„Das Ergebnis ist ein verstümmeltes, verkrüppeltes und frustriertes Menschenwesen, das wie besessen seine eigene Knechtschaft verteidigt.“
(Herbert Marcuse)
Gestern ließ Trump seine Kollegen vom G7-Treffen in Évian eine geschlagene Stunde warten. Als er dann endlich eintraf, entschuldigte er sich nicht etwa, sondern erklärte lapidar: „I‘m the boss!“ Weil es sich niemand mit ihm verderben will, ließen sich die anderen das bieten. Alle konkurrieren um die Pole Position beim Präsidenten-Arschkriechen.
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Heute Morgen überraschte mich U vor Tau und Tag mit dem Vorschlag, zur Lahn zu radeln und eine Runde schwimmen zu gehen. Gesagt, getan. Am Rübsamensteg, einer Art Hängebrücke über die Lahn, ließen wir die Räder stehen und gingen den Uferweg zu Fuß weiter. Unterwegs pflückten wir schwarze Wildkirschen, die in einem winzigen Fruchtkörper den Geschmack einer ausgewachsenen Kirsche konzentrieren. Um diese frühe Tageszeit hatten wir den Steg für uns. Eine Weile saßen wir still da und schauten auf den langsam dahinfließenden Fluss. Über uns „schwätzte“ ein Rotkehlchen und legte sich mächtig ins Zeug. Ein paar Bäume weiter hockte ein Zilpzalp, der kein Gesangskünstler ist und nur seinen Namen ständig wiederholen kann. U reinigte mit einem mitgebrachten Stahlschwamm die Leiter, die ins Wasser führt. Auf den vom Moos glitschigen Sprossen bin ich letztes Jahr ein/zwei Mal abgerutscht und habe mir übel das Schienbein aufgeschrammt. Die Wunde ist bis heute noch nicht richtig abgeheilt und ich bin ein gebranntes Kind. Dann stiegen wir in den Fluss, U länger, ich kürzer. Das Wasser war kälter als erwartet, aber es war wunderbar. Eine einsame Ente schwamm vorüber und stieg am gegenüberliegenden Ufer aus dem Wasser. Vergeblich hielten wir nach einem Eisvogel Ausschau, nicht einmal sein Pfiff war vernehmbar. Wir ließen uns von der Sonne trocknen und traten dann den Rückweg an. Als wir in der Nähe von Peters Grundstück vorübergingen, wehte leise Musik herüber. Tatsächlich saß er im Garten am Tisch und hörte mittels eines vorsintflutlichen Radios Musik. Das habe er vor ein paar Tagen beim Aufräumen gefunden und mit hierher genommen. Wir bekamen ein Glas Wasser serviert und erzählten uns, was uns über die Wintermonate, in denen wir uns nicht gesehen haben, zugestoßen ist. Es überwog die Wiedersehensfreude, alles andere war nebensächlich. Dann drängte U zum Aufbruch, weil sie an ihre Steuererklärung zurück wollte. Sie quält sich seit Tagen damit ab und kommt nicht richtig voran. Ich bin ihr bei solchen Dingen keine Hilfe, weil ich noch weniger Ahnung von solchen Dingen habe als sie. Wir waren uns einig, dass wir bis dahin einen schönen Vormittag erlebt hatten.
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Trump lässt sich beim G7-Treffen für die Beendigung eines Krieges feiern, den er selbst vom Zaun gebrochen hat. Mit seiner Vorliebe für pompöse Inszenierungen unterzeichnete er vor laufenden Kameras auf Schloss Versailles eine Absichtserklärung zur Beendigung des Krieges mit dem Iran, zu für den Iran und seine herrschende Klasse extrem günstigen Bedingungen. Die eigentliche Arbeit an der Realisierung der Absichtserklärung muss aber noch erfolgen. Gleich am nächsten Tag wurden die dafür angesetzten Gespräche abgesagt. Es steht zu fürchten, dass es sich wieder mal um Trump‘sche heiße Luft handelt. Einen Werbegag, um neue „Deals“ anzubahnen. Ein Land in Schutt und Asche legen und dann wieder aufbauen, wird zum neuen Geschäftsmodell des Trump-Clans.
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Am Samstagmorgen sehe ich vom Balkon aus eine junge Mutter mit einem kleinen Kind auf einem Tretroller. Die Frau ist auf der Suche nach einem Drehort für ihr heutiges TikTok-Video und findet ihn auf dem Parkplatz des Rechtsanwalts gegenüber. Sie stellt ihr Handy auf einen Mauervorsprung und beginnt zu posieren. Sie trägt ein trägerloses Oberteil und eine pludrige Jogginghose. Sie wirft die langen schwarzen Haare zurück, verschränkt die Beine, stemmt die Arme in die Hüften und dreht sich. Während des Shootings rollert das kleine Kind munter umher und nähert sich mehrfach bedrohlich nah der Straße. Der Narzissmus der Mutter ist stärker als die Sorge ums Wohlergehen des Kindes.
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Dass den Deutschen die Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegern auferlegt und nicht im Handgemenge mit der herrschenden Klasse erstritten wurde, merkt man dieser Demokratie bis heute an. Die Deutschen konnten sich damals relativ bald mit ihr anfreunden, weil sie mit einem raschen wirtschaftlichen Aufschwung einherging. Bleiben diese materiellen Gratifikationen aus, nimmt die Zustimmung rapide ab und es mehren sich die Rufe nach einem „starken Mann“, der, wie wir neuerdings sehen, auch eine Frau sein kann. Die Demokratie ist im Gefühlsleben der Deutschen bis heute nicht sonderlich stabil verankert. Die Benzinpreise sind ihnen wichtiger als die Grundrechte.
