„Ik bin in mir jejangen, da is ooch nüscht!“
(Berliner Kalauer)
Gestern saß ich lang im Botanischen Garten auf einer Bank und las Siri Hustvedt. Ich bewundere sie dafür, dass sie unter den Bedingungen des Verlusts und der Trauer um den Tod ihres Mannes ein solches Buch schreiben konnte. Vielleicht war das Schreiben ihr Ausweg und ihre einzige Möglichkeit. Sie musste dieses Buch schreiben. Ich nehme an, so würde sie es auch selbst formulieren. Es ist, sagt sie, „mein Buch des Trauerns um ihn.“
Von meiner Bank aus sah ich eine üppig blühende Pflanze, die mich an die Glyzinie erinnerte, die in meinem italienischen Quartier die Terrasse überspannte und überwucherte und Schutz vor der Sonne bot. Als ich mir die blühende Pracht im Botanischen Garten aus der Nähe anschaute, las ich auf einem Schildchen, dass es sich um einen „Japanischen Blauregen“ handelte. Die hängenden Dolden verströmten einen intensiven und sehr angenehmen Duft. Die blühende Pflanze zog nicht nur allerhand Insekten an, sondern auch Menschen mit Smartphones. Die Leute begnügen sich nicht damit, die Blütenpracht zu betrachten und als Bild in sich hineinzunehmen, sie müssen sie fotografieren oder filmen. Manche vollführten die irrsten Choreographien mit dem Blauregen als Bildhintergrund. Es ist, als würde dieser erst dadurch zur Realität, dass er gefilmt oder fotografiert wird. Die Menschen büßen mehr und mehr die Fähigkeit ein, innere Bilder zu fertigen und festzuhalten. Ich habe die Glyzinie am Gardasee seit rund zwanzig Jahren nicht gesehen und nie fotografiert, aber ich hab sie vor meinem inneren Auge. Wie ich überhaupt über einen Vorrat an inneren Bildern verfüge, auf die ich ohne jedes technische Hilfsmittel jederzeit zurückgreifen kann. Die heutigen Menschen fotografieren etwas und vergessen es gleich darauf. Das Gedächtnis wird auf diese Weise überflüssig und wird sich eines Tages gar nicht erst ausbilden. Wozu sich etwas merken oder einprägen, wenn ich es abgespeichert bei mir trage? Was für eine schöne Wendung: sich etwas einprägen. Siri Hustvedt hat dafür den Begriff „Hirntattoo“ eingeführt. Hauptsache scheint heute zu sein, jeden Tag jede Menge Bilder zu verschicken, als Beleg dafür, dass man tolle Sachen erlebt hat und existiert. Wie viele Aufnahmen von Pizzen und Kaffees mögen jeden Tag um die Welt gehen? Die ganze Zeit über, die ich lesend auf der Bank sitze, geht eine junge Mutter mit ihrem vor die Brust gebundenen Baby umher. Das Kind schläft. Währenddessen ist die Mutter unablässig mit ihrem Smartphone beschäftigt. Auch wenn das Kind im Schlaf davon direkt nichts mitbekommen mag, finde ich es daneben, grob unsensibel und gedanken- und rücksichtslos.
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„Aber es gibt Schlimmeres. Ein alter Mann sollte nicht klagen, sondern weise sein. Er sollte die Bitterkeit schlucken und dem Tod vor die Füße spucken, wie man so schön sagt.“
(Robert Seethaler: Die Straße)
Seit einiger Zeit rotieren beim Aufwachen wieder Satzfetzen, einzelne Begriffe oder Teile eines Musikstücks in meinem Kopf. Ein eigenartiges neurologisches Phänomen, hinter dessen Geheimnis ich noch nicht gekommen bin. Man muss auch nicht jeden Vorhang, hinter dem sich etwas verbirgt, auseinanderziehen. Es sei denn, es würde zur Plage.
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Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt. Das zeigt der aktuelle Klimazustandsbericht der „Weltorganisation für Meteorologie“ und des EU-Klimadienstes „Copernicus“. Die Unmenge solcher Meldungen hat uns unempfindlich und stumpf werden lassen. Wie hören es und vergessen es gleich darauf. Im dauernden Bewusstsein der nahenden Katastrophe und der eigenen Ohnmacht kann man nicht leben.
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In der „Süddeutschen Zeitung“ vom 24. April 2026 fiel mir ein Foto auf, das das Damentennis-Team der Universität von Georgia, das irgendeine Meisterschaft gewonnen hat, bei einem Empfang beim amerikanischen Präsidenten zeigt. Das Bemerkenswerte an dem Bild ist, dass die Frauen, die doch eigentlich im Mittelpunkt stehen sollten, hinter einer Mauer aus anzugtragenden Männern beinahe verschwinden und kaum zu sehen sind. Die Herren haben sich um den Präsidenten geschart und stehen breitbeinig und raumgreifend im Vordergrund. Dieses Bild verrät mehr über das Frauenbild, das ins Weiße Haus eingezogen ist, als jede aufgeklärte Kritik am neuen Machotum.
