„Denn die Wünsche und das Mögliche gehören zur Realität. Und der Antirealismus des Gefühls: Dass ich mich weigere, eine Realität, die nicht auf mich eingeht, zu akzeptieren, sondern sage, ich setze meine eigene Realität dagegen, dieser Eigensinn ist etwas, was für Menschen zum Realismus gehört. Realismus ist nicht Abbildung von Tatsachen.“
(Alexander Kluge im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 14./15. Januar 2012)
Seit meinem Antrittsbesuch im Botanischen Garten, der zu Frühlingsbeginn endlich wieder öffnete, hat mich der Heuschnupfen gepackt. Und zwar richtig übel. Die Nase läuft und in gewissen Abständen werde ich von Niesattacken geschüttelt. Die soll man auf keinen Fall unterdrücken, weil der hohe Druck dann woandershin entweicht und dort Schäden anrichten kann, wie ich bei Axel Hacke gelesen habe. Ich habe das explosionsartige Niesen immer eher genossen und nie versucht, es zurückzuhalten. Ich pfeife mir nun täglich ein Antihistaminikum ein, das ein wenig Linderung verschafft. Ich hatte gehofft, dass der Heuschnupfen mit fortschreitendem Alter schwächer werden würde, was aber leider nicht eingetreten ist. In das verbreitete Lob des Alters kann ich nicht einstimmen, ich erlebe eher Verluste und Nachteile.
Niko, der ehemalige Bauarbeiter, hat eine Bekannte, die im Altersheim gegenüber lebt. Wir trafen sie gestern vorn im Park und setzten uns gemeinsam auf eine Bank. Wir beide an den Rändern, die alte Dame in der Mitte. Die Sonne wärmte uns angenehm den Rücken. Wir beobachteten das Treiben im Park. Ein Pärchen veranstaltete eine Foto- oder Video-Session. Wir wunderten uns über die Schamlosigkeit, die die beiden an den Tag legten. Ein derartiger Exhibitionismus wäre uns peinlich. Haschischschwaden zogen durch den Park. Ein Turmfalke stand rüttelnd über den Bäumen. Er nistet wahrscheinlich im Turm der Johanniskirche. Nach einer Weile wurde es uns alten Leuten zu kühl und wir zerstreuten uns, allerdings nicht ohne uns für die nächsten Tage locker zu verabreden. Im Treppenhaus saß eine erschöpfte Hummel auf einer Stufe. Ich schob sie auf ein Blatt Papier, öffnete ein Fenster zum Hof und ließ sie fliegen. Hoffentlich ist sie nicht erfroren.
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Laut dem neuesten Bericht der Weltwetterorganisation der UNO ist das Klima so stark aus dem Gleichgewicht wie nie zuvor: die Temperaturen stiegen, die Ozeane heizten sich auf, Eis und Gletscher würden schmelzen und die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre nehme zu. Statt dass es, wie man es seit Jahren verspricht, besser wird, wird es von Jahr zu Jahr schlimmer. Wo bleibt unsere Reaktion auf diese Meldung? Auch hier herrscht eine „Normalisierung des Grauens“, von der Herbert Marcuse bereits vor einem halben Jahrhundert angesichts der Nachrichten über den Vietnamkrieg sprach.
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Immer mehr Jugendliche nutzen immer intensiver KI-Chatbots, erfuhr ich gestern in den Nachrichten. Ich weiß nicht einmal, was ein Chatbot ist. Ich bin auch noch immer nicht „vernetzt“ und will mich auch nicht vernetzen lassen. Zum Thema „Vernetzung“ habe ich mich vor Jahren mal geäußert. In der Schweiz hat kürzlich jemand meinen Text ausgegraben und auf ihn Bezug genommen: Moritz Nestor, 12. März 2026: „Wer wissen möchte, was Vernetzung ist, der sollte auch die Fische fragen“. https://naturrecht.ch/wer-wissen-moechte-was-vernetzung-ist-der-sollte-die-fische-fragen/
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Die Sendung NANO, die von 3sat ausgestrahlt wird, geht immer noch der Frage nach, ob „Charisma“ synthetisch produziert werden kann. Nach dem, was ich von der Serie bislang gesehen habe, lautet die Antwort von NANO: Ja, es lässt sich trainieren. Gestern ging es um „akustisches Charisma“, also um die Frage, ob Tonhöhe, Lautstärke und Sprechweise gezielt verbessert werden können. „Durch Übungen wie bewusste Betonung, stärkere Stimmmodulation und Lautstärketraining steigert sie (die Stimme) bereits nach kurzer Zeit ihre Wirkung. Das Fazit: Charisma ist nur zum Teil angeboren, lässt sich aber durch gezieltes Stimmtraining deutlich verbessern“, heißt es in der Ankündigung des Senders. Einem Mensch mit hohem Charisma-Score wird einfach aufmerksamer zugehört und er kann sich besser durchsetzen. Charisma als Standortvorteil in der sozialdarwinistischen Leistungskonkurrenz und im täglichen Rattenrennen. Auf seiner rastlosen Suche nach neuen Quellen des Mehrwerts bemächtigt sich der Kapitalismus nun auch der Bereiche, die bislang von der Ausplünderung verschont geblieben sind. Alles wird zur Ressource und zum Rohstoff. Also: Nichts wie einen Charisma-Coach suchen, mit ihm trainieren und dann in Gehaltsverhandlungen mit dem Chef eintreten! Charisma macht sich bezahlt.
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„Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik.“
(Theodor W. Adorno: Minima Moralia)
Gestern Abend sah ich einen Dokumentarfilm über die Überwachungsfirma „Palantir“ und ihren Gründer und CEO Alexander Karp. (Den Begriff „CEO“ habe ich gerade gelernt und wollte ihn unbedingt mal anbringen.) Karp ist das Kind amerikanischer Hippies und hat in Frankfurt bei Habermas und Karola Brede studiert und promoviert. Er ist eine der schillernsten und einflussreichsten Figuren in der Tech-Branche und sitzt neuerdings mit Donald Trump am Tisch. Mit den Mitarbeitern seiner Firma treibt er regelmäßig Thai-Chi. Niemand trägt dort die sonst üblichen Anzüge, bevorzugt werden hier T-Shirts, Shorts und Barfußschuhe. Die Palantir-Software Gotham unterstützt weltweit Geheimdienste, Militär und Polizeibehörden. Die Anfänge dieser Kooperation habe ich in Hessen in meiner Gefängniszeit noch mitbekommen. Die von Palantir entwickelte Software wird inzwischen vielerorts im Bereich der Terrorismusbekämpfung eingesetzt – oder zum gezielten Töten missliebiger oder gefürchteter Personen, wie zum Beispiel Osama Bin Laden. Das am Institut für Sozialforschung in Frankfurt Gelernte ist in Vergessenheit geraten, heute vertritt Karp einen knallharten Techno-Faschismus und bezeichnet die Demokratie als Auslaufmodell. Demokratie gilt Leuten wir Musk, Thiel und Karp als Behinderung des technologischen und digitalen Fortschritts und einer allumfassenden Überwachung. Dokumentarfilme wie dieser gestern ausgestrahlte lehren einen das Fürchten. Die Sendung beschäftigte mich noch lang. Ich fragte mich nach der Verantwortung der Lehrer für ihre Schüler. Anders formuliert: Steckt etwas von Habermas in Palantir und im Kopf von Alexander Karp? Tatsächlich glaube ich, dass die Habermas‘sche Variante der Kritischen Theorie, also das, was man als ihre „kommunikative Wende“ bezeichnet hat, sie für technokratische Zwecke aufgeschlossen und anschlussfähig gemacht hat. Das wäre mit der Kritischen Theorie, wie sie Horkheimer und Adorno vertraten, so nicht möglich gewesen. Daran sollen die Sätze aus der „Minima Moralia“, die ich diesem Abschnitt vorangestellt habe, erinnern.
