„Wenn Philosophie dem Menschen in seiner Not nicht helfen könne, dann sei sie nichts wert. Und das Gleiche gelte für die Literatur.“
(Michael Köhlmeier: Mein privates Glück)
Gestern wollten U und ich einen unserer Lieblingsspaziergänge unternehmen. Wir fuhren mit meinem Auto nach Rodheim-Bieber und von da weiter in Richtung Waldgirmes. Auf einem Parkplatz zwischen den beiden Orten wollten wir das Auto abstellen. Also bog ich von der Hauptstraße in einen Waldweg ein und fuhr an einer ganzen Reihe parkender Autos vorbei. Ein Paar kam gerade von einem Spaziergang zurück und war dabei, seinen Dalmatinerhund in seinen Jeep zu bugsieren. Neben diesem Auto wollte ich parken, als der Wagen sich plötzlich selbständig machte und ohne mein Kommando Gas gab. Er bockte, könnte man vielleicht sagen. Wir standen kurz vor einer Böschung, die an den Parkplatz grenzte, und so versuchte ich, den Wagen mit allen Mitteln zu stoppen. Ich griff in meiner Not und aufsteigenden Panik zur Handbremse. Der Wagen brach nach rechts aus und kollidierte mit dem Jeep. Der rechte Kotflügel meines Volkswagens krachte gegen die vordere Stoßstange des Jeeps und der Wagen kam so endlich zum Stehen. Die Besitzer des schwarzen Ungetüms traten hinzu, um den Schaden zu besichtigen. U bestieg unser Auto und löste es von der Stoßstange des Jeeps. Auf den ersten Blick konnte ich keine Blessur erkennen, aber der Besitzer des Wagen deutete auf einen Riss in der Plastikverkleidung der Stoßstange, der durch den Aufprall entstanden war. Das müsse repariert werden, der Wagen sei schließlich so gut wie neu. Er rief die Versicherung an, bei der wir beide gemeldet waren. Das vereinfachte die Sache erheblich. Wir tauschten unsere Adressen aus und ich versprach, am nächsten Morgen zur Versicherung zu gehen und den Hergang zu Protokoll zu geben und meine Schuld einzugestehen. Dann verabschiedeten wir uns. Ich stellte fest, dass sich die Beifahrertür meines Wagens eingedellt war und sich nur noch schwer öffnen ließ. Ich nahm die Walkingstöcke vom Rücksitz und wir traten unseren geplanten Spaziergang an. Das war auch gut so, denn im Wald kamen wir beide einigermaßen zur Ruhe. Ich fand, als ich zu Bett ging, dennoch schwer in den Schlaf und erwachte vor Tau und Tag mit heftigem Herzklopfen. Der kleine, glücklicherweise harmlos verlaufene Unfall ist das Eine, seine bürokratische Abwicklung das Andere, und die steht mir jetzt bevor. Der erste Akt dieser Abwicklung ging überraschend flott über die Bühne. In der Schadensstelle der Versicherung saßen zwei Damen hinter ihren Schreibtischen. Obwohl außer mir niemand da war, musste ich eine Nummer ziehen und warten, bis diese auf einem Display erschien. Dann erst durfte ich mich der Mitarbeiterin nähern. Innerhalb von fünf Minuten war die Sache erledigt und ich durfte gehen.
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Heute Morgen sah ich, dass mein Lieblingsbettler seinen Arbeitsplatz vor dem Lebensmittelmarkt mit einem Besen säuberte. Es sei dort an manchen Morgen derart zugemüllt, dass er diesen Besen gekauft habe und dann erst mal fege. Er halte sich dort schließlich den Großteil des Tages auf und lege Wert auf eine gewisse Sauberkeit. Das komme auch seinem Geschäft zugute. Die Leute honorierten seine Sorge. So gesehen zahle sich sein Fegen sogar aus.
