssige Energie finden als Hass und Führerkult.“

Seit ich Rebecca Solnits Buch über „Orwells Rosen“ gelesen habe, weiß ich von dessen Verhältnis zur Natur und bin erleichtert, in diesem Punkt einen Kronzeugen und Verbündeten gefunden zu haben. Die Vorwürfe der Sentimentalität begegnen auch mir gelegentlich. Ein altlinker Leser fühlte sich nach der Lektüre einer Passage der DHP bemüßigt, mich zu belehren: „Zwar bewege ich mich auch gerne – und gerade jetzt täglich (joggend) – in der Natur, aber dein Enthusiasmus z.B. bei der Beobachtung einer Entenfamilie etc. ist mir doch ziemlich fremd. Mir ist da zu viel Romantisierung (deutsche Romantik) und Projektion im Spiel. Das kleinteilige Leben einer Tierfamilie ist ‚an sich‘ genauso wenig idyllisch wie ein Alpenpanorama oder ein Sonnenuntergang ‚schön‘ ist (siehe z.B. Heinrich Heine).“ Natur wird als Laufband begriffen, der Körper als Untersatz des Kopfes, in dem es streng kartesianisch und begrifflich zugeht. In dieser Antwort auf meine Texte scheint mir das Elend der Linken zum Ausdruck zu kommen. Sie war und ist kopflastig, sinnen- und genussfeindlich und utilitaristisch. Ihre Deklarationen, Resolutionen und Analysen sind oft formelhaft-trocken und greifen nicht in die Phantasie. Sie enthielten und enthalten, wie Ernst Bloch bemerkte, „zu viel Schema“ und zu wenig „blaue Blume“. Unter dem Einfluss von Georg Lukács wurde die Romantik von der Linken pauschal als Wegbereiter des Faschismus begriffen, ihr Protest gegen die totale Verzweckung und „Entzauberung der Welt“ wurde nicht verstanden und aufgegriffen. Die Linke ist auf demselben Holz gewachsen wie die protestantische Ethik, die Max Weber als den „Geist des Kapitalismus“ gefasst hat. Rebecca Solnits Buch „Orwells Rosen“ habe ich in der Ausgabe vom 27. August 2022 in der Wochenzeitung „der Freitag“ besprochen und möchte ich euch noch einmal zur Lektüre empfehlen. Ein großartiges Buch einer großartigen Autorin!

***

„Das neue Jahrtausend steht im Zeichen des Exils, aller Arten von Exil, sei es im eigenen Land oder in der weiten Welt, in der eigenen Wohnung oder Sprache oder außerhalb ihrer. Ein immer weiter sich ausbreitender Spasmus, ‚ein Gespenst geht um die Welt‘.“

(Norman Manea)

Das ist einer der zahlreichen Sätze von Peter Brückner, die mich geprägt und mein Leben lang beschäftigt haben: „Eines Tages schwindet unser Vertrauen in das ‚Verschiedene‘, das wir sind; das offene Gelände, unser Atlantis, versinkt.“ Die vielen Teilpersonen, aus denen wir zu Beginn des Lebens bestehen, schrumpfen auf den „Einen“ zusammen, der wir mit Eintritt ins Erwachsenenalter werden. Alles andere bleibt liegen und verkümmert im Laufe der Jahre. Die berühmte Reifung, die wir angeblich durchlaufen, ist in Wahrheit eine systematische Vernichtung von Möglichkeiten und Vielfalt. „Ich – das ist ein anderer“, schrieb Rimbaud. Der Dichter wollte dem Zwangszusammenhang des bürgerlichen Ich entrinnen, die Sinne „entregeln“ und sich sensibel machen oder erhalten. Die „Verregelung aller Sinne“ ist mit der Reduzierung ihrer schöpferischen Vielfalt auf den einen „Sinn des Habens“ (Karl Marx) verflochten, sinnliche Deformation in der warenerzeugenden Gesellschaft. Der Schwund unserer Möglichkeiten ist aufs Engste mit unserer Eingliederung in die bürgerliche Gesellschaft verflochten, die uns auf eine verwertbare Arbeitskraft reduzieren möchte. All das Nicht-Verwertbare bleibt am Wegesrand liegen und überlebt einzig in unseren Träumen und Erinnerungen.