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„Menschen, die etwas nicht mehr aushalten, ertragen es oft noch lang.“
(Alexander Kluge: Die Macht der Gefühle)
Eben höre ich im Radio, dass am 25. März 2026 Alexander Kluge gestorben ist. Er wurde 94 Jahre alt. Bis zuletzt war er geistig hellwach und mischte sich streitbar ins Zeitgeschehen ein. Vor Kurzem hat er noch in der Wochenzeitung „Zeit“ über seinen gerade gestorbenen Freund Jürgen Habermas gesprochen und gesagt: „Heute sehen wir eine seltsam veränderte Welt. Manche sprechen sogar von einer ‚dunklen Aufklärung‘, die vor allem im Umfeld des Silicon Valley entstanden ist.“ Das schließt an meine Bemerkungen zu Alexander Karp an. Zum 80. Geburtstag habe ich Kluge mit einem längeren Essay gratuliert, der im zweiten Band meiner „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“ enthalten und „Sinnentzug – Hunger nach Sinn“ überschrieben ist. Der Text ist im Jahr 2012 auch auf dem Onlineportal „Nachdenkseiten“ erschienen: https://www.nachdenkseiten.de/?p=12203
Ich habe Kluge sehr geschätzt und viel von ihm gelernt – auch für meine Arbeit im Gefängnis. Die Portraits von Gefangenen, die ich für die Zeitung „der Freitag“ – in Zusammenarbeit mit den betreffenden Gefangenen – geschrieben habe und die in den Jahren 2009 und 2010 unter der Überschrift „Berichte aus dem Dunklen“ erschienen sind, wären ohne das Vorbild seiner „Lebensläufe“ und „Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“ nicht möglich gewesen. Unvergesslich sind mir seine Gespräche mit Heiner Müller oder Oskar Negt, die in den 1990er Jahren in diversen Kulturmagazinen zu sehen waren, die er im Auftrag privater Fernsehanstalten höchst eigensinnig und oft sperrig gestaltete. Eins der letzten Bücher, das ich von Kluge gelesen habe, waren seine „48 Geschichten für Fritz Bauer“, die 2013 unter dem Titel „Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter“ im Suhrkamp-Verlag erschienen sind. Darin erzählt er auch vom Besuch Fritz Bauers im Zuchthaus Butzbach, wo er die Gefangenen mit „Meine Kameraden“ angesprochen hatte, was bundesweit für Empörung sorgte. Der „Spiegel“ berichtete im März 1957 von dem Ereignis. Für die undogmatische Linke waren seine in Zusammenarbeit mit Oskar Negt geschriebenen Bücher „Öffentlichkeit und Erfahrung“ und „Geschichte und Eigensinn“ von großer Bedeutung.
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Nach tagelangen Bemühungen scheint es nun gelungen zu sein, den in der Lübecker Bucht gestrandeten Buckelwal zu befreien und in die Nordsee zu eskortieren. Er wurde für viele Menschen zum Symbol der bedrohten Natur, seine Rettung zu einem der Hoffnung, dass Rettung vielleicht doch noch möglich ist.
Am Tag darauf sind die mit dem Wal verbundenen Hoffnungen bereits wieder zuschanden geworden. Nach ein paar Meilen im offenen Meer suchte er sich eine neue Sandbank, auf der er stranden konnte. Jetzt liegt er vor Wismar auf dem Trockenen. Es gibt bereits einen Live-Ticker, mit dem man den Fortgang der Walrettung verfolgen kann.
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„Es heißt, Kluge sei am 25. März 2026 gestorben. Er sei jetzt tot. Mal sehen.“
(Kurt Kister, Süddeutsche Zeitung vom 28./29. März 2026)
Wenn ich das richtig wahrgenommen habe, war Alexander Kluge der Lieblingsschüler von Theodor W. Adorno. Sein Tod löscht eine Spur, die von ihm in die Gegenwart führte. Diese Linie wurde für mich am deutlichsten in einemGespräch mit ihm über Adorno, das in dem Film „Es gibt kein richtiges Leben im falschen – Th. W. Adorno“ enthalten ist. Seine Bemerkungen über Adorno haben mich derart beeindruckt, dass ich mir die Mühe gemacht habe, sie von einem Videoband abzuschreiben. Da Alexander Kluge die alte Rechtschreibung bevorzugt und in seinen Büchern beibehalten hat, habe auch ich am guten, alten Eszett festgehalten und die roten Markierungen des Korrekturprogramms ignoriert.
„Das merken Sie sehr schnell bei ihm, daß er Glück in der Kinderzeit kennengelernt hat oder meint, es kennengelernt zu haben, und das läßt er sich nie wieder ausreden. Das hat wohl sicher auch zu tun mit seiner Mutter, einer Sängerin, der Tochter eines korsischen Generals, die hier in Frankfurt-Bockenheim in Gefangenschaft war und mit einem Freifahrschein zwischen Riga und Paris als Sopranistin hin und her reiste. Eine bewunderte Mutter, die dieses Wunderkind jetzt so liebte, Frau eines Weinhändlers, der sich auf Durchschnittsweine spezialisiert hatte. Dies ist durchaus ein Gegensatz. Er hat nie mit dem gleichen Respekt oder der gleichen Zuneigung von seinem Vater gesprochen, dem Wiesengrund, wie von seiner Mutter, der Adorno. Er muß also in Beziehung zu seiner Mutter Glück kennengelernt haben, mindestens die Sehnsucht, die dann überraschende Erfüllung findet, und sehr vieles jetzt ist Rekonstruktion dieser Momente. Sehen Sie, es gibt Physiker, die können auf Mikrosekunden die Plasmaphysik beherrschen oder irgendetwas anderes und daraus nehmen sie die Gewißheit, für die eine ganze naturwissenschaftliche Entwicklung geradestehen muß. Und so ähnlich ist es in der Geisteswissenschaft oder der Philosophie: wenn Sie an irgendeiner Stelle ein Glück erkannt haben, dann wissen Sie, daß es das gibt, das kann Ihnen die ganze Realität nicht wieder ausreden. Die Realität hat als Realitätsprinzip in uns und als umbauter Raum in unseren Städten oder unseren Gesellschaften – als verbauter Raum – eine ungeheure Überredungskraft, daß es diese ganzen Kinderzeiten nie gegeben hätte und manchmal auch, daß es sie geben möge, es könnte ja chaotisch werden, und hier tritt Adorno als Ungläubiger heran. Es ist eine zweite Säkularisierung, die er hier predigt: Man soll, man kann nur an das Glück glauben, sonst kann man nicht weiterleben.
