141 | Sozialstaat und Demokratie

„Der demokratische und soziale Rechtsstaat ist das Fundament der Verfassung, was immer die einzelnen Menschen in diesem Gesellschaftssystem für individuelle Lebensrisiken tragen mögen; Angstfreiheit, was die eigenen Lebensverhältnisse betrifft, ist ein wesentliches Element der Überlebensfähigkeit demokratischer Gesellschaftsordnungen. Gerade die Demokratie sollte sich um das Wohl und Wehe des Einzelnen in besonderer Weise kümmern und Verantwortungen der Gesellschaft nicht auf den vereinzelten einzelnen verlagern.“

(Oskar Negt: Wozu noch Gewerkschaften?)

Dem in der Ostsee vor der Insel Poel gestrandeten Buckelwal geht es unverändert schlecht. Experten halten die Erfolgsaussichten für eine Rettung des Wals inzwischen für „sehr gering“. Der Wal ist in den letzten Wochen zu mehr geworden als einem gewöhnlichen Wal. Er ist ein Symbol. Wenn er stirbt, stirbt mehr als ein Wal. Das Leiden des Wals könnte für die Menschheit werden, was das geschundene Pferd für Friedrich Nietzsche wurde. Als er am 3. Januar 1889 in Turin aus dem Haus trat, fiel sein Blick auf einen brutalen Droschkenkutscher, der sein Pferd grob misshandelte. Unter Tränen warf sich Nietzsche, der Mitleidsverächter, dem Tier um den Hals und sei, so heißt es,  danach nicht mehr ansprechbar gewesen. Ein unerwartetes schockartiges Ereignis unterbricht den üblichen Lauf der Dinge und lässt einen Menschen aus seiner gewohnten Ordnung fallen. Wohin fällt einer dann, wenn er Gott für tot erklärt hat und keine religiösen Gewissheiten ihn auffangen? Auch in der Ostsee soll eine Frau von einer Fähre gesprungen sein, um dem notleidenden Wal zu Hilfe zu kommen. Wenn es eine einzelne Person macht, grenzt es an Wahnsinn, wenn wir es alle täten, wäre es ein Akt ökologischer Vernunft.

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„Die Wüste wächst.“

(Friedrich Nietzsche)

In den letzten Jahren bestätigt sich eine alte Erfahrung: In Krisenzeiten stirbt die Vernunft. Krisen sind sozialpathologische Situationen, in denen lebensgeschichtlich erworbene Stabilitätsfaktoren dramatisch versagen und Unsicherheit und Desorientierung grassieren. Massenhaft flackert etwas von der Panik auf, die den Bauern befiel, als er den Kirchturm seines Dorfes nicht mehr sehen konnte. In Folge 139 der DHP habe ich davon noch einmal berichtet. Die gewohnten Deutungsmuster versagen und man kann sich keinen Reim auf das machen, was einem zustößt. Massen von Menschen fallen aus ihrer gewohnten Ordnung der Dinge, eingespielte innere Gleichgewichtszustände geraten aus dem Lot. In seiner Not greift man zu jedem Strohhalm, der einem hingehalten wird und Entlastung verspricht. In einer Situation, in der Differenzierungsvermögen und Ambivalenztoleranz gefordert wären, wächst das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen und übersichtlichen Freund-Feind-Verhältnissen. Demokratie hat eine relative Angstfreiheit zur Voraussetzung, die reife Ich-Funktionen wie  Symbolisierungs- und Sublimierungsfähigkeit, Frustrationstoleranz, Geduld und Langsicht stützt und gedeihen lässt. Steigt der Angst- und Panikpegel über einen gewissen Stand, flammen archaische Spaltungsneigungen wieder auf und es setzt eine kollektive Regression auf einfachere Mechanismen der psychischen Regulation ein. Rechte und andere Rattenfänger haben einfaches Spiel. Demokratie ist also auf Angstfreiheit angewiesen, und diese wiederum braucht einen funktionierenden Sozialstaat, der Existenzängste von den Menschen nimmt. In gewissen Abständen erinnere ich an diese sozialpsychologische Grundregel, um klarzumachen, was auf dem Spiel steht, wenn eine Gesellschaft es zulässt, dass der Sozialstaat demontiert wird und Angst und Unsicherheit grassieren. Es wäre also existenziell wichtig, dass wir uns fragen: Wie viel Angst verträgt die Demokratie? Ein hoher Angstpegel und Demokratie sind auf Dauer unvereinbar. In der Bewirtschaftung und Indienstnahme der Angst sind die Rechten von je her Experten.