Es ist kein Zufall, dass mir diese Gedanken heute kommen. Gestern waren wir zur Einweihungsfete bei einem jüngeren Freund eingeladen. Er und seine Freundin haben vor ein paar Monaten ein schönes Haus in der Nähe des Alten Friedhofs bezogen. Obwohl es mitten in der Stadt liegt, ist es doch dem städtischen Lärm und dem Tumult des Konsums ein wenig entrückt. Zum Haus gehört ein relativ großer Garten und ein geräumiger Innenhof. Dort hatten die beiden Bänke und Tische aufgebaut, auf denen und um die herum sich im Laufe des Nachmittags und Abends rund fünfzig/sechzig mehr oder weiger junge Leute versammelten. Alex und Isa und ihre Freunde sind in dem Alter, in dem Familien gegründet und Kinder geboren werden. Einige Paare führten ihren Nachwuchs mit sich und wurden von den Paaren, die sich mit einem Kinderwunsch beschäftigen, aufmerksam und neugierig betrachtet. Später am Abend fand im Wohnzimmer ein Konzert statt. Johannes ist mit Alex, der ebenfalls Musik macht, befreundet und tritt mit einer Band namens „Fluse“ auf. Gestern spielte er mit dem Drummer von Alex‘ ehemaliger Band. Die Anwesenden lagerten sich auf den Boden um die Musiker herum und lauschten Stücken wie „Der halbe Wald ist in den Fluss gerutscht“ und „Mehr kann ich nicht tun“. Die Szenerie und die Musik zapften Erinnerungen an, die wie durch ein Steigrohr nach oben stiegen, teilweise auch zeitverzögert, als wir wieder zu Hause waren. Erinnerungen an Zeiten, da wir die Welt aus den Angeln heben und alles grundlegend verändern wollten. Ich lag länger wach, aber die Unruhe, die ich verspürte, war nicht unangenehm. Gegen Ende eines eines längeren Textes über „68“, den ich vor Jahrzehnten für den „Freitag“ geschrieben habe: „Die Sehnsucht nach etwas, das meinem Leben einen Sinn geben könnte, hatte mich in die Arme der antiautoritären Bewegung getrieben. Nachdem auch die lockeren Sponti-Zusammenhänge sich aufgelöst hatten und die Rebellen von einst vom bürgerlichen Alltag wieder verschluckt worden waren, büßten die revolutionären Hoffnungen ihre Verankerung in der Welt ein und wurden wieder zu dem, was sie zuvor gewesen waren: Sehnsucht. Der Horizont, der sich 1967 glücklich geöffnet und geweitet hatte, verengte sich wieder. Vor uns lag die „Leidensgeschichte der Mäßigung der Ansprüche“, wie Brückner die nun anbrechende Phase genannt hat. und die bittere Erkenntnis, dass die Veränderung der Welt nicht die Zeitstruktur des „Sofort“ besaß. Wir alle würden lernen müssen, in einer Gesellschaft älter und vielleicht sogar alt zu werden, die wir im Kern ablehnten und die wir nun dennoch zur Basis unserer Lebensentwürfe und Identitätskonstruktionen nehmen mussten.“  An dieser Lagebeschreibung hat sich nichts geändert, nur ist die Kluft zwischen der uns umgebenden Realität und unseren einstigen Hoffnungen auf eine solidarische, egalitäre Gesellschaft mit Freundlichkeit als vorherrschendem Kommunikationsstil noch tiefer geworden. In diesem Spalt nisten sich Verzweiflung, Krankheit und Tod ein. „Der Tod tritt ein, wenn das Leben nichts mehr hat, das es zu verteidigen gilt“, schrieb John Berger, der dieses Jahr einhundert Jahre alt würde, wenn er nicht vor neun Jahren gestorben wäre.

