137 | Die Platane von Villeblevin

„Wo gehobelt wird, da fallen Späne: Dieser Spruch war bei den Erbauern des Sozialismus sehr beliebt. Doch was, wenn man am Ende den Hobel weglegte und sah, dass auf dem ganzen Holzplatz nichts als Späne lagen?“

(Julian Barnes)

Die ICE-Leute überziehen die USA mit Terror: Erst wurde die dreifache Mutter Renée Good, jetzt der Krankenpfleger Alex Pretti von ICE-Beamten ermordet. Auch zuvor hat es bereits Opfer gegeben, die von Trump hinterher pauschal zu „inländischen Terroristen“ erklärt wurden. Dieses Mal stellte sich Vizepräsident Vance umgehend hinter die Täter und nahm eine komplette Täter-Opfer-Umkehr vor. ICE tritt auf wie die SA der Republikaner. Schon ihr Kommandant erinnert von seinem Habitus her an einen SA-Führer. Bis in die Wahl seines Outfits sind die Anleihen bei den deutschen Vorbildern erkennbar. Nun gibt es Anzeichen, dass ICE den Bogen überspannt hat. Wie Hitler sich 1934 in der sogenannten „Nacht der langen Messer“ der SA-Führung entledigt hat, so geht nun auch Trump vorsichtig auf Distanz zu seiner Sturmabteilung. Es mehren sich die Proteste gegen ihr Vorgehen, und er fürchtet Einbußen an Wählerstimmen. Noch gibt es ja Wahlen in der USA. Nach dem Motto „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ mögen viele Amerikaner das Töten von sogenannten „illegalen Einwanderern“ hinnehmen, aber bitte keine amerikanischen Staatsbürger. Auch die Festnahme von Kindern ging vielen zu weit. Trump ist schlau genug, um zu wissen, dass das politische System der USA ohne eine Mindestmaß an Zustimmung der Bevölkerung nicht auskommt. Erst vollendete Diktaturen koppeln sich davon gänzlich ab, und von diesem Ziel ist er noch ein Stück entfernt. Die Brutalisierung in der Politik kündigt sich durch eine Verrohung der Sprache an. Trump sagte schon vor geraumer Zeit über Migranten: „Das sind keine Menschen, das sind Tiere.“ Immer dann, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen außerhalb des Menschlichen situiert werden, ist Gefahr im Verzug. Hier haben die Intellektuellen als eine Art semantischer Rauchmelder zu fungieren, wie Amos Oz es ausgedrückt hat, als er im Jahr 2014 den ersten Siegfried Lenz Preis erhielt: „Ich habe eine bestimmte Verantwortung für die Sprache. Wenn sie missbraucht wird, ist es meine Pflicht loszubrüllen. Ich reagiere wie ein Rauchmelder. Wenn Menschen als ‚unerwünschte Ausländer‘ bezeichnet werden oder als ‚Parasiten‘, muss ich Alarm schlagen. Denn eine enthumanisierte Sprache ist das erste Indiz für eine enthumanisierte Gesellschaft“.

Auf Bruce Springsteen ist Verlass. Mit dem Song „Streets of Minneapolis“ hat er einen Aufruf zum Widerstand geschrieben und wenige Tage nach der Ermordung von Alex Pretti veröffentlicht. Er hat ihn auch auf einer Protestveranstaltung in Minneapolis gespielt und gesungen.

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Die ehemalige Vorsitzende des „Eisenbergschen Nachfahrenverbandes“ hat mir die Kopie eines Zettels geschickt, auf dem ihr Vater vermerkt hat: „Zuwachs Arolsen: Götz Eisenberg, geb. 04.01.51.“ Mein Vater hatte offenbar die Erledigung seiner generativen Pflichten ordnungsgemäß an den „Präses“ gemeldet. Das ist so gut wie eine Geburtsurkunde. Meine Vater befand sich damals noch in seiner Entnazifizierungs-Zwangspause und arbeitete freiberuflich als Architekt in Arolsen, wo meine Mutter mich im Städtischen Krankenhaus zur Welt brachte. Mein Vater hatte sie am Vorabend dort abgeliefert, „der Rest war ihre Sache“, wie er mir später erklärte. So war das damals. Nach Aufhebung der Entnazifizierungspause kehrte mein Vater in den öffentlichen Dienst zurück, und wir zogen nach Kassel, wo er als Beamter im Regierungspräsidium arbeitete. Seine Behörde war zunächst im Marstall, einem Nebengebäude des Schloss Wilhelmshöhe, untergebracht. Manchmal gingen wir durch die Felder, die direkt hinter unserem Haus begannen, und holten ihn ab oder brachten ihm etwas vorbei.