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Gestern sind U und ich ins „Hinterland“ gefahren, um einen im Entstehen begriffenen Pflegebauernhof zu besuchen. Es war ein strahlender Frühlingstag, weiße Wolken zogen durch einen tiefblauen Himmel, die Sonne wärmte angenehm. Ein Tag, wie geschaffen für einen Ausflug ins „Hinterland“. U war bei einer Recherche im Internet auf dieses Projekt gestoßen und überlegt, sich dort ehrenamtlich zu engagieren. „Hinterland“ ist kein anderes Wort für „Am Arsch der Welt“, sondern die geographische Bezeichnung eines Landstrichs zwischen Marburg und Biedenkopf. Mir ist der Begriff geläufig, seit ich mich intensiver mit dem „Postraub in der Subach“ beschäftigt habe. Die Posträuber stammten allesamt aus dem „Hinterland“, aus Ortschaften rund um Gladenbach. U hatte für den frühen Nachmittag einen Termin mit der Betreiberin des Pflegebauernhof „Hof Schönwasser“ in Diedenshausen vereinbart. Dort wurden wir, als wir eintrafen, von der Frau auch bereits auf dem großen Innenhof erwartet und freundlich empfangen. Nachdem sie ihren Töchtern Instruktionen für den Verlauf des Nachmittags gegeben und sie ermahnt hatte, ihre Hausaufgaben nicht zu vergessen, wandte sie sich uns zu. Sie erzählte von der Entstehungsgeschichte des Projekts und was ihre Pläne für die Zukunft sind. Sie möchte aus einem der ältesten Höfe des Ortes, den sie vor gut einem Jahr kaufen konnte, einen Pflegebauernhof für 24 Bewohner machen. Dafür muss der Hof gründlich umgebaut werden. Das Dach soll angehoben werden, um Platz für ein weiteres Stockwerk und weitere Zimmer zu schaffen. Aber die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner sollen auch Gelegenheit erhalten, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten handwerklich und gärtnerisch zu betätigen. Dabei soll die Versorgung von Tieren – gedacht ist an Schafe, Ziegen und Hasen – eine besondere Rolle spielen. Auf dem Weg zur bezugsfertigen Einrichtung waren und sind eine Unmenge bürokratische Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Wir wünschten ihr für den Endspurt viel Glück und Erfolg. Wenn irdische Instanzen und Behörden sie gelegentlich an den Rand der Verzweiflung und in den Wahnsinn treiben, helfen ihr und ihrer Familie der unerschütterliche Glaube an göttlichen Beistand. Den werden sie auf dem weiteren Weg auch dringend benötigen. Wir bewunderten die Tatkraft und den Mut der noch relativ jungen Frau und sind froh, dass es Menschen wie diese Familie gibt, ohne die es um Welt und Gesellschaft noch schlimmer stünde. Im September soll der Pflegebetrieb aufgenommen werden, vielleicht klinken wir uns da auf irgendeine Weise ein. Rund um die Eröffnung soll es ein großes Hoffest geben, das wir unbedingt besuchen wollen.

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„Die Menschengeschichte ist zuallererst und bis auf den heutigen Tag eine Geschichte der Gewalt, erst dann eine Geschichte der Einschränkung der Gewalt.“

(Nicolas Born)

Chronik der Gewalt. In der Türkei ist es innerhalb weniger Tage zu zwei Schulschießereien gekommen. Ein 13- oder 14-jähriger Schüler hat am Mittwoch, dem 15. April 2026 in einer Schule in Kahramanmaras, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Süden des Landes, wahllos um sich geschossen – und sich nach der Tat selbst getötet. Acht Schüler und ein Lehrer seien gestorben, teilte der türkische Innenminister mit. Zudem seien 13 Menschen verletzt worden. Am Dienstag zuvor hatte ein junger Mann an seiner ehemaligen Schule in der südöstlichen Provinz Sanliurfa mit einer Schusswaffe 16 Menschen verletzt und anschließend Suizid begangen. Bei den Verletzten handelte es sich nach Angaben des Innenministeriums um zehn Schüler, vier Lehrer, einen Polizisten und einen Kantinenmitarbeiter. Ein Amoklauf zieht andere nach sich. Tatgeneigte Menschen lassen sich durch ein „gelungenes“ Beispiel in ihrer Umgebung animieren, nun ihrerseits zur Tat zu schreiten. Zumindest im kratologischen Feld ist die Türkei damit auf dem Niveau der Europäischen Union angelangt. Die USA sind hier einsamer Spitzenreiter. Paul Auster und sein Schwiegersohn Spencer Ostrander haben gemeinsam ein Buch zu diesem traurigen Thema herausgebracht: „Bloodbath Nation“ heißt es und ist 2024 bei Rowohlt auf Deutsch erschienen.

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„Schön zu sehen, was ich alles nicht benötige.“

(Diogenes von Sinope)

Gestern saß die Bestsellerautorin Caroline Wahl in der Sendung „Nachtcafè“, die vom SWR ausgestrahlt wird und in der es gestern um das Thema „Erfolg“ und „Berühmtheit“ ging. Die Bücher von Frau Wahl liegen in den Buchhandlungen stapelweise gleich im Eingangsbereich neben denen von Sebastian Fitzek. Man kann sagen, dass sie einen Bestseller nach dem anderen raushaut und die jungen Leute sich um ihre Bücher reißen. Gefragt nach dem Motiv ihres Schreibens, macht sie keinen Hehl daraus, dass es ihr ums Geldverdienen und ums Erzielen von „Distinktionsgewinn“ (Bourdieu) geht, was soviel heißt wie soziales Prestige. An dieser Stelle wurde ein Foto eingeblendet, das sie neben einem nagelneuen Mercedes-Cabrio zeigt. „Da einzusteigen und mit offenem Verdeck und lauter Musik ans Meer zu fahren, ist für mich ein voll geiles Gefühl“, sagte sie sinngemäß und ungefähr mit diesen Worten. Außerdem demonstriere es, dass man mit Schreiben Erfolg haben könne. Mehr gibt es zu solcherart Literatur und solchen Schriftstellerinnen nicht zu sagen. Caroline Wahl hat ein Gesicht wie eine vergilbte Badezimmerfliese, und das, was ich von ihr gelesen und gehört habe, ist auch danach. Allen, die jetzt aufheulen, sei noch ein Sartre-Satz nachgereicht: Ab einem gewissen Alter ist jeder für sein Gesicht verantwortlich.