Die westeuropäische Geschichte hat seit 200 Jahren die Vorstellung, daß in der Kinderzeit Glück steckt. Nun ist Adorno natürlich nicht einer, der sagt: Wer Glück erlebt hat, lebt von diesem Glück. Das würde er so nicht sagen … sondern, wer Glück erlebt hat, entbehrt es gleich darauf, darunter leidet er und das macht ihm ein Gedächtnis. Und nur wer dieses Gedächtnis hat, hat die Sehnsucht nach dem Glück in sich, und dies ist eigentlich das Glück, von dem er spricht; davon lebt man. Man lebt also von der Sehnsucht nach dem Glück, von dem man eine Ahnung hat, aber die könnte man nicht haben, wenn man nicht irgendeine Spur davon kennengelernt hätte. Einer, der glücklich ist, sagt Adorno, der vergißt es gleich darauf. Beispielsweise der Held Siegfried, der hat überhaupt kein Gedächtnis, der war glücklich mit Brunhilde, und nach einem Schluck Met oder Zaubertrank vergißt er sie und liebt bald darauf eine andere. Das geht von Frau zu Frau: genießen und wegwerfen, ohne ein Don Juan zu sein. Dieses pure, unreflektierte Glück ist es nicht, das Adorno in der Kinderzeit vermutet. Kinder sind leidensfähiger, sie lernen etwas Glückliches kennen, meist über die Mütter, und anschließend entbehren sie es umso intensiver: Dies treibt sie an ein Leben lang. Man muß sich das als eine Art von Diaspora-Erfahrung vorstellen. Adorno hat nie die Vorstellung, daß am Anfang ein Paradies liegt oder ein natürlicher Zustand à la Rousseau, sondern es ist verwirrend von Anfang an und es ist falsch gelaufen. Der ganze Planet lief falsch, sowie er Bewußtsein hatte. Aber es ist diesem Falschen etwas Richtiges beigemengt, untrennbar, und jetzt kämpfen diese Dinge miteinander, und aus den Spuren dieses wenigen Richtigen, das nur in Form von Mißverständnissen überliefert ist, damit sich verbunden zu halten, diese Flaschenposten lesbar zu halten, das ist das, was Adorno eigentlich selber als Nachrichten weiterleitet. Und er sagt: Keiner kann das Glück ausschließen, daß plötzlich durch ein Bündnis aller Spuren mit allen Spuren, durch eine plötzliche Ankunft mehrerer Flaschenposten in einem glücklichen Hafen hier eine gesellschaftliche Veränderung stattfindet. Die Revolution geht aber nicht dadurch, dass die Postämter besetzt werden.“
Der faszinierende Kerngedanke Kluges, dass es Glückerfahrungen der frühen Kindheit sind, die uns ein Leben lang an- und umtreiben und beim Erwachsenen zum Ferment von politischen Rekonstruktionsversuchen und Utopien werden können, zieht die bange Frage nach sich, was aus diesen Glücksüberschüssen wird, wenn die bürgerliche Kälte sich universalisiert, die intimen Binnenwelten und frühen Sozialisationsprozesse erfasst und einen Kälteschatten auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern wirft. Stürzen Kinder aus dem Mutterleib direkt in die Gesellschaft des entfesselten Marktes, ohne dass der Airbag der Familie und liebevolle elterliche Zuwendung diesen Aufprall abfedern, werden sie die Differenzerfahrung nicht mehr machen können. Der lebensgeschichtliche Anfang besitzt Naturalform, sagt Alexander Kluge. Hier hat sich inmitten einer von Ware, Geld und Tauschbeziehungen beherrschten Gesellschaft eine alternative, am Gebrauchswert und an Bedürfnissen orientierte Logik durchgehalten. Und nur, wer die kennengelernt hat, wird die Geld- und Kapitallogik, die den Anfang dann überlagert und zum Verschwinden bringen will, als befremdlich erleben. Die bürgerlich-kapitalistische und vollends vom Markt beherrschte Gesellschaft wird nur dann als menschenfeindliche Eiswüste erlebt, wenn man noch die Wärme eines liebevollen Empfangs in den Knochen verspürt und den Geruch von etwas anderem in der Nase hat. Von Warencharakteren und Geldsubjekten werden nur Warencharaktere und Geldsubjekte hervorgebracht, deren Innenwelt eine Gletscherlandschaft eingefrorener Gefühle ist, und die lediglich die psychischen Korrelate von Geld und Markt hervorbringen: kalte Schonungslosigkeit, Indifferenz, Skrupellosigkeit und Feindseligkeit.
Wir werden uns sputen müssen, wenn wir noch einen Zipfel der alternativen Logik zu fassen bekommen und als Ansatzpunkt einer gesellschaftlichen Veränderung in Gang setzen wollen. Wenn alles homogenisiert und pasteurisiert, verkabelt, digitalisiert, modularisiert und vernetzt sein wird, wenn alle Flüsse begradigt, Straßen betoniert, alle alten Bahnhöfe unter die Erde verlegt sind, wenn der Durst endgültig in Nachfrage nach Coca-Cola verwandelt und allen menschlichen Wünschen und Bedürfnissen eine Warenhaut übergezogen worden ist, wenn Eltern ihre Kinder als börsennotierte Bio-Aktien und werdende Ich-AG’s betrachten und behandeln, von denen eine gute Performance erwartet wird, wenn auch die Liebe ökonomisiert ist und über sogenannte soziale Netzwerke wie eine Ware gehandelt und getauscht wird, könnte es zu spät sein. Dann wären wir gezwungen, in einer „eindimensionalen Gesellschaft“ (H. Marcuse) zu leben, die alle Hoffnungen und Alternativen unter sich begraben hat. „In ein paar Jahren“, schreibt Imre Kertész in seinem Buch „Ich – ein anderer“, „wird sich alles, alles ändern – die Menschen, die Häuser, die Straßen; die Erinnerungen werden eingemauert, die Wunden zugebaut sein, der moderne Mensch mit seiner berüchtigten Flexibilität wird alles vergessen haben, wird den trüben Bodensatz seiner Vergangenheit wegfiltern, als wär’s Kaffeesatz.“
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Das Hochhaus, das uns die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 28./29. März 2026 vorstellt, repräsentiert auf seinen 22 Stockwerken die ganze Welt. Das Haus wurde anlässlich der Olympischen Sommerspiele von 1972 als Quartier für die internationale Presse erbaut und danach an alle möglichen Menschen verkauft oder vermietet. Die Journalistin hat sich tagelang durchs Haus geklingelt und hat mit allen möglichen Leuten gesprochen. Zum Beispiel auch mit der achtzigjährigen Christa O., deren Mann nach 15-jährigen Kampf gegen den Krebs vor ein paar Jahren verstorben ist. Seither lebt sie allein in ihrer Wohnung im 12. Stock. Manchmal sei sie froh, dass sie schon so alt ist. Sie habe den Aufbau des Landes und auch des Hauses miterlebt und erlebe nun, wie so langsam alles „dabröselt“. Damit beschreibt sie das Lebensgrundgefühl vieler älterer Menschen, die merken, wie rings um sie herum die vertraute Welt „dabröselt“.