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„Alles was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball“, sagte Albert Camus. In den Jahren 1929 und 1930 stand Camus als Jugendlicher bei einem Verein in Algier zwischen den Pfosten. Dem Halbwaisen aus ärmlichen Verhältnissen mit einer Mutter, die weder schreiben noch lesen konnte, wurde der Fußball zu einer Schule fürs Leben. Sie begann damit, dass er Torwart wurde, weil er so sein einziges Paar Schuhe am wenigstens abnutzte und der Kontrolle durch die strenge Großmutter für eine Weile entzogen war. Camus erzählt von seiner Kindheit in seinem Buch „Der erste Mensch“, an dem er sein Leben lang arbeitete und das erst lang nach seinem frühen Tod erschienen ist. Man fand das fragmentarische Manuskript nach seinem tödlichen Unfall im Vacel Vega, der seinem Verleger Gallimard gehörte. Er prallte bei Villeblevin auf gerader Strecke mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Platane. Es lag zusammen mit Nietzsches „Fröhlicher Wissenschaft“ in einer Aktentasche unter einem der Sitze. Dem Umstand, dass sich dieser Unfall am 4. Januar 1960, also an meinem neunten Geburtstag, ereignete, habe ich, seit ich davon weiß, stets eine gewisse Bedeutung beigemessen. Ich erblickte und erblicke darin ein Menetekel, eine sinistre Prophezeiung. Ob sie sich erfüllt, hängt – ganz im Sinne von Camus – natürlich von mir ab.

Was lehrte ihn der Fußball? Fairness, Solidarität und Teamgeist vor allem, und auch, dass man nicht Fußball spielen kann, ohne die Regeln des Spiels und den Gegner zu respektieren. All diese dem Sport abgewonnenen Lehren dehnte Camus auf das gesellschaftliche Zusammenleben aus. Warum schreibe ich darüber gerade jetzt? Weil die Camus‘sche Auffassung vom Fußball dringend einen Boykott der WM nachlegt, die dieses Jahr unter anderem in den USA stattfinden soll. Das hätte natürlich auch schon für die letzten Weltmeisterschaften in Katar und Russland gelten müssen und gilt nun angesichts der jüngsten Drohungen von Trump gegenüber Grönland und Europa erneut. Wenn es auch nur einen Rest Moral im Fußball gibt, dann verbietet sich eine Teilnahme noch demokratisch verfasster Gesellschaften an diesem Spektakel, das letztlich nur der Selbstbeweihräucherung und Selbstdarstellung von Trump und Infantino dient, die beide einen autokratischen Führungsstil pflegen. Die Bilder, die uns von der Auslosung der Gruppen erreicht haben, waren derart ekelerregend, dass sich jede weitere Diskussion erübrigen sollte. Die Verschmelzung von Macht, Kommerz, Entertainment und Sport, die dort zelebriert wurde, war einfach nur abstoßend. Dass Albert Camus auch den heutigen Millionärsfußball lieben würde, darf bezweifelt werden. Deswegen kann man sich bei eventuellen Boykottaufrufen getrost auf ihn berufen. Dass sich der Chef des DFB, Bernd Neuendorf,  – das ist der mit der notorisch hochgeschobenen Brille – für einen Boykott ausspricht, ist nicht zu erwarten. Er hat schon die Diskussion über einen möglichen Boykott als „völlig verfehlt“ abgelehnt, die Politik von US-Präsident Donald Trump sei für den DFB „sehr schwer zu bewerten“.

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„Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw.

Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten“

(Bertolt Brecht)

Chronik der Gewalt. In Hamburg sind in diesem Jahr schon 15 Menschen ohne festen Wohnsitz gestorben, meldet die taz unter dem Datum vom 28. Januar 2026. Von Krankheiten zusätzlich geschwächt und medizinisch nur mangelhaft versorgt, erlagen sie Schwäche und Kälte. Sie sind an der sozialen und physischen Kälte erfroren. Das verstand der 2024 verstorbene norwegische Soziologe Johann Galtung unter „struktureller Gewalt“: Tote, die nicht sein müssten, hätten wir die Gesellschaft vernünftig und gerecht eingerichtet.