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„Jean Paul schreibt, nur zu Hause sei der Mensch ganz. Ich war nicht zu Hause. Und ich fühlte mich nicht ganz. Eine Hälfte war weg.“
(Michael Köhlmeier: Mein privates Glück)
Eine bittere Ironie des Schicksals sorgte dafür, dass das Erscheinen von Michael Köhlmeiers Buch „Mein privates Glück“ mit dessen größtem privaten Unglück zusammenfiel. Der Roman erschien zu dem Zeitpunkt, als seine Partnerin Monika Helfer stürzte und an den Folgen dieses Sturzes verstarb. Vorn im Buch steht schlicht: „Monika“, und auch im Roman wird sie immer wieder erwähnt: „Erst vor wenigen Tagen unterhielten Monika und ich uns beim Frühstück darüber, dass es in Entenhausen keine Religion gibt.“ Oder: „Monika rät mir, Traumprotokolle zu notieren. Ich habe es versucht, habe es dann aber gelassen.“ Obwohl der Schatten von Helfers Tod über dem Roman liegt, lese ich die autobiographischen Fragmente mit Vergnügen und Erkenntnisgewinn. Ich habe seit Langem kein derart gutes Buch gelesen. Dauernd katapultiert es mich unter die giftigen Bäume meines eigenen lebensgeschichtlichen Dschungels. Köhlmeier und ich sind ungefähr gleich alt und teilen gewisse Erfahrungen. Er hat, wie bereits erwähnt, in Marburg und Gießen studiert, und es kann gut sein, dass wir uns in dieser Zeit mal über den Weg gelaufen sind, weil wir uns in ähnlichen linken Milieus bewegten. Das vermute ich mal.
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„Leid ist die wichtigste Quelle für Kreativität. Daran ist nicht zu zweifeln. Rundum glückliche Menschen, falls es die überhaupt gibt, haben es nicht nötig, Romane zu schreiben oder Schlagzeug zu spielen.“
(Paul Auster: Ein Leben in Worten)
Heute Morgen bin ich so gegen sieben Uhr zur Lahn aufgebrochen. Die Ampelanlage an der Johanniskirche war defekt und ich musste mich vorsichtig über die Kreuzung tasten. Der Lahnuferweg war noch menschenleer, einige Radfahrer waren zu ihren Arbeitsplätzen unterwegs und schauten grimmig unter ihren Helmen hervor. Über einer der Wiesen stand rüttelnd ein Falke. Ich hielt an und schaute ihm eine Weile zu. Irgendwann hatte er eine Beute erspäht und stürzte sich auf sie. Ich setzte mich auf den Steg und schaute zu, wie die Sonne über den Bäumen aufstieg. Der Wind kräuselte die Wasseroberfläche und ließ es so aussehen, als flösse die Lahn Richtung Marburg. Blätter trieben auf dem Wasser dahin. Fische sprangen, ihre Leiber blitzen silbrig in der Morgensonne. Ich hörte die schrillen Pfiffe von Eisvögeln, bekam aber keinen zu sehen. Ich saß eine Weile einfach so da und schaute aufs Wasser. Da, wo ein Fisch Luft schnappte, bildeten sich flüchtige Ringe. Ein Hund bellte vom anderen Ufer herüber. Der Wind rauschte in den Erlen. Beinahe eine Stunde werde ich so dagesessen haben, dann stand ich auf und absolvierte mein morgendliches Gymnastikprogramm. Die Kippen, die ich neulich aufgesammelt hatte, sind alle wieder da. Dann stieg ich in den Fluss und schwamm ein paar Züge. Das Wasser hat sich bereits stark abgekühlt, so dass ich nur kurz im Wasser blieb. Auch so brauchen meine Hände lang, um wieder warm zu werden. Meist werden sie es erst, wenn ich sie um den Bol lege, aus dem ich meinen Espresso mit warmer und geschäumter Milch trinke. Als ich in die Stadt zurückfuhr, wurde mir bewusst, dass das heute der letzte Sommermorgen an der Lahn gewesen sein könnte. Jedenfalls für dieses Jahr. Eine Anmutung vom kommenden Herbst lag über der Lahnaue. Die Blätter des Robert Walser-Busches beginnen sich zu färben. Zwei alte Russen mit runden Köpfen kamen mir entgegen. Wir begegnen uns beinahe jeden Morgen und kennen uns inzwischen. Sie nickten mir zu und brummten mit russischem R ein „Morgen“. Das ist das äußerste der Gefühle. Über dem Marktplatz lag der Duft nach frisch gebackenem Brot, der aus der türkischen Bäckerei stammt.
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„Nicht, dass man auch nur irgend etwas vergessen könnte.“
(Péter Nádas: Buch der Erinnerung)
Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Als ich eine Weile beim Rowohlt-Verlag unter Vertrag war, schenkte mir mein damaliger Lektor sein „Buch der Erinnerung“, ein monumentales Werk von über tausend Seiten. Ich nahm es mit in einen Italien-Urlaub und verschlang es während dieser Wochen. Ich vergaß darüber beinahe, wo ich war und warum ich eigentlich hier war. Ich las und las. Da das Buch sehr schwer ist, konnte ich es nicht überall mit hin nehmen. Ich glaube, ich schaffte es nicht ganz in den sechs Wochen am Gardasee und las den Rest zu Hause weiter. Ich habe es heute, am Tag nach seinem Tod, noch einmal in die Hand genommen und darin herumgeblättert. Ich habe mir vorgenommen, es noch einmal zu lesen. Ob ich die Kraft und die Konzentration dafür aufbringen kann, weiß ich nicht.