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Seit ich auf dem Balkon frühstücke, höre ich vermehrt das Kindergeschrei aus der Nachbarschaft. Obwohl de Kinder, von denen es ausgeht, drei oder vier Häuser die Straße hinauf wohnen, dringt es vor allem heute, da Sonntag und der Verkehrslärm schwächer ist, laut und deutlich zu mir herüber. Und ich gestehe: Es stört mich. Die Eltern werden ihre Kinder zum Spielen auf die Straße geschickt und sich im Bett noch einmal herumgedreht haben. Ich frage mich, wann die Eltern die Kategorie der Rücksichtnahme in das Leben ihrer Kinder einführen wollen und ob sie das überhaupt vorhaben. Unsere Eltern hätten und haben gesagt: Ihr könnt zum Spielen in den Garten gehen, aber denkt daran: „Heute ist Sonntag und die Nachbarn wollen länger schlafen. Also seid nicht so laut!“ Die Moral beginnt, wo die anderen ins Spiel kommen, heißt es sinngemäß bei Sartre. Heutige Kinder werden nicht in die Rücksichtnahme auf die anderen eingeübt, sondern in die Rücksichtslosigkeit und die rigorose Verfolgung eigener Interessen. Wenn aber Kinder die Kategorie der Rücksichtnahme nicht als Kinder lernen, lernen sie es auch später nicht mehr. Das Resultat können wir überall besichtigen. Wechselseitige Rücksichtnahme ist die Basis gesellschaftlichen Zusammenlebens, und wenn die nicht bei Zeiten eingeübt wird, ist irgendwann ein halbwegs erträgliches Zusammenleben nicht mehr möglich. Da helfen dann auch keine Sanktionen und Belehrungen mehr. Manches muss einem als Kind in „Fleisch und Blut“ übergehen, wie man so sagt, oder es wird einem ein Leben lang äußerlich und fremd bleiben. Das moralische Ozonloch, das sich über den Metropolen der Zivilisation ausbreitet, wird man durch Ethikkommissionen, Charakterkunde, Wertevermittlung und Familiengeld nicht stopfen und an der weiteren Ausbreitung hindern können. Das, was man „Werte“ nennt, liefert nur das Libretto zu einer Melodie, die dem Kind in allerfrühester Zeit gesungen worden sein muss. Sie produzieren, wie schon Nietzsche wusste, „ein nachträgliches Warum, eine Art Begründung“ für etwas, das längst in den Affekten und Gefühlen verankert und gleichsam verkörperlicht sein muss. Das ist ein Angriff auf die Gesellschaftlichkeit unserer Existenz von einer Seite, der viel zu wenig Beachtung geschenkt wird.
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Als ich heute Morgen den Balkon betrat, hockten zwei gurrende Tauben auf dem Geländer. Eine links, die andere rechts von dem Raben aus Plastik, den ich zu ihrer Abschreckung dort platziert habe. Auch der über ihnen schwebende Rabe aus Pappe, den mir ein Gefangener mal gebastelt hat, amüsiert sie höchstens. Sie nehmen mich nicht richtig ernst und drehen mir eine Nase oder einen Schnabel.
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„Sein häufiger, mit einem Stoß seines Spazierstocks unterstrichener Ausruf: Warum können die Limbacher mich nicht verknusen? Was auf Gegenseitigkeit beruht! Wir gehören nicht hierher! Ich auch nicht? Du auch nicht. Sondern? Wo gehören wir denn hin? In eine andere Welt, die aber erst noch hergestellt werden muss, sagte der Großvater. Und in welcher Himmelsrichtung liegt die, fragte sein Freund Cosimo. Und der Großvater, zum weiten Horizont: Da, irgendwo da!“
(Gert Hofmann: Der Kinoerzähler)
Wenn sich die Mauern dieses alten Hauses mal aufgeheizt haben, dann wird es schnell unerträglich heiß. Auch nachts sinkt die Temperatur kaum ab. Morgens öffne ich die Balkontür weit, damit die kühle Morgenluft in die Wohnung strömen kann. Man muss sie allerdings bei Zeiten wieder schließen, damit das bisschen Kühle sich möglichst lang hält. Ich muss ein wenig vorsichtig sein. Vor zwei Jahren hatte ich während einer solchen Hitzeperiode einen Herzinfarkt, einen weiteren möchte ich nicht riskieren. Jeder weitere könnte der letzte sein. Also werde ich mich gegen Mittag unter die alten Bäume des Botanischen Gartens zurückziehen und dort lesen. Hab ein wunderbares Buch am Wickel: „Der Kinoerzähler“ von Gert Hofmann. Sein Großvater war ein solcher Kinoerzähler, der den Besuchern zu noch stummen Filmen etwas auf dem Klavier vorspielte und den Inhalt mit improvisierten Texten erzählte. „Eigenartig, wie kalt es immer ist, wenn Salzmann (das ist der Besitzer des Kinos, G.E.) das Licht anmacht und sie sich aus einem Film herausreißen, sagte der Großvater. Weißt du, was das ist, diese Kälte? Nein. Das ist die Wirklichkeit, sagte der Großvater, vor der wir alle Grund haben zu erschrecken! Und zu frösteln, sagte er.“
1993 starb Gert Hofmann an den Folgen eines Hirnschlags. Erst nach seinem Tod erschien das Buch „Die kleine Stechardin“, das mich auf den Autor Gert Hofmann aufmerksam werden ließ. Es ist die fiktive Geschichte über die Liebe zwischen dem ein wenig schrulligen Gelehrten Georg Christoph Lichtenberg und der 23 Jahre jüngeren Analphabetin Maria Dorothea Stechard, die als Hausmädchen zu ihm kommt. Lichtenberg verdanken wir die Geburt des Aphorismus als Literaturgattung, jedenfalls im deutschen Sprachraum. Mein Lieblingsaphorismus von Lichtenberg lautet: „Fanatiker sind zu allem fähig, aber sonst zu nichts“
Die Aktualität des „Kinoerzählers“ liegt darin, dass der Roman davon erzählt, wie ein Mensch und dessen Fähigkeiten überflüssig werden. Da es keine Gewerkschaft der Kinoerzähler gibt, wehrt sich der alte Mann auf seine eigene Weise. Er kann und will es nicht wahrhaben und hinnehmen, dass eine technische Neuerung seinem Leben die Grundlage entzieht. Er hat in einer bestimmten Phase der gesellschaftlichen Entwicklung ganz spezielle Fähigkeiten und berufliche Qualifikationen entwickelt, die Entwicklung macht sie gegenstandslos, überflüssig. Alles soll auf einmal nichts mehr wert sein. Bald wird er wie ein Fisch auf dem Trockenen liegen. Noch zappelt er, wehrt sich mit Händen und Füßen. Aber insgeheim weiß er, dass ihm das alles nichts nützen wird. „Der Tonfilm wird mein Ende sein“, sagt er immer wieder und schimpfte auf „Neuheiten und anderen Firlefanz“. Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz versetzt gegenwärtig Millionen von Menschen, ja tendenziell die gesamte Menschheit, in die Lage dieses Kinoerzählers. Das verschafft dem Roman eine zum Zeitpunkt seiner Entstehung ungeahnte Aktualität.