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„Jene Morallehrer, welche zuerst und zuoberst dem Menschen anbefehlen, sich in seine Gewalt zu bekommen, bringen damit eine eigentümliche Krankheit über ihn. Nämlich eine beständige Reizbarkeit bei allen natürlichen Regungen und Neigungen und gleichsam eine Art Juckens. Was auch fürderhin ihn stoßen, ziehen, anlocken, antreiben mag, von innen oder von außen her – immer scheint es diesem Reizbaren, als ob jetzt seine Selbstbeherrschung in Gefahr gerate: er darf sich keinem Instinkte, keinem freien Flügelschlag mehr anvertrauen, sondern steht beständig mit abwehrender Gebärde da, bewaffnet gegen sich selber, scharfen und misstrauischen Auges, der ewige Wächter seiner Burg, zu der er sich gemacht hat.“
(Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft)
Durch Zufall sah ich am Sonntagnachmittag auf Arte einen Dokumentarfilm über Max Ernst, dessen Bild „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“ als Reproduktion bei mir im Flur hängt. Maria hat sich das Jesuskind übers Knie gelegt und schlägt mit der rechten Hand auf sein schon leicht gerötetes nacktes Gesäß. Der Heiligenschein ist zu Boden gefallen und umrahmt die Signatur des Künstlers. Die drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und der Maler selbst, beobachten durch ein kleines Fenster die Szene. Dieses Bild, das für einen Dada-Dom gedacht war, hat es mir besonders angetan. In Paris hatte sich Max Ernst den Surrealisten um André Breton angeschlossen, zu denen auch Luis Bunuel gehörte. Als dieser seinen Film „L‘Age d‘or“ – „Das goldene Zeitalter“ fertiggestellt hatte, fand in einem kleinen Kino in Montmartre die Uraufführung statt. Komplettiert wurde das Ereignis durch eine Ausstellung von Kunstwerken seiner Freunde. Max Ernst spielte im Film einen Räuberhauptmann. Die rechte Presse wütete gegen den Film und Faschisten überfielen das Kino. Bilder wurden aufgeschlitzt, die Leinwand mit Tinte beworfen und das Mobiliar demoliert. Statt die Täter zu verfolgen und zur Rechenschaft zu ziehen, wurde der Film verboten. Dieses Verbot war bis 1981 in Kraft. Den Rechten ging angesichts des anarchistischen und antiklerikalen Charakters des Films das Messer in der Tasche auf und leider nicht nur in der Tasche. Er löst einen unabweisbaren Juckreiz unterdrückter Gefühle aus, der sich in der Attacke Erleichterung verschaffte. Als Schüler erlebte ich, wie der Neonazi Roeder vor der „documenta“ in Kassel eine Fuhre Mist ablud, um seiner Abscheu vor der in seinen Augen „entarteten Kunst“ Ausdruck zu verleihen. Diese Aktion fand den Beifall meines Vaters, was mich der „documenta“ und der dort ausgestellten Kunst vollends in die Arme trieb. Die geradezu triebhafte Abwehr, die moderne Kunst bei Faschisten auslöst, ist ein Muster, dem wir bis in die Gegenwart immer wieder in verschiedenen Verdünnungen und Intensitätsgraden begegnen. Der aktuelle Kulturstaatsminister ist davor leider auch nicht gefeit. Spielerisch-provokant hat eine Berliner Frau aus den Anfangsjahren des Punk den Mechanismus entlarvt, um den es hier geht und der hier wirksam wurde. Sie stieg mit ihrem schrillen Outfit und ihren bunten Haaren in ein Taxi ein. Der Fahrer, der noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte, fragte verblüfft: „Wat bist‘n du für eene?“ Sie antwortete: „Gestatten, ich bin Ihr Trieb!“
Von den im Film gezeigten Kunstwerken von Max Ernst hat mich besonders eine allegorische Darstellung des Faschismus beeindruckt. Ein großer Greifvogel trampelt mit seinen krallenartigen Füßen wütend auf der Erde herum. Unwillkürlich denkt man an Trump, das faschistische Trampeltier unserer Tage, das mit schweren Füßen auf dem Erdball herumtrampelt und ganze Landstriche zermalmt.
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Eine andere, etwas mildere Form des Herumtrampelns sah ich dieser Tage in einer Natur-Doku. Perlhühner waren an den Beinen mehrfach und verschiedenfarbig beringt, auf dem Rücken war ein Solarpanel befestigt, das einen GPS-Sender mit Strom versorgte, der ihre ständige Ortung ermöglicht. Im Namen der Wissenschaft und des Naturschutzes rückt man den Tieren derart auf die Pelle, dass von ihrem eigentlichen Leben nichts mehr übrig bleibt und sie keinen freien Flügelschlag mehr machen können.
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Auch der Wal, der seit Tagen das ganze Land in Atem hält, ist erneut gestrandet. Es geht ihm angeblich nicht gut und man spricht jetzt bereits von Sterbebegleitung. Vögel ernähren sich bereits von seinem Fleisch.
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Nun hat in Hamburg mitten in der Stadt ein Wolf eine Frau gebissen. Die Attacke ereignete sich in einer Einkaufspassage im Stadtteil Altona. Das Tier war in der mit Automatiktüren gesicherten Passage gefangen und fühlte sich, als sich ihm jemand näherte, in die Enge getrieben und geriet in Panik. Am späten Montagabend konnten Polizisten das Tier mittels einer ausgeworfenen Schlinge aus der Innenalster ziehen und in einem Wildgehege in „Gewahrsam“ nehmen. Auch solche Ereignisse verstärken das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen geraten und verrückt geworden ist.
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Die Türkische WM-Qualifikation mussten wir mit einem dreistündigen Autokorso bezahlen, der sich bis weit nach Mitternacht hinzog. Ich hatte gehofft, dass die enorm gestiegenen Benzinpreise diesem Unfug ein Ende bereiten würden, aber manche Leute sparen lieber am Essen, als ihren BMW mal stehen zu lassen und nach einem gewonnenen Fußballspiel aufs Hupen zu verzichten. Freude dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass man mit dem Auto durch die Stadt fährt und dabei unablässig auf die Hupe drückt, ist ein übler Auswuchs einer virilen Kultur, in der das Automobil als Selbstwertprothese und Viagra des verletzten männlichen Stolzes fungiert.