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Im Botanischen Garten geht ein junges Paar an mir vorüber. Sie sagt gerade, sichtlich aufgebracht: „Das ist so grinsch!“ Ich weiß nicht, was das heißt und googele, zu Hause angekommen, das Wort. Die KI, zu der man neuerdings ungefragt durchgereicht wird, belehrt mich: „Die Aussage ‚Das ist so Grinch‘ (eigentlich cringe) ist Jugendsprache für extrem peinliche oder unangenehme Situationen, für die man sich fremdschämt.“ Nachdem ich erfahren habe, was „cringe“ heißt, hoffe ich, dass die jungen Leute nicht über mich gesprochen haben. Vielleicht ist der Anblick eines lesenden alten Mannes für sie bereits „cringe“, wer weiß?
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Das ist mal ein 1. Mai, wie aus dem Bilderbuch! Ich werde gleich zur Kundgebung des DGB aufbrechen, wie es sich für mich seit 50 Jahren gehört am 1. Mai. Wo wären wir ohne Gewerkschaften und ihre Kämpfe? Ich bin dort mit einem Freund und Genossen verabredet. Abends wird es die erste Grüne Soße des Jahres geben – selbstverständlich aus selbst gesammelten Kräutern zubereitet. Habe die Kräuter gerade mit dem Wiegemesser zerkleinert und die Soße angesetzt, die wie eine Bowle ziehen muss. Jetzt müssen nur noch die hartgekochten Eier kleingeschnitten und eingerührt und die Kartoffeln gekocht werden.
Die Lahn hat 14 Grad, das ist für uns die Temperatur, bei der man an ein erstes Bad denken kann, wobei Ursula das schon hinter sich hat. Sie ist an einem sonnigen Märztag bereits einmal in den Fluss gehüpft, wenn auch nur für Sekunden. Am 1. Mai wurde in meiner Jugend die Badesaison eröffnet. Wir fuhren mit Vaters Lloyd von Kasel aus in Richtung Dörnberg. Dort gab und gibt es einen Weiher, der „Bühl“ heißt und sich in einem ehemaligen Steinbruch gebildet hat. „Eincremen nicht vergessen“, rief die Stiefmutter und schwenkte das Tschamba-Fii-Fläschchen, das in unserer anthroposophisch geprägten Familie als Sonnenschutz zur Anwendung kam. Auch wenn man sich damit gründlich einschmierte, half es nicht richtig und ein veritabler Sonnenbrand folgte unweigerlich auf den 1. Mai. In der Schule war es üblich, den sonnenbrandgeschädigten Freunden am nächsten Schultag zur Begrüßung einen kräftigen Schlag auf den Rücken zu verpassen und sich diebisch an dem Schmerzenstanz zu erfreuen, den der Geplagte aufführte
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Ich möchte euch nochmal das neue Buch von Siri Hustvedt ans Herz legen, dessen Lektüre ich nun abgeschlossen habe. Obwohl unter Bedingungen der Trauer und des Schmerzes geschrieben, ist „Ghost Stories“ ein großartiges Buch, oder vielleicht gerade deswegen. Es ist fragmentarisch und zerrissen, wie die Autorin nach dem Tod ihres Mannes. Es gab sie jahrzehntelang nur als „Siri und Paul“, und die sie muss sich erst an ihr Leben als „Amputierte“ und ohne den ständigen Dialog gewöhnen. Paul Auster ist gestern vor zwei Jahren gestorben.
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„Hinter dem Faschismus steht das Kapital“ dröhnt es mir von der gestrigen Mai-Demo noch in den Ohren. Auch das keine Parole, die im Sinne Ernst Blochs „in die Phantasie greift“ und neue, andere Horizonte eröffnet. Seit Max Horkheimer am Vorabend des Zweiten Weltkrieges den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus auf die drastische und einprägsame Formulierung brachte: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“, gehört der Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus zum linken Grundwissen. Vor irgendetwas bewahrt hat uns diese Kenntnis nicht. Sie war gedacht als Kritik am hilflosen bürgerlichen Antifaschismus, der die Ursachen des Übels nicht zu benennen vermag und im Nebel herumstochert. Doch die bloße korrekte Benennung schützt vor gar nichts. Die Rumpelstilzchen-Magie funktioniert nicht mehr, wenn sie denn außerhalb des Märchens der Brüder Grimm jemals funktioniert hat.
Ungefähr tausend Menschen zogen durch die Stadt. Was mir auch gestern auffiel, ist die dominierende Rolle junger Frauen. Alle Megaphone befanden sich in ihren Händen, ihre schrillen, hohen Stimmen waren nicht zu überhören. Sie bestimmten vom Rand des Zuges aus die Choreographie des Zuges und dirigierten die Sprechchöre. Nach circa zwei Kilometern wurde es mir zu laut und zu hektisch und ich schlug mich seitwärts in die Büsche. Die Kakophonie der Parolen ging ir auf die Nerven. Abseits des Demonstrationszuges gab es die üblichen 1.Mai-Szenen: junge Männer und Frauen zogen mit Bierkästen Richtung Lahn. Die Anzahl der Biertrinkerinnen und Biertrinker überstieg die der Demo-Teilnehmer um ein Vielfaches. Das ist schon lange so und so ist es leider auch gestern wieder gewesen. Studenten und Studentinnen spielen Arbeiterbewegung nach. Es gelingt der Linken nicht, zu etwas Neuem vorzudringen und ein klassenloses Bewusstsein zu artikulieren, das eine künftige Menschheitsrevolution antizipiert. In ihr käme es nicht mehr darauf an, welche Klassenzugehörigkeit jemand aufweist, sondern für welche Ziele er oder sie eintritt und ob diese im allgemeinen Menschheitsinteresse sind. Man wird zum Revolutionär, indem man seinen Klassenzugehörigkeit überwindet und sich von den Ketten losreißt, die einen an einen bestimmten sozialen Status fesseln. Keine partikulare Klasse kann Subjekt der allgemeinen Emanzipation sein!