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Ich versuche, in der „taz“ einen als Essay angekündigte Artikel über den Ausgang der Wahl in Ungarn zu lesen. In der deutschsprachigen Linken, behauptet die Autorin Natascha Strobl, herrsche die Meinung vor, in Ungarn sei eine rechte Partei von einer anderen abgelöst worden, es gebe also nichts zu feiern. Das zeuge von einer bemerkenswerten Ignoranz. „Denn wer sich über Jahre mit Ungarn beschäftigt hat, weiß um die Enormität der Ereignisse“, lese ich gleich im ersten Absatz. Ich stutze beim Lesen des Wortes „Enormität“, das ich noch nie gehört habe. Im nächsten Satz heißt es: „Ungarn ist in den vergangenen 16 Jahren zum Versuchslabor eines autoritären, nationalistischen Projekts mit faschistischen Abgleitflächen geworden.“ Was zum Teuel ist eine „faschistische Abgleitfläche“, frage ich mich und stelle sie mir als eine Art politische Teflonpfanne vor, aus der der Faschismus wie ein ausgebackener Pfannkuchen herausgleitet. Ich stelle die weitere Lektüre des Artikels ein. Bei der Internetrecherche finde ich heraus, dass Natascha Strobl eine österreichische Politikwissenschaftlerin ist und als Expertin für Rechtsextremismus gilt. Das mag ja sein, aber die Sprache geht mir auf die Nerven, und das Leben ist zu kurz, um es mit der Lektüre derart verquaster Texte zu vergeuden.

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Die Vogelwelt spielt verrückt. In der Fußgängerzone plustern sich Täuberiche auf, um Tauben zu beeindrucken. Gurrend stolzieren sie um sie herum. Die Tauben zeigen sich meist unbeeindruckt von dem albernen Gehabe. Im Botanischen Garten bedrängt eine männliche Amsel eine Amseldame, der die Annäherungsversuche unangenehm sind. Sie fliegt davon und lässt ihn sitzen. Er lässt nicht locker und fliegt ihr nach. Wie die Sache ausgeht, bekomme ich nicht mehr mit. Wie jedes Frühjahr muss ich auch dieses Jahr meinen Balkon gegen Tauben verteidigen, die dort ein Nest bauen wollen. Manchmal sind sie sehr hartnäckig sehen es nicht ein, dass das mein Territorium ist. Das morgendliche Konzert der Vögel ist deutlich leiser als früher. Wir sind mit großen Schritten auf dem Weg in einen „stummen Frühling“, vor dem Rachel Carson bereits 1962 gewarnt hat. Eine Welt ohne Singvögel kann ich mir nicht vorstellen und ich möchte in einer solchen Welt nicht leben.

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„Ich setze mich in die Küche und lese Zeitung oder fülle das Futterhäuschen für die Eichhörnchen wieder auf. Ich bin Rentner. Ich warte auf den Tod oder auf die Rückkehr meiner Frau  – wer immer zuerst kommt.“

(Richard Ford)

Manchmal, wenn ich über mein Rentner-Sein nachdenke, springt meine Hirnantilope zu einem  Kollegen aus dem Gefängnis. Er war der Oberste der uniformierten Kolleginnen und Kollegen und wegen seiner Aggressivität und Bösartigkeit gefürchtet. Verschiedentlich habe ich Kollegen und vor allem Kolleginnen völlig verstört und weinend aus seinem Büro herauskommen sehen. Er hatte sie nach Strich und Faden zur Sau gemacht, was ihm offensichtlich Vergnügen bereitete. Er stand ständig unter Strom und hatte häufig einen knallroten Kopf. Der Zorn ließ seine Adern an Hals und Kopf anschwellen und hervortreten. Er war wegen seiner cholerischen Zustände bei Gefangenen und Bediensteten gleichermaßen gefürchtet. Auch ich musste gelegentlich bei ihm antreten und mich wegen irgendetwas rechtfertigen. Ich war im Knast „der kommunistische Doktor“ und lebte in einem ständigen Klima des Verdachts. Er, der Oberbeamte, belauerte mich, konnte mich aber auf eine verquere Weise auch leiden. Dann ging er in Pension. Ein Jahr später wurde für seine Beerdigung gesammelt. Hinter vorgehaltener Hand wurde kolportiert, er habe sich im Garten seines Hauses erschossen. Nachdem er keine Gelegenheit mehr hatte, seine Bösartigkeit und Aggressivität im Beruf auszuagieren, war er auf ihnen sitzengeblieben. Seiner Aggressivität war das Ziel entzogen. Sie war ins Private ausgeschlagen und hatte die familiären Beziehungen vergiftet. Da er nicht zum Mörder werden wollte, richtete er seine Waffe gegen sich selbst.