***

„De facto ist es eine Untersuchung der Maschine, diesem Dämon, den der Mensch gedankenlos aus der Flasche gelassen hat und nicht wieder reinkriegt.“

(Georg Orwell: Zeilen der Zeit)

Gestern bin ich gegen Mittag in den Botanischen Garten aufgebrochen. Ich musste eine Weile umhergehen und warten, bis eine „meiner“ Bänke frei wurde und ich mich niederlassen konnte. Es war angenehm mild, und ab und zu brachen ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Ich las die letzten Seiten in Orwells Kolumnen-Sammlung „Zeilen der Zeit“. Manches in diesem großartigen Buch ist zeitgebunden und nur von historischem Interesse, andere Dinge sind geradezu prophetisch und hoch aktuell. Zum Beispiel, wenn er über die mediale Abstumpfung schreibt: „Die inzwischen vertrauten Fotos von halb verhungerten Kindern machen kaum noch Eindruck. Je mehr schreckliche Entdeckungen sich im Lauf der Zeit auftürmen, desto mehr Ignoranz sondert unser Bewusstsein ab, um uns davor zu schützen. Erschüttern lassen wir uns nur noch von immer härteren Stößen, so wie sich der Körper an Drogen gewöhnt, von denen er immer größere Dosen braucht, um zu reagieren.“ Dieser Orwellsche Befund deckt sich mit Beobachtungen von Stefan Zweig, die er in seinen letzten Lebensjahren beschrieben hat. Seine Texte zu diesem Thema sind 2023 in dem Insel-Buch „Die Kunst, ohne Sorgen zu leben“ erschienen. Ich habe das Bändchen 2023 für das Onlineportal „Telepolis“ unter der Überschrift „Der Krieg und die Normalisierung des Grauens“ besprochen. (https://www.telepolis.de/article/Der-Krieg-und-die-Normalisierung-des-Grauens-8982070.html) Im Januar 1946 antizipiert Orwell eine Entwicklung, die uns aktuell unter dem Stichwort „Künstliche Intelligenz“ beschäftigt: „Viel wahrscheinlicher ist es, dass auch die freiheitliche Kultur verschwindet, in der wir seit der Renaissance gelebt haben. … Der menschliche Erfindergeist wird sicher bald Maschinen hervorbringen, die selbständig Bücher schreiben.“ Wie konnte Orwell das ahnen? Wir Wichte stehen auf den Schultern von Riesen. Ich bewundere Orwells Mut, sich abseits der linken Orthodoxie zu positionieren, ohne seine Identität als freiheitlicher Sozialist aufzugeben. Wenn die Lektüre eines derart beeindruckenden Buches beendet ist, entsteht eine gewisse Leere, und es dauert eine Weile, bis ich eine adäquate neue Lektüre gefunden habe, die es mit der gerade beendeten aufnehmen kann. Gestern stand ich am Ende meines Besuchs im Botanischen Garten ein wenig melancholisch an einem kleinen Teich und sah zwei Fröschen zu, die ihre Schallblasen anschwellen ließen und einen unglaublichen Lärm veranstalteten. Um sie herum blühten Seerosen, die auf dem Wasser schwebten und leuchteten. Orwell mochte übrigens auch Frösche und Kröten und liebte das Geräusch eines in einen Teich springenden Frosches. Ich fühle mich diesem Mann sehr nah. Er starb in den frühen Morgenstunden des 21. Januar 1950 im Alter von nur 46 Jahren.

Zu Hause empfing mich das schrille „srieh-srieh“ der um den Häuserblock rasenden Mauersegler. Da das Wetter heute ein wenig verhangen ist, fliegen sie tief. Sie rasen so dicht an Us Fenstern vorbei, dass man sie mit ausgestreckten Armen berühren könnte. Aber so blöd sind sie nicht. U vermutet, dass sie ihren Nachwuchs über dem Fenster ihres Schlafzimmers großziehen, das in einen mit Schiefer gedeckten Giebel mündet. Sie ist ein bisschen stolz darauf, dass die Mauersegler das Dach über ihr zu ihrem Quartier gemacht haben. Wenn der Nachwuchs flügge ist, verlassen sie uns schon wieder. Damit vergeht das Geräusch des Sommers. Noch ehe er richtig begonnen hat.