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Am Mittwoch, dem 29. April, wurde mal wieder der „Tag gegen Lärm“ begangen. An diesem Tag, der seit 1998 abgehalten wird, soll die Öffentlichkeit nachhaltig über das Thema Lärm informiert werden, und zwar unter dem Aspekt der „Veränderung von lärmbelastenden Lebenssituationen“. Da besteht zwar kein kausaler Zusammenhang, aber seit der Einführung des „Tags gegen Lärm“ ist die Lärmbelastung nach meiner Wahrnehmung weiter kontinuierlich gestiegen. Das heißt: Genützt hat die Einführung eines „Tags gegen Lärm“ nichts. Diesen Mittwoch musste ich mich vor dem aus dem Nachbarhaus dringenden Lärm eines Bohrhammers, der dort seit vierzehn Tagen dröhnt, durch Aufsetzen eines Gehörschutzes retten, den U mir geschenkt hat, als sie meine ständigen Klagen über Lärm satt hatte. Vor rund 25 Jahren habe ich für die Wochenzeitung „Freitag“ einen Essay zum Thema „Vom Recht auf Stille“ geschrieben. Er ist später noch an verschiedenen Plätzen erschienen, zum Beispiel hier: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/010621.html
Fragte man mich, welchen meiner vielen Texte ich für gelungen und einigermaßen bedeutsam halte, würde ich diesen Text in die engere Wahl ziehen. Jedenfalls ist er mit viel Herzblut geschrieben, wie man so sagt. Er ist auch eine Hommage an oder auf Theodor Lessing, den in Hannover lebenden und lehrenden Philosophen, der 1908 den ersten deutschen „Anti-Lärm-Verein“ gegründet hat. Zu einer Zeit, in der es, von heute aus gesehen, noch vergleichsweise ruhig war. Rainer Marwedel hat eine große Lessing-Biographie geschrieben und im Luchterhand-Verlag veröffentlicht. Ich habe das Buch vor zwanzig Jahren in einem kleinen niederländischen Antiquariat entdeckt und für acht Euro erstanden. Ich kann mich genau an diesen Tag und mein Glücksgefühl erinnern, als ich das Buch aufschlug und schon auf dem Fischmarkt in Middelburg unter einer blühenden Kastanie zu lesen begann. Bis dahin kannte ich Lessings Buch über den Serienmörder Haarmann und seine Lebenserinnerungen, die unter dem Titel „Einmal und nie wieder“ erschienen sind. Im August 1933 ließen die Nazis ihn im tschechischen Marienbad ermorden. Er stand auf ihren Todeslisten ganz weit oben und war eines ihrer ersten Opfer.
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Eric „Astro“ Teller ist ein US-amerikanischer Unternehmer, Wissenschaftler und Autor und erscheint auf Inlinern zum Gespräch mit dem ZDF. Die langen Haare sind im Nacken zu einem Zopf geflochten, die Kleidung leger. Die Leute aus San Francisco, die interviewt werden, sehen durch die Bank in der KI große Chancen. „KI ist für uns so elementar wie Elektrizität oder Computerchips. Es sind lediglich Werkzeuge, Technologien“, behauptet Astro Teller. Er ist einer der Stars im Silicon Valley. Der Unternehmer rät: „Wenn du dich einem Tsunami entgegenstellst und Stopp rufst, wirst du nur nass. Hol dir ein Surfbrett, lerne zu surfen.“ Der hat gut Reden, der Typ. Diese Empfehlung ist ein typischer Herrenzynismus eines dieser Tech-Faschisten vom Schlage eines Alexander Karp.
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„Der Revolutionär dient der Sache, das Mittel heiligt die Ziele. Und das Mittel verselbständigt sich und wird zum Ziel, und das Ziel krepiert. Man stampft auf ihm herum und sagt, man hat es erreicht.“
(Manès Sperber)
Im Kontext der Diskussionen um die RAF war Dorothee Sölle an den Linksradikalen etwas aufgefallen, was Auswirkungen bis in die Gegenwart hat und die linke Sprache bis heute kennzeichnet. „Selbst ihre Sprache enthält nicht mehr den flüchtigen Anhauch der Menschlichkeit; Schwein, faschistisch, krepieren, hinrichten sind ihr Hauptbegriffe. Sie haben das Lächeln, das Weinen, das Zögern, das Fragen total aus sich herausgemordet. Es ist bitter zu sehen, dass aus Linken Faschisten werden können.“ Gerade wir Linken sollten für das Eindringen der Gewalt in die Sprache eine besondere Sensibilität entwickeln und darauf achten, dass die nicht unser Denken und Fühlen beherrscht. Wo wir der Gewalt in der Sprache unserer eigenen Leute begegnen, sollten wir ihr entschieden entgegentreten. Sie trägt die Saat der Unmenschlichkeit in die Reihen derer, die doch die Einrichtung einer menschlichen Gesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben haben. Wem sich als Kind Sprache nicht als Medium des Ausdrucks von komplexen und ambivalenten Gefühlen erschlossen hat, der wird dazu neigen, allzu komplexe Situationen gewaltsam zu vereinfachen und Komplexität auf ein Maß zu reduzieren, das er ertragen kann. Wir Linken sollten von uns selbst verlangen, auf die Spuren der Gewalt in der Sprache zu achten. Es gibt so etwas wie eine Sprache der Befreiung, und wir sollten uns bemühen, sie zu erlernen und untereinander anzuwenden.