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„Grausamkeit ist die Rache des verletzten Stolzes.“

(Friedrich Nietzsche)

Chronik der Gewalt. Im US-Bundesstaat Louisiana hat ein Mann acht Kinder erschossen. Sieben der getöteten Kinder waren seine eigenen. Das jüngste der Kinder war drei Jahre alt. Er wurde später bei einer Verfolgungsjagd von der Polizei erschossen. Über die Motive des Mannes ist bisher nichts bekannt. Aus der Kriminologie weiß man, dass solche „Familienauslöschungen“ häufig die männliche Reaktion auf eine Trennung oder Trennungsabsicht der Ehefrau darstellen. Es ist eine sich entgrenzende männliche Kränkungsaggression.

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„Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kennte er mich.“

(Robert Walser)

Eines Tages stieß Federico Fellini in einer Jackentasche auf einen Zettel mit einer Telefonnummer. Er nahm an oder hoffte, dass es sich um die Nummer einer schönen Frau handele, die ihn kennenlernen wollte. Als er die Nummer wählte, meldete sich ein Psychiater aus Rom. So begann eine gemeinsame Arbeit an Fellinis Träumen, die ihm aus einer schweren Schaffenskrise heraushalf und für sein weiteres filmisch-künstlerisches Schaffen von enormer Wichtigkeit wurde. Der Psychiater hieß Ernst Bernhard und war einst vor den Nazis geflohen. Er stand in der Tradition von C.G. Jung und dessen Traumanalyse, die in Träumen mehr sah als klinisches Material, das es für die Therapie nutzbar zu machen galt. Träume besaßen für ihn ein Eigenleben, das es zu respektieren und behutsam zu behandeln galt. Manche Filme Fellinis sind solche Träume.

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„Unsereinem ist jede Strafwut, auf amerikanisch ‚punitiveness‘, ekelhaft.“

(Theodor W. Adorno: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute)

Ständig sehe ich in den Nachrichten, wie Innenminister Alexander Dobrinth irgendwelche Erfolgsmeldungen verkündet: Die Kriminalität ist um 5,6 Prozent gesunken, es ist uns gelungen, 17 kriminelle Afghanen und 73 Syrer abzuschieben und die Zahl der Asylanträge drastisch zu reduzieren. Er brüstet sich permanent mit solchen Zahlen und Erfolgsmeldungen. Repression als Gütesiegel. Das allein ist schon abstoßend. Er versucht, der AfD das Wasser abzugraben, indem er ihre Positionen übernimmt und AfD-Politik betreibt, was er hinter einer scharfen Anti-AfD-Rhetorik zu verbergen trachtet. Was an Dobrinth imponiert, ist sein ständiges sardonisches Grinsen. Das zeugt von unterdrückten Aggressionen und mühsam zurückgehaltener Wut. Dobrinth ist das, was man in Wien einen „falschen Hund“ nennt. Man kann ihm nicht trauen.

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„Mission heißt Schickung, die eine Mission haben, sind solche, die geschickt werden. Ich kann zum Beispiel nicht sagen: Ich habe die Mission, mir ein Stück Brot zu holen. Die Arbeiter sollten alle, von denen sie nach etwas ausgeschickt werden, mit besonderem Misstrauen betrachten.“

(Bertolt Brecht: Me-ti – Buch der Wendungen)

Auch an Tag 23 gehen die Bemühungen um den gestrandeten Buckelwal in der Ostsee weiter.  Seine Lage scheint unverändert. Der Wal bleibt stur auf seiner Sandbank liegen. Als hätte er eine Mission zu erfüllen. „Mission“ kommt vom Lateinischen „mittere“, und das heißt schicken. Aber: Wer hat ihn geschickt und mit welcher Botschaft?

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Gestern sah ich auf Arte noch einmal eine mehrteilige Dokumentation über das sowjetische Lagersystem, den „Gulag“. Die Schriftstellerin und Putin-Kritikerin Ljudmila Ulizkaja sagte zum Umgang der Sowjetunion mit dem Gulag: „Alle wissen Bescheid, aber niemand weiß etwas.“ Das könnte man auch vom Nachkriegsdeutschland und seinen Umgang mit der Nazi-Zeit sagen. Die Filme haben mich noch einmal mitgenommen und erschüttert. Millionen von Menschen wurden im Namen des Sozialismus geschunden und ermordet. Die Arte-Mediathek hält die dreiteilige Dokumentation und den anschließenden Film über Alexander Solschenizyn präsent. Der Soundtrack der Dokumentation, wenn man das so nennen kann, ist das Rattern von Eisenbahnzügen über endlose Gleise. Das ist das Geräusch des Totalitarismus des 20. Jahrhunderts: Waggons voller Häftlinge rollen in Richtung der Lager. Menschen werden millionenfach deportiert und „umgesiedelt“, der Vernichtung anheimgegeben. Adorno erblickte in den Umsiedlungen, die Hitler vornahm, die Vorwegnahme der vollkommenen Fungibilität, die der späte Kapitalismus allen Menschen abverlangt. Jeder könne an jede Stelle gestellt werden, „wie eine Schraube, die man von einer Stelle an die andere versetzen kann“. Insofern war der Faschismus hochmodern und ein Wegbereiter der Zwangsflexibilisierung. Aufgegeben wurde das System des Gulag in der Sowjetunion übrigens nicht deswegen, weil es unmenschlich, sondern weil es ineffizient war. Freiwillige Knechtschaft ist produktiver als erzwungene. Man wird von einem Lagerhäftling keinen Enthusiasmus für die Sache des Sozialismus und das Bedürfnis, sich für ihn zu verausgaben, erwarten können. Er beugt sich der Gewalt und tut, was er tun muss, um zu überleben. Die Umstände des Todes von Alexei Nawalny haben gezeigt, dass das System der Straflager bis auf den heutigen Tag fortbesteht. Die Nachfahren der Henker von einst regieren das Land, und die Grundsätze des Strafsystems im heutigen Russland unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der ehemaligen Sowjetunion: Es gibt Verhaftungen aus weit hergeholten Gründen, nächtliche Durchsuchungen, überfüllte und stickige Haftzellen, Folter, unfaire Verfahren ohne das Widerspiel von Anklage und Verteidigung und Verurteilungen ohne Rücksicht auf die Unschuld der Verurteilten, nach Maßgabe politischer Vorgaben.