***

„Die kapitalistische Produktionsweise trägt die Verantwortung für unzählige Verbrechen, für das tägliche Massaker an Zehntausenden Kindern durch Unterernährung, Hunger und Hungerkrankheiten, für Epidemien, die schon lange von der Medizin besiegt wurden, für die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt, die Vergiftung der Böden, des Grundwassers und der Meere, die Vernichtung der Wälder …“

(Jean Ziegler: Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin, München 2019)

Am 10. Juni 2026 ist der Schweizer Soziologe Jean Ziegler gestorben. Er ist 92 Jahre alt geworden. Bei mir wird sein Konzept der subversiven Integration und sein Begriff der „kannibalischen Weltordnung“ in Erinnerung bleiben. Letzterer ist nur ein anderes Wort für Kapitalismus, der sich laut Marx seinen eigenen natürlichen Bestandsvoraussetzungen gegenüber „kannibalisch“ verhält und sie aufzehrt. Der Kannibalismus des Kapitals hat aber auch eine Innenseite, die von der Linken lange Zeit zu wenig beachtet worden ist. Das Wertgesetz frisst sich durch alle Traditionsbestände hindurch und zehrt sie auf. Wenn alles Hemmende beiseite geräumt ist und alle gesellschaftlichen Bereiche der Logik des Kapitals und der „gefühllosen, baren Zahlung“ (Marx) unterstellt sind, gibt es auch nichts Tragendes und Stützendes mehr. Der Zustand unserer heutigen Welt zeugt von der Richtigkeit dieser Annahme. Eine vollständig durchkapitalisierte Gesellschaft ist nicht nur nicht lebenswert, sondern wird sich auch als nicht lebensfähig erweisen. Das Prinzip der „subversiven Integration“ habe er von Che Guevara übernommen, der ihm einmal gesagt hat: „Bleibe hier und kämpfe dort, wo du lebst. Hier ist das Gehirn der Maschine, also kämpfe hier.“ In einem Interview erläuterte Ziegler: „Aber der Titel des Revolutionärs steht mir nicht zu, ich bin ein in Genf lebender Kleinbürger. Aber von Che habe ich das Prinzip der ‚subversiven Integration‘ gelernt. Das heißt, als Kommunist in einer kapitalistischen Gesellschaft zu leben und dort die Waffen der Veränderung zu nutzen, die einem gegeben sind. Vor etlichen Jahren hatten mich Genossen aus Kuba gebeten, Che während einer zehntägigen UNO-Konferenz in Genf als Fahrer zur Seite zu stehen. Am letzten Abend, bevor er abfuhr, waren wir im Hotel in Grand Saconnex, und ich sagte zu ihm, er solle mich mitnehmen nach Kuba, ich wolle mit ihm kämpfen und Teil der Revolution werden. Er reagierte damals sehr kühl, bat mich zu sich ans Fenster, wies auf die Leuchtreklamen der Banken, die man von dort aus sehen kann und sagte: ‚Schau auf die Stadt, hier lebst du, hier musst du kämpfen.‘ Er hatte natürlich Recht.“ In der Sendung „Vis-à-vis“, die von 3sat am 12. Juni 2026 noch einmal ausgestrahlt wurde, befragt der Publizist Frank A. Meyer Jean Ziegler. Die Mediathek bietet diese Sendung sicher noch eine Weile an. Sie ist ausgesprochen sehens- und hörenswert.

***

“Nur im Fußballstadion und im Theater kann ich mich noch völlig unschuldig fühlen.“

(Albert Camus: Der Fall)

Die vollständige Kommerzialisierung des Fußballs hat mir die Freude ans diesem wunderbaren Sport endgültig ausgetrieben. Ich denke, es wird mir nicht schwer fallen, diese WM zu ignorieren – so weit es eben geht, denn man begegnet ihr ja überall. Camus, der den Fußball liebte und ihn für eine „Schule des Lebens“ hielt, würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er dessen gegenwärtigen Zustand und seinen Repräsentanten Infantino erleben müsste. Ekelhaft zu sehen, wie dieser Trump in den Arsch kriecht und all das rechtfertigt, was rund um die WM abläuft. Zum Beispiel haben die USA dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan wegen angeblicher Verbindungen zu einer Terrororganisation die Einreise verweigert. Man weiß, wie Trump über Somalia denkt und wie gering sein Differenzierungsvermögen ist. In einer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hatte er die Somalier pauschal als „Banditen“ beschimpft und sich auch sonst sehr abfällig über das Land geäußert: „Ihr Land stinkt.“ Wie kann es überhaupt sein, dass der Veranstalter der WM gleichzeitig Krieg gegen ein Teilnehmerland führt und dessen Spieler mit massiven Auflagen und Beschränkungen belegt? Schon die aberwitzigen Ticketpreise von 1.000 Dollar aufwärts sind ein Unding und Grund genug, diese Veranstaltung zu boykottieren. Wem der Fußball lieb und teuer ist, kann sich nur voll Abscheu abwenden. Die Zeiten, da Camus den oben zitierten Satz sagte, sind lange vorbei. Heute kann sich niemand nach einem Stadionbesuch unschuldig fühlen. Im Gegenteil: Jeder, der an einem solchen Spektakel teilnimmt, macht sich zum Komplizen massiven Unrechts, zum Komplizen von Gangstern und Mafiosis. Die ganze Veranstaltung ist einfach nur obszön.