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Die deutschen Handballer haben sich gestern gegen Kroatien ins Finale der Europameisterschaft gekämpft, aber auch gespielt. Der Sieg war eigentlich zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Was an der Mannschaft sympathisch ist, ist der Umstand, dass sie ohne Stars auskommt. Die Rolle des spielentscheidenden Spielers wechselt von Spiel zu Spiel. Mal war es der junge Marko Grgic, mal Renars Uscins, mal Julian Köster, mal Juri Knorr, mal der Kreisläufer Johannes Golla, der Neuling Miro Schluroff, oft auch Torwart Andreas Wolff. Das macht die deutsche Mannschaft für ihre Gegner schwer ausrechenbar. Das ist beim Endspielgegner Dänemark anders, wo Mathias Gidsel alles überstrahlt und überragt. Simon Pytlick ist ebenfalls nicht zu verachten, steht aber deutlich in Gidsels Schatten. Früher hätte man gesagt: Die muss man in Manndeckung nehmen, aber davon ist der moderne Handball abgekommen und zieht die flexiblere Raumdeckung vor. Ich wüsste auch nicht, wer den schnellen und eleganten Gidsel ausschalten könnte, ohne binnen Kurzem die rote Karte zu sehen. In meinen besten Handball-Zeiten kam ich gelegentlich auch in den Genuss einer Manndeckung. Das nervte ungemein und führte in der Regel dazu, dass ich mich auswechseln ließ, in der Hoffnung, dass mein Gegenspieler während meiner Auszeit das Interesse an mir verlieren würde. Ich bin gespannt, wie das Endspiel gegen Dänemark verlaufen wird. Beim zweiten Halbfinalspiel zwischen Dänemark und Island sah man Mads Mikkelsen unter den Zuschauern. Seit Donald Trump mehrfach Island mit Grönland verwechselt hat, werden die Isländer in der ständigen Furcht leben, dass Trump sein Militär irrtümlich in Island einmarschieren lässt.

Das Endspiel ging am Ende doch ziemlich deutlich verloren. Gegen die Dänen ist einstweilen kein Kraut gewachsen. Es ist seltsam, dass Julian Köster im Endspiel famos begann und dann nach einem misslungenen Wurf den Mut verlor. Spieler wie Gidsel oder Pytklick haben wir halt nicht, die über die ganzen 60 Minuten und ein komplettes Turnier hindurch auf hohem Niveau spielen können. Warum Alfred Gislason Miro Schluroff im Endspiel keine Spielzeit gewährt hat, ist mir ein Rätsel, zumal er im Spiel gegen Portugal einer der entscheidenden Akteure gewesen ist. Sein Einsatz wäre sicher einen Versuch wert gewesen. Man muss als Trainer solch jungen Spielern auch mal Vertrauen schenken und auf sie setzen. Das Vertrauen, das einem jungen Spieler eine väterliche Trainerfigur gewährt, kann diesem als stärkender Wind in die Segel fahren. Ich kann mich gut daran erinner, was es mit mir als jungem Spieler gemacht hat, wenn einer der Trainer zu mir gesagt hat: „Heute kommt es auf dich an! Ich setze auf dich!“

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„Wie Herkules stand er vor der Wahl, zwar nicht zwischen Laster und Tugend, doch zwischen dem ewigen Mittelmaß sicheren Wohlstands und all den heroischen Träumen seiner Jugend. Ich habe also keine wirkliche Festigkeit, sagte er sich, und dieser Zweifel schmerzte ihn am meisten. Ich bin nicht aus dem Holz, aus dem man große Männer macht, denn ich habe Angst davor, dass acht Jahre Broterwerb mir die erhabene Energie rauben, die einen Außerordentliches vollbringen lässt.“

(Stendhal)

