„Wir sind immer eingeengt durch den Konformitätsdruck und die Routinen einer bestimmten gesellschaftlichen Lebenspraxis, die unsere Antriebe kanalisiert, und deshalb steckt in jeder Manifestation menschlichen Lebens ein Defizit nicht realisierter Möglichkeiten, die sich über die Phantasie einen zweiten Realisierungsweg suchen.“
(Dieter Wellershoff: Literatur und Lustprinzip)
Das alles in diesem Blog wird zunehmend redundant. Wie oft will ich euch noch mit meinen Fahrten zur Lahn langweilen? Mit der kindlichen Freude über einen Eisvogel, den ich zufällig zu sehen bekomme? Die Texte werden so langweilig und monoton wie mein Leben. Aber unser Leben besteht nun mal aus Wiederholungen und ist über weite Strecken „Alltag“. „Train-train“, sagte man früher in Frankreich, womit das monotone Geräusch eines Zuges sprachlich nachgeahmt wurde, der über die Fugen von Gleisen dahinrattert. Das ist eine treffliche Metapher für den täglichen Trott, in dem wir gefangen sind. In manchen alten französischen Filmen bildet dieses Geräusch den Soundtrack. Ich liebe dieses Geräusch. Und auch die Wiederholungen, für die es steht. Das steht in schroffem Gegensatz zu der Aufforderung, die neuerdings unaufhörlich an uns ergeht, unser Leben als ein nie endendes Abenteuer zu begreifen und zu gestalten. Dieser gerade anbrechende Tag wird einzigartig sein, nie dagewesene Begebenheiten werden ihn von allen vorangegangenen Tagen unterscheiden. Dazu sind natürlich bestimmte Dinge von Nöten, die man unbedingt schleunigst erwerben muss. Zum Ausbruch aus dem Alltag braucht es stetig wachsendem Tempo Konsumgüter, die, wer auf der Höhe der Zeit sein will, vorzeigen muss. Und mittlerweile auch synthetische Drogen, die einen das Tempo des Wandels und das Leben „auf der Überholspur“ durchhalten lassen. Schlafen gilt als Zeitverschwendung. In Wirklichkeit begegnen sich die Masse der Leute auf dem Markt oder in der Stadt und begrüßen sich mit den Worten: „Wie geht‘s?“ und antworten: „Immer so weiter.“ oder „Es muss.“ Das Alltagsleben der meisten Menschen besteht aus lauter Banalitäten. Wir sind die dösenden Passagiere des „Train-train“. Schon die Schule lehrte uns, dass wir morgens pünktlich an einem Ort erscheinen müssen, an den wir nicht wollen. Man akklimatisierte uns an die Regelmäßigkeit und das Reagieren auf Klingelzeichen. Als Erwachsener gilt man, wenn man gelernt und akzeptiert hat, sein ganzes Leben ein Schüler zu bleiben. Die Gewohnheiten und Routinen schieben sich wie eine Schicht aus Packeis über das Leben und drohen es zu ersticken und erfrieren zu lassen. „Reife, das ist der Zustand vor der Fäulnis“ sagte Robert Walser. Das ist das Eine. Das Andere ist die traurige Wahrheit, dass wir ohne Routinen und Gewohnheiten nicht leben können. Nietzsche hat das erkannt und so beschrieben: „Dagegen hasse ich die dauernden Gewohnheiten und meine, dass ein Tyrann in meine Nähe kommt und dass meine Lebensluft sich verdickt, wo die Ereignisse sich so gestalten, dass dauernde Gewohnheiten daraus mit Notwendigkeit zu wachsen scheinen: zum Beispiel durch ein Amt, durch ein beständiges Zusammensein mit denselben Menschen, durch einen festen Wohnsitz, durch eine einmalige Art Gesundheit. Ja, ich bin allem meinem Elend und Kranksein, und was nur immer unvollkommen an mir ist – im untersten Grunde meiner Seele erkenntlich gesinnt, weil dergleichen mir hundert Hintertüren lässt, durch die ich den dauernden Gewohnheiten entrinnen kann. – Das unerträglichste freilich, das eigentlich Fürchterliche, wäre mir ein Leben ganz ohne Gewohnheiten, ein Leben, das fortwährend die Improvisation verlangt – dies wäre meine Verbannung und mein Sibirien.“ Diese Dialektik der Gewohnheit hat Friedrich Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ unnachahmlich präzise bezeichnet. Aus diesem sich verfilzenden widersprüchlichen Mechanismus – einerseits ersticken uns Routinen, andererseits können wir ohne sie nicht leben – kommen wir einstweilen nicht heraus. Vielleicht in einer anderen Normalität, in einer anderen, befreiten Gesellschaft. Wer weiß? Denk- und wünschbar wäre es allemal.