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„Nur keine Nachlässigkeit in den kleinen Dingen.“

(Samuel Beckett: Warten auf Godot)

Gestern kamen mir im Park zwei junge Frauen entgegen, die in ein Gespräch vertieft waren. Als sie nur noch wenige Schritte entfernt waren, sagte die eine: „ … das ist mir lieber als so eine verbiegte Harmonie.“ Ich konnte nicht an mich halten und sagte in ihre Richtung: „Das heißt verbogene Harmonie. Verbiegen ist ein starkes Verb, das im Präteritum den Vokal wechselt.“ Die beiden sahen sich an und lachten über die Intervention eines Fremden. Das heißt, sie nahmen sie mir nicht übel.  Manchmal überkommt es mich einfach und ich kann der Verhunzung der Sprache nicht tatenlos beiwohnen.

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Ein Begleitphänomen der gestiegenen Benzin- und Dieselpreise besteht darin, dass es vermehrt zu Treibstoffdiebstählen auf Parkplätzen kommt. Die Tankdeckel werden aufgebrochen und das Benzin mit einem Schlauch abgesaugt. Mühsam, aber in Summe lohnend, wie ich in einem Bericht des Bayrischen Rundfunks erfuhr. Der Schaden, der durch das gewaltsame Aufbrechen des Decksl entsteht, übersteigt den Verlust des Benzins meist um ein Vielfaches. Ökonomische Engpässe lassen neu Straftaten, die zuvor eher selten vorkamen, treibhausmäßig gedeihen.

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Ein mit Lederjacke bekleideter und mit Goldketten behängter Typ führt seinen Kampfhund aus. Der kann nicht bis zum Park warten und kackt beim Rechtsanwalt vor die Tür. Der Typ sieht keine Veranlassung, den veritablen Scheißhaufen zu beseitigen. Er wird sich doch nicht nach Scheiße bücken, das können andere übernehmen! Er lobt den Hund und zieht mit ihm weiter die Straße hinunter.

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„Wie ich im dritten Brief hervorhebe, kann es schwierig sein, sich aus seiner Kindheit herauszureißen. Wunden bestehen fort, und sind generationsübergreifend.“

(Siri Hustvedt: Ghost Stories)

Seit meiner Kindheit habe ich den Geruch einer schwarzen Zugsalbe in der Nase, die mein Vater auf die Furunkel strich, von denen ich jahrelang geplagt wurde. „Ichtholan“ hieß diese Salbe und roch streng nach Teer. Ich bin ihrem Geruch später im Gefängnis wieder begegnet, als ein Gefangener, mit dem ich zu tun hatte, damit behandelt wurde. Nach dem frühen Tod meiner Mutter wurde ich krank. Ich brütete über der Abwesenheit, die mir niemand und nichts vertreiben konnte. Da war eine große, undurchdringliche Leere. Da mein Vater den Tod der Mutter vor mir verbergen wollte, um mir, wie er sagte „etwas zu ersparen“, hatte ich keine Gelegenheit, meine Gefühle zu artikulieren. Sie blieben sprachlos und stumm, in meinen Körper eingeschlossen. War ich schon zu Lebzeiten der Mutter ein wenig pummelig, wurde ich nun dick und umgab mich mit einer Schicht aus traurigem Fett, die der körperliche Ausdruck meiner inneren Leere und Konturenlosigkeit war. Auch ich musste eines Tages in die Schule und ich reagierte auf diesen Realitätseinbruch in mein Leben mit Erbrechen und nicht enden wollender Übelkeit. Man flößte mir Kümmeltee ein und nahm mir den Blinddarm heraus. In der Folge erkrankte ich an einer Gelbsucht und musste lange Knäckebrot, Zwieback und Magerquark essen. Jahrelang hatte ich erhöhte Temperatur, für die sich trotz eifrigen ärztlichen Bemühens eine organische Ursache nicht finden ließ. Die unterdrückte Wut und Trauer über den Tod der Mutter verwandelte sich in Eiter, der aus riesigen, fünfmarkstückgroßen Furunkeln aus mir herausquoll. Über Jahre wurde ich von diesen Eiterbeulen gequält. Kaum war eine abgeheilt, entstand an einer anderen Stelle eine andere. Mein Vater verarztete diese Eiterbeulen, indem er Pflaster mit dieser Salbe bestrich und wartete, bis das jeweilige Furunkel „reif“ war und ausgedrückt werden konnte. Das war eine äußerst schmerzhafte Prozedur, die mehrmals wiederholt werden musste. Ein andermal erlebte ich einen in einem abgedunkelten Raum sitzenden, weißgekleideten Mann, mit einer Art Grubenlampe um den Kopf geschnallt, der mir im Rachen herumschnitt. Man kappte mir die Mandeln, ein Eingriff, der bis heute mein Verhältnis zu Ärzten überschattet. Ich spucke Unmengen von Blut in eine Nierenschale. Ärztliche Hilfeleistung erlebte ich als eine Form von Körperverletzung und Strafe für mein In-der-Welt-Sein. Irgendetwas stimmte offenbar nicht mit mir.