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„‘Irgendetwas stimmt nicht in diesem Leben‘, dachte er, während er durch die Straßen lief. ‚Das Leben hat sich verändert und ist nur rein äußerlich wie früher, einfach und verständlich. Innen drin ist der Mechanismus kaputt gegangen, und jetzt weiß man nicht mehr, was man von den vertrauten Dingen halten soll.“
(Andrej Kurkow: Picknick auf dem Eis)
Ich schulde Euch/Ihnen noch den Hinweis auf eine sehr anregende Lektüre. Ich fand Andrej Kurkows Roman „Picknick auf dem Eis“ im öffenlichen Bücherschrank in meiner Nachbarschaft, habe ihn mitgenommen und gelesen – und diese Lektüre nicht bereut. Viktor ist ein postsowjetischer Taugenichts und lässt sich durch Kiew treiben, rund zwei Jahrzehnte vor dem russischen Überfall. Er träumt von einem zu schreibenden Roman, der aber nicht gelingen will – auch weil es ihm an der nötigen Disziplin mangelt. Seine Tage vergehen eintönig und ruhig. Um die Monotonie seines Lebens ein bisschen aufzuhellen, nimmt er aus der Konkursmasse eines maroden Zoos den Pinguin Mischa bei sich auf, mit dem er hinfort seine kleine Wohnung teilt. Der ein wenig melancholische Pinguin ist das einzige Wesen, zu dem Mischa eine Beziehung unterhält. Das ereignet sich wohlgemerkt lange vor Marc-Uwe Klings Känguru-Chroniken. Ab und zu besucht Viktor den alten Pinguinologen Pidpalyjs, um von ihm zu erfahren, wie man mit einem Pinguin umgeht, wie man ihn ernährt und bei Laune hält. Später wird der Pinguin krank und benötigt und bekommt ein Spenderherz. Irgendwann stößt Sonja zu den beiden, die Tochter eines etwas zwielichtigen Bekannten. Den Lebensunterhalt für diese eigenartige, vom Zufall zusammengewürfelte Kleinfamilie bestreitet Viktor durch das Verfassen von Nekrologen, die ein Zeitungsredakteur bei ihm in Auftrag gibt. Viktor bewegt sich unter undurchsichtigen Gestalten und balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Abenteuerlust und Verbrechen. Bündelweise tauchen Dollarscheine in seiner Behausung auf, von denen unklar bleibt, woher sie stammen. Lange Zeit weiß man nicht, auf welcher Seite Viktor vom Seil stürzen und wohin er fallen wird. Ein tolles Buch von einem großartigen Autor, und eine ausgesprochen kurzweilige Lektüre, was auch an der famosen Übersetzung von Christa Vogel liegt. Als sich herausstellt, dass alle, über die Viktor noch zu Lebzeiten Nekrologe geschrieben hat, ermordet wurden, entwickelt sich der Roman beinahe zu einem Krimi und nimmt surreale Züge an. Das kommt in der sowjetisch-russischen Literatur gelegentlich vor. Ich kenne es zum Beispiel von Vladimir Sorokin.
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„Wenn ich den Vogelstimmen zuhörte und mich einer heiteren Zuversicht überließe, wie sie sich im Vorfrühling oft einstellt, einfach so, wie wenn -? Ach! Selbst wenn ich hier sitze, sitze ich nicht wirklich hier, und Vorfrühling ist es nur für die anderen.“
(Werner Kofler: Kalte Herberge – Bruchstück)
Ein keineswegs heruntergekommen wirkender junger Mann mit Schirmmütze und Umhängetasche tritt auf zwei Bankmitarbeiter zu, die vor dem Eingang der Bank stehen und rauchen: „Halts Maul, Mann, halts Maul“, brüllt er an sie hin. Dann geht er weiter, als wäre nichts gewesen. Die beiden Angestellten blicken sich ratlos und kopfschüttelnd an. Dann drücken sie ihre Kippen am Rand eines Mülleimers aus und verschwinden im Eingang der Bank. Sie kehren unter ihr tägliches Joch zurück. Wer sind die wirklich Verrückten?
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Chronik der Gewalt. In einem ICE bei Siegburg in Nordrhein-Westfalen drohte am 3. April 2026 ein junger Mann im abendlichen Reiseverkehr mit einem Anschlag und zündete zwei Feuerwerkskörper. Dabei wurden zwölf Menschen leicht verletzt. Der Mann wurde festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt. Die Motive des 20-jährigen Deutschen sind noch unklar. Laut Ermittlern deutet einiges auf einen rechtsextremen politischen Hintergrund hin.
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Vielleicht hatte er auch einfach nur „einen Hass“, wie Jean Baudrillard es einmal ausgedrückt hat. Die indifferenten oder aus Indifferenz geborenen Leidenschaften, die unsere amorphe und unübersichtliche Gegenwart hervorbringen, gipfeln im Hass. Der Hass, den ich habe, ist ohne Gegenstand, er hat keinerlei Sinn. Genau das ist das Objekt des Hasses: der abwesende, verloren gegangene andere. Jemand sucht ein Objekt für seinen Hass – und findet es im Zug, in der U-Bahn, in Kaufhaus, in der Fußgängerzone. Es kann jeden treffen, alles ist dem Hass recht. Der Hass entsteht aus gestauter Indifferenz, der Hass hasst, wie die Null null und das Geld Geld heckt – das ist alles. Da Indifferenz und Kälte die emotionale Signatur des „neuen Zeitalters“ bestimmen, ist der Hass universell und das adäquate subjektive Korrelat der herrschenden Zustände. Der Hass ist wie ein emotionales schwarzes Loch, das alles ansaugt und verschlingt. Wir tun uns schwer, das zu akzeptieren, und hätten gern benennbare Ursachen, gegen die man etwas unternehmen kann. Das einzige, was wir haben, ist ein subjekt- und objektloser Hass, für den alle Versprachlichungen – mögen sie sonstwie heißen – nur Chiffren sind. Unser Kausalitätsbedürfnis kann sich aber mit solchen Indifferenzen und einem derartigen motivlosen und zweckfreien Hass nur schwer abfinden, und so werden allerhand Konstrukte gefertigt, mit denen man weiterleben kann. Insgeheim sehnen wir uns nach dem traditionellen Klassenhass, der paradoxerweise eine bürgerliche Leidenschaft geblieben ist oder eine Leidenschaft des bürgerlichen Zeitalters. Dieser hatte ein Ziel und besaß die Kraft, ein historisches Geschehen hervorzubringen. Was waren das für Zeiten, als es noch ein Proletariat und einen ausmachbaren und benennbaren Feind gab? Alles perdu.