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Chronik der Gewalt. Am Montag, dem 4. Mai 2026 hat sich in Leipzig eine Amok-Fahrt ereignet. Ein 33-jähriger Deutscher ist mit seinem PKW mit hoher Geschwindigkeit durch die Fußgängerzone gefahren. Dabei sind zwei Menschen getötet und eine noch nicht fest stehende Anzahl anderer zum Teil schwer verletzt worden. Auf den ersten Blick sind keine politischen oder religiösen Motive erkennbar, also gar keine. Man wird die Tat vermutlich in die Rubrik „psychisch gestörter Einzeltäter“ einsortieren. Am Tag nach der Amokfahrt wurde bekannt, dass sich der Mann bis Ende April in der Psychiatrie befunden haben soll. Dann sei er entlassen worden, weil keine Selbst- oder Fremdgefährdung erkennbar gewesen sei. Man kann einen zukünftigen Amokläufer oder -fahrer an keinen seelischen oder körperlichen Stigmata erkennen.
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Heute ist wieder mal so ein Tag, an dem sich das Geheul der Martinshörner zum Paroxysmus steigert. Seit sechs Uhr in der Frühe liegt ein ständiges Geheul in der Luft. Manchmal überschneiden sich zwei Martinshörner aus verschiedenen Richtungen. Das gehört inzwischen zum städtischen Grundlärm und trägt dazu bei, eine gereizte Stimmungslage hervorzurufen.
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„Der Teufel soll die Laubbläser holen!“ (Und die Harvester! G.E.)
(Ralph Rothmann: Theorie des Regens)
Es schmerzt mich nach all den Jahren immer noch zu sehen, welche breite Schneisen Harvester in die Wälder schlagen und welch tiefe Schründe sie in den Boden graben. Auf einer Breite von zehn Metern wächst erst mal nichts mehr, und der Boden wird durch das Gewicht der Maschinen brutal zusammengedrückt. Der Harvester ist der Inbegriff der Naturbeherrschung, die ja immer schon auf ihre Zerstörung hinauslief. Als ich mich vor circa 15 Jahren in einer hiesigen Tageszeitung zum ersten Mal über diese Höllenmaschinen aufregte, beschwichtigte das Forstamt meine Bedenken mit den Worten, es handele sich um „Verdrückungen“, die harmlos seien und von denen nach einem halben Jahr nichts mehr zu sehen sein werde. Der Aufhänger für meinen damaligen Protest war ein zerquetschter Feuersalamander, auf den ich auf einem der Waldwege gestoßen war. Noch heute steigt Wut in mir auf, wenn ich an den toten Salamander und die Reaktion des Forstamtes denke.
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„Als Linke sind Erika und Klaus Mann Pazifisten und haben sich bin dahin immer für Abrüstung ausgesprochen. Aber so lässt sich nach dem Erstarken des Faschismus nicht mehr argumentieren. Die früheren politischen Überzeugungen sind Theorie. Was sie jetzt vor sich sehen, ist die Realität.“
(Paul Ingendaay: Entscheidung in Spanien)
Mit Herzklopfen und atemlos lese ich seit einigen Tagen Paul Ingendaays Buch über den Spanischen Bürgerkrieg, das zum 90. Jahrestags seines Beginns erschienen ist. Er war lange Jahre Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in Madrid und sammelt in chronologischer Reihenfolge Fragmente und Szenen, die Zeitzeugen hinterlassen haben. Es treten in lockerer Folge in den Zeugenstand: Erika und Klaus Mann, John Dos Passos, Willy Brandt, Simone Weil, Georg Orwell, Ernest Hemingway und Martha Gelhorn, Arthur Koestler, Alfred Kantorowicz, Pablo Picasso, Dolores Ibárruri und viele andere. Mir ist noch einmal deutlich geworden, welch destruktive Rolle die Kommunisten im Laufe des Bürgerkriegs gespielt haben. Die „große Säuberung“, die Stalin in der Sowjetunion ab 1936 durchführte, fand auch in Spanien statt und traf vor allem Trotzkisten und Anarchisten. Erschreckend auch die Parallelen zum gegenwärtigen Geschehen in der Ukraine. Zum Beispiel wenn Thomas Mann anlässlich der Haltung der europäischen Demokratien resigniert feststellt: Die Herzen der großen Demokratien sind leer. Oder wenn man noch einmal liest, dass Guernica ein Testfeld für neue Strategien des Luftkriegs darstellte und Nazi-Deutschland hier Flächenbombardements testete. Auch die in der Ukraine von Russland angewandte Stratege der Zermürbung der Zivilbevölkerung wurde in Guernica bereits erprobt. Was das Flächenbombardement in Guernica, ist der heutige russische Drohnen-Terror in der Ukraine. Als deutsche Besatzungssoldaten in die Picassos Pariser Atelier eindrangen und eine Reproduktion von Guernica sahen, fragten sie ihn: „Haben Sie dieses Bild gemalt?“ Picassos lakonische Antwort: „Nein, das wart ihr.“ Es wird einem beim Lesen der von Ingendaay zusammengetragenen Quellen ganz blümerant. Ich kann euch das Buch von Ingendaay ans Herz legen, auch wenn es oder gerade weil es in seiner Anschaulichkeit manchmal die Grenze des Erträglichen überschreitet. Es ist der reale Horror der modernen Kriegsführung, der wir in diesem Buch begegnen und der mit Guernica einen ersten Höhepunkt erreichte und in der Ukraine seit mittlerweile vier Jahren seine traurigen Urständ feiert.