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Im Roman von Hofmann ist auch immer mal die Rede von der „Freibank“, wo ärmere Leute sich relativ günstig mit Fleisch aus Notschlachtungen versorgen konnten. Obwohl wir eigentlich nicht zu dieser Kategorie zählten, schickte mich meine Stiefmutter immer mal wieder zur Kasseler Freibank. Vor allem „Kochwurst“ und „Kassler“ bezogen wir von dort. Letzteres wurde zu Sauerkraut gereicht. Ich schämte mich stets ein wenig, wenn ich den Laden aufsuchte, weil ich ahnte, dass er nicht für Leute wie uns gedacht war. Ab und zu suchte meine Stiefmutter auch einen Pferdemetzger auf. Von dort bezog sie Rouladen und manchmal einen Braten. „Pferde sind sehr saubere Tiere“, erklärte sie, um unsere Vorbehalte zu zerstreuen. Es gab und gibt ein kulturelles Tabu, das auf dem Verzehr von Pferdefleisch liegt. Auch unsere Putzfrau durfte nichts über die Herkunft der Rouladen erfahren, sonst hätte sie nichts angerührt. Heute gibt es Billigfleisch in jedem Supermarkt, so dass die Freibanken nicht mehr existieren. Sie waren mit dem Odium von Not und Elend behaftet und man schämte sich ihrer.
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Am Wochenende sahen U und ich im Botanischen Garten ein Geldverdiener-Paar. Ihre beiden Kinder, vielleicht fünf und sieben Jahre alt, liefen hinter ihm her und hielten beide ein Smartphone in den Händen, auf das sie starrten. Schöne neue digitale Welt.
In der Fußgängerzone sah ich gestern eine Lehrerin mit ihren Schülern, die sie umringten. Die Lehrerin war von Kopf bis Fuß tätowiert. Ich gebe zu, dass ich das befremdlich fand. Irgendwann werden die Nicht-Tätowierten in der Minderheit sein und Kinder werden fragen: „Frau Schneider, warum hast du kein Tattoo?“ Im Gefängnis ordnete zu meiner Zeit ein Erlass an, dass Mitarbeiter ihre Tattoos unter der Kleidung zu verbergen hatten. Tattoos galten noch als Privileg und Stigma der Insassen.
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„Komm, gehen wir in die Stadt, Idioten gucken, rief der Großvater. … Er schaute auf seine Taschenuhr. Was meinst du, fragte er, ist dir was aufgefallen? Nein. Mir auch nicht.“
(Gert Hofmann: Der Kinoerzähler)
Gestern bin ich gleich morgens an die Lahn gefahren, um den Tag mit einem Bad im Fluss zu beginnen. Kaum war ich am Steg angelangt, trat ein Osteuropäer auf mich zu und fragte, ob ich eine Massage wolle. Er beherrsche diese Kunst und komme gern zu mir nach Hause. Ich lehnte freundlich, aber bestimmt, ab. Dann stieg ich in den Fluss und schwamm einmal quer hindurch. Ich freute mich über die blühenden Seerosen am anderen Ufer. Ich ließ mich vom Morgenwind trocknen und fuhr dann in die Stadt zurück. Ich machte einen kurzen Abstecher in den Botanischen Garten. Auf der ersten Bank hockte eine junge Frau und lackierte sich die Fußnägel grün. Es wimmelte von ausgewilderten Schülern. Kaum saß ich auf „meiner“ Bank und hatte mein Buch aufgeschlagen, da trat ein vielleicht zwölfjähriger Schüler auf mich zu und streckte mir zur Begrüßung seine Hand hin. „Was machst du hier?, fragte er ungeniert. „Ich lese in einem Buch“, erklärte ich ihm. „Was ist das für ein Buch?“, fragte er weiter. Ich war verblüfft über seine Wissbegier und zeigte ihm den Titel. „Ist es ein gutes Buch?“, fragte er nun. Als ich das bejahte, versicherte er, er werde sich das Buch bestellen und dann auch lesen. Im Laufe der Zeit realisierte ich, dass er Teil einer Klasse von Kindern mit den unterschiedlichsten Behinderungen war. Eine Mitschülerin saß im Rollstuhl und rollerte herbei, um ihn abzuholen. Zum Abschied streckte er mir noch einmal seine Hand hin. Seltsam, dass solche Freundlichkeit und Neugier ein Merkmal von Behinderung geworden ist. Schmetterlinge taumelten umher. Ich las weiter im Buch von Gert Hofmann, das von einem Mann erzählt, der überflüssig geworden ist und seinen Daseinszweck eingebüßt hat. Um die viel zu viele freie Zeit zu bewältigen, lässt er sich mit seinem Enkel ziellos durch die sächsische Kleinstadt treiben. „Nachdem ich das Apollo aufgebaut und ihm das Seine Jahre, nein Jahrzehnte zusammengehalten habe, braucht er mich nicht mehr. Meine Augen, meine Stimme, meinen ganzen Kopf braucht er plötzlich nicht mehr. Ich bin überflüssig. Dafür hat er nun Maschinen, die dudeln den Leuten was vor. Ob so eine Ungerechtigkeit erlaubt ist, was meinst du, fragte er mich. Ist sie nicht erlaubt? Wahrscheinlich doch, sagte er Großvater.