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„Das Mittagsmahl und besonders die bei einem Glase Bier und einem Butterbrot verplauderte letzte Abendstunde ist mir immer ein Fest und ich nähre keinen anderen Wunsch mehr, als den natürlichen, der in allen Verhältnissen übrig bleibt, dass es bleiben möge, wie es ist!“

(Friedrich Hebbel: Tagebuchaufzeichnungen 1854)

Gestern Abend sah ich auf Arte den Film „Grump – Auf der Suche nach dem Escort“, der von Mika Kaurismäki stammt, dem Bruder von Aki Kaurismäki, dem wir so viele sagenhaft gute Filme verdanken. Im Gefängnis habe ich mit Gefangenen zahlreiche Kaurismäki-Filme geschaut, viele von ihnen sind echte Kaurismäki-Fans geworden. Jetzt aber zum Film des Bruders Mika. Grump hat seinen weinroten 72er Ford-Escort zu Klump gefahren und sucht einen Ersatz. Sein Bruder Tarmo, der in Deutschland lebt, hilft ihm dabei. Die beiden Brüder haben sich auseinandergelebt und müssen sich erst mühsam wieder aneinander gewöhnen. Meine Lieblingsszene ist folgende: Tarmo, in dessen Wohnmobil die beiden hausen, bereitet einen Mate-Tee zu. Grump kennt so etwas nicht und möchte lieber seinen gewohnten Kaffee. „Man muss auch mal etwas Neues ausprobieren“, sagt Tarmo. „Ich mag eben Sachen, die ich schon kenne“, erwidert Gump. Dieser kleine Dialog zwischen den Brüdern erschließt uns das Wesen heutiger Kulturkämpfe. Es geht um den Einbruch des Unvertrauten ins Reich des Vertrauten und den verzweifelten Versuch, das Reich des Vertrauten gegen diesen Einbruch zu verteidigen und vor ihm abzuschirmen. Angesichts des rasanten Tempos des gesellschaftlichen Wandels und des expansionistischen Drangs des Kapitals gewinnt das Bedürfnis nach Nichtveränderung eine beinahe revolutionäre Qualität. Die kapitalistische Wirtschaftsweise basiert auf unablässigem Wachstum und kann ohne dieses nicht existieren. Dem verbreiteten Wunsch nach stationären Zuständen und Nicht-Veränderung wohnt aus diesem Grund etwas Widerständiges, ja Revolutionäres inne.

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„Ich warte sowieso schon auf die nächste Romantische Bewegung, eine starke Opposition gegen die digitale Tyrannei und ihre verborgenen Algorithmen. Anzeichen sehe ich hier und da, aber keinen Massenaufstand von Jugendlichen für die Erneuerung einer Welt, die jetzt in Followerzahlen gemessen wird. Natürlich erinnern sich die Jungen nicht an die Künstlerwelten, die Paul und ich früher kannten.“

(Siri Hustvedt: Ghost Stories)