Gegen Ende des Buches erinnert sich Paul Ingendaay: „Bei der Exhumierung zweier Erschossener auf einem Feld in Navalcán , Provinz Toledo, sah ich am Nachmittag eines heißen Augusttages im Jahr 2006, dass von den Opfern einer Erschießung, darunter ein minderjähriger Junge, nach mehr als sechzig Jahren nur noch die Gummisohlen der alpargatas (im Deutschen Espadrilles, G.E.) übrig waren. Alles andere, Knochen und Zähne eingeschlossen, hatte der saure Ackerboden zersetzt. Die Schuhe der Armen der Dreißigerjahre, sandten mir eine Botschaft. Wer einmal seinen Blick dafür geschärft hat, wird die hanfbesohlten Schuhe nicht mehr vergessen. Nicht die Füße ihrer Träger. Und nicht die Trägers selbst.“
Vor zehn Jahren stellte ich anlässlich des 80. Jahrestages des Ausbruchs des Spanischen Bürgerkriegs mit Erschrecken fest, wie wenig ich über ihn wusste. Dieses Erschrecken nahm ich zum Anlass, mich eingehender mit dem Thema zu beschäftigen und einen längeren Essay zum Thema zu schreiben. Dieser erschien unter dem Titel „Es ist besser, stehend zu sterben, als kniend zu leben! No pasarán!“ als schmales Bändchen in einer winzigen Auflage, die im Handumdrehen vergriffen war. Deshalb nahmen wir den Text in den dritten Band der „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“ auf, der „Zwischen Anarchismus und Populismus“ heißt und inzwischen ebenfalls vergriffen ist. Da der Verkauf der gedruckten tausend Exemplare acht Jahre dauerte, haben wir auf eine Nachauflage verzichtet. Man kann meinen Text aber noch im Netz finden: https://www.magazin-auswege.de/data/2016/10/Eisenberg_No_pasaran.pdf Ich hoffe, dass die Lektüre meines Textes immer noch der Mühe wert ist. Am Ende des Textes findet sich für jene, die sich eingehender mit dem Thema beschäftigen wollen, eine ausführliche Literaturliste.
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„Ich wurde in einem anderen Land geboren, in der Sowjetunion. Innerhalb von 20. Jahren hat sich alles geändert. 20 Jahre – das ist in der Geschichte nichts. Es ist nichts, nichts, nichts. Es kann alles so schnell gehen. Sie in Deutschland sollten wirklich wachsamer sein.“
(Marija Alchonina)
In der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung (Samstag/Sonntag 9./10. Mai 2026) bin ich auf ein ausführliches Interview mit Marija Aljochina gestoßen, deren Buch „Political Girl“ ich euch in Folge 133 der DHP dringend zur Lektüre empfohlen habe. Im jetzt erschienenen Interview warnt sie eindringlich davor, die Gefahr, die von Putins Russland ausgeht, zu unterschätzen und Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kampflos preiszugeben. „Es ist nicht notwendig, ein Land mit Panzern und Armee zu überfallen. Ich verstehe, dass sie Menschen in Deutschland nicht das Gefühl haben, in einem Krieg zu sein, denn sie hören keinen Luftalarm; Putins Krieg aber ist längst hier. Wann wacht ihr endlich auf?“ Ihr kommt es so vor, als wüssten wir gar nicht zu schätzen, was wir an der Demokratie haben, sonst müssten wri vehementer für sie eintreten. Pussy Riot, der Marija Aljochina angehört, hat gerade in Venedig vor dem russischen Pavillon bei der Kunst-Biennale von Venedig gegen die Teilnahme Russlands protestiert. Ihre Gesichter mit pinken Strickmasken bedeckt, skandierte Pussy Riot: „Blut ist russische Kunst“. Das wird ihnen in Russland Verurteilungen zu weiteren Jahren Straflager einbringen. Da die meisten Mitglieder der Gruppe inzwischen im Exil leben, können solche Verurteilungen ihnen erst mal nichts anhaben.
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Die Mauersegler rasen um den Häuserblock. Ich sehe ihrer wilden Jagd vom Balkon aus eine Weile zu und freue mich, dass sie da sind. Die liebestollen Tauben haben den Versuch, meinen Balkon zu erobern, aufgegeben und nisten irgendwo anders. Ich hoffe, sie haben ein angenehmes Quartier gefunden.