***

Chronik der Gewalt. Das nordirische Belfast wird seit Tagen und vor allem Nächten von rechtsradikaler, rassistischer Gewalt heimgesucht. Fahrzeuge und Häuser wurden in Brand gesteckt, Einsatzkräfte massiv attackiert. Auslöser der Unruhen war die Messerattacke eines sudanesischen Migranten, der einen Mann schwer an Rücken, Gesicht und Augen verletzte. Sein Opfer befindet sich inzwischen außer Lebensgefahr. Der Täter wurde in Haft genommen. Ihn erwartet eine Anklage wegen versuchten Mordes.

***

Chronik der Gewalt: Die Zahl der Straftaten gegen obdachlose Menschen ist im vergangenen Jahr um fast 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Das teilte das Bundesinnenministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei lapidar mit. Die Gewalt gegen die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft beschäftigt mich seit über 30 Jahren. Für den 1993 bei Rowohlt erschienenen Band „Jugend und Gewalt“ habe ich einen Text geschrieben, der heißt: „Warum sich die Gewalt gegen die Schwächsten richtet“. Ich habe gerade nochmal in den Text geschaut und halte ihn für aktuell und würde ihn heute noch ähnlich schreiben. Die meisten Täter befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft derer, auf die einschlagen und -treten: „Je größer die Angst vieler Menschen ist, selbst bei nächster Gelegenheit aus der Gesellschaft herauszufallen, desto gereizter reagieren sie auf jene, die es bereits sind.“ Sie erkennen sich in ihnen und das tut weh.

***

„Man wünscht ihm den Ruhestand. Oder zumindest eine Bühne, auf der er unterhaltsam sei kann, ohne Schaden anzurichten.“

(Claudius Seidl: Das größte Talent von allen, Süddeutsche Zeitung)

Man kann Menschen auch an der Art und Weise erkennen, wie sie ihre runden Geburtstage begehen. Donald Trump feiert seinen 80. Geburtstag mit Käfigkämpfen, bei denen nahezu alles an Brutalität erlaubt ist und sie erst enden, wenn das Blut in Strömen fließt. Sie erinnern an die blutigen Gladiatorenkämpfe im antiken Rom. Kampfjet-Formationen überflogen das Weiße Haus und komplettierten die martialische Inszenierung. Die Käfigkämpfe wurden live im Fernsehen übertragen, die Einnahmen aus den Werbespots bessern Trumps karges Budget auf. In der Art und Weise, wie er seinen Geburtstag gestaltete, gab er sich noch einmal zu erkennen. Der regellose, brutale Käfigkampf ist der Sport des neoliberalen Zeitalters und Donald Trump ist dessen Prophet. Die ganze Geburtstagsveranstaltung kostet den amerikanischen Steuerzahler 60 Millionen Dollar. Die großen zeitgenössischen Nationen werden von Gangsterbanden geführt. Horkheimer bezeichnete das „Racket“, die kriminelle Bande, als die der „verwalteten Welt“ entsprechende Herrschaftsform.  Politisch sei der späte Kapitalismus totalitär, wirtschaftlich monopolkapitalistisch.

Claudius Seidl hat Donald Trump in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 12. Juni 2026 mit einem sehr gelungenen Text zum 80. Geburtstag gratuliert, in dem er zeigt, dass das Unglück darin besteht, dass Donald Trump von Geburt an reich war und sich darauf konzentrieren konnte, nun auch noch berühmt zu werden. Seidl hat seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass es Trump gelingen möge, seine narzisstischen Bedürfnisse zukünftig auf eine sozial verträgliche, das heißt andere nicht schädigende Art zu befriedigen. Wie viele Wünsche, ist auch dieser ziemlich unrealistisch. Aber man kann ihn natürlich dennoch äußern.