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Chronik der Gewalt. An einer Privatschule in Gosen-Neu Zittau in Brandenburg hat am Donnerstag, dem 27. August 2026, ein 19-Jähriger zwei Menschen mit einem Messer getötet. Die Ermittlungsbehörden gehen von einer Beziehungstat aus. Das weibliche Opfer soll die ehemalige Freundin des Täters gewesen sein. Bei dem getöteten Mann soll es sich um den Hausmeister der Schule gehandelt haben, der versucht haben soll, der jungen Frau zu Hilfe zu kommen.
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„Im November 1932 war die NSDAP als stärkste Partei in den Reichstag gewählt worden, musste Koalitionspartner finden und fand sie unter Konservativen, die glaubten, sie könnten Hitler einhegen. Wir wissen, was geschah.“
(Uwe Timm: Wir wissen doch, was geschah, SZ vom 29./30.August 2026)
Auf eine sogenannte tropische Nacht folgte ein tropischer Morgen, so dass ich überraschenderweise doch noch einmal zu meinem Morgenschwimmen aufbrechen konnte. Der ehemalige Verbrecher, der seinen Kampfhund ausführte, wünschte mir einen guten Morgen. Ich war froh, dass der Hund angeleint war. Auf dem Rückweg erstand ich im Lebensmittelmarkt, was ich zum Kochen einer Linsensuppe benötige.
Nachmittags hatten am Steg Mitglieder vom Männer-Badeverein das Kommando übernommen. Einer saß auf der Leiter, wo ich heute Morgen noch gesessen und gelesen hatte, und ließ seinen Bullterrier frei herumlaufen und im Wasser tollen. Ich fragte, ob man vor diesem Tier Angst haben müsse. Daraufhin fragte er, ob ich Mitglied im Verein sei. Dann würde er ihn anleinen, ansonsten hätten Leute wie ich hier nichts zu sagen und er könne seinen Hund solange herumlaufen lasse, wie er wolle. Es sei Vereinsgelände, mithin also privat. Wir schlichen uns. Ursula ging ein paar hundert Meter weiter flussabwärts schwimmen und ich schaute ihr zu. Letzte Woche führte ein anderer Mann seinen Pit Bull zum Steg und ließ ihn dort von der Leine. Ich vermute, sie wollen das Terrain von unerwünschten Besuchern säubern und merke, dass ihnen das auch gelingt. Der Männer-Badeverein verwandelt sich in einen Verein der Kampfhundebesitzer. Bei diesen Tieren handelt es sich eigentlich gar nicht um Tiere, sondern um das nach außer verlagerte Wut- und Aggressionspotenzial ihrer Besitzer. Ich vermute, dass es sich bei diesen um AfD-Sympathisanten handelt, und bei dem Gedanken, dass die AfD und damit solche Leute demnächst an die Macht kommen könnten, wurde mir wieder mal ganz blümerant. Noch verfügt die AfD über keine SA-Horden, aber die Männer dafür stehen bereit und warten darauf, dass man sie ruft und loslässt. Wenn Leute wie diese Hundebesitzer sich im Einklang mit der Macht und von oben geschützt wissen, wird es für Unsereinen Zeit, zu gehen. Dieses Gehen haben wir gestern im Kleinen schon mal geprobt. An der Lahn gibt es noch Orte, zu denen man fliehen, wohin man ausweichen kann. Im Großen wüsste ich nicht, wohin man sich wenden könnte. Wie im Märchen vom Hasen und Igel ist der rechte Igel immer schon da und ruft: „Ick bün all hier!“
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Anderntags begann es, kaum hatte ich das Rad bestiegen, zu regnen. Der Regen wurde immer intensiver, so dass ich beim Brutto-Netto-Tunnel mein Vorhaben aufgab und umdrehte. Vorn am Gewerkschaftshaus brülle sich ein Mensch die Seele aus dem Leib, wie man so sagt. In einer hohen Tonlage schrie er unablässig. Es klang nicht nach einer akuten Notlage, sondern nach Einsamkeit und Verzweiflung. Wie ein Wolf, der irgendwo auf einem Felsen sitzt und sich eine Partnerin wünscht. Oder der verrückte Onkel aus Fellinis „Amarcord“, der einen Baum besteigt und von dort aus brüllt: „Ich will eine Frau!“ Den Mensch, der diese Schreie erzeugte, konnte ich nicht erblicken. Es gibt städtische Areale, wo solche und andere Schreie beinahe normal sind und kaum noch als Notsignal und Handlungsaufforderung genommen werden. Die Männer der Stadtreinigung waren bereits unterwegs. Sie scheinen einen neuen Chef zu haben, der sie am Sonntagmorgen zeitig auf die Straße und zur Arbeit schickt. Hoffentlich gibt es wenigstens eine ordentliche Wochenendzulage. Früher gab es so etwas. Zu Hause wartete ich, bis U erwachte und wir uns zum gemeinsamen Frühstück treffen.