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„Wer die gegenwärtige Gesellschaft nicht mehr als Kapitalismus zu benennen wagt – und damit auf die Bezeichnung jener Mechanismen verzichtet, die Regierungen in die Ohnmacht einer Instanz versetzen, die über das Wetter herrscht –, muss riskieren, dass zynische Konzernherren, alle Mängel des Systems, die sie mitverschulden, der Regierung anlasten.“
(Oskar Negt: Warum SPD?)
Ich habe gestern Abend in auf 3sat die Mephisto-Aufführung vom Berliner Theatertreffen gesehen und fand die Thematik des Sich-Arrangierens mit autoritärer Herrschaft bedrückend aktuell. Das kommt ja alles wieder. Ich hätte mir früher nicht vorstellen können, dass so etwas zu unseren Lebzeiten noch einmal aktuell wird. Ich dachte, das hätten wir Deutschen hinter uns. Drei Stunden Klaus Mann haben mich ziemlich mitgenommen, und ich fand danach lange nicht in den Schlaf.
Nachdem sie die Hölle der Konzentrationslager überlebt hatten, zogen Max Becker, der aus Polen stammte, und sein Sohn Jurek nach Ostberlin. Als Jurek Becker seinen Vater später gelegentlich fragte, warum er als Jude nach dem Faschismus ausgerechnet nach Deutschland gegangen war, antwortete dieser mit einer Gegenfrage: „Haben die polnischen Antisemiten den Krieg verloren oder die Deutschen?“ Vater Becker schien davon überzeugt, dass Deutschland für Juden ein sicheres Land sei, denn die Deutschen hatten es hinter sich und hoffentlich die richtigen Schlüsse aus ihrer Niederlage gezogen. Über die DDR sagte der Vater: „Die Antisemiten würden dort so großartig gezwungen, sich zu verbergen, dass es sich ganz gut mit ihnen aushalten lasse.“
Der ungarisch-jüdische Schriftsteller Imre Kertész teilte diesen Optimismus nicht und notierte schon vor etlichen Jahren in sein Tagebuch: „Aus dem Sumpf des Unbewussten blubbert wie stinkende schweflige Lava der über viele Jahre im Zaum gehaltene Antisemitismus wieder hoch. … Meine Prophezeiung vor Jahrzehnten, dass die dritte Generation das Nazitum zurückbringen wird.“ So scheint es nun tatsächlich zu kommen und wir müssen alles tun, um das Schlimmste zu verhindern. Im aktuellen „Politbarometer“ des ZDF vom 8. Mai liegt zum ersten Mal die AfD mit 27 Prozent der Stimmen vor allen anderen Parteien. Die glorreiche SPD bringt es gerade mal noch auf 12 Prozent. Wer oder was sollte den weiteren Aufstieg der AfD aufhalten? Die Antwort der regierenden Parteien: Eine vernünftige Politik aus der bürgerlichen Mitte. Dann ran an die Bouletten! Was hält euch ab, diese Politik endlich zu machen? Wir Linken glauben zu wissen, dass es systemische Imperative des Kapitalismus sind, und es ist an euch, uns Lügen zu strafen und zu zeigen, dass es möglich ist, Kapitalismus und Demokratie zu versöhnen. Solange ihr den Nachweis nicht erbracht habt, halten wir daran fest, dass es, um wahrhafte Demokratie herzustellen, nötig ist, den Kapitalismus mit seiner Logik des Geldes und des Profits abzuschaffen und durch eine am Gebrauchswert und Maßstäben ökologischer Vernunft orientierte „Ökonomie des Glücks“ (Pierre Bourdieu) zu ersetzen.
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Als ich in den letzten Tagen von Putins Vorschlag hörte, den deutschen Altkanzler und Putin-Freund Schröder als Vermittler im Ukraine-Krieg einzusetzen, sprang meine Hirnantilope zu einer Parabel, die Alfred Kantorowicz eingangs seines Deutschen Tagebuches erzählt. Die Geschichte spielt irgendwann und irgendwo in China und geht abgekürzt so: Ein Bauer reitet aus seinem abgelegenen Dorf in die nächste Stadt, um etwas einzukaufen. Auf dem Rückweg sieht er zu seinem Entsetzen einen riesigen feuerspeienden Drachen, der ihn verschlingen will. Der Bauer reitet um sein Leben, und tatsächlich gelingt es ihm, zu entkommen. Nicht mehr weit von seinem Dorf entfernt, begegnet er dem Kind eines Nachbarn, das auf dem Weg zur Großmutter in der Stadt ist. Der Bauer warnt das Kind vor dem Drachen, der auf dem Weg zur Stadt lauere, und lässt es hinter sich aufsitzen, um ins Dorf zurückzureiten. Das Kind hinter ihm beginnt ihn neugierig nach dem Drachen auszufragen, ob er Feuer gespien, ob er riesige Drachenzähne und furchtbare Klauen gehabt habe? Als der Bauer alle Fragen beantwortet hatte, schwieg das Kind einen Moment. Dann sagte es mit süßer, einschmeichelnder Stimme: „Sieh dich doch mal um, sah er vielleicht so aus?“ Als der Bauer sich umwandte, da saß hinter ihm der Drache auf dem Pferd und drehte ihm mit seinen fürchterlichen Klauen den Hals um. Gerhard Schröder könnte zu diesem Kind werden. Kantorowicz hat diese Parabel übrigens vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit Russland und den Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg geschrieben. Sein „Spanisches Kriegstagebuch“ gehört zu den eindrücklichsten Texten zu diesem traurigen Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nachdem er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst in der DDR gelebt hatte, floh er nach der gewaltsamen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands nach Westdeutschland. Ein freiheitlicher Sozialist bliebt er sein Leben lang. Er starb 1979 in Hamburg. Sein zweibändiges „Deutsches Tagebuch“ ist eine spannende und lehrreiche Lektüre. Es ist 1978 im Berliner Verlag Klaus Guhl erschienen und antiquarisch noch zu bekommen.