Ich habe gestern einen größeren Spaziergang rund um die „Dicke Eiche“ bei Waldgirmes unternommen, die leider nicht mehr steht, sondern wie ein gestrandete Wal am Wegesrand liegt und langsam verrottet. Ich kenne den mächtigen Baum noch stehend, wenn auch bereits von Drahtseilen gehalten. Ich freute mich am Wiesenschaumkraut und den Butterblumen, die gelb aus den Wiesen leuchteten. Schetterlinge taumelten durch die Luft und Hummeln brummten. Ein paar Motorsegler zerrissen die Stille, bevor sie eine gewisse Höhe erreicht hatten und in den Segelflug übergingen. Dann glitten sie lautlos durch den blauen Himmel. Ich pflückte Blätter der Knoblauchsrauke und aß sie. Ich war erstaunt, wie unterschiedlich kräftig die Blätter schmecken. Manche sind fad und schmecken nur schwach nach Knoblauch, andere sind beinahe scharf und haben einen kräftigen Knoblauchgeschmack. Ich kaue diese Blätter gern – wie Indios Kokablätter. Berauschend wirkt die Knoblauchsrauke aber leider nicht. Aus einem Baumstumpf ragte ein Stück  Holz heraus, das ich von weitem für einen Raubvogel hielt. Erst als ich näher kam, entdeckte ich meinen Irrtum. In einer Wiese standen ganze Büschel wilden Schnittlauchs, von dem ich mir eine Handvoll abschnitt, um mir damit einen Quark zuzubereiten. Irgendwann setzte ich mich auf eine Bank und las in Siri Hustvedts Buch „Ghost Stories“ weiter. Durch Bemerkungen zum Handygebrauch angeregt, dachte ich an die traurigen, bereits erloschenen  Augen vieler heutiger Kinder, die ich hinter ihren Eltern hertrotten sehe, die mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Einsamkeit und Gleichgültigkeit machen ihre frühen Erfahrungen mit aus. Ihre Neugier wird nicht gefördert und schlägt zeitig in Indolenz um. Aus aufgeweckten Kindern werden blöde, stumpfsinnige Erwachsene. Die alte Goethesche Frage, warum aus so liebenswürdigen Kindern häufig unausstehliche Erwachsene werden, fände heute eine neue Antwort: Wir züchten eine Generation von Digitalzombies heran, die nichts anderes mehr kennen als Bildschirme. Auf sie wartet eine Existenz als „Follower“. Die noch übrig gebliebene Arbeit verrichten „Künstliche Intelligenz“ und Roboter. Immer wieder fällt mir eine Passage aus einem Brief Adornos ein, der er 1957 an Horkheimer geschrieben hat: „Zum Schluss noch ein Gedänkchen: in allen Bewegungen, welche die Welt verändern möchten, ist immer etwas Altertümliches, Zurückgebliebenes. Das Maß dessen, was ersehnt wird, ist immer bis zu einem gewissen Grade Glück, das durch den Fortschritt der Geschichte verloren gegangen ist. Wer sich ganz auf der Höhe der Zeit befindet, ist immer auch ganz angepasst, und will es darum nicht anders haben.“ Da die jungen Leute über keine Differenzerfahrungen mehr verfügen, droht eine Generation ohne Erinnerung. Die digitale Welt produziert eine totale Amnesie, die sich mit der betongewordenen Amnesie und Ödnis der städtischen Umgebung zu einem gänzlich dumpfen Präsens verfilzt, in dem alles wie in zukunfts- und vergangenheitsloser Gegenwart abgestellt scheint. Wie Siri Hustvedt sehe auch ich keine Anzeichen eines kommenden Aufstands gegen die „digitale Tyrannei“. Die Menschen rennen mit wachsender Beisterung und zunehmender Dauer hinter ihren Gräten her, kriechen in sie hinein und werden so selbst zum Teil des Geräts. Die Stadt ist voller Dienstboten auf Fahrrädern aus Pakistan oder Bangladesch, die den Studenten das Essen in ihre Wohngemeinschaften bringen. Diese moderne Form der Slaverei ist fester Bestandteil des Alltags geworden. Wir sehen sie jeden Tag, niemand regt sich darüber auf. Es gibt jetzt ein Buch des israelischen Autors Tomer Gardi über die Essenslieferanten, das schlicht „Liefern“ heißt und im Tropen-Verlag erschienen ist. Ich bin gespannt auf die Lektüre. Gardi hat lange im Milieu der zeitgenössischen Dienstboten recherchiert, mit vielen von ihnen gesprochen und eine Weile ihr Leben geteilt. André Gorz schrieb bereits vor Jahrzehnten, als er die Anfänge dieser Entwicklung beobachtete: „Wie dereinst in den Kolonien und wie noch heute in vielen Ländern der Dritten Welt  sieht sich also heute eine wachsende Anzahl von Menschen dazu gezwungen, sich untereinander um das ‚Privileg` zu streiten, ihre persönlichen Dienstleistungen denjenigen verkaufen zu dürfen, die über ein behagliches Einkommen verfügen.“ (Kritik der ökonomischen Vernunft, Berlin 1989, Seite 317)

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Heute haben wir ein kleines Vorauskommando der Mauersegler gehört und gesehen, die kreischend um den Block rasten. Hoffentlich kommen die anderen noch nach. Auch die Stare sind zurückgekehrt und stolzieren auf dem Flachdach des Nachbarhauses umher. Sie wirken ja immer ein bisschen wie Vögel aus einem Comic. Durch das Geräusch des Bohrhammers aus dem Nachbarhaus dringen die Vogelstimmen nicht durch. Als ich den Mann, der seit einer Woche mit diesem höllischen Gerät den Putz in einer Wohnung entfernt, bat, wenigstens die Fenster zu schließen, fragte er verblüfft: Warum? „Weil ich hier lebe und diesen ständigen Lärm nicht ertrage“, antwortete ich. Achselzuckend schloss er die Fenster, um sie nach einer Weile wieder zu öffnen, weil er den Staub nicht ertrug. Trotz des Lärms wollen sich Tauben auf meinem Balkon ein Nest bauen. Der Plastikrabe, den ich vor ein paar Jahren auf dem Geländer angebracht habe, verfehlt inzwischen seine abschreckende Wirkung. Kürzlich saßen die verliebten Tauben gurrend und schnäbelnd direkt neben ihm auf dem Geländer und besprachen ihre Nestbaupläne. Es ist, als würden sie sagen: „Auf so einen Scheiß fallen wir nicht rein! So einfach wirst du uns nicht los.“

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Bei einem Gala-Dinner in einem Washingtoner Hotel, an dem auch Donald Trump und andere Regierungsmitglieder teilgenommen haben, hat ein 31-jähriger Lehrer aus Kalifornien Schüsse abgegeben. Er verletzte einen Sicherheitsbeamten und wurde dann festgenommen. Er soll kurz vor der Tat ein Manifest an seine Familie verschickt haben, in dem er seine Absicht verkündete, er wolle Trump und andere Regierungsvertreter „ins Visier“ nehmen. Trump wird die Geschichte nutzen, um den Mythos seiner Auserwähltheit zu nähren. Dass der Täter mit dem Leben davon kam, grenzt angesichts der Schießwütigkeit der amerikanischen Polizei an ein Wunder.