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Lange habe ich kein öffentliches Verkehrsmittel mehr benutzt. Gestern führte ich die eingebeulte und klemmende Tür meines Autos meinem Automechaniker vor und ließ es, weil die Reparatur doch aufwendiger werden wird, als von mir gehofft, gleich da. Seit vierzig Jahren bringe ich meine wechselnden Automobile zur Familie W nach Frankenbach am Dünsberg. Harald ist in meinem Alter und zieht sich wegen zunehmender körperlicher Gebrechen langsam aus dem Werkstattgeschehen zurück. Zu lang hat er sich über Motoren gebeugt und schwer geschuftet, nun schmerzt der Rücken und alles mögliche andere auch. Sein Sohn Jonas, den ich noch als kleinen Bub kenne, hat inzwischen den Laden übernommen und führt ihn in der Familientradition fort. Er ist ein netter Kerl und macht seine Sache gut. Er besah sich den Schaden und schlug vor, den Wagen dazulassen. Gegenüber der Werkstatt ist eine Bushaltestelle und jede Stunde geht ein Bus nach Gießen. Ich hatte noch ein paar Minuten Zeit, dann stellte ich mich zu den anderen, die auf die Ankunft des Busses warteten. Man konnte beim Eisteigen beim Fahrer eine Karte lösen und auch noch mit Geld bezahlen. Erleichtert sank ich auf eine Bank. Der Bus zockelte über die Dörfer, hielt in jedem mindestens ein Mal an. Ich schaute aus dem Fenster und genoss die kleine Reise. Auf der Bank neben mir saßen eine syrische Mutter und ihr vielleicht vierjähriges Töchterchen, die sich ganz ohne Smartphone miteinander beschäftigten und dabei viel Freude hatten. Die anderen Fahrgäste starrten eher mürrisch vor sich hin, vermutlich, weil sie irgendwohin fuhren, wohin sie nicht wollten. Ich stieg mitten in der Stadt aus und ging den Rest des Weges zu Fuß. Ich fuhr dann mit dem Rad an die Lahn und tauchte kurz in den Fluss ein, dessen Wasser von Tag zu Tag kühler wird. Aber noch ist es sehr angenehm.
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Gegenwärtig wird wieder einmal heftig über den Begriff „Heimat“ diskutiert, vor allem dort, wo die AfD mit ihm hausieren geht. „Heimat“ wird traditionell eher von der Rechten besetzt, was auf der Linken dazu geführt hat, dass man den Begriff mied. Die Linken haben den Begriff und die vagen Sehnsüchte, die sich mit ihm verbinden, kampflos der Rechten überlassen, die darauf ihr trübes Süppchen kochte und kocht. Für mich war das nochmal Anlass, über den Begriff nachzudenken.
Der Begriff Heimat entstand parallel zur Industrialisierung, die die Lebenswelt der Menschen radikal veränderte. Die Ausbreitung von Waren- und Geldbeziehungen erlebten die Zeitgenossen, als lege sich ein kalter Hauch der Entfremdung über Menschen und Dinge. Der Begriff „Heimat“ ist, wie übrigens auch Identität und Sinn, eine Reparaturkategorie, der Versuch der Kompensation eines Mangels. Das im Schwinden Begriffene wird in der Erinnerung zur Idylle verklärt, die es in Wahrheit nie gewesen ist. Heimat bezeichnet einen Ort fragloser Zugehörigkeit und Geborgenheit im Vertrauten. Heimat bildet einen Gegenpol zu den um sich greifenden Entfremdungsphänomenen der Moderne. Heimat ist eine Kontrastkategorie zu Anonymität, Mobilität, Dynamik, Tausch und Abstraktion. Heimat ist immer, wenn einer sagt: Weiß du noch, damals …? Man muss bloß „damals“ und „noch“ sagen und schon stellen sich Sehnsüchte nach einer vermeintlich besseren Welt ein. „Früher, als die Menschen sich noch füreinander interessierten …“. Die vorindustrielle Welt kennt den Begriff der Heimat nicht. Damals befanden sich die Menschen mittendrin und in bergenden Gemeinschaften. Die Nazis haben sich den Begriff der Heimat betrügerisch angeeignet und für ihre Zwecke instrumentalisiert. Das Leiden der Menschen unter der Entfremdung und Verdinglichung wird umformuliert in die Furcht vor Überfremdung. Im nächsten Schritt wird den Menschen eine Teilpopulation bezeichnet, die Schuld an ihrem Leiden sein soll und gegen die sich ihr Groll entladen kann. Überall dort, wo Heimat stark betont wird, werden auch Sündenböcke präsentiert, die schuld an deren Verlust sein sollen. Ich habe es in puncto Heimat immer mit Ernst Bloch gehalten, der strikt dagegen war, den Begriff der Rechten zu überlassen, die damit Betrug beging und begeht. Heimat war für ihn ein Kampfbegriff und etwas erst Herzustellendes. Wir müssen den steinigen Acker der Vorurteile bestellen: Es sind nicht die Migranten, die Arbeitsplätze vernichten, sondern das wild gewordene Geld, das sich von der lebendigen Arbeit mehr und mehr emanzipiert und im Übrigen völlig unpatriotisch dahin geht, wo die Bedingungen für seine Vermehrung am günstigsten sind. Wenn schon „Heimatschutz“, dann vor den wahren Zerstörern von Heimat: den Waffenhändlern, den Lebensmittelspekulanten, den Hedgefonds-Managern, der tobsüchtig gewordenen freien Marktwirtschaft.