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„Aber leider bin ich älter geworden, ich kann nicht mich selbst einholen – es ist mit der Wahrnehmung der Kindheit wie mit der Wahrnehmung einer schönen Gegend, wenn man rückwärts fährt, man wird auf das Schöne erst in dem Augenblick … aufmerksam, wo es zu verschwinden beginnt, und das einzige, was ich von jener glücklichen Zeit noch bewahrt habe, ist es, wie ein Kind zu weinen.“
(Søren Kierkegaard)
Gestern Abend sah ich auf Arte den Film „Close“ des belgischen Regisseurs Lukas Dhont, der 2022 in Cannes Premiere hatte. „Close“ hat als Adjektiv die Bedeutung „nah, eng zusammen“, als Verb heißt es soviel wie „schließen, zumachen“. Damit umschreibt der Filmtitel in seiner Doppelbedeutung den Inhalt ziemlich treffend. Es geht um zwei Jungen an der Schwelle zur Pubertät, die eine enge Freundschaft verbindet. Rémi und Léo verbringen ihre Tage miteinander, übernachten gemeinsam in den jeweiligen Elternhäusern. Rémi spielt Oboe und sie träumen sich gemeinsam in eine musikalische Zukunft. Sie genießen das rare Glück der Nichtsexualität, das eine alterslose Kindheit gewährt. Ihr auch körperliches Zusammensein ist insofern unschuldig, als es noch nicht sexualisiert ist. Sie schlafen im selben Bett, eng aneinander gekuschelt, ohne dass das sexuell überlagert und befrachtet wäre. Die beiden Jungen leben (noch) in einem Zustand der fließenden und neugierigen Unentschiedenheit. Alles ist noch in der Schwebe. All das ändert sieh mit dem Übertritt auf eine weiterführende Schule. Aus der ungerichteten und prinzipienlosen Lustsuche der Kindheit wird plötzlich erwachsene Sexualität. „König Sex“, wie Michel Foucault das genannt hat, besteigt den Thron, und es gibt plötzlich nichts Harmloses mehr. Im ersten Teil des Films bewegen sich die Jungen im Stadium der Sehnsucht, die in alle Richtungen gehen kann. Genau darin besteht sein großer Reiz. Das Unglück geschieht den beiden von außen. „Die Hölle“, das sind auch in diesem Fall die anderen, wie Sartre es in seinem Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“ ausgedrückt hat. Die Mitschülerinnen und Mitschüler, die ihre Nähe und Vertrautheit wahrnehmen, traktieren sie mit Fragen und tauchen sie in ein Klima des Verdachts: Seid ihr zusammen, seid ihr ein Paar, seid ihr womöglich schwul? Unter dem Druck dieser äußeren Zuschreibungen zerbricht das Glück der beiden. Léo distanziert sich und entscheidet sich, dem Verdacht der Homosexualität durch Zurschaustellen von Härte und Männlichkeit zu entgehen. Er setzt dem sanften Oboe-Spielen von Rémi das raue Eishockey entgegen. Ihre Wege trennen sich – und eines Tages fehlt Rémi in der Schule. Er hat sich das Leben genommen. Léo gibt sich die Schuld an seinem Tod. Er hat ihn „weggestoßen“ und in der Welt der anderen allein gelassen. In seiner wachsenden Verzweiflung wächst ihm von unerwarteter Seite Hilfe zu. Mehr soll hier nicht verraten werden, denn der Film ist bis zum 11. Juni noch in der Arte-Mediathek zu sehen. Der Film hat mich, der ich in den letzten Tagen ohnehin melancholisch gestimmt bin, zu Tränen gerührt. Der Film hat etwas in mir gelöst, und ich habe geweint, wie lange nicht mehr. Was es war, was mich so angerührt hat, vermag ich nicht genau zu sagen. Aber manches kann auch getrost unter den Bäumen meines inneren Dschungels verborgen bleiben. Man sollte dem Drang, alles ans Licht zu zerren, widerstehen.
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Unten auf der Straße ziehen scharenweise und grölend Vatertags-Idioten vorüber, wobei darunter auch Idiotinnen sind. Frau-Sein schützt vor gar nichts. Die dumpfen männerbündischen Gemeinschaften waren mir schon immer ein Gräuel. Selbst in meinen Handballzeiten habe ich versucht, mich davon fernzuhalten.
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Angelica Domröse ist tot. Sie starb im Alter von 85 Jahren. Wir haben sie durch den Film „Paul und Paula“ kennengelernt, in dem sie an der Seite von Winfried Glatzeder spielte. Ich glaube, wir waren damals alle ein klein wenig in sie verliebt. Bei der Gelegenheit lernten wir auch die Puhdys kennen, die den melancholischen Soundtrack zum Film beisteuerten.