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„Der Aufstand geschieht gegen diejenigen, die mich zur Sau gemacht haben, es ist kein blinder Hass, kein Drang, zurück ins Nirwana, vor die Geburt. Aber die Rebellion gegen die zwanzig Jahre im Elternhaus, gegen den Vater, die Manipulation, die Verführung, die Vergeudung der Jugend, der Begeisterung, des Elans, der Hoffnung – da ich begriffen habe, dass es einmalig, nicht wiederholbar ist. Ich weiß nicht, wann es dämmerte, aber ich weiß, dass es jetzt Tag ist und die Zeit der Klarstellung. Denn wie ich sind wir alle betrogen worden, um unsere Träume, um Liebe, Geist, Heiterkeit, ums Ficken, um Hasch und Trip (werden weiter alle betrogen).“
(Bernward Vesper: Die Reise)
Ich habe oft darüber nachgedacht, wie das Schweigen meines Vaters über das, was er während seiner Zeit in der NSDAP und in der Wehrmacht getan hat, auszufüllen und zu beschriften sein könnte. Dieses Schweigen dehnte sich als Sprachlosigkeit auf die komplette Familie aus und zerstörte sie. Wie ein Krebs, der sich sich ins Gewebe frisst und immer weitere Organe befällt. Ähnliche Fragen treiben auch Judith Hermann um, nur dass die Leerstellen bei ihr den Großvater betreffen. Sie begibt sich auf Spurensuche und fährt ins polnische Radom, wo der Großvater für die SS an der Einrichtung und späteren Auflösung eines Ghettos mitwirkte. Ihr jüngst erschienenes Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ erzählt in seinem ersten Teil von ihrer Reise nach Polen, wo sie in Radom nach einigem Suchen tatsächlich den Platz findet, an dem das Foto entstanden ist, das von der Nazi-Vergangenheit ihres Großvaters zeugt. Das Buch von Judith Hermann brachte meinen eigenen Film zum Laufen und setzte meine Hirnantilope in Trab. Was hat mein Vater in der Zeit zwischen der Hochzeit mit seiner Schwägerin Lotte, die die Frau seines gestorbenen Bruders gewesen war, der Zeugung meiner Halbschwester Gisela und seiner Heimkehr aus dem Krieg getan? Ich habe nicht einmal einen Ort, an dem die Suche ansetzen könnte. Seine Spur verliert sich in den unendlichen Weiten des Ostens. Hat er an den Massenerschießungen von Babij Jar, vor den Toren Kiews, teilgenommen? Hat auch er irgendwo an der „Auflösung“ eines Ghettos mitgewirkt? Hat er seine Pistole an irgendwelche kahlrasierten Schädel gesetzt und abgedrückt? Hat er Juden gequält, geschlagen, deportiert? In Massengräbern verscharrt? Hat er Handgranaten in Häuser geworfen, um ihre Bewohner herauszutreiben und umzubringen? Oder dabei zugeschaut? Es fällt mir schwer, das mit dem Mann in Zusammenhang zu bringen, den ich Jahre nach dem Krieg kennengelernt habe und der „mein Vater“ war. Kann dieser Mann, mein Vater, „so etwas“ getan haben? Das Schlimme ist: Möglich ist das alles. Es ist aber auch möglich, dass er an Gräueltaten nicht unmittelbar beteiligt war, sondern lediglich Kasernen und Brücken gebaut hat. Dabei gewesen und mitschuldig wäre er natürlich auch dann. Wenn er geredet hätte, wäre es für alle Beteiligten besser gewesen. Vor allem hätte sich unsere Nachkriegsfamilie nicht in eine derartige Gletscherlandschaft eingefrorener Gefühle verwandelt. Der Kältestrom in unserer Familie entsprang dem Schweigen über die NS-Zeit und dehnte sich von dort auf alle Lebensbereiche aus.
Das Schweigen unserer Eltern hat unser aller Seelen vergiftet. Bis auf den heutigen Tag, an dem ich vor 37 Jahren zum ersten Mal U begegnet bin, der ich in gewisser Weise mein Leben verdanke. An ihrer und unserer Liebe konnte ich halbwegs genesen, und bin doch ein psychischer Krüppel und ein Beschädigter geblieben. Die „emotionale Pest“ des Faschismus, wie Wilhelm Reich es ausgedrückt hat, hat auch unsere Generation noch infiziert und auf immer vergiftet. Insofern werden die Kriegsgräuel, die heute im Nahen Osten und in der Ukraine stattfinden, die Menschheit noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, beschäftigen und in Mitleidenschaft ziehen. Die im Vietnamkrieg von den Amerikanern abgeworfene Streumunition und die im Boden vergrabenen Minen zerreißen noch heute spielende Kinder, die vom Krieg erzeugten Traumata vergiften menschliche Beziehungen auf Jahrzehnte hin. „Der Krieg ist darin schlimm, dass er mehr böse Menschen macht, als er davon wegnimmt“, wusste bereits Kant.
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„Die Zeichen stehen an der Wand geschrieben, aber auch die, die sie lesen, sind zur Ohnmacht verdammt.“
(Max Horkheimer)
Heute Morgen hörte ich wieder vom Sterben des Buckelwals in der Ostsee und dachte darüber nach, was dessen Tod uns sagen könnte, wenn wir denn bereit wären, zu hören und zu verstehen. Die Zeichen stehen an die Wand geschrieben; wer will, kann sie lesen und erkennen und sich gegen das drohende Unheil zur Wehr setzen. Wer sie übersieht, hat sich auch entschieden und rennt sehenden Auges auf den Abgrund zu. Und dennoch werden wir weitermachen müssen. Der Tod darf nicht das letzte Wort haben.
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„Der Aggression lag kein klares Motiv zugrunde: demnach kam es den Überfallenen zu, die Gründe für ihre Belagerung zu erforschen.“
(Juan Goytisolo: Das Manuskript von Sarajevo)
Chronik der Gewalt. Am Ostersonntag attackierte im südhessischen Odenwaldkreis ein Mann eine Frau, die mit Freundinnen einen Spaziergang unternommen hatte und gerade dabei war, eine Blume zu fotografieren, mit einem Messer. Sie wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach ersten Ermittlungen der Polizei bestand keinerlei Beziehung zwischen Täter und Opfer. Der Mann floh auf einem Fahrrad und ist noch nicht gefasst. Vermutlich wird die Suche nach dem Tatmotiv ergebnislos verlaufen, und das Opfer wird die Gründe für die Attacke selbst herausfinden müssen.
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Rund ein Jahr nach einem illegalen Autorennen in Ludwigsburg, das für zwei unbeteiligte Frauen im Alter von 22 und 23 Jahren tödlich endete, ist nun das Urteil gefallen. Im Fall des Unfallverursachers verhängte das Gericht eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes. Sein Bruder, der das andere am Rennen beteiligte Auto steuerte, erhielt eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren. Beide hätten den Tod anderer Verkehrsteilnehmer billigend in Kauf genommen, befand das Gericht. Die Anwälte der verurteilten Täter haben angekündigt, Revision gegen die Urteile einzulegen.
Statistisch betrachtet handelt es sich bei den Rasern überwiegend um junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren. Viele von ihnen sind Deutsche, es finden sich aber auch überproportional viele junge Männer, die aus der Türkei und dem arabischen Raum stammen. Interessanterweise wird in den aktuellen Berichten über die Verurteilung über die Nationalität der Täter nichts ausgesagt, ich meine mich aber zu erinnern, dass letztes Jahr davon die Rede war, dass die beiden Haupttäter türkischstämmig sind. Die Nationalität spielt nur insofern eine Rolle, als im türkisch-arabischen Kulturkreis eine bestimmte Vorstellung von Männlichkeit endemisch ist und diese Männlichkeit sich ihrer selbst durch PS-starke Automobile versichert. Diese Autos dienen jungen Männern, die sich ihrer Männlichkeit nicht sicher sind, als Selbstwertprothesen. Sie sind das Viagra des schwächelnden männlichen Stolzes. (Siehe Durchhalteprosa 116 und meinen dort platzierten Hinweis auf einen längeren Text von mir zum Thema Automobil und Männlichkeit)
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Vor ein paar Tagen stand eine Bekannte vor dem Taubenschlag, den die Stadt am Rande des „Theaterparks“ aufgestellt hat, der für mich immer noch der Johannispark ist. Sie deutete mit dem Arm in Richtung des Blechungetüms und sagte: „Da schau her, tatsächlich eine Taube!“ Auch sie, die auf dem Weg zur Arbeit täglich dort vorübergeht, hatte bis dahin noch nie eine Taube dort gesehen. Wir einigten uns schnell darauf, dass das eine städtischen Investition gewesen ist, die sich gelohnt hat.