“ Dass ich auf dieses Buch gestoßen bin, ist ein Glücksfall. Immer wieder macht mich dieser Roman darauf aufmerksam, was wir an menschlichen Fähigkeiten brach liegen und verrotten lassen! Und wie viel Leid wir über Menschen bringen, denen bedeutet wird, dass man sie nicht mehr benötigt. Ein frühes Dokument dieser Leidenserfahrung ist das Buch von Marie Jahoda und ihren Kollegen: „Die Arbeitslosen von Marienthal“, das 1975 in der Edition Suhrkamp erschienen ist. Ein ganzes Dorf in Niederösterreich wurde nach Schließung einer Textilfabrik, um die herum der Ort entstanden war, arbeitslos. Minutiös zeichnen die Forscher nach, was mit den Dorfbewohnern geschieht und wie sie mit der Erfahrung ihrer Überflüssigkeit fertigzuwerden versuchen. Ein soziologischer Klassiker und heute leider noch immer hochaktuelles Buch. In seiner Not, wendet sich der ehemalige Kinoerzähler Hofmann, der durch den Tonfilm ein Überzähliger und zu menschlichem Abfall geworden ist, den Nazis zu und besucht immer öfter deren Versammlungen im „Deutschen Haus“. Von den Nazis erhofft er sich eine Wiederbelebung des Stummfilms. Zwei ältere Parteigenossen begleiten Hofmann auf seinen Gängen durch die Stadt und bestärken ihn in dieser Hoffnung. Über der gläsernen Kuppel eines Gewächshauses kreist ein Falke, der hier irgendwo nistet. Er ist der schnellste Vogel der Welt und es ist eine große Freude, ihm bei seinen Flugmanövern zuzuschauen.
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Eine türkische Mutter mit aufgespritzten Lippen sagt zu ihren extrem dicken Jungen: „Hol dir ein Eis!“ Als der Junge nicht die erwartete Begeisterung an den Tag legt, wiederholt sie mit mehr Nachdruck: „Hol dir ein Eis!“
Auf der Lahn wimmelt es von Kanus mit Schülern drin, die die Boote nicht beherrschen. Sie gurken in allen möglichen und unmöglichen Richtungen über den Fluss. Es wundert mich, dass es nicht ständig zu Zusammenstößen und zum Kentern kommt. Hinweise der Lehrer verpuffen im allgemeinen Gekreische. Auch die Stadt ist voller Schülergruppen, für die offenbar niemand die Verantwortung trägt. Es herrscht ein höllischer Lärm, jeder brüllt jeden an, niemand hört keinem zu. Flüche und Verwünschungen der übelsten Art fliegen hin und her. Wenn das den Schulalltag prägt, wie halten die Lehrpersonen das bloß aus? Sie stehen vermutlich auf verlorenem Posten.
Weil man bei der gegenwärtig herrschenden Hitze nichts anderes tun kann, haben wir uns vor die Glotze gehockt und den Klagenfurter Bachmann-Bewerb geschaut. Wir waren erstaunt, über die Qualität der vorgetragenen Texte. Einige ragten aus den durch die Bank guten Texten heraus. Heute Morgen las als Erste Lena Schätte, die unter anderem als Krankenschwester in der Psychiatrie gearbeitet hat. Dieses Handgemenge mit einer extremen Form der Wirklichkeit merkt man ihrem Schreiben an. U hat sich prompt eines ihrer bereits veröffentlichten Bücher bestellt: „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“.
Irgendwann wird von mir nur ein schmuddeliger Fleck auf dem Schreibtischstuhl zurückbleiben, nämlich dann, wenn ich weggeschmolzen bin. Das Wort „Klimawandel“ wird im Moment für alle spürbar aus der Abstraktion gerissen und der Erfahrung zugänglich. So heiß war es hier noch nie, und diese Hitze ist Menschen nicht zuträglich. Heute wurden an verschiedenen Orten Deutschlands Temperaturen über vierzig Grad gemessen. Dabei liegen die normalerweise heißesten Monate noch vor uns: Juli und August. Große Hitze beeinträchtigt das Denkvermögen, entnehme ich der „Apotheken-Umschau“, die mir, seit ich regelmäßiger Kunde der Apotheke vorn an der Ecke bin, dort bei jedem Besuch in die Hand gedrückt wird und die ich mir in die Hand drücken lasse, weil sie das Fernsehprogramm umfassend präsentiert. Konzentration, Leistungsfähigkeit und Stimmung können durch Hitze spürbar beeinträchtigt werden. Ich hoffe, dass man die Temperatur, die in meinem Arbeitszimmer herrscht, nicht an meinen Texten ablesen kann.