***

„Der Mensch wird – in dieser Gesellschaft – überflüssig, vorher schwinden seine Fähigkeiten.“

(Max Horkheimer)

Immer dann, wenn eine neue Produktionsweise heraufzieht, treten starke Spannungen und Konflikte auf. Die Digitalisierung fegt seit einiger Zeit übers Land wie ein Wirbelsturm, der Dächer abdeckt und Gewohnheiten hinwegfegt. Viele Menschen fallen aus ihrer gewohnten Ordnung, sind orientierungslos und verunsichert. Auf diesem Boden gedeiht der rechte Populismus, der eine Rückkehr zum Gewohnten verspricht. Beim Übergang von der agrarisch-handwerklichen Welt ins industrielle Zeitalter gab es eine radikale Strömung, die unter dem Namen „Luddismus“ oder „Maschinensturm“ in die Geschichtsbücher Eingang gefunden hat. Ned Ludd ist eine sagenumwobene Gestalt und soll gegen Ende des 18. Jahrhunderts in einem berserkerhaften Wutanfall zwei mechanische Webstühle zerstört haben, die die verbreitete Handweberei ruinierte und diejenigen, die von ihr lebten, arbeitslos machten. Er wurde zum Namensgeber einen breiten Bewegung, die sich in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts dem Siegeszug der Maschinen entgegenstellte. Diese wurde vom Marxismus und der organisierten Arbeiterbewegung als atavistisch abgestempelt. Man betrachtete sie bestenfalls als Vorform und Kinderkrankheit der Arbeiterbewegung. Beim Übergang von der industriellen zur informationellen Produktionsweise und den damit verbundenen Globalisierungsvorgängen treten neuerdings vergleichbare Bewegungen oder zumindest erste Ansätze davon auf. So wurde im April diesen Jahres ein Molotowcocktail auf das Haus von Open-AI-Chef Sam Altman geworfen. Der Angreifer, ein 20-jähriger Student, formulierte in einem Begleitschreiben: „Ein paar Worte zu der Angelegenheit unseres bevorstehenden Aussterbens.“ Unterdessen unterstützt auch der Papst in einer Enzyklika den Widerstand gegen KI: „Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden“, fordert Leo, sie müsse befreit werden „von den Logiken, die sie zu einem Instrument, der Dominanz, der Ausgrenzung und des Todes machen“. Im Ukraine-Krieg, der ja immer mehr zum Testgelände für neue Militärtechniken wird, töten bereits Maschinen ohne direkte Mitwirkung von Menschen. Die Menschen, genauer: ein bestimmter Typ von Mensch, hat etwas aus der Flasche gelassen und kriegt es nun so ohne weiteres nicht mehr rein. Was die Menschen davon abhält, massenhaft in den Widerstand gegen die neuen Techniken zu gehen, könnte man mit Günther Anders als ihre „prometheische Scham“ bezeichnen, eine Art Minderwertigkeitsgefühl gegenüber der Perfektion der Maschine. Einstweilen schlagen die Rechten Profit aus den verbreiteten Ängsten vieler Menschen vor Jobverlust und Überflüssigwerden. Die Linke ist derart eng mit dem vermeintlichen Fortschritt im Bunde, dass sie den Widerstand gegen einen immer unverblümter in Destruktivität und Menschenfeindlichkeit umschlagenden sogenannten Fortschritt nicht aufgreifen und organisieren kann. Sie hat die „prometheische Scham“ derart verinnerlicht, dass sie oft gar nicht versteht, um was es hier geht. Der wackere Sozialdemokrat und Kommunist nahm an, die Dampfmaschine und die Elektrizität würden es schon richten. In dieser simplifizierten und kruden Form ist der historische Materialismus während der Zweiten und Dritten Internationale unters Volk und in die Arbeiterbewegung gekommen. Der Anarchist Gustav Landauer spottete in seinem „Aufruf zum Sozialismus“: „Der Vater des Marxismus ist der Dampf. Alte Weiber prophezeien aus dem Kaffeesatz. Karl Marx prophezeit aus dem Dampf.“ Es wird höchste Zeit, dass wir, die Linken, ein Sensorium für die Wahrnehmung solcher Strömungen und Stimmungslagen entwickeln. Wenn sämtliche Felder und Wiesen um uns herum mit Rechenzentren zugebaut sind und eine Riesencloud über uns schwebt, wird es zu spät sein und wir werden von unseren eigenen Hervorbringungen verschlungen. Wir müssen dringend eine breite gesellschaftliche Debatte darüber führen, ob wir die Digitalisierung weltumspannenden privaten Konzernen überlassen wollen, die sie im Dienst der Profitmaximierung vorantreiben. Wollen wir, dass Künstliche Intelligenz, Algorithmen und Roboter uns überflüssig machen, Online-Plattformen die Demokratie aushöhlen und unser Verhalten manipulieren? Oder gelingt es uns, die Kontrolle über die verselbständigte Ökonomie zurückgewinnen und sie demokratisch zu gestalten? Von der Beantwortung dieser Fragen wird es abhängen, ob wir zu Anhängseln einer kybernetischen Technokratie werden, die uns am Ende nur noch hinter sich herzieht. Ich habe vor fast zehn Jahren in der Einleitung zum dritten Band meiner „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“ ein Plädoyer für einen neuen Maschinensturm gehalten, das natürlich wie ein Mehlklößchen ins Gebüsch gekullert ist und niemand interessiert hat. Wer sich für die Geschichte des Luddismus interessiert, kann in Edward P. Thompsons zweibändigem Werk „Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse“ fündig werden, das 1987 in der Edition Suhrkamp erschienen ist.