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Gestern habe ich auf dem Wochenmarkt bei einem Händler meines Vertrauens den ersten Spargel erstanden. Er war noch sehr teuer, aber was soll‘s. Heute wird dem Spargelwachstum ja unter Zuhilfenahme aller möglichen Tricks nachgeholfen, so dass die Saison von Jahr zu Jahr früher beginnt. In meiner Kindheit signalisierte der Ruf des Kuckucks den Beginn einer kulinarischen Ausnahmezeit. Da könnte man heute lange warten. Da ruft kein Kuckkuck mehr weit und breit. Man schnitt den aus der Hausschlachtung stammenden rohen Schinken an und aß den ersten Spargel dazu. Außerdem steckte man sich ab Mitte April, bevor man zu einem Spaziergang aufbrach, Geld in die Hosentasche, um mit ihm zu klimpern, wenn man den ersten Kuckuck hörte. Nur der erste Ruf galt, und wenn man das bei ihm tat, gab es Hoffnung, dass einem das ganze Jahr hindurch das Geld nicht ausging. Man findet das in einer Erzählung Friedrich Georg Jüngers beschrieben, die „Spargelzeit“ heißt. Das sind Geschichten aus einer Zeit, da das Wünschen noch geholfen hat und die Zeit zyklisch verlief. In bäuerlichen Gesellschaften folgte das Leben dem Rhythmus von Aussaat und Ernte. Die Jahreszeiten gaben der Arbeit und dem Leben den Takt vor. Heute hat sich in den industriellen Zentren das Leben vollständig von diesem Rhythmus und der Naturbasis abgelöst, alles ist jederzeit verfügbar und zuhanden. Erdbeeren gibt es im Dezember, Blaubeeren das ganze Jahr über und Spargel aus irgendeiner Weltgegend auch. Nichts hat mehr „seine Zeit“, auf nichts muss man mehr warten. Dieses Warten war ja auch mit der Freude verbunden, dass es bald so weit sein würde, dass man demnächst die neuen Kartoffeln und die ersten Tomaten ernten konnte.
An einer alten Tradition habe ich aber dennoch festgehalten. Ich habe ein paar Spargelstangen und den Sud, in dem sie gekocht worden sind, aufbewahrt. Daraus wird heute Abend eine hoffentlich köstliche Spargelcremesuppe hergestellt. Mit einem Schuss Weißwein drin und kleingehacktem Bärlauch drüber.
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„… dass man sich selbst nicht so wichtig nimmt.“
(Mario Adorf)
Jetzt ist am 8.April 2026 auch noch Mario Adorf gestorben. Er wurde 95 Jahre alt. Ich habe ihn als Schauspieler und Autor autobiographischer Bücher sehr geschätzt. Dass er Winnetous Schwester Nscho-tschi erschossen hat, haben wir ihm allerdings nie wirklich verziehen. Wir waren als 12-Jährige alle ein bisschen in sie, beziehungsweise Marie Versini verliebt, die sie verkörperte. Er habe die Rolle des Santer in der Winnetou-Verfilmung ein wenig langweilig gefunden, weil dieser „grundlos böse“ gewesen sei. Er hätte gern gewusst, was ihn derart böse hatte werden lassen. In der Knast-Klamotte „Alles nur Tarnung“ spielte Adorf den glücklosen Altganoven Willi Butzbach. Der ehemalige Butzbach-Häftling Peter Zingler hatte für diesen Film ein Ensemble zusammengestellt, dessen Mitglieder alle mal „gesessen“ hatten. Claude-Oliver Rudoph ist mir auf der Treppe im Zellentrakt in Butzbach über den Weg gelaufen. In der Butzbacher Gefängnis-Schneiderei wurden die Knastkittel gefertigt, die die Darsteller trugen. Einer aus dieser Serie hängt noch in meinem Kleiderschrank. Die Premiere des Films fand 1996 in der Gefängniskirche der JVA Butzbach statt. Es könnte sein, dass ich Mario Adorf bei dieser Gelegenheit sogar einmal begegnet bin. Peter Zingler war später noch öfter zu Lesungen in Butzbach zu Gast. Er ist im Jahr 2022 gestorben. Ich habe Ende der 1970er Jahre an einer Schreibwerkstatt in Butzbach mitgewirkt, die maßgeblich auf sein Betreiben hin entstanden war. Es gab damals fast 1000 Gefangene in Butzbach und von denen hat die Hälfte in irgendeiner Weise geschrieben. Es gab kein Fernsehen damals, und das war der Boden, auf dem die Knast-Kultur üppig gedieh. Peter Zingler hat damit begonnen, gegen Bezahlung (Koffer und Bomben = Tabak und Kaffee) Liebesbriefe für Mitgefangene zu schreiben. Heute haben die Gefangenen TV-Geräte, Playstations und diesen ganzen Rotz und kein Mensch liest und schreibt mehr. Die Gefangenenbibliothek, die zu Zinglers Zeiten noch gut bestückt und stark frequentiert war, ist nach dem, was ich gehört habe, mangels Nachfrage inzwischen aufgegeben worden. Meine „Kulturgruppe“ ist am Ende förmlich ausgetrocknet durch diese digitale Verblödung. Ich habe einen Nachruf auf meine Gruppe verfasst, der unter dem Titel „Das ist ja schlimmer wie‘n Buch“ im Netz zu finden ist. Ein etwas melancholischer Abgesang auf eine ganze Ära: https://www.magazin-auswege.de/data/2014/06/Eisenberg_Epilog_auf_die_Kulturgruppe.pdf
An Mario Adorfs handsigniertes „Himmel und Erde“-Rezept, das ich mal auf der Frankfurter Buchmesse ergattert habe, halte ich mich und liebe dieses Gericht im Winterhalbjahr sehr. Hab eben auf Phoenix die Wiederholung eines Gesprächs mit Mario Adorf aus der Reihe „Im Dialog“ gesehen, in dem er sein Leben Revue passieren lässt. Sehr empfehlenswert. Das uneheliches Kind einer Näherin hatte es in der Eifel der Nachkriegszeit nicht leicht. Der Not gehorchend gab sie ihren Sohn, den „Bankert“, in die Obhut eines Waisenhauses. Niemand konnte ahnen, dass einmal „das“ aus ihm werden würde. Adorf hat etwas aus dem gemacht, was man mit ihm gemacht hat.
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Auch 13 Jahre, nachdem ich eine Kolumne darüber geschrieben habe, dass Jugendliche unablässig die Floskel „keine Ahnung“ in ihre Rede einstreuen, steht diese immer noch hoch im Kurs und führt die Liste der jugendlichen Gemeinplätze an. Wann immer man nicht weiß, wie ein begonnener Satz weitergehen und zu ende gebracht werden kann, überbrückt man die entstandene Unsicherheit mit dieser Floskel. Das unablässig in die Rede eingestreute „keine Ahnung“ ist dabei von einer erschreckenden Ehrlichkeit. Die Floskel drückt ungewollt die Wahrheit über eine Generation aus, die im Banne der elektronischen Medien sprachlich verelendet und in die Nähe einer medialen Grenzdebilität geraten ist. Unablässig hört man, ob man will oder nicht, Sätze wie diese: „Ich dann zu ihm, dies und das, blabla, keine Ahnung. Ich will doch nur sagen, wie geil ist das denn? blabla, das ist nicht Meins, das geht gar nicht, okay, keine Ahnung, blabla, nicht wirklich.“
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Mein Heuschnupfen war während der Kälte- und Regenperiode so gut wie weg und ist nun leider wieder erwacht. Wenn die Birken verblüht sind, habe ich es überstanden. Im Moment ist die Luft voller Birkenpollen, und ich kann nur mit einem Antihistaminikum überleben, das ich mir ein Mal am Tag einpfeife. Die verrotzten Taschentücher knülle ich zusammen und versuche, von der Eingangstür der Toilette in die Schüssel zu treffen. Das ist mein Heuschnupfen-Basketball. Heute ist ein guter Tag, denn es hat gleich beim ersten Versuch geklappt. An schlechten Tagen brauche ich schon mal drei Versuche, manchmal klappt es gar nicht. Einen besseren Test für den Stand meines Selbst- und Körpergefühls habe ich noch nicht entwickelt.