Gestern fand hier in der Nachbarschaft eine Techno-Party statt, die sich in irrer Lautstärke bis Mitternacht hinzog Und auch dann war nur deshalb Schluss, weil die Polizei dem Lärm ein Ende setzte. In meiner schwitzenden Not habe ich in der Glotze verfolgt, wie Deutschland gegen Ecuador verloren hat. Vollkommen zu recht übrigens, weil die deutsche Mannschaft grottenschlecht und ohne jeden Elan und vollkommen ideenlos spielte. Das deutsche Führungstor von Leroy Sané hätte nicht zählen dürfen, weil der Fuß von Pavlovic kurz zuvor eindeutig zu hoch war und seinen Gegenspieler am Kopf traf. Die deutsche Mannschaft ist auf dem Boden der Realität aufgeschlagen. Die Träume vom Titelgewinn, der für viele bereits ausgemacht war, sind geplatzt. Sie können froh sein, wenn sie die erste Ko-Runde überstehen, egal, auf wen sie treffen. Im Achtelfinale könnten sie auf Frankreich treffen und spätestens dann ist eh Schluss.
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Gestern sah ich auf Arte eine Reportage über die italienische Gefängnisinsel Gorgona. Rund 30 Kilometer vor Livorno verbüßen rund 100 Straftäter, darunter auch echt schwere Jungs, den letzten Teil ihrer Haft. Die meisten von ihnen saßen vorher Jahre oder Jahrzehnte in Gefängnissen auf dem Festland. Einer erzählt von seiner Ankunft auf Gorgona und davon, wie erstaunt er war, den offenen Horizont sehen zu können. Er genieße es, den Vögeln zusehen und den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Zuvor sei sein Blick immer nach wenigen Metern auf irgendeine Mauer gestoßen. Auf Gorgona ersetzt das Meer die Mauern. Die Gefangenen werden morgens aufgeschlossen und können sich den ganzen Tag über frei bewegen. Sie arbeiten in den Gärten, auf den Feldern oder in Werkstätten. Die Nahrung wird weitgehend selbst erzeugt. Die Rückfallquote ist bei den Gefangenen von Gorgona spektakulär niedrig. Das eingesperrte Leben sinnt auf Rache, hier kommen selbst ehemals harte Jungs auf andere Gedanken. Selbst frühere Mafiagangster wirkten entspannt und freundlich. Der Film heißt „Gorgona, gefangen im Paradies“ und wird von der Mediathek noch länger angeboten.
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Der Schweiß tropft von der Nase auf die Tastatur. Wir waren vor Tau und Tag in der Lahn schwimmen. Studenten lagen in ihren Schlafsäcken am Ufer im Gras und erwachten langsam. Ein Rotkehlchen schwätzte unermüdlich. Auf dem Rückweg erstanden wir in einer Bäckerei Croissants, die allerdings nichts taugten. Wer mal Croissants von einem gescheiten Bäcker gegessen hat, ist für das Backwerk normaler Bäckereien, die ja eigentlich Fabriken sind, verloren
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Heute fand das Klagenfurter Wettlesen mit der Preisvergabe seinen Abschluss. Zu unserer Freude gewann unsere Favoritin den Bachmann-Preis: Lena Schätte, die ehemalige Psychiatrie-Krankenschwester. Sie hatte einen Text über die Freundschaft zweier dicker Mädchen und Schulfreundinnen gelesen, ein Text voller Witz und Selbstironie. Bin gespannt auf das Buch, das aus diesem kurzen Text entstehen und sich entwickeln wird. Nächste Woche kann ich das von U bestellte Buch von Lena Schätte in der Buchhandlung unseres Vertrauens abholen.
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Ich habe es geschafft, inzwischen über fünfzig Jahre zu schreiben und Hunderte von Texten zu veröffentlichen, ohne auch nur einmal ein Stipendium oder einen Preis zu bekommen. Für diese Schattenexistenz trage ich selbst die Verantwortung. Ich habe sie gewählt. Ich habe dafür gesorgt, unsichtbar zu bleiben, weil ich die Öffentlichkeit konsequent gemieden habe. Warum? Aus Angst, lautet die kurze Antwort. Es lag ein eigenartiges Tabu auf meinem öffentlichen Erscheinen. Über dessen Ursprünge habe ich in der Durchhalteprosa und anderswo derart viel geschrieben, dass ich es leid bin, dazu noch etwas zu sagen. Das ständige Wiederkäuen macht es nicht besser.
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Chronik der Gewalt: Wegen Vandalismus musste das Freibad Ringallee in Gießen am Freitagmorgen stundenlang geschlossen werden. Unbekannte waren in der Nacht auf das Gelände vorgedrungen und hatten den Inhalt von Mülleimern in die Schwimmbecken geschüttet. Manch eine und einer wird sich fragen: Wer tut denn so etwas? Die Antwort lautet: Der gemeine Vandale. Der hält sich nicht mit Sinnfragen auf, sondern zerstört, was schön ist und halbwegs funktioniert. Ein Ort, an dem Menschen sich wohlfühlen und Freude haben, das darf nicht sein! Hans Magnus Ezensberger hat in einem Essay über „Die Leere im Zentrum des Terrors“ angemerkt, dass der zeitgenössische städtische Vandale eine „Wut auf das Unbeschädigte“, einen „Hass auf alles, was funktioniert“, empfinde. Dieser eigenartige Hass auf Äußeres verbinde sich mit Selbsthass, der sein geheimer Motor sei. Nach dem Motto: Wenn es mir beschissen geht, soll es auch niemand anderem gut gehen! So richtig begreifen kann man die sinnlose Zerstörungswut nicht. Sie behält etwas rätselhaftes, das sich unseren Erklärungsversuchen entzieht. Die Resultate sieht man nach jedem Wochenende in der Stadt: zerbrochene Bierflaschen, Müll überall, aus städtischen und privaten Kübeln herausgerissene Pflanzen, verbeulte Fahrräder, dümmliche, monotone Graffiti auf jeder freien Fläche.