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Chronik der Gewalt. Auf einem Rave im Schweizer Kanton Aargau ist in der Nacht zum Sonntag, dem 30. August 2026, eine 22-jährige Italienerin getötet worden. Fünf weitere Menschen wurden verletzt. Ein Verdächtiger, ein 43-jähriger Schweizer, wurde festgenommen. Das Motiv der Tat ist noch unklar. Die Polizei hält einen Amoklauf, einen Terrorakt oder eine Abrechnung im kriminellen Milieu für möglich. Ein „molekularer Bürgerkrieg“ (H. M. Enzensberger) tobt unter der Oberfläche unserer ach so friedlichen Gesellschaft. Jeder und jede kann Opfer werden, die Gewalt geht in alle Richtungen. Die Rubrik „Chronik der Gewalt“ in diesem Blog zeugt von der Diffusität der Gewalt.
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Heute Morgen erwachte ich und hatte im Aufwachen ein Gedicht von Georg Heym im Kopf, das ich vor ein paar Jahren mal auswendig gelernt habe. Es ist mein Lieblingsgedicht von ihm und heißt „Der Gott der Stadt“. Die Düsseldorfer Band „Schwarzbrenner“ haben es kongenial vertont. Man kann sich die musikalische Fassung hier anhören: https://www.youtube.com/watch?v=xnLx3GxWiFg
Anlässlich seines 100. Todestages habe ich im Jahr 2012 einen Essay über Georg Heym geschrieben, den man hier finden kann: https://www.magazin-auswege.de/data/2012/02/Eisenberg_Georg_Heym.pdf
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Heute fuhr ich also mit dem Bus nach Frankenbach, in umgekehrter Richtung wie vor ein paar Tagen. Das Auto stehe abholbereit auf dem Hof, hatte mir Jonas am Telefon gesagt. Ich schaute nach, wann der Bus fährt. Ich ging davon aus, dass ich dort einsteigen könnte, wo ich neulich ausgestiegen war. Das entpuppte sich als Irrtum. Der fragliche Bus kam, hielt aber nicht. An der nahen Ampel musste er stoppen und ich fragte den Fahrer durchs geöffnete Fenster, wo denn die Haltestelle sei. Er sagte, die sei um die Ecke und auf der anderen Seite der Lahn. Ich beeilte mich, dorthin zu gelangen, hätte es aber nicht geschafft, wenn der nette Busfahrer nicht kurz gehalten hätte, um mich einsteigen zu lassen. Der Fahrer stammte aus einem südlichen Land, wo solche Praktiken üblich sind. Ein deutscher Busfahrer, wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, einen alten Mann einfach so zwischendurch einsteigen zu lassen, sondern hätte sich an die Vorschriften gehalten. Vielleicht habe ich auch Vorurteile gegenüber deutschen Busfahrern und tue ihnen unrecht. Ich löste das Ticket und bedankte mich beim Fahrer, der kaum deutsch konnte. Aber er lächelte freundlich. Die Fahrer sind ja inzwischen durch Plexiglas von den Fahrgästen getrennt und vor ihnen geschützt, muss man wohl sagen. Sie sind in letzter Zeit verschiedentlich zu Opfern von Attacken geworden. Ich war der einzige Fahrgast und der Fahrer fuhr, wenn er gesehen hatte, dass dort niemand wartete und zusteigen wollte, an den meisten Haltestellen ohne anzuhalten vorbei. Nur in Biebertal wartete an der Haltestelle am Friedhof eine alte Frau, die das Grab ihres Mannes besucht hatte. Sie setzte sich und hielt die Krücke umklammert, auf die sie sich stützte. In Frankenbach verabschiedete ich mich vom hilfsbereiten Fahrer und stieg aus. Jonas saß im Büro und war mit irgendwelchen Formalitäten befasst, die er hasst und die ihm die ansonsten geliebte Arbeit vergällen. Was ich ihm schulde, wollte ich wissen, und zückte schon mal mein Portemonnaie. Für die Reparatur wolle er nichts, aber ich könne etwas in die Kaffeekasse tun. Von der sich dort sammelnden Kohle führen sie einmal im Jahr gemeinsam irgendwohin und ließen es sich ein paar Tage gut gehen. Die nächste Fahrt solle an den Bodensee führen und sei für nächstes Jahr geplant. Wir sprachen dann noch eine Weile über den Postraub in der Subach, für den Jonas sich genauso interessiert wie ich. Dann bestieg ich mein repariertes Auto und fuhr Richtung Gießen. Als ich am Dünsberg vorbeifuhr, fasste ich den Entschluss, jene Stelle im Wald aufzusuchen, an der wir vor rund zwanzig Jahren auf Einladung des Revierförsters ein Symposion zum Thema „Kunstvandalismus“ veranstaltet hatten. Dieser hatte Jahr zuvor Künstler aus der Region eingeladen, aus von ihm zur Verfügung gestellten Baumstämmen Skulpturen zu fertigen, die einen Bezug zur keltischen Geschichte des Berges haben sollten. Kaum zu glauben, dass sich auf seiner Kuppe vor 2500 Jahren ein „Oppidum“, eine keltische Siedlung, befunden hat, in der mehrere tausend Menschen gelebt haben sollen. Man hat, als auf dem Dünsberg vor Jahrzehnten ein gigantischer Fernsehturm gebaut wurde, jede Menge Spuren davon gefunden und Ausgrabungen vorgenommen. Die im Rahmen eines Sommercamps entstandenen Kunstwerke wurden in der Folge von irgendwelchen Leuten immer wieder attackiert und beschädigt, was den Förster auf die Idee brachte, im Wald eine Veranstaltung zu der Frage durchzuführen, was Menschen veranlassen könnte, auf Kunstwerke loszugehen und diese zu Klump zu schlagen. Jemand riet ihm, sich mit dieser Frage an mich zu wenden. So kam es, dass sich rund dreißig Menschen an einem lauen Sommerabend auf einer Lichtung im Wald einfanden und meinen Thesen lauschten. Vielleicht habe das Phänomen, über das geredet werden sollte, weniger mit Kunst zu tun, als mit der Sozialpsychologie des „kleinen Mannes“ und seiner beschädigten Existenz, wobei der „kleine Mann“ natürlich gelegentlich auch eine Frau sein könne; wie ja auch der Antisemitismus nichts über den angeblich „provokatorischen Charakter“ der Juden aussagt, sondern Zeugnis ablegt von der psychischen Struktur und den Vorurteilen des Antisemiten. Es gebe Menschen, deren Lebendigkeit in einem Ausmaß reduziert und abgestorben ist, dass ihnen angesichts von Freude, Heiterkeit und Kunst und unnützem Kram das Messer in der Tasche aufgeht. So in etwas verlief meine Argumentation an jenem lauen Sommerabend auf einer Lichtung im Wald am Dünsberg.
Ich steuerte also den Parkplatz am Dünsberg an, stellte mein Auto ab und ging die eineinhalb Kilometer zu der Stelle, an der damals unsere Zusammenkunft stattgefunden hatte. Ich versuchte, die Bilder jenes Abends wachzurufen und setzte mich auf einen Baumstamm, auf dem ich damals auch gesessen und meine Gedanken vorgetragen hatte. Ich saß auf dem behauenen Baumstamm und hing, wie so oft, einfach meinen Gedanken nach. Ich erinnerte mich an die leckeren Wildmettwürste aus eigener Schlachtung und Räucherung, die der Förster mitgebracht hatte. Es begann dann, ein wenig zu nieseln und so trat ich den Rückweg an. Ich hielt nach Pilzen Ausschau, entdeckte aber keinen einzigen.
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„Ei Teil von ihnen (den Deutschen, G.E.) hat seit einer guten Weile eine Sachwalterin ihres Unmuts gefunden, eine gut organisierte Agentur für die Wiederaufbereitung von Wut, Enttäuschung, Resignation in politischen Aktivismus. Die AfD hat den Geist der Zeit verstanden wie keine andere Partei in diesem Land. Sie ist eine Recyclingmaschine, die Minderwertigkeitskomplexe in Nationalstolz verwandelt – ein Teufelsapparat mit Zukunftspatent. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass in dieser Partei allen schlechten und giftigen Eigenschaften der Gesellschaft verarbeitet werden. Das Endprodukt ist eine Hass- und Umsturzlegitimation: Das Maß ist eben voll, und es kommt jetzt eine Zeit der Maßlosigkeit. Nun soll die Stunde der Zukurzgekommenen, der vermeintlich Gedemütigten schlagen.“
(Hilmar Klute: Wo bleibt die German Angst, wenn man sie mal braucht?, in. SZ vom 5./6. September 2026)
In einigen Tagen finden also die Wahl in Sachsen-Anhalt statt, bei der mit einem mächtigen Rechtsruck zu rechnen ist. Der verlangt von uns nach wie vor Erklärungen. Meine geht ungefähr so.
Viele Zeitgenossen erleben die neuen Imperative des „flexiblen Kapitalismus“ wie unverständliche Voodoo-Imperative, als ein Zugleich von Wirklichkeits-, Erfahrungs- und Identitätsberaubung. Sie werden aus ihren Gewohnheiten und Routinen aufgescheucht, ihren Lebensläufen wird die Grundlagen entzogen. Alles, was sie gelernt haben, passt auf kein Lebensgelände mehr so richtig, was gestern noch galt und sozial integrierte, kann heute schon zu einer Quelle von Desorientierung und Wirklichkeitsverlust werden. Der gesellschaftliche Wandel ist derart rapide geworden, daß er Schwindelgefühle und innere Gleichgewichtsstörungen hervorruft: Die Menschen haben das Gefühl, dass der Film der äußeren Realität schneller läuft als der innere Text, den sie dazu sprechen. Ihre lebensgeschichtlich erworbenen Verarbeitungsweisen und –kapazitäten reichen nicht aus, um all das Neue begreifen und sich anzueignen zu können. Unterhalb der Ebene der immer mehr in die Abstraktion schießenden gesellschaftlichen und weltweiten Superstrukturen bildet sich ein florierender Schwarzmarkt regressiver Sehnsüchte und entlastender Phantasien: Es soll alles wieder so werden, wie es einmal war, mindestens aber so bleiben, wie es ist. Die verstörten Menschen sehnen sich danach, dass die äußere Welt endlich wieder zu ihren inneren Texten passt. Wenn die Wirklichkeit durch ein Übermaß fremder, unverständlicher Bedeutungen zu erodieren droht und die Unübersichtlichkeit eskaliert, träumen die Wünsche von der Gartenlaube und es wachsen die Sehnsüchte nach einer vermeintlich heilen Welt vor dem „Sündenfall der Moderne“. Darum geht es im seit einiger Zeit tobenden „Kulturkampf“. Wenn es gelänge, diese allzu verständlichen menschlichen Sehnsüchte dem Sog der Regression zu entreißen und sie über sich selbst aufzuklären, könnten sie zum Motor einer emanzipatorischen Entwicklung werden, die auf eine Wiederaneignung der entfremdeten und enteigneten Lebensbedingungen durch die heute lebenden Menschen zielt. Aber die Linke in diesem Land zählt nicht unbedingt zu den Faktoren, die Hoffnung machen. Häufig fehlt ihr sogar das Sensorium für die Wahrnehmung der heutigen Konflikt- und Bruchlinien. Eine Theorie, die nicht auf der Höhe der Zeit ist, kann schwerlich eine Praxis anleiten, die darauf abzielt, den gegenwärtigen Zustand aufzuheben. Wir brauchen dringend eine kritische Theorie des gegenwärtigen Zeitalters. Meine Hirnantilope springt zu unserem Treffen mit Herbert Marcuse Mitte der 1970er Jahre am Malojapass in der Schweiz, wo er uns dazu ermunterte, mit aller intellektueller Kraft an einer Theorie des gegenwärtigen Zeitalters zu arbeiten. Dabei sei es auch vonnöten, sich von alten Gewissheiten zu verabschieden und von dogmatischen Schlacken zu befreien. Marcuses unerschrocken-unorthodoxe Haltung und sein beinahe flapsiger Umgang mit heiligen Texten beeindruckten mich tief und waren ein Tritt in den dogmatisch verzagten Arsch, der bis heute nachwirkt.
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„In der Verbindung von Zeit und Ich entsteht ein kleiner Spalt, durch den die Vergangenheit hereinströmt.“
(Jonathan Lethem: Der Fall Brooklyn)
Ich war noch nie in Amerika und so auch nicht in Brooklyn. Ich habe es nun aber dennoch kennengelernt und zwar auf eine sehr spezielle und intensive Weise. Ich habe den neuen Roman von Jonathan Lethem gelesen, der „Der Fall Brooklyn“ heißt. Es ist ein ganz besonderer Großstadtroman in der einzig angemessenen Form einer großen Kollage. Er besteht aus lauter Fragmenten, wie die Realität, die er einfangen und wiedergeben möchte. Fragen, die der Roman wie nebenbei aufwirft: Kann man das menschliche Leben auf den zusammenhanglosen Fluß seiner Erscheinungen reduzieren? Wie soll sich Identität bilden, wenn das Leben aus lauter Trennungen und Fragmenten zusammengesetzt ist? Lethem erzählt von einer Welt aus Alltagskriminalität, rivalisierenden Gangs, Rassismus und einsetzender Gentrifizierung. Einzelnen Figuren begegnen wir immer wieder, so zum Beispiel dem „Brazen-Head-Schwätzer“ oder der „Schreierin“. Lethem ist in Brooklyn aufgewachsen und kennt sich aus. Zusätzlich hat er gründlich recherchiert. Ein tolles Buch, das zeigt, wie man heute schreiben kann und muss. Es lag lange neben meinem Bett. Man muss das Buch nicht am Stück lesen, sondern kann es immer wieder mal zur Hand nehmen, ein paar Passagen lesen und dann wieder zu Seite legen. Seit ich „Der Garten der Dissidenten“, ein Roman über linke Utopien und deren Scheitern, gelesen habe, der 2014 auf Deutsch erschienen ist, begleitet mich Jonathan Lethem, und ich schätze ihn sehr.
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Heute, also am 5. September 2026, wird Paul Breitner 75 Jahre alt. Einer der letzten „Typen“ im deutschen Fußball. Wie weit es mit seinem Rebellentum her war, sei einmal dahin gestellt. Aber das kann man sich ja bei vielen anderen sogenannten Linken fragen und muss sich jeder von uns auch fragen und fragen lassen. Sein souveräner Elfmeter im 74er-Endspiel und sein „Zug zum Tor“ sind jedenfalls unvergessen.
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Jemand hat sich am Bowdenzug einer Bremse meines Hollandrads zu schaffen gemacht und ihn beinahe abgerissen. Da ich zu deppert bin, um so etwas selbst zu reparieren, fuhr ich gestern zu Jürgen an die Lahn, der den Schaden im Handumdrehen behoben hatte. Danach saßen wir bei einem Glas Wasser noch eine Weile im Garten beisammen und sprachen über dies und das. Abends hatte Jürgen Freunde zu einem Open-Air-Kinoabend eingeladen. Sie wollten einen Film von Werner Herzog über Vulkane anschauen. Die Leinwand war bereits aufgebaut. Da noch etliche Dinge vorbereitet werden mussten, verabschiedete ich mich bei Zeiten und trat den Heimweg an. Abends verfolgte ich die Wahl in Sachsen-Anhalt, die in etwa so ausging, wie ich es befürchtet hatte. Der Absturz der CDU ist bemerkenswert, genauso wie die Auferstehung der Sarah Wagenknecht-Partei, die sich ja in Thüringen gerade vollstädnig zerlegt hat und die nun die Regierungsbildung in Sachsen-Anhalt maßgeblich beeinflussen kann. Die Möglichkeit einer „Querfront“, die es in Ansätzen in der Weimarer Zeit schon einmal gab, hat sich ja schon länger angedeutet. Um Macht und Einfluss zu gewinnen, scheint Frau Wagenknecht fast jedes Mittel recht. Peinlich, wie sie neulich Björn Höcke um den Bart ging. Eben hörte ich Frau Bas auf einer Pressekonferenz zum Wahlausgang sagen: „Wir müssen den Menschen die Angst vor den Reformen nehmen.“ Was sind das für Reformen, bei denen nicht Vorfreude das vorherrschende Gefühl der Menschen ist, sondern Angst?
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Erich Kästner hat am 10. Mai 1958 in Hamburg bei der Tagung des PEN Deutschland anlässlich des 25. Jahrestages der Bücherverbrennung eine Rede gehalten, in der es heißt: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf … . Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.“ Diese Passage aus Kästners Rede ging mir seit dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt nicht mehr aus dem Kopf. Sie ist
so schrecklich wahr. Und wie oft habe ich sie in den letzten zehn Jahren bereits zitiert.
Noch rollt der Schneeball, noch haben wir Gelegenheit, den Gang des Verhängnisses aufzuhalten. Greifen wir dem Rad in die Speichen!
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