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Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren bin ich Rentner geworden. Habe eben im Tagebuch von 2016 nachgeschaut und bin auch folgenden Eintrag gestoßen:
Eben, als ich auf dem Balkon stand und auf die Straße hinuntersah, wurde mir schlagartig bewusst, was es heißt, Rentner zu sein. Wie soll ich bloß mit dem Übermaß an freier Zeit umgehen, wie meine Tage strukturieren, wie die große Leere füllen? Ich pendele zwischen Laptop und Lesen und Stadtgängen. Was soll ich sonst auch tun? Es wird schwierig werden. Gestern sah und hörte ich Simone de Beauvoir in einem Interview, das man anlässlich ihres 30. Todestages in der Sendung Kulturzeit ausstrahlte, sagen, dass das Altern für die Männer gewöhnlich weitaus schlimmer sei als für Frauen, die nicht so tief fallen würden. Viele Männer stürben im Jahr nach ihrer Verrentung oder begingen Selbstmord. Bei Männern sei der mit der Aufgabe der Berufsrolle verbundene Machtverlust viel größer als bei Frauen und deswegen verkrafteten viele von ihnen den Übergang in den Ruhestand nicht, sondern zerbrächen daran. Dieses Interview hat gut zu den trüben Gedanken gepasst, die mich gestern heimsuchten. Wenn ich nur noch so dasitze und die Gedanken in meinem Kopf rotieren? Wenn niemand mehr abends zu mir sagt: „Schönen Feierabend und bis morgen!“
Zahn Jahre später werde ich sagen können, dass ich einen Modus vivendi gefunden und mich ins Rentnerdasein eingefunden und mit ihm arrangiert habe. Das liegt aber auch daran, dass ich von klein auf auf mich gestellt war, also ans Alleinsein gewöhnt bin und immer schon „mein Zeug“ gemacht habe. Schreiben und Lesen sind monologische Tätigkeiten, bei deren Ausübung andere eher stören. Die Lage wurde dadurch etwas erschwert, dass beinahe gleichzeitig mit meinem Eintritt ins Rentenalter auch die letzten politischen Bezüge weggebrochen sind und sich im Zuge der Pandemie die letzten Formen von Gegenöffentlichkeit aufgelöst haben. Aus verschiedenen Gründen, von denen in der DHP verschiedentlich die Rede war, ließen sich die später auch nicht wiederbeleben. Also wurde ich zum Ein-Mann-Indianerstamm und werde als solcher weitermachen – so lange es geht.
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„Diese ständige Lüge zielt nicht darauf ab, die Menschen eine Lüge glauben zu lassen, sondern darauf, dass niemand mehr irgendetwas glaubt.“
(Hannah Arendt)
Heute wählen die Ungarn ein neues Parlament. Obwohl ich von Peter Magyar nicht viel halte, wäre es für Europa und vor allem die Ukraine besser, wenn er gewinnen würde. Peter Magyar ist ein Macron-Klon: smart, flexibel, dynamisch und eloquent. Er entstammt ursprünglich der Fidesz-Partei von Victor Orban, womit eigentlich schon alles gesagt ist. Die Rechte hat zur Unterstützung von Victor Orban in den letzten Tagen alles aufgeboten, was sie zu bieten hat. Hat bloß noch ein öffentlicher Auftritt von Putin gefehlt. Die Internationale der Rechtspopulisten hat sich massiv in den ungarischen Wahlkampf eingemischt. Man kann nur hoffen, dass das Orban geschadet hat, weil es nochmal deutlich gezeigt hat, wes Geistes Kind er ist. Die sogenannten liberalen Demokratien haben sich, wie immer, dezent zurückgehalten. Man darf sich ja schließlich nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einmischen, selbst wenn dieses sich massiv in die Angelegenheiten anderer Länder einmischt. An dieser Dezenz wird der Westen letztlich zugrunde gehen. Schon im Spanischen Bürgerkrieg hat diese Zurückhaltung nur den Feinden der Demokratie genutzt. Italien und Deutschland unterstützten Franco massiv, England und Frankreich taten für die republikanische Seite so gut wie nichts. Diese Zurückhaltung erleichterte den Totengräbern der Demokratie ihr Zerstörungswerk und spielte den Feinden der Freiheit direkt in die Hände. Man hat nicht das Gefühl, dass man auf Seiten der noch existierenden Demokratien begriffen hat, worum es geht und was auch heute wieder auf dem Spiel steht. Die meisten Bewohner der sogenannten liberalen Demokratien wissen gar nicht zu schätzen, was sie an ihnen haben. Es ist vielleicht das größte Versäumnis dieser demokratischen Länder, ihren Bewohnern nicht vermittelt zu haben, was Freiheit bedeutet und wie Demokratie mit Leben zu füllen ist. Vor allem, dass Demokratie aus mehr besteht, als die beste Umgebung für die Entfaltung des Marktes und guter Bedingungen fürs Geldscheffeln zur Verfügung zu stellen. Wenn die so ideal imaginierte Demokratie nichts anderes ist, als die dem hemmungslosen Geldverdienen günstigste Staatsform, darf man sich nicht wundern, wenn die meisten Menschen sich für deren Erhalt kein Bein ausreißen. Sie lassen sie über sich ergehen, wie alle anderen Staatsformen auch.
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„Der Tod tritt ein, wenn das Leben nichts mehr hat, das es zu verteidigen gilt.“
(Johne Berger: Mit Hoffnung zwischen den Zähnen)
Am Morgen nach der Ungarn-Wahl scheint festzustehen: Die Ära Orban in Ungarn geht zu Ende und eine Rückkehr zur bürgerlich-liberalen Demokratie scheint möglich. Wenngleich ich keine großen Sympathien für Peter Magyar hege und keine übertriebenen Hoffnungen auf den smarten Gegenspieler von Orban setze, ist es für das, was von Europa noch übrig ist, von großem Vorteil, wenn es in Ungarn zu einem Macht- und Regierungswechsel kommt. Vor allem für die Ukraine wäre es von Vorteil, wenn der alte Fiesling und Putin-Freund Orban in der Versenkung verschwände. Längst beschlossene Unterstützungsgelder können nun in die Ukraine fließen und dem geschundenen Land zugute kommen. Auch Europa könnte eine Revitalisierung dringend brauchen und sich mit dem Rückenwind aus Ungarn zu einem Gegenpol zur Internationale der Autokraten und einem Hort von Rechtsstaaatlichkeit und Demokratie entwickeln. Der Mensch kann nicht leben ohne zu hoffen.
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