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Das Geräusch von auf regennassen Straßen zischenden Reifen habe ich lange nicht gehört und selten so herbeigesehnt. Heute ist es 10 Grad kühler als gestern. Was für eine Wohltat! Noch hängt die Hitze im Gemäuer. Es wird eine Weile brauchen, bis man hier herinnen wieder leben kann. Meine Hirnantilope springt in einen Sommer vor vielen Jahren. Da hatten wir auch eine sogenannte Hitzewelle zu überstehen. Als dann endlich der erste Regen niederging, versammelten sich viele Menschen aus unserer Straße „auf der Gaß“ und tanzten im Regen. Mit Badehosen oder Bikinis bekleidet, versteht sich. Einige sehr kühne auch nackt. Das muss in den 1970er Jahren gewesen sein. Ich erinnere den Geruch, den der Regen erzeugte, als er sich mit dem Staub der Straße mischte. Dieser spezielle Geruch entsteht nur beim ersten Mal – nach einer lange Periode der Trockenheit. Heute kann ich mir einen solchen Regentanz nicht vorstellen. Die Leute bleiben in ihren Wohnschachteln, jeder für sich. Die hinter uns liegenden eisigen Jahrzehnte des Neoliberalismus haben die Menschen selbst eisig werden lassen, und sie können gar nicht anders, als diese Kälte weiterzugeben und auf ihre Umgebung abzustrahlen. Wie Schopenhauers frierende Stachelschweine drängen sich die zeitgenössischen Elementarteilchen aneinander und verletzen sich solange dabei, bis sie es aufgeben und zu berührungslosen Monaden erstarren. Lauter vereinzelte Einzelne. Wenn sie sich zusammentun, dann als Hetz- und Lynchmeute, bei der Jagd auf Fremde oder Abweichler.
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Hier eine Sequenz aus einem längeren Gespräch der „Neuen Züricher Zeitung“ mit Slavoj Zizek:
„NZZ: Professor Zizek, wird uns die KI bald in allen Belangen übertreffen und schließlich versklaven?
Zizek: Da kann ich Sie beruhigen. Wir Menschen sind nämlich widersprüchliche Wesen. Zu widersprüchlich, als dass die KI unsere Absichten jemals komplett erfassen und kontrollieren könnte. Unser Unterbewusstsein ist ein Bollwerk, das die KI nie erobern wird.
Warum sind Sie da so sicher?
Weil der Mensch ein unzuverlässiges, gespaltenes Subjekt ist.“
Sein Wort in Gottes Ohr. Alexander Kluge hat an dieser Stelle ähnlich argumentiert und seine Hoffnungen auf das Unbewusste gesetzt, das sich letztlich der vollständigen Kontrolle entziehe und sich wie ein Partisan verhalte. Wenn es dem Zugriff von Macht und Herrschaft unterworfen werden soll, zieht es sich in die Berge zurück. Ich bin da nicht so optimistisch.
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Ein Spatz taucht seinen Schnabel in eine Pfütze, legt den Kopf zurück und trinkt.
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„Miesmacher und Kritikaster dulde ich nicht“
(Joseph Goebbels)
Als ich heute Morgen erwachte, dachte ich zunächst: Seltsam, dass du vom Autocorso nicht aufgewacht bist, dann realisierte ich, dass es keinen gegeben hatte, weil es keinen Grund gab. Die Deutschen sind sang- und klanglos ausgeschieden. Selbst in der deutschen Spezialdisziplin, dem Elfmeterschießen, haben sie’s verkackt. Ich hatte die ersten zwanzig Minuten in der Glotze verfolgt, dann aber gespürt: Das wird nix, und mich ins Bett verfügt. Nun können die Spieler also nach Hause fahren. Das dritte Mal in Folge wurde der Einzug ins Achtelfinale einer WM verfehlt. Das Desaster im Fußball spiegelt die Gesamtlage des Landes. Mal sehen, ob das frühe WM-Aus irgendwelche Konsequenzen haben wird. Trainer Nagelsmann hat die besorgte Nation schon mal beruhigt: „Ich stehe weiter zur Verfügung“. Dabei hat er mit seiner Vorliebe für Sané, Havertz und Pavlovic entscheidend am Debakel mitgewirkt. Nun wird es in den nächsten Wochen wenigstens ruhiger werden: Türkei ausgeschieden, Deutschland wenig später auch. Aus der Geschichte weiß man, dass geplatzte und enttäuschte Größenphantasien eine gefährliche Dynamik in Gang setzen können. Wer hat an der Erzeugung vollkommen realitätsferner Erwartungen mitgewirkt? Oder anders: Wer hat es gewagt, in den nationalen Taumel nicht einzustimmen und sich seinen Blick durch ihn nicht trüben zu lassen? Das allgemeine Motto war: Wenn schon wirtschaftlich alles stagniert und nichts vorangeht, dann werden wir wenigstens Fußballweltmeister! Seit dem blamablen Abschneiden bei der letzten Europameisterschaft vor zwei Jahren hat Nagelsmann das Motto ausgegeben: „Dann werden wir halt Weltmeister!“ Außerdem existierte bei Vielen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach den Wonnen der Verschmelzung zu einem großen Wir, zu einer Gemeinschaft. Einzig der Fußball scheint hierzulande ein solches Gefühl noch erzeugen zu können. Die gelangweilten Millionäre der Nationalmannschaft haben die Deutschen um dieses Erlebnis gebracht. Die Begeisterung für diesen Sport hat Europa verlassen und woanders eine Zuflucht gefunden. Hier ist er am Geld und am Narzissmus erkrankt und schließlich erstickt.
Kanzler Merz postete nach dem Ausscheiden: „Auch wenn das Ausscheiden wehtut: Was für ein Spiel! Mit eurem Einsatz und eurem Teamgeist habt ihr unser Land bei dieser Weltmeisterschaft begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Diese Wahrnehmung wirft ein schlagendes Licht auf Merz‘ Verhältnis zur Realität. Hat er ein anderes Spiel gesehen? Hat ihm jemand diesen Scheiß souffliert? Ist der Mann noch ganz bei Trost? Wenn er die Lage im Land nach dem gleichen Muster wahrnimmt, dann wundert mich nichts mehr. Der Blick aus einer Blase ist systematisch getrübt und von Schlieren überzogen.
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In einem Kulturzeit-Beitrag über Henry Fonda sagt jemand einen Satz, der gegenwärtig aktueller denn je ist: „Früchte des Zorns“ zeigten, „wie das Freiheitsversprechen des Kapitalismus jenes der Demokratie verhöhnt“. Treffender kann man auch unsere heutige Lage kaum zum Ausdruck bringen. Der Roman, nach dessen Vorlage der Film mit Henry Fonda gedreht wurde, stammt von John Steinbeck und schilder das Elend der im Zuge der Großen Depression von ihrem Land vertriebenen Kleinbauern. Bruce Springsteen hat der Hauptfigur des Romans ein musikalisches Denkmal gesetzt: „The Ghost of Tom Joad“.
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Chronik der Gewalt. Im Kontext eines Sorgerechtsstreits hat im niedersächsischen Stade am Montag gegen Mittag ein Mann das Feuer auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Jugendhilfeeinrichtung eröffnet und sechs von ihnen getötet, weitere verletzt. Die drei Monate alte Tochter des Mannes war aus der Familie herausgenommen und in die Obhut einer Mutter-Kind-Einrichtung gegeben worden. Am Tattag sollte ein Gespräch mit dem Kindsvater und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stattfinden. Wie die Polizei auf einer Pressekonferenz mitteilte, handelt es sich bei dem Verdächtigen um einen 45-jährigen Mann aus Hannover. Laut Polizei Lüneburg wurde er in Deutschland geboren und ist türkischer Staatsbürger. Er war polizeilich bekannt, galt aber „bisher nicht als absolut gewalttätig“. Was, wie seine Tat nun gezeigt hat, eine Fehleinschätzung gewesen ist. Jetzt kommt jeder Lernprozess zu spät. Mir sind im Gefängnis immer wieder solche und ähnliche Fälle begegnet, die sich glücklicherweise nicht alle in einer solch tödlichen Katastrophe entladen haben. Wenn es um Kinder geht, verstehen nicht nur arabische Männer häufig keinen Spaß und wollen sich durch Akte der Gewalt als Herrscher über die Familie behaupten. Der Umstand, dass sich ein Mann gekränkt und in seiner Ehre verletzt fühlt, kostet sechs unbeteiligte Menschen das Leben. Verletzter männlicher Stolz ist die Ursache von zahllosen schweren Verbrechen. Es sind tausendfach Prozesse und Reibungen solcher vergifteter Eheenergien im Gange, die sich nicht immer in einem solchen Springpunkt, in einer tödlichen Katastrophe zusammenfassen, sondern über ein Leben von vielen Jahren in kleiner Münze verteilt sein können. Dann hat das Leben selbst die Form einer gestreckten Katastrophe, was von Nachbarn, Freunden und eigenen Kindern gar nicht wahrgenommen wird, weil es gesellschaftlich durchschnittliches Mittelelend darstellt. Der Fall hat noch einmal gezeigt, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugend- und Familienhilfe mit sozialem Sprengstoff hantieren und wie gefährlich ihr Beruf ist.
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Ich sah auf Arte gestern Abend einen Film über den Reichstagsbrand vom Februar 1933, der mich sehr aufgewühlt hat. Die SA hat ihn wohl selbst angezündet, um einen Anlass zu haben, gegen Oppositionelle vorzugehen. Richtig aufgeklärt wurde die Sache nie. In dem Holländer Marinus van der Lubbe hatte man einen idealen Sündenbock gefunden, dem man die Brandstiftung anhängen konnte. Er wohnte der Gerichtsverhandlung völlig apathisch bei, wie unter Drogen gesetzt. Joseph Goebbels hat das bis heute maßgebliche Verhältnis der Rechtsradikalen zum Parlament formuliert: „Wir gehen in den Reichstag, wie der Wolf in eine Schafherde einbricht.“ Das Bild scheint mir recht treffend. Die Schutzzäune, die wir gegen das Vordringen der Wölfe aufgestellt haben, gleichen eher Palliativen als einer echten Gegenwehr. Sie erinnern an den Versuch, einen Krebskranken mit einem Hühneraugenpflaster zu kurieren. Das war die Karl-Kraus-Definition von Sozialdemokratie und bürgerlicher Hilflosigkeit: eine Hühneraugenoperation an einem Krebskranken. Wer an die wirklichen Ursachen der Krankheit nicht rühren mag, ist genötigt, hilflos an Symptomen herumzudoktern. Die gegenwärtigen Ergebnisse der sogenannten Sonntagsfrage lassen einen frösteln. Die AfD liegt inzwischen mit beträchtlichem Vorsprung vor den anderen Parteien. Die SPD krebst um die zehn Prozent herum und liegt mit der Linken gleichauf. Wer sollte den weiteren Aufstieg der Rechten aufhalten?