Fast zeitgleich starb letzten Sonntag, dem 10. Mai 2026, im Alter von 83 Jahren der Schauspieler Günther Maria Halmer, den wir aus endlos vielen Filmen kannten. Zuletzt kehrte er noch einmal auf die Bühne zurück und spielte im Residenztheater den „Brandner Kaspar“ im gleichnamigen Stück von Franz Xaver Kroetz. Er war ein sperriger Typ mit einem markanten Gesicht. Auch ihn habe ich geschätzt und gemocht.
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„We are all waves of the same sea“
(Mark Tobey)
Schon anlässlich der Pegida-Aufmärsche in Dresden war mir aufgefallen, dass der Fremdenhass da am stärksten ist, wo es kaum Fremde gibt. Ich habe dieses auf den ersten Blick seltsame Phänomen in Anlehnung an einen Begriff von Imre Kertész „platonischen Ausländerhass“ genannt, ein Hass, der sein Objekt nicht kennt, sondern phantasiert und erfindet. Wie auch die wenigsten Antisemiten Juden kannten und kennen. Sartre wurde nicht müde zu betonen, dass der Schlüssel zum Verständnis des Antisemitismus der Antisemit ist, nicht der Jude. „Die Erfahrung ist also weit davon entfernt, den Begriff des Juden hervorzubringen, vielmehr ist es dieser, der die Erfahrung beleuchtet; existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden“, heiß es in den „Überlegungen zur Judenfrage“. Für die meisten Antisemiten ist „der Jude“ ein unbekanntes Objekt, die Aversionen gegen ihn beruhen auf bloßem Hörensagen oder entstehen im luftleeren Raum. Der Judenhass ist ein Glaube, der für Argumente und Erfahrungen unzugänglich ist. Er leitet seine Begründung von der Vorstellung ab, die der Antisemit von Juden hat. „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“, heißt es in Adornos „Minima Moralia“.
In der Süddeutschen Zeitung vom 15. Mai 2026 findet sich ein großer Artikel über einen Münchner Stadtteil, in dem der sogenannte Ausländeranteil vergleichsweise hoch ist und das Zusammenleben im Großen und Ganzen gut funktioniert. Die AfD, die in vielen Teilen des Landes Stimmenrekorde erzielt, hat im Münchner Westend keine Chance. Bei der Stadtratswahl erhielt sie 4,1 Prozent der Stimmen. Woran liegt das? Weil man sich kennt und zusammenlebt, miteinander arbeitet, Wäsche aufhängt, Sport treibt, kocht und feiert. Und vor allem miteinander redet. Die Autorin des Artikels betont, dass die Architektur dieses Zusammenleben begünstigt. Der ehemalige Pfarrer des Viertels erklärt: „Es gibt Architektur, die Menschen separiert, und es gibt Architektur, die zusammenführt.“ Die Wohnblöcke in dem alten Arbeiterviertel sind um große Innenhöfe gruppiert, auf denen man sich begegnet und ins Gespräch kommt. Das ist einem gedeihlichen Miteinander förderlich. Arschlöcher gibt es natürlich auch hier. Das Arschlochtum ist universell und international. Es gibt neben Menschen aus Uganda, Sierra Leone, Jordanien, der Ukraine, Tansania und Deutschland eben auch ein paar Deppen und Rassisten. Damit muss man klarkommen und kommt man auch klar, wenn das soziale Immunsystem des jeweiligen Stadtteils intakt ist und richtige Menschen den Ton angeben.
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Zwei junge Frauen schlendern durch die Plockstraße, die Gießener Amüsiermeile, auf der Suche nach einem Platz, an dem sie sich niederlassen wollen. Nach einigen suchenden Blicken entscheiden sie sich für die hässlichste Möglichkeit, ein Sofa aus Plastik, das vor einem dieser nervösen Cafés auf dem Gehsteig steht. „Das ist doch mega!“, befindet die eine und zieht ihre Freundin hinter sich her.
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Gestern Abend zappte ich auf meiner Suche nach einem alten Film mit Manfred Krug durch die Kanäle und landete auf dem Weg dorthin auch beim ESC. Es scheint dort nur Taylor Swift-Klone und KI-generierte Musik zu geben. Die Sängerinnen treten alle in Badeanzügen auf und sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Die im Vorfeld hoch gehandelte deutsche Teilnehmerin landete auf dem drittletzten Platz, den Deutschland inzwischen in beinahe allen, auch in wichtigeren, Belangen einnimmt. Als Kulturstaatsminister Weimer sie vor der Veranstaltung in den höchsten Tönen lobte, schwante mir schon nichts Gutes. Er war zu ihrer Unterstützung eigens nach Wien gereist. Genutzt hat es nichts. Spät abends sah ich Julian Nagelsmann im Aktuellen Sportstudio. Ich fürchte, ihm und seiner Mannschaft wird es bei der bevorstehenden Fußball-WM ähnlich ergehen, wie Sarah Engels beim ESC. Dass Frau Engels überhaupt am Finale teilnehmen durfte, verdankte sie dem Umstand, dass Deutschland, weil es einer der größten Geldgeber der Veranstaltung ist, gesetzt ist. Vielleicht läuft das bei der FIFA inzwischen ähnlich, wer weiß.
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