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Am Wochenende gingen mir uralte Fragen durch den Kopf, mit deren Beantwortung man zu keinem Ende kommt und die einen beschäftigen, solange man lebt. Dass man sie sich weiterhin stellt, ist ein Beleg dafür, dass man noch lebt. Die zentrale Frage ist die nach der Sinnhaftigkeit des Lebens. Viktor Frankl hielt sie für die alles entscheidende und zentrale Frage unseres Lebens, sofern es ein menschliches Leben ist oder sein soll. „Sinn“ im Sinne Frankls ist nicht etwas, das man irgendwann gefunden „hat“ und dann stur beibehält, sondern ein fortwährender Prozess des Fragens und Antwortens. Oskar Negt und Alexander Kluge haben diese menschliche Aufgabe als „Balancearbeit“ gefasst. Alle Antworten enthalten etwas Provisorisches und Vorläufiges. Der Zweifel ist integraler Bestandteil und Begleiter dieser Art von Lebensgestaltung. Immer wieder muss man neu zum Sinn finden. Alte Sinnzusammenhänge und -muster zerbrechen und neue müssen gefunden werden. Eigene Entwicklungen oder Veränderungen der äußeren Umstände können erlernte Antworten obsolet werden lassen und nach neuen Antworten verlangen. Äußere Gerüste und innere Strukturen verschränken und ergänzen sich. Sie greifen im Idealfall ineinander und geben sich gegenseitig Halt. Was uns Menschen bleibt, jedenfalls solange wir Menschen und noch keine Apparate sind – wir sind auf dem Weg dahin, Maschinen werden keine Sinnfragen mehr stellen – ist unser Wunsch nach Kohärenz. Das Gefühl der Kohärenz besteht nach Antonovsky aus drei Dimensionen und Aspekten: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens. Veränderungen einer Dimension können das ganze komplizierte Gefüge in Unordnung bringen und nachhaltige Irritationen auslösen. Schleunigst müssen neue Sinnmuster her, sonst geraten wir ins Trudeln und Driften. Wir verlieren die Kontrolle über unser Leben, die von so vielen Seiten in Frage gestellt wird. Ein Mensch ohne inneren Kompass, der sein Fähnchen in den Wind hängt, ist das Traumbild von Macht und Herrschaft. Wenn ein Lebensmuster vor dem Zusammenbruch steht, treten starke Spannungen auf, die den einzelnen zerreißen können, was nur eine Umschreibung für den Verlust der Kohärenz ist. Eine Störung, eine Irritation bringt unsere eingespielten Gewohnheiten und Gewissheiten ins Wanken, eine gut eingespielte Weltsicht und ein vermeintlich fest begründetes und von außen bestätigtes Selbstbild lösen sich auf und werden erschüttert. Neue Sinnhorizonte und Gewohnheiten müssen sich erst ausbilden, damit die verstreuten Einzelheiten sich wieder einer ordnenden Logik fügen und vor einem verlässlichen Horizont stehen. Ohne einen halbwegs verlässlichen Sinnhorizont halten wir kleinen, überspannten Säugetiere es nicht lang aus. Eine Gemeinheit und ein Trick des späten Kapitalismus und der Warengesellschaft bestehen darin, dass sie diese menschlichen Bedürfnisse in Nachfrage nach Konsumgütern umformuliert und auf diese Weise zu befriedigen versucht. Bleibt zu hoffen, dass die Menschen dieses Betrugsmanöver irgendwann durchschauen und nicht mehr mitmachen.

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In den 1970er Jahren freute sich eine ganze Nation auf Reformen, und wenn nicht die ganze, dann doch große Teile von ihr, eine Mehrheit, die Willy Brandt ins Amt trug. Heute bekommt man, wenn die schwarz-rote Regierung mit Reformen droht, Angst und fürchtet das Schlimmste. Man duckt sich weg. Den Wandel des Begriffs der Reform von einem Begriff, der Hoffnung macht und den Index von wirklichen, qualitativen Verbesserungen trug, zu einem Abbaubegriff habe ich früher bereits beschrieben. (Siehe DHP 127) Seit der Kohl-Ära kann man den Begriff im fortschrittlichen Sinn eigentlich kaum noch verwenden. Reform heißt nicht mehr länger, den Sozialstaat auszubauen und zu festigen, sondern ihn zu planieren. Die Menschen werden nicht mehr von solidarischen Netzen aufgefangen, sondern im Konkurrenzkampf aufeinander gehetzt.

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Dazu passt eine Zahl, die gestern durch die Nachrichten ging: Im letzten Jahr kamen im Straßenverkehr 462 Radfahrerinnen und Radfahrer ums Leben. Viele von ihnen waren ältere Menschen, die mit der Hektik des heutigen städtischen Verkehrs und mit der Hochgeschwindigkeit ihrer Elektroräder nicht zurechtkamen. Man muss nicht jeden Trend mitmachen, mancher endet tödlich. Ein Hollandrad mit einer Dreigangschaltung ist nach wie vor das geeignete Gefährt für ältere Damen und Herren, wie zum Beispiel mich. Dass wir uns nicht missverstehen: Die Hauptverantwortung für die hohe Zahl tödlich ausgehender Unfälle von Radfahrern tragen nach wie vor die Autofahren, die ohne zu schauen abbiegen oder die Türe aufreißen oder einfach nur rücksichtslos sind.

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