***

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 14. Juni 2026 stieß ich auf einen Artikel von Reiner Burger, der „Amokläufe verhindern“ überschrieben ist. Wer möchte das nicht? Als man mich früher, als ich noch als Experte für Amok galt, gelegentlich fragte, ob man Amokläufer erkennen und ihre Taten verhindern könne, antwortete ich meist: Ich glaube nicht. Diese Ehrlichkeit hat die Nachfrage nach meinen Büchern und Texten zum Thema Amok stark eingeschränkt. Populär und erfolgreich wurden Autoren, die die Ansicht vertraten, mit einem ausgefuchsten Bedohungsmanagement könne man der Sache Herr werden und die Anzahl der Amokläufe mindestens stark reduzieren. Meine im Kern unverändert gebliebene Position lässt sich in etwa so skizzieren: In den letzten Jahrzehnten haben sich amokartige Verbrechen vermehrt und – ausgehend von den USA – in der westlichen Welt allmählich verbreitet. In vielen Fällen wirken die Taten merkwürdig unmotiviert, die psychosozialen Beweggründe liegen häufig im Dunkeln und lassen sich auch im Nachhinein selten aufklären. In den meisten Fällen sind die Täter vorher unauffällig und niemand hätte ihnen die Tat zugetraut. Die Suche nach klassischen Motiven und nach Anzeichen einer manifesten Psychopathologie bleibt in der Mehrzahl der Fälle erfolglos. Forensische Gutachter sollen die Motive nachliefern, an denen es den Tätern offensichtlich mangelt. Das stellt die Polizei vor große Schwierigkeiten. Seit Langem gibt es bei den Ermittlungsbehörden Bemühungen, präventive Strategien im Umgang mit Amoklagen zu entwickeln. Sie firmieren meist unter dem Begriff „Bedrohungsmanagement“ und haben bislang die gewünschten Erfolge nicht erbracht. Das liegt vor allem daran, dass der Amokläufer der personifizierte Jedermann ist, an dem einzig seine Unauffälligkeit auffällig ist. Erst nachdem die Katastrophe eingetreten ist, scheint alles einer Logik zu folgen, die auf aggressive Eruption die ganze Zeit über zusteuerte. Es sind aber millionenfache Prozesse und Reibungen solcher Energien im Gange, die sich nicht in einem derartigen Springpunkt, in einer solchen tödlichen Katastrophe zusammenfassen, sondern über das Leben von 90 Jahren in kleiner Münze verteilt sein können. Amok ist ein rätselhaftes Phänomen, das unseren Wunsch nach Plan- und Beherrschbarkeit sozialer Prozesse ins Leere laufen lässt. Da kann die Polizei noch so viele „ReRiskoP“-Sachbearbeiter einstellen, die auf „Personen mit Risikopotenzial“ angesetzt werden. Der Amokläufer verkörpert die dunkle Seite unseres Alltags, seinen verborgenen Schrecken.