Seit einigen Tagen lese ich mit wachsender Begeisterung Stendhals Roman „Rot und Schwarz“. Der junge Julian Sorel, der aus armen Verhältnissen stammt, aber vorhat, etwas aus seinem Leben zu machen, arbeitet als Hauslehrer im Haus der Familie de Rénal und unterrichtet deren Kinder. Für Sorel ist das lediglich eine Etappe auf dem Weg nach oben. Er schwankt in Bezug auf die bürgerliche Welt, in die er da geraten ist, zwischen Faszination und Abscheu. Diese Ambivalenz prägt auch sein Verhältnis zu Madame de Rènal, die er gleichzeitig als Frau verehrt und wegen ihres gesellschaftlichen Status‘ als Gattin des Bürgermeisters eines Provinzstädtchens verabscheut. Eigentlich ist sie für ihn ein Mittel, sich Zugang zur herrschenden Klasse zu verschaffen, ohne indes genau zu wissen, ob er wirklich zu ihr gehören möchte. Was ihn an der bürgerlichen Welt abstößt, ist auch das, worunter Madame de Rénal leidet: „Roheit und brutalste Gefühllosigkeit gegen alles, was sich nicht in Geld, Rangordnung oder Verdienstkreuz umrechnen ließ, blinder Hass auf jeden Gedanken, der ihnen widersprach, schienen ihr bei diesem Geschlecht etwas so Natürliches wie das Tragen von Stiefeln und Filzhüten. Nach all den Jahren hatte sich Madame de Rénal noch immer nicht an die geldversessenen Leute gewöhnt, unter denen sie leben musste.“ Da der Roman beinahe 900 Seiten lang ist, wird er mich noch ein Weile beschäftigen, zumal ich ja stets mehrere Bücher parallel lese. Im Moment zum Beispiel Axel Hackes Essaysammlung „Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte“. Ich bin immer wieder erstaunt über die Breite des Wissens, über das Hacke verfügt und die Eleganz, mit der er es uns nahebringt, ohne klugscheißerisch und belehrend zu sein. Er ist ein Essayist in der besten Tradition dieser Gattung und mischt Literatur und Theorie. Für ihn hat eine Beobachtung in der Straßenbahn den gleichen Status wie die Lektüre eines philosophischen Textes. Man kann eine Belanglosigkeit nehmen und einen allgemeinen Gedanken aus ihr entwickeln. Alles ist gleich weit vom Mittelpunkt entfernt, wie es bei Adorno heißt.

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Heute Nacht hatte ich einen Angsttraum, von dem ich mein ganzes Leben lang gelegentlich heimgesucht werde: Ich saß im Rechenunterricht meiner alten Kasseler Volksschule und wir übten Kopfrechnen. Alle mussten aufstehen, und wer ein Ergebnis schnell und richtig ins Klassenzimmer rief, durfte sich setzen. Der Langsamste stand bis zum Schluss und fühlte sich als Übriggebliebener wie am Pranger der Schande. Im Traum traf es mich, wie es mich wohl auch in der sogenannten Wirklichkeit häufig getroffen hat. Noch nach 65 Jahren ist die Beschämung spürbar und wirksam und schmerzt.

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Chronik der Gewalt. An einem Hamburger U-Bahnhof hat am 29. Januar 2026 ein 25-jähriger Mann eine wartende Frau gepackt und sich mit ihr vor den einfahrenden Zug gestürzt. Ein 25 Jahre alter Mann aus dem Südsudan hatte offenbar gezielt auf eine einfahrende U-Bahn gewartet, die junge Frau gepackt und sich mit ihr vor den einfahrenden Zug geworfen. Beide starben noch an der Unfallstelle. Nach bisherigen Erkenntnissen kannten sie sich nicht. Unterdessen berichten mehrere Zeitungen, dass der 25-Jährige Südsudanese zwei Tage vor der Tat auf St. Pauli randaliert und Polizisten angegriffen haben soll. Die Hamburger Staatsanwaltschaft bestätigte lediglich, dass der Mann bereits strafrechtlich in Erscheinung getreten ist. Man kann die Tat in die Kategorie „erweiterter Suizid“ einordnen. Eine Antwort auf die Frage, warum sich ein Mensch, der es mit sich und der Welt aus irgendwelchen Gründen nicht länger aushält, nicht mit einem „einfachen Suizid“ zufrieden gibt, sondern in seinen eigenen Abschied aus der Welt noch Fremde mitreißen möchte, liefert uns der rein deskriptive Begriff des „erweiterten Selbstmords“ nicht. Zu jedem Suizid gehört eine gehörige Portion Wut, aber die dieses Suizidanten scheint zu groß gewesen zu sein, als dass er sich mit seiner Selbstzerstörung hätte zufrieden geben können. Er wollte mit seinem Abgang aus der Welt noch etwas demonstrieren. Zum Beispiel das: „Wenn ich gehen soll, nehme ich einen oder eine von euch mit!“ In Hamburg-Wandsbek hielten am Sonntag nach der Tat Angehörige und Freunde der getöteten jungen Frau am Tatort eine Mahnwache ab. Auch die AfD versammelte sich und zeigte sich empört darüber, dass der Täter überhaupt hier sein konnte.