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„Unsere Stadt, sagte er, verfällt! Die Häuser verfallen, die Trottoirs sinken ein, alles hat Reparaturen nötig, aber keiner kann sich eine leisten. Die Dachrinnen, sagte er, hängen von den Dächern, der Regen läuft, wo er will.“
(Gert Hofmann: Der Kinoerzähler)
Gestern konnte ich mein Rad, das ich zur Inspektion in die alternativen Fahrradwerkstatt gegeben hatte, wieder abholen. Ein Mitarbeiter einer anderen Abteilung der „Jugendwerkstatt“ trug eine T-Shirt, auf dem stand: „Endlich geht‘s auf die Reise, nach der ganzen Scheiße.“ Ich beglich meine Rechnung, drückte dem Mann, der sich um mein Rad gekümmert hatte, ein Trinkgeld in die Hand und fuhr zur Badestelle an der Lahn. Ich schwamm eine Runde und genoss die Abkühlung. Auf dem Rückweg in die Stadt erstand ich auf dem Markt eine Tüte mit dunkelroten Kirschen, die ich danach im Botanischen Garten gleich mal probierte. Ich den nächsten Stunden aß ich die Tüte leer, während ich im „Kinoerzähler“ von Gert Hofmann weiter las. Zwischendurch sah ich in den blauen Himmel, durch den große weiße Wolken segelten. Der Kinoerzähler hat einen Prozess wegen Körperverletzung an der Backe. Er hatte dem Mann, der ihn seiner Arbeit beraubt hatte, im Handgemenge ein Büschel Haare ausgerissen, das dem Gericht als Beweismittel vorliegt. Er sucht einen Anwalt auf, der ihm altersweise erklärt: „Solche Fälle schießen bei uns nun ins Kraut und sind, wie die Welt als solche, juristisch nicht zu bändigen.“
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Wir sind nichts weiter als Geschäftsleute, die sich zum Training und zum Spiel treffen.
(Gerd Müller)
Irgendjemand aus der Nachbarschaft lärmt und hämmert immer. In der Wohnung ist es nach den extrem heißen Tagen nun wärmer als draußen. Das Frühstück in der morgendlichen Kühle auf dem Balkon war sehr angenehm. Die Debatten um einen Trainerwechsel in der Nationalmannschaft erinnern mich an die Versuche der SPD, ihren Niedergang durch ständigen Wechsel des Führungspersonals aufzuhalten. Jetzt soll Jürgen Klopp das Heil bringen. Mal sehen, ob er so blöd ist, sich den Job andrehen zu lassen. Was wird eigentlich aus den vielen Werbeclips mit Nationalspielern? Die sind ja jetzt eher geschäftsschädigend.
Die Entzauberung des Fußballs setzte nach meiner Erinnerung ein, als Eintracht Braunschweig mit dem Firmenlogo von Jägermeister auflief, das Frankfurter Waldstadion in „Commerzbank-Arena“ umbenannt wurde und immer mehr Gäste im Aktuellen Sportstudio als lebende Litfaßsäulen und mit Firmenlogos auf ihren Klamotten auftauchten. Der wunderbare Fußball hat wie der arme Kohlenbrenner Peter Munk im Hauff-Märchen „Das kalte Herz“ seine warme, pochende Seele an den Holländer-Michel als Inbegriff des neuen kapitalistischen Un-Geistes verkauft. Inzwischen glaube ich, er kann sie von diesem auch nicht mehr zurückfordern. Er ist durch und durch verkommen und man müsste von unten ganz neu anfangen. Zu Beginn der Bundesliga lag die Obergrenze der Spielergehälter bei 1.200 DM monatlich, so dass alle Spieler noch einem normalen Beruf nachgingen und so am Abheben gehindert wurden. Heute kassiert ein junger Spieler wie Florian Wirtz 20 Millionen Euro pro Jahr, Musiala sogar 25 Millionen. Die Nationalmannschaft ist für solche Spieler nur insofern von Interesse, als sie ihren Marktwert nochmal steigert und die Werbeeinnahmen ins Unermessliche wachsen lässt. Wenn Spieler beim Absingen der Nationalhymne manchmal die Hand aufs Herz legen, kann man nur sagen: Da ist nichts mehr! Eine hohle Geste. Hauptsache die Frisuren sitzen, die jeden Tag erneuert werden. Die Spieler verbringen die trainingsfreie Zeit beim Friseur und beim Tätowierer.
Die Ablösung von Julian Nagelsmann kommt den DFB teuer zu stehen. Von sieben Millionen Euro Abfindung ist die Rede. Ein ähnlicher Betrag wird wohl auch an die Firma Red Bull fließen, bei der der zähnebleckende Jürgen Klopp noch unter Vertrag steht. Ein grauenhafter Typ löst einen anderen ab. Warum fragt man nicht mal Christian Streich? Das wäre mal eine echte Alternative! Er würde ein solches Angebot vermutlich ablehnen, weil er weiß: So angenehm wir in Freiburg wird das nicht werden.
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Sn der Badestelle rauschte der Wind in den Bäumen. Außer mir war niemand dort. Ich setzte mich auf die Treppe, schaute aufs Wasser, das träge dahinströmte, und hing meinen Gedanken nach. Was für Gedanken? Nichts besonderes, nicht der Rede wert. Ich sinnloste vor mich hin, wie der Polt das mal beschrieben hat, wenn er auf der Bank beim Bootsverleiher hockt. Man hält einfach seinen Kopf in die Luft und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Plötzlich hörte ich den Pfiff eines Eisvogels. Als ich aufschaute, sah ich zwei von ihnen übers Wasser flitzen. In der Sonne blitzte ihr Gefieder auf. Ein Glücksgefühl durchströmte mich und ich freute mich, dass sie da waren und ich auch. Sie flogen noch ein paar Mal an mir vorbei, von hier nach dort. Ich nehme an, dass auch sie sinnlosten und sich einfach ihres Lebens freuten. Manchmal braucht das Leben kein Um … zu – selbst meins nicht.
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