***

Heute Morgen hörte ich im Radio eine alte Frau aus Südkorea davon sprechen, dass ihre Beziehung zu ihrem Plüschroboter enger sei als die zu ihrer Tochter, die kaum Zeit für sie habe. Südkorea setzt im Kampf gegen gegen die zunehmende Einsamkeit und Überalterung der Gesellschaft auf KI-gesteuerte Plüschroboter. „Diese intelligenten Puppen dienen als interaktive Begleiter für Senioren, indem sie mit ihnen sprechen, sie an die Medikamenteneinnahme erinnern, Lieder singen und emotionale Unterstützung bieten“, heißt es in einem Begleittext. Schöne, neue Welt!

***

Der aktuelle Bildungsbericht der Bundesregierung liefert keine neuen Erkenntnisse: Die Zukunft der meisten Kinder wird durch ihre Herkunft bestimmt. Wenn ein Kind eingeschult wird, ist über seine Bildungschancen bereits entschieden. Es ist in all den Jahren nicht gelungen, diesen schmählichen Determinismus außer Kraft zu setzen und das Märchen vom Aufstieg durch Bildung wahr zu machen. Ausnahmen, die es natürlich gibt, bestätigen die Regel.

***

„Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod. Eine Geschichte, die nie zu Ende ist und mit dem Sterben erst beginnt.“

(Lukas Bärfuss: Königin der Nacht)

Lukas Bärfuss und ich haben eins gemeinsam: Wir sind ohne Mütter oder ohne Mutterliebe aufgewachsen. Meine Mutter ist früh gestorben, Bärfuss hatte zwar eine Mutter, die sich aber nicht für ihren Sohn interessierte und ihn ignorierte. In unserer Kultur wird Mutterliebe als essenziell betrachtet. Wer sie entbehrt, gilt als Mängelwesen und bedauernswert. Wobei Bärfuss gar nicht begriff, was ihm fehlte. Es ging und geht ihm wie dem Mann, der auszog, das Fürchten zu lernen, aber das Fürchten nicht lernen kann, weil er kein Sensorium für die Wahrnehmung von Furcht hat. „Ich begriff nicht, was mir fehlte, und war doppelt geschädigt. Erstens durch die fehlende Mutterliebe, zweitens durch den ausbleibenden Kummer darüber.“ Bärfuss hat den Mangel zur Quelle seiner schriftstellerischen Produktivität gemacht, von der Menschen wie ich etwas haben. Der Tod der Mutter war der Anlass, diesen neuesten Roman zu schreiben, der aus drei Teilen besteht. Im ersten Teil geht es um die ausschweifende und vagabundierende Lebensweise der Frau, die seine Mutter war und die er deswegen „Königin der Nacht“ nennt. Im zweiten Teil geht es um die Auswirkungen dieser mütterlichen Existenzweise auf seine eigene Kindheit. Der Überlebenskampf dieses Kindes ist erstaunlich robust und phantasievoll und wird zum Ursprung seiner Existenz als Schriftsteller. Bärfuss wäre nicht Bärfuss, wenn er es beim Privaten beließe. Im dritten und letzten Teil reflektiert er die gesellschaftlichen Bedingungen der Möglichkeit einer Lebensweise wie der seiner Mutter. Es geht um die Existenz der „Fahrenden“, deren Status in der bürgerlichen Gesellschaft seit Jahrhunderten prekär ist und der seine Familie entstammt. Vaganten gehören zur unterirdischen Geschichte der Moderne, zu dem großen Bereich einer von der offiziellen Geschichtsschreibung unterschlagenen Wirklichkeit. Die offizielle Geschichtsschreibung verdankt ihre Kohärenz der Ausgrenzung: Die Zaungäste des Fortschritts finden in ihr keinen Platz, werden herausgeschwiegen, wie sie realiter aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Bärfuss möchte seine Mutter dem Vergessen entreißen, obwohl er jede Menge Gründe hätte, sie zu vergessen. „Königin der Nacht“ hat mich, obwohl es ein kurzer Roman ist, eine Woche lang gefesselt. Es ist ein absolut lesenswertes Buch. Nicht nur für Kinder der Kälte.

Wer über neue Texte informiert werden möchte, kann hier den Newsletter abonnieren.

Erforderlich ist lediglich die E-Mail-Adresse. Die Angabe von Vor- und Zuname ist freiwillig.