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„Es gibt eben Menschen, die es nicht schlafen lässt in der Erinnerung an das, was Menschen einander geschichtlich antun.“

(Peter Brückner: Über die Gewalt)

Warum und seit wann ich mich mit dem Thema Gewalt beschäftige, möchte eine Leserin der DHP wissen. Mein Bezug zum Thema Gewalt ist zunächst einmal ein sehr persönlicher. Ich habe am eigenen Leib früh Gewalt erfahren und dann irgendwann auch verübt. Mein Körper ist übersät mit Spuren der Gewalt, die man Narben nennt. Öfter kam ich mit blutenden Wunden von der Schule nach Hause. Ich wurde wegen meiner Fettleibigkeit, die ich mir nach dem Tod meiner Mutter angefressen hatte, unablässig gehänselt und begann irgendwann, mich dagegen zu wehren, indem ich wild um mich schlug. Ich schlug und wurde geschlagen. Das verlor sich in der Mittelstufe des Gymnasiums. Schritt für Schritt wurde ein Aggressionstabu und der Gewaltverzicht aufgerichtet, die für die demokratischen Gesellschaften Europas kennzeichnend sind, die alle Handlungen als Gewalt brandmarken, die sie nicht selbst praktizieren. Wichtig scheint mir zu sein: Das Gewaltmonopol des Staates wird auf dem Schulhof eingeübt und durchgesetzt oder gar nicht. Muskelreiten und andere rituelle Äußerungsformen von Gewalt wurden nun nicht mehr geduldet, Gewalt als roh und brutal geächtet und aus dem Körperausdruck entfernt. Kann sein, dass meine Aggressivität in sportliche Aktivitäten Eingang fand, mit denen ich in diesem Alter begann. Auch beim Handball geht es ja mitunter sehr ruppig zu. Einmal platzte meine Augenbraue auf, ein andermal wurde ich im Sprung gestoßen und kugelte mir beim Versuch, meinen Aufprall an der Wand abzufedern, das Ellenbogengelenk aus. Anfangs spielten wird ja noch draußen und da zog man sich bei Stürzen oft Abschürfungen und blutende Wunden zu. Von der Erziehungsgewalt in Elternhaus und Schule und deren Folgen habe ich in der DHP oft gesprochen und ich möchte das nicht alles wiederholen. Die Verzweiflung, in die mich das gelegentlich stürzte, hat ganz sicher bleibende Spuren in Körper und Seele hinterlassen. Die Angst, die meine ständige Begleiterin ist, hat vermutlich hier ihren Ursprung. Auch das Gefängnis, in dem ich drei Jahrzehnte gearbeitet habe, bildete eine mit Gewalt gesättigte Atmosphäre. Mittelbar durch die Beschäftigung mit den Straftaten und unmittelbar durch die alltägliche Gewalt im Zellentrakt und auf dem Hof. Hier hatte der Zivilisationsprozess noch nicht Einzug gehalten. Von meinen Besuchen in der sogenannten „Absonderung“ habe ich auch in den letzten Jahren berichtet (DHP 113). Auch nach vielen Jahren im Strafvollzug erlebte ich das Gefängnis noch immer als „steingewordenen Riesenirrtum“, wie der Rechtswissenschaftler Eberhard Schmidt es ausgedrückt hat. Es sollte und müsste etwas Besseres und Vernünftigeres geben. Eine weitere Quelle von Gewalterfahrungen sind und waren die gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse, angefangen für mich mit dem Krieg in Vietnam, dessen Bilder uns erreichten und erschütterten. Das Foto, das Kinder zeigt, die vor einem Napalm-Angriff zu fliehen versuchen, hat mich Jahre lang verfolgt und mein bis dahin eher freundliches Bild von der USA nachhaltig getrübt. Fazit: Gewalt ist allgegenwärtig und bildet den Kern unseres scheinbar friedlichen Verkehrs. Rührt man an den erzwungenen und mehr oder weniger gewaltsam aufrechterhaltenen gesellschaftlichen Frieden, kommt unmittelbar Gewalt hervor. Sie bildet den Kern unseres befriedeten Alltagsleben, aus dem unvermittelt und jederzeit Gewalt hervorbrechen kann. Das Verhältnis von bürgerlichem Alltag und daraus jäh hervorbrechender Gewalt ist mein Thema, seit ich schreibe, und das tue ich seit mittlerweile über 50 Jahren.