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Gestern lief mir an der Lahn nach langer Zeit mal wieder ein richtiger Feldhase über den Weg. Es wimmelt dort von Kaninchen, aber einen richtigen Feldhasen bekommt man sehr selten zu Gesicht. Über die Lahnauen hallten Schüsse eines Jägers. Ich hoffe, dass er es nicht auf den Hasen abgesehen hatte. Vielleicht ist er ja ein Anhänger von Blaise Pascal, der gesagt hat: „Das Interesse des Jägers gilt nicht dem Hasen, sondern der Jagd.“
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Heute Morgen, als ich gemächlich zur Stadt zurückradelte, näherte sich mir von hinten eine laut in ihr Handy brüllende dicke Frau auf ihrem E-Scooter. Um kurz nach sieben berichtete sie einer Freundin, was ihr am Wochenende zugestoßen war. „Er wusste genau, was das mit mir macht, und er hat es trotzdem voll durchgezogen“, sagte sie voller Empörung, als sie mich endlich überholte. Was man alles mithören muss, seit es keine Diskretion und Scham mehr gibt.
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Unübersehbar war heute Morgen, dass die Schule wieder beginnt. Vor einer Gesamtschule, die an meinem Weg liegt, hielten Mütter und luden ihre Töchter aus. Ältere türkische Brüder chauffierten ihre Schwestern und deren Freundinnen in ihren protzigen Limousinen vors Schultor. Aus dem Inneren der Autos dröhnte Rapmusik. Auf dem Brandplatz unter den Arkaden, vor den Eingängen zu den Toiletten, stritten sich Krähen um die besten Stücke aus einem Müllberg. Sie haben es inzwischen sogar raus, wie man Pizza-Kartons öffnet. Sie wissen, dass da häufig Reste drin zurückbleiben, auf die sie scharf sind. Beim Kampf um die Pizza-Reste ging es nicht ohne Streit und Kämpfe ab. Circa 25 Krähen hüpften umeinander und keckerten wie verrückt.
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Am Wochenende haben wir zum ersten Mal nach einem österreichischen Rezept Marillenklöße, die auch „Buchteln“ genannt werden, zubereitet. Die Aprikosen stammten natürlich nicht aus der Wachau, sondern vom Türken in der Nordstadt. Die Früchte werden in einen leicht gesüßten Hefeteig gehüllt und dann im Backofen ausgebacken, bis sie goldgelb sind. Dazu gab es eine von U selbst hergestellte Vanillesoße. So etwas Köstliches haben wir lange nicht gegessen. Die Mühe, die wir auf die Zubereitung verwandt haben, hat sich gelohnt, zumal wir zwei Tage davon gegessen haben.
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„Unsere Entschlossenheit zur Gewalttätigkeit bewies, dass wir keine Schwuchteln waren.“
(James Ellroy: Die Rothaarige)
Jetzt verstehe ich auch, warum so viele Männer bei Badeunfällen ums Leben kommen. Als am Samstagabend drei Männer auf dem Steg auftauchten, verbreitete sich dort eine weitreichende Bier- und Alkoholfahne. Dann sprangen sie, ohne sich abzukühlen, vom Steg aus ins Wasser, obwohl an dieser Stelle dicht unter der Wasseroberfläche ein massiver Felsen liegt. Selbst wenn sie mit ihm schmerzhaft in Berührung kamen, ließen sie sich nichts anmerken. Fast 300 Menschen sind bei Badeunfällen dieses Jahr bereits ums Leben gekommen, das Gros von ihnen waren junge Männer, die oft alkoholisiert waren und sich und anderen etwas beweisen wollten. Hier in Gießen ist gerade ein junger Mann nach einem Sprung von einer Brücke ums Leben gekommen.
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„Wir Stadtradler sind froh, wenn wir überleben. Mehr wollen wir nicht.“
(Axel Hacke: SZ vom 7. August 2026)
Heute Morgen gerieten wir auf dem Rückweg von der Lahn in den Fahrradberufsverkehr. Dass die Schule wieder begonnen hat, ist deutlich spürbar. Es sind merklich mehr Radfahrer unterwegs als während der Ferienzeit. Sätze aus der letzten Kolumne von Axel Hacke fielen mir ein: „Am meisten Angst habe ich vor anderen Radlern – und vor Elektrorollern, von denen viele keine Gnade kennen und nur ihr eigenes Ziel.“ Auf den heiklen Passagen, da, wo es eng wird, kommt es immer wieder zu brenzligen Situationen. Man wird im Abstand von wenigen Zentimetern überholt, und zwar rechts und links und manchmal gleichzeitig. Die elektrisch verstärkten Radler haben oft ein irres Tempo drauf. Die meist jungen Fahrer auf den Elektroroller betrachten die übrigen Verkehrsteilnehmer als lebende Slalomstangen, die es möglichst eng zu umfahren gilt. Immer mehr Räder sind eigentlich gar keine Räder im herkömmlichen Verständnis. Es sind bis zu drei Metern lange Gefährte, die dem Nachwuchs oder dem Hund als Schlaf- und Transportplatz dienen. Wenn die Kita aufmacht, sind zahllose Mittelschichtsmütter und -väter unterwegs, um ihren kostbaren Nachwuchs in einem solchen E-Luxusgefährt dort abzuliefern, wobei es natürlich auch wichtig ist, mit diesem gesehen zu werden. Dazu kommen neuerdings die Essenslieferanten auf ihren dickreifigen E-Bikes, meist in einem dem Stress geschuldeten Höllentempo. Mindestens ein Auge richten sie immer auf ihr am Lenker angebrachtes Navi. Die Essenslieferanten hört man wenigstens kommen, weil die dicken Räder ihrer Fahrräder ein surrendes Geräusch erzeugen. Vom Leben dieser Essenslieferanten erzählt Tomer Gardi in seinem Roman „Liefern“, der im Tropen-Verlag erschienen ist. Morgens spielen die Essenslieferanten übrigens keine Rolle.
Hackes Resümee: „Es gilt das Recht des Stärkeren, das ist in der Weltpolitik wie auf den Autobahnen, nun auch auf Radwegen und Bürgersteigen. Soll man nach der Polizei rufen? Wenn man sich lächerlich machen will … Es gibt Dinge, die regelt niemand für uns. Sie lassen sich bloß im täglichen Miteinander, mit Rücksicht und Anstand lösen. Oder eben nicht.“
Angesichts des hohen Anteils von E-Bikes an den Fahrrädern würde Ivan Illich heute wohl kaum sein „Narrenlob des Fahrrads“ anstimmen. Der Anteil der E-Bikes an den neu gekauften Fahrrädern liegt inzwischen bei über 50 Prozent. Dadurch ist auch die Anzahl der schweren Unfälle mit Fahrradbeteiligung deutlich gestiegen. Vor allem ältere Menschen, die auf ein E-Bike umsteigen, kommen oft mit der Geschwindigkeit nicht klar und verursachen Unfälle oder werden in sie verwickelt. Die Entwicklung von E-Bikes hat die „Konvivialität“ des Fahrrads tendenziell aufgehoben. „Konvivial“ nannte Ivan Illich technische Hilfsmittel, die vernünftigen Wachstumsbeschränkungen unterliegen und lebensdienlich sind. Das Fahrrad ermöglicht eine aus eigener Kraft betriebene Mobilität, die darin zugleich ihre Begrenzung findet. Diese Begrenzung wird durch die elektrische Verstärkung tendenziell aufgehoben. Die elektrische Verstärkung unterstellt das Fahrrad der Logik der Beschleunigung und der Zeitersparnis und droht es damit seiner emanzipatorischen Qualitäten zu berauben. Es wird Teil eines notdürftig übertünchten allgemeinen Kriegszustands, in den sich unser Alltagsleben mehr und mehr verwandelt. Die martialische Aufmachung vieler Radfahrer macht sie auch äußerlich zu zeitgenössische Raubrittern – mit Helmen und Visieren, Arm- und Knieschonern. Fehlen nur die Lanzen, mit denen man die anderen aufspießt.
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Vor dem 24 Stunden und sieben Tage währenden Lärm der Stadt gibt es keinen Schutz. Man ist ihm ohnmächtig ausgeliefert. Das macht auf Dauer krank, und ist wahrscheinlich auch die Lösung des Rätsels meines Herzinfarkts, den ich vor zwei Jahren erlitten habe. Nächste Woche werde ich mich mal wieder „durchchecken“ lassen, wie man diese Prozedur bezeichnenderweise nennt. Wobei man natürlich mitdenken muss, dass die Medikamente, die ich jeden Morgen und Abend zu mir nehme, allerhand überdecken. Heute Nacht fing irgendein Idiot in der weiteren Nachbarschaft so gegen drei Uhr an, gegen irgendetwas zu hämmern. Dieses Hämmern nahm kein Ende, so dass ich mich schließlich mit Ohrenstöpseln zu schützen versuchte. Warum die unmittelbaren Nachbarn, die von dem Lärm intensiver betroffen waren, sich das gefallen ließen, ist mir ein Rätsel. Nach einer Weile schlief ich glücklicherweise nochmal ein. Gegen sechs Uhr weckte mich die Sonne.
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Heute wäre es an der Badestelle beinahe zu einem Eklat gekommen. Ich saß da am Vormittag an meinem angestammten Platz, sah aufs Wasser und hing meinen Gedanken nach, als ein Radfahrer die Auffahrt hinauffuhr, abstieg, seinen Helm abschnallte und umgehend zu telefonieren begann. Dabei ging er in großen Schritten auf und ab. So etwas kann ich schon mal gar nicht leiden: Leute, die zum dienstlichen Telefonieren an den Fluss kommen. Und so laut quatschen, dass man mithören muss, selbst wenn man es nicht will. Er wollte es offenbar. Nach dem dritten Telefonat drehte ich mich zu ihm um und sagte: „Müssen Sie ihr Büro hier am Fluss aufschlagen? Können Sie ihre Dienstgespräche nicht woanders führen?“ Er sei Mitglied im Verein, der den Steg unterhält und er könne hier so lange telefonieren, wie es ihm beliebt, lautete seine Antwort. Einen Platzverweis könne ich ihm schon gar nicht erteilen. Das wolle ich auch gar nicht, erwiderte ich, es geht mir nur darum, meine Zeit hier in Ruhe zu verbringen. Ich sagte dann nichts mehr und hoffte, dass es irgendwann vorbeigeht. Aber es hörte nicht auf. Ein Telefonat folgte aufs nächste und es nahm einfach kein Ende. Dieses wichtigtuerische BWL-Gequatsche hielt ich nicht länger aus. Ich bestieg mein Rad und fuhr davon. Ich setzte mich ein paar hundert Meter weiter flussabwärts auf eine Bank und beschloss, mein Glück in einer halben Stunde noch einmal zu versuchen. Aber sein Durchhaltevermögen war größer als gedacht. Er redete immer noch im gleichen Duktus auf irgendwelche Geschäftspartner und Kollegen ein. Er hat ganz offensichtlich das Lahnufer zu seinem „Outdoor-Büro“ gemacht, wie diese Leute das nennen. Resigniert hakte ich meinen Lahnbesuch für diesen Vormittag ab und fuhr nach Hause. Die Geldverdienermänner haben die Welt für sich
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„Das Internet ist der dümmste Ort der Welt. Ich empfinde es als Seuche. Egal in welcher Blase, die Leute werden gegeneinander aufgehetzt.“
(Monchi, SZ-Interview, 14./15./16. August 2026)
Als wir gestern Abend kurz vor acht vom Schwimmen nach Hause fuhren, liefen die Vorbereitungen auf die Sonnenfinsternis auf Hochtouren. Die Lahnauen verwandelten sich in ein einziges Open Air-Kino. Die Leute saßen auf Decken oder Klappstühlen in der Wiesen mit Blick nach Westen und reckten ihre Schutzbrillen und Handys in die Luft. Auf Lastenräder wurden Bierkästen herangeschafft. Die partielle Sonnenfinsternis als Mega-Event, bei dem man dabei gewesen sein muss. Dabei bekam man gar nicht viel mit, weil die Verdeckung der Sonne durch den Mond nur partiell war und es nur ein bisschen dämmrig wurde, was es um dieser Zeit ja ohnehin wird. Wüsste man nicht aus den Medien, dass Sonnenfinsternis ist, man würde nichts davon mitbekommen. Auch die Vögel sind um diese Jahreszeit bereits verstummt, so dass einem das Schweigen der Vögel auch nicht auffällt. Wir fuhren nach Hause, weil „Arte“ den passenden Film zum Ereignis zeigte: „Melancholia“ von Lars von Trier aus dem Jahr 2011, ein Film voller traumhafter Bilder, unterlegt mit Musik aus Wagners „Tristan und Isolde“. Über ein völlig dekadentes großbürgerliches Familienfest bricht ein Unglück herein: Der Planet „Melancholie“ rast auf die Erde zu und droht ihn zu zerstören. Am Schluss des Films geht die familiäre Idylle in Flammen auf. Auch der Rückzug in eine aus ein paar Ästen errichtete „magische Höhle“ kann sie natürlich nicht retten. Der Planet lässt eine vollkommen verrottete und verkommene Erde bersten, die es nach den Worten der Protagonistin Justine verdient hat, unterzugehen.
Früher, als die Menschen noch an Gott glaubten, erblickten sie in Sonnenfinsternissen Vorboten der Apokalypse, ein Menetekel. Als Adalbert Stifter 1842 in Wien Zeuge eines solchen Ereignisses wurde, schrieb er: „Es war nicht anders, als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen und ich hätte es verstanden.“ Die Sprache Gottes und seine Zeichen versteht heute kaum noch jemand. Ein solches Ereignis sagt uns nichts mehr. Man zückt das Smartphone und filmt es, um es anschließend an seine Freunde zu verschicken. Das ist alles. Die Kritische Theorie beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit einer anderen Verfinsterung: „Eclipse of Reason“ heißt Horkheimers Werk aus dem Jahr 1947, das bei uns unter dem Titel „Kritik der instrumentellen Vernunft“ bekannt wurde. Dieses Buch hat, als die ersten Raubdrucke davon erschienen, bei mir zu einer Erhellung beigetragen und mich gelehrt, dass die Welt höchstwahrscheinlich nicht an einer Planetenkollision zugrunde geht, sondern an der „Verfinsterung der Vernunft“, für die wir selbst die Verantwortung tragen, insofern wir den kapitalistischen Industrialismus, der sie systematisch betreibt, abschaffen könnten, wenn wir denn wollten und uns entschieden zur Wehr setzten.
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Dieses Wochenende bricht das jährliche Stadtfest über uns herein. Alles ist abgesperrt und neuerdings mit Pollern bewehrt. Die Poller machen potenzielle Attentäter auf die Möglichkeit eines Anschlags aufmerksam. Kabelabdeckungen verwandeln die Straßen in Buckelpisten. Später wird noch schreckliche Musik und das Grölen der Betrunkenen dazukommen. Das Stadtfest ist eigentlich kein Fest der Stadt und ihrer Bewohner, sondern ein öffentlicher alkoholischer Exzess. Als ich vor Jahrzehnten das erste Gießener Stadtfest für ein Stadtmagazin besprach, setzte ich als Motto ein Nietzsche-Zitat darüber: „Jedes Vergnügen ist seiner Kritik überlegen.“ Selbst in seiner völlig kommerzialisierten Form enthielt ein solches Stadtfest, so dachte ich damals, noch Spurenelemente der Sehnsucht nach einem anderen Leben in einer Form urbaner Öffentlichkeit, einen utopischen Rest, den es der Aneignung durch den betrügerischen Kommerz zu entreißen gälte. Wir müssen inzwischen allerdings damit rechnen, dass unter dem Pflaster kein Strand mehr ist, sondern nur eine weitere Schicht Beton. Dann wäre Schicht im Schacht.
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Eine riesige Deo-Wolke wabert durch die Stadt. Seit den 1960er Jahren sprühen sich die Leute morgens gegen eventuellen Schweißgeruch kräftig ein. Dann bildet sich im Laufe des Tages eine üble Melange aus Schweiß- und Deo-Geruch, die viel schlimmer ist, als der pure Schweißgeruch. Olfaktorisch wird das Stadtfest bei dieser Hitze eine Katastrophe.
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„In der Verbindung von Zeit und Ich entsteht ein kleiner Spalt, durch den die Vergangenheit hereinströmt.“
(Jonathan Lethem: Der Fall Brooklyn)
Gestern erfuhr ich, dass in den nordfranzösischen Bergbauregionen zu Zolas Zeiten auf 1.000 Häuser 500 Kneipen kamen. Zu Hause war es zu beengt, so dass die Arbeiter nach der Arbeit in Wirtshäusern Zuflucht suchten. Diese waren auch eine Stätte der Verbreitung aufrührerischer Gedanken. Mit der Arbeiterklasse verschwinden auch die Kneipen und die Idee der Revolution. Wer etwas über die Lage der Bergarbeiter im 19. Jahrhundert und deren Alltagsleben erfahren möchte, lese Emile Zolas Roman „Germinal“.
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Vorn im Park lag am Samstagmittag ein kleiner schwarzer Mann. Zusammengekrümmt lag er auf einer metallenen Bank und schlief. Den Kopf hatte er auf seinen Unterarm gebettet. Um ihn herum lag Unrat und Müll, der wahrscheinlich aus einem der Müllbehälter stammte oder sich einfach so dort angesammelt hatte. Leute liefen an ihm vorüber. Ein Trolley stand vor der Bank inmitten des Unrats. Eine Krähe zerrte an etwas herum. Ein Martinshorn jaulte auf dem Anlagenring. Mir symbolisierte das Bild den Zustand der Stadt. Gießen schien in dieser Szene geronnen: heruntergekommen, indifferent, mitleidlos, schmutzig. Dazu passte die Hitze, die zu dieser Vormittagsstunde bereits enorm war. Außerdem war Stadtfest, und auch das schien mir zu passen. Das Elend der einen geht mit dem Amüsement der anderen einher. Alles existiert im selben Raum und nebeneinander. Dreck und Lärm und sogenannte Musik, keiner interessiert sich für niemand. Viele Menschen auf einem Haufen werden zu „Leuten“. Leute in Gruppen, einzelne Leute. Leute, die irgendwohin hasten, etwas vorhaben. Leute, die Einkäufe nach Hause schleppen. Leute verbindet nichts miteinander, sie sind nur zufällig im selben Raum und zur selben Zeit anwesend.
In den Termini von Sartre bilden „Leute“ eine Vielheit vom Typ der „Serie“, sie sind „serialisiert“. Sartres Beispiel für eine Serie ist eine Ansammlung von Personen, die an einer Haltestelle auf einen Bus warten. Ihre Verbundenheit kommt von außen und hebt ihre wechselseitige Isolation nicht auf. Die Leute bilden eine Vielheit von isolierten Einzelnen. Sie haben nichts miteinander zu tun. Die Serie ist eine Art von Kollektiv, das seine Einheit von außen empfängt. Jeden Morgen sehe ich das von meinem Balkon aus: die eilig ins Büro strebende junge Asiatin, der von seinem Handy völlig in Anspruch genommene Banker, die Schüler, die ihre Rucksäcke schleppen. Sie nehmen keine Beziehung miteinander auf außer als Nummer in einer quantitativen Serie. Sie gehen hintereinander die Straße entlang, das ist alles. Das Wesen der Serie ist die Entfremdung, die ihre Mitglieder gefangen hält. Der Ausweg, den Sartre noch gesehen hat, ist, dass sich in der Hitze des Kampfes aus der Serie eine „fusionierende Gruppe“ bilden kann. Alle werden sich zu Brüdern und Schwestern, jeder erkennt sich im anderen wieder, die großen Ziele sind allen gemeinsam. Man macht die rauschhafte Erfahrung, dass man gemeinsam die Welt verändern kann und sich mit ihr. Die wunderbare Offenbarung im ersten Moment des Aufstands lautet: Alles ist möglich! Man kann das Mögliche ins Wirkliche hinüberzwingen. Von dieser Möglichkeit sind wir derzeit in den westlichen Metropolen weit entfernt. Aber manchmal geschieht diese Verwandlung völlig unerwartet und von niemandem vorhergesehen. Sartre entfaltete seine Theorie der Serialität und der fusioniernden Gruppen in seinem monumentalen Werk „Kritik der dialektischen Vernunft“, das auf Deutsch 1967 im Rowohlt-Verlag erschienen ist. Ich habe mich durch dieses Buch einmal durchgekämpft und viel daraus gelernt. Heute brächte ich die dazu nötige Energie nicht mehr auf. Eine kongeniale Kurzfassung der Sartreschen Theorie findet sich im Buch von David Cooper und Ronald Laing „Vernunft und Gewalt“, das 1973 in der Edition Suhrkamp erschienen ist.
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Eine Frau joggte den Lahnuferweg entlang. Ich näherte mich von hinten auf dem Rad. Da ich sehr langsam fuhr und wir beide ungefähr gleich schnell oder langsam unterwegs waren, überholte ich sie nicht, sondern zockelte hinter ihr her. Das kam ihr irgendwann böhmisch vor und sie sah sich in immer kürzeren Abständen nach mir um. Als sie wieder mal über ihre Schulter blickte, sagt ich in ihre Richtung: „Keine Sorge, ich will Ihnen nichts tun.“ „Besser, mer guckt halt emal“, erwiderte sie. Kurz darauf bog ich in den Weg ein, der zum Ufer führt, und sie war mich los. Es tat mir leid, dass ich ihr Furcht eingeflößt hatte.
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Für heute und die folgenden Tage ist Regen angekündigt. Ab Donnerstag soll es wieder sommerlich werden. Ich will sehen, dass ich auch heute schwimmen fahre. Sonst wäre es seit acht Wochen der erste Tag, an dem ich es nicht täte, und ich möchte diese sommerliche Gewohnheit möglichst lange beibehalten. Die tägliche Fahrt zur Lahn mit dem Rad und das Bad im Fluss tun mir gut.
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U liest seit ein paar Tagen einen Roman von Monika Helfer, der „Bevor ich schlafen kann“ heißt und eine Psychiaterin zur Hauptfigur hat. Sie ist sehr angetan von diesem Buch und will es an mich weiterreichen, wenn sie durch ist mit der Lektüre. Gestern vor vierzehn Tagen ist Monika Helfer gestorben. Ich denke mitunter an Michael Köhlmeier, ihren Mann, der zurückgeblieben ist und nun sehen muss, wie er ohne sie klarkommt. Köhlmeier hat Ende der 1970er Jahre auch mal einige Semester in Gießen studiert. Sein Roman „Das Philosophenschiff“ liegt in einem Stapel mit ungelesenen Büchern. Ich suche seit Tagen nach ihm. Nach längerem Suchen und Umschichtungen habe ich das Buch gefunden. Eine zentrale Gestalt auf dem Philosophenschiff, mit dem oppositionelle Intellektuelle Anfang der 1920er Jahre außer Landes gebracht werden sollen, ist der schwerkranke Lenin, der sich mit einer Passagierin auf ein Gespräch über Macht einlässt. Bin gespannt auf das Buch und darauf, was Köhlmeier Lenin zu diesem Thema sagen lässt. Auch die hoch verehrte Emma Goldman musste nach der gewaltsamen Niederwerfung des Kronstädter Matrosenaufstands und ihrer Parteinahme für diesen die junge Sowjetunion verlassen. Die Stimmung, in der sie 1921 den Zug Richtung Lettland bestieg, schildert sie in ihren Lebenserinnerungen so: „Meine Träume zerstört, mein Glaube gebrochen, mein Herz ein Stein. ‚Matuschka Rossija‘ blutend aus tausend Wunden, ihre Erde bedeckt mit Toten. Ich klammerte mich an den Griff der vereisten Fensterscheibe, biss die Zähne zusammen und unterdrückte ein Schluchzen.“
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Heute Morgen war es wolkenverhangen und es sah nach Regen aus. Ich wollte aber dennoch zur Lahn radeln und schwimmen gehen. Sonst wäre es seit acht Wochen der erste Tag, an dem ich es nicht täte und ich mochte diese sommerliche Gewohnheit nicht aufgeben und noch möglichst lange beibehalten. Schon auf dem Weg begann es sacht zu regnen. Da es aber gleichzeitig warm war, störte mich der Regen nicht. Ich legte meine Klamotten unter einen Baum am Ufer und stieg in den Fluss. Die Regentropfen erzeugten kleine Fontänen und Kringel auf der Wasseroberfläche. Das gefiel mir. Auf dem Heimweg saß ein Kolkrabe auf einem Baum und gab seltsame Laute von sich. Es klang ein wenig, als hätte er einen Schluckauf. Sonst, das heißt außer dem Raben, begegnete mir niemand. Ich war froh, dass ich mich vom Regen nicht von meinem Ausflug hatte abhalten lassen.
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Die Krähen haben sich im städtischen Müll komfortabel eingerichtet. Früher lebten sie außerhalb der Stadt, auf Feldern und Wiesen. Jetzt ist die Stadt ihr Lebensraum. Man sieht sie überall. Sie haben alles im Griff und im Auge. Sie sind bereit, den Saftladen zu übernehmen. Schlauer als wir sind sie allemal.
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„Alles ist aus den Fugen. Alles zerstiebt.“
(Christine Wunnicke: Wachs)
Unter der enormen Hitze leidet meine Konzentrationsfähigkeit. Es liegt also nicht an Christine Wunnicke, dass sich die Lektüre ihres Romans „Wachs“ hinzieht. Dass der Botanische Garten wegen „Astbruchgefahr“ bis auf Weiteres geschlossen bleibt, wie es auf einem an der Pforte ausgehängten Zettel heißt, hat dazu beigetragen, dass ich mit dem Buch noch immer nicht durch bin. Ich hatte dort im Schatten alter Bäume mit der Lektüre begonnen, und es will mir nicht so recht gelingen, sie an einen anderen Ort zu verlagern. Die zweite weibliche Protagonistin, Madeleine Basseporte, ist zudem Botanikerin und hat sich der Bestimmung und dem Zeichnen von Blumen und Pflanzen verschrieben. Zu meiner großen Freude begegnet die Hauptfigur des Romans, Marie Biheron, eine real existierende, historische Gestalt, im Jahr 1754 Monsieur Diderot, dem großen französischen Aufklärer, der mich schon lange fasziniert. Ich liebe vor allem seinen Roman „Jakob und sein Herr“, den ich in den 1980er Jahren in einer Hörspielfassung von Hans Magnus Enzensberger kennengelernt habe. Jakob und sein Herr durchqueren zu Pferd Frankreich und diskutieren derweil über die Willensfreiheit und die Liebesabenteuer des Dieners Jacques. Dieser ist ein Verfechter eines stoischen Fatalismus, während sein Herr die Willensfreiheit verteidigt. Die Diderots wohnen in Wunnickes Roman im selben Haus wie Marie, und der Enzyklopädist interessiert sich für alles, so auch für die wächsernen Nachbildungen von Leichen, die Marie herstellt. Vor allem für ihre Gehirne, dem Zentralorgan der Aufklärung. Als Diderot seine Gattin, durchs Treppenhaus rufend, auffordert, ihm Kaffee zu bringen, lässt Wunnicke sie erwidern: „Ich bin nicht die Sklavin auf deiner Galeere, es reicht mir!“ Das ist gelebte Aufklärung, der Geist der Renitenz. Wer sich für das Zeitalter der Französischen Revolution interessiert, wird bei Christine Wunnicke fündig. Sie belehrt und erzählt auf eine unterhaltsame und mitunter witzige Weise. Man verlässt das Buch klüger, als man es betreten hat. Das ist das Beste, was man über ein Buch sagen kann. Mir scheint, Christine Wunnicke ist eine würdige Trägerin des Georg-Büchner Preises, der ihr demnächst verliehen wird.
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Heute vor 30 Jahren ist Rio Reiser gestorben. Er wurde 46 Jahre alt. Darauf aufmerksam gemacht wurde ich von Deutschlandfunk Kultur, wo man zu seinem Gedenken sein Liebeslied „Junimond“ gespielt hat.
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Gestern Abend sah ich wieder mal einen Wissenschaftler, der einen Vogel beringte. „Jetzt stecke ich ihn erst mal in einen Sack, damit der sich beruhigt“, sagte er. Ich würde mich nicht beruhigen, wenn man mich in einen dunklen Sack stopfte. Ich vermute, der Vogel beruhigte sich auch nicht, sondern geriet in Panik. Die wissenschaftliche Studie, um die es ging, wird natürlich zum Besten der Vögel und zu ihrem Schutz durchgeführt. Was ist das für eine Wissenschaft, der jedes Mitgefühl ausgetrieben wurde und die Tiere quält? Die Humanmedizin gewann ihr Wissen an Leichen, die Vogelkunde an gefangenen und gequälten Tieren.
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Früher dominierten in Sportreportagen militärische Metaphern: „An der Geräuschkulisse merkt man, dass ein deutscher Angriff rollt.“ Noch Gerd Müller war der „Bomber der Nation“. Heute herrscht ein BWL-Sprech vor: „Das Mindset ist da“, „Das ist Sieger-Mindset“, hörte ich dieses Jahr in Reportagen von der Leichtathletik-Europameisterschaft über die deutsche Mannschaft. Eine Gesellschaft gibt sich in ihrem dominanten Sprachstil zu erkennen. Wir leben in einer, die von der Ökonomie und vom Profit beherrscht wird.
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„ … das war zu der Zeit, als die Menschen noch Dinge machten und Maschinen benutzten statt umgekehrt …“
(Richard Ford: Frank)
Im Drogeriemarkt erledigt eine alte Dame, die im Rollstuhl sitzt, ihre Einkäufe. Sie will den Verkäuferinnen, die ihr gelegentlich behilflich sind, etwas Gutes tun. Sie möchte ihnen zwei kleine Keksrollen schenken. Die Verkäuferin an der Kasse hat nur eine zur Seite gelegt, die alte Dame beharrt aber darauf, dass die anderen Kolleginnen auch eine bekommen sollen. Also muss die Frau hinter ihrer Kasse hervorkommen, um den Tresen herumlaufen und aus dem Einkaufsnetz der alten Dame eine weitere Keksrolle hervorkramen. Obwohl sie das aufhält und an ihrer Kasse sich ein kleiner Stau bildet, bleibt sie freundlich und gelassen. Das Verhalten der alten Dame stammt aus einer anderen Zeitzone und aus einer inzwischen untergegangenen Welt, in der man Müllmännern und Briefträgern gelegentlich eine Zigarre zusteckte. Auf dem Wochenmarkt trifft man noch auf Menschen, die Papiertüten und Eierschachteln von zu Hause mitbringen, weil sie sich an Zeiten erinnern, als man den Wert der Dinge noch kannte und man sie wiederverwendete. Im Drogeriemarkt müssen die anderen Kunden einen kleinen Moment warten und drehen die Augen genervt zur Decke. Umso bewundernswerter ist das Verhalten der Verkäuferin, die sich von ihrer Freundlichkeit nicht abbringen lässt. Man möchte diesen Kunden zurufen: Wartet nur, bis ihr in der Lage dieser alten Dame seid! Dann wird es wahrscheinlich keine freundlichen Verkäuferinnen mehr geben.
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Dieser Tage stieß ich mal wieder auf ein wunderbares Novalis-Zitat. Im Roman „Heinrich von Ofterdingen“ wird die Frage gestellt: „Wo gehen wir denn hin?“ Und die Antwort lautet: „Immer nach Hause.“ Bündiger kann man nicht ausdrücken, was Heimat und Sehnsucht bedeuten. Ich sehe schon, wie meine linken Freunde verächtlich die Nase rümpfen, und höre, wie sie auf den Zusammenhang von Romantik und Faschismus hinweisen. Der romantische Protest gegen die totale Verzweckung und „Entzauberung der Welt“ wurde von der Linken nicht verstanden und aufgegriffen. Darunter leidet sie bis heute. Daher rührt die Unterernährung der sozialistischen Phantasie, die Ernst Bloch der Linken attestierte.
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Chronik der Gewalt. Im nordhessischen Hofgeismar ist am Freitag, dem 21. August 2026, ein Mann mit seinem PKW ungebremst durch eine Fußgängerzone gefahren und hat dabei acht Menschen verletzt. Glücklicherweise wurde keiner von ihnen schwer verletzt. Die Hintergründe der Tat sind noch unklar. Einiges spricht aber dafür, dass der Mann medizinische Probleme hatte und nicht mit Vorsatz handelte. Es soll sich um einen 68-jährigen Mann aus Hofgeismar handeln. Er wurde in eine Klinik eingeliefert. Anders war es 2020 im Benachbarten Volkmarsen, wo ein junger Mann vorsätzlich in den Rosenmontagszug raste und an die 60 Menschen verletzte. Er wurde inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilt.
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Als ich eben den vom Markt mitgebrachten Schnittlauch für meinen Quark schnitt, fiel mir plötzlich eine Szene in der Kasseler Küche der Familie Eisenberg ein. Mein Vater kam hinzu, als ich dort im Beisein meiner Stiefmutter ebenfalls Quark anrührte. Ich hatte eine Handvoll Schnittlauch aus dem Garten geholt, bündelte ihn in der Hand und Schnitt ihn mit dem Messer auf einem Küchenbrett klein. Mein Vater beharrte darauf, dass Schnittlauch mit einer Schere kleingeschnitten werden müsse. Er entwand mir das Messer und drückte mir eine Schere in die Hand. Erst nach Intervention meiner Stiefmutter ließ er es zu, dass ich den Schnittlauch mit dem Kneipchen zu Ende schneiden durfte: „Gottfried, lass ihn doch!“ Etwas von dem Starrsinn und der Pedanterie meines Vaters ist leider auf mich übergegangen. Ich versuche, dagegen anzugehen, aber ganz bin ich dieses Verhalten nicht losgeworden. Man kann eben nicht aus seiner Haut, die einem verpasst worden ist. Und je älter ich werde, desto mehr von meinem Vater entdecke ich an und in mir. Wie kann einer darauf bestehen, dass Schnittlauch mit einer Schere geschnitten wird? Heute weiß ich: Er verteidigte seine Ordnung der Dinge. Gewisse Dinge durften sich nicht ändern, wenn sich sonst schon alles geändert hatte und fortwährend weiter änderte. „Nur keine Nachlässigkeit in den kleinen Dingen“, lässt Beckett Estragon sagen, nachdem er seinen Kumpel Wladimir darauf hingewiesen hat, dass sein Hosenstall offen steht. Wenn wir schon an der großen Unordnung nichts ändern können, sollten wir wenigstens in den kleinen Dingen auf Ordnung achten und uns nicht gehen lassen.
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Die Zusammenbrüche von Jamal Musiala haben für mich wenig rätselhaftes. Wem würde bei einem solch kometenhaften Aufstieg zum Spitzenspieler und auch Spitzenverdiener nicht schwindlig? Als 23-Jähriger bezieht er ein Jahresgehalt von circa 25 Millionen Euro und ist bereits sechs Mal deutscher Meister geworden. Die Sprachregelung, die man gefunden hat, lautet: Musiala leidet unter „kurzzeitigen Absencen“, deren Ursache eine „neurologische Dysfunktion“ ist. Diese sei gut behandelbar und der Fortsetzung seiner Karriere stehe nichts im Wege. Die Botschaft, die von seinem Umfeld ausgesendet wird, lautet: Alles halb so wild, wir haben es im Griff, es geht weiter voran und bergauf. Kein Grund, irgendetwas zu ändern, über irgendetwas nachzudenken. Es darf sich auf keinen Fall grundsätzlicher Zweifel an der Gangart des Lebens und der Art und Weise, wie bei uns Sport getrieben wird, entwickeln.
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