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Weiter in der Chronik der Gewalt, die ja stets nur einen kleinen Ausschnitt der Gewaltwirklichkeit dokumentieren kann. In der Nähe von Kaiserslautern wurde am Montag, dem 2. Februar 2026, ein Zugbegleiter in Ausübung seines Amtes von einem Fahrgast attackiert und so schwer verletzt, dass er später an den Folgen verstarb. Der 36-jährige Mann war alleinerziehender Vater zweier Kinder. Im Zuge der Berichterstattung über diese Tat wurde darauf hingewiesen, dass körperliche Angriffe auf Bahnmitarbeiter inzwischen an der Tagesordnung sind. Von verbalen Angriffen und Beleidigungen ganz abgesehen. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr von Januar bis Ende Oktober 2.987 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahn Opfer von Straftaten. Darunter waren 1.148 Fälle von Bedrohung, 1.231 Fälle von Körperverletzung und 324 Fälle von gefährlicher Körperverletzung, wie das Bundesinnenministerium auf Anfrage mitteilte. Man wird sich schwerlich damit beruhigen können, dass das Teil einer allgemeinen Verrohungstendenz ist, die nicht nur Bahnmitarbeiter betrifft. Ein demokratisches Gemeinwesen kann und darf sich mit so etwas nicht abfinden.

Auch dieses Phänomen gehört streng genommen in die Chronik der, in diesem Fall stummen, Gewalt: Fast jeder zweite Mensch erkrankt in Deutschland im Laufe seines Lebens an Krebs. Wie das Robert-Koch-Institut in seinem aktuellen Bericht mitteilt, wird bei 49 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen früher oder später eine Krebserkrankung festgestellt. Das darf uns eigentlich nicht wundern, denn der Krebs ist die Krankheit, die exakt zu unserem Gesellschaftsmodell passt. Der Kapitalismus wird von einer krebsartigen Logik beherrscht und angetrieben: Wachstum um jeden Preis, auch den der Selbstzerstörung. Der Kapitalismus nistet sich um 1800 herum im Gesellschaftskörper ein und zehrt ihn auf und aus. Dass er mit diesem Körper zusammen sterben wird, nimmt er billigend in Kauf. Ich habe zu diesem heiklen Thema einen Essay geschrieben, der unter dem Titel „Krebs und Kapital“ im Jahr 2021 auf „Telepolis“ erschienen ist.

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Kanzler Merz tingelt derzeit durch die Golfregion und sammelt Aufträge für die deutsche Industrie ein. Dabei folgt er der Maxime des römischen Kaisers Vespasian: Pecunia non olet! Die Menschenrechtslage in den Ländern, die er besuche, spreche er „hinter geschlossenen Türen“ an, hänge das Thema aber nicht an die große Glocke. Saudi-Arabien und Katar seien „zuverlässige Partner“, und das sei alles, was im Moment zähle. In Riad traf Merz den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, der unter anderem für die Ermordung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi im Jahr 2018 verantwortlich sein soll. Das ist lange her, Schwamm drüber, wie brauchen die Aufträge und das Gas. Und die arabischen Schurken sind immer noch besser als Putin und Chi. So viel zum Thema „wertebasierte Politik“.

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„An manchen Abenden…

entronnen den Schrecken der Ökonomie …

erschauert er, sieht er die Horden

der wilden Jagd vorüberziehen…“

(Arthur Rimbaud)

Was an der von der CDU losgetretenen Teilzeit-Debatte auffällt, ist der Umstand, dass sie fast ausschließlich unter Gesichtspunkten der ökonomischen Vernunft oder Unvernunft geführt wird. Man könnte sich dem Thema ja auch mit der Fragestellung nähern, was Ganztagsarbeit beider Elternteile für die Familien und vor allem die Kinder bedeutet. Es scheint mir ein altes Problem der Linken zu sein, die Gebrauchswertseite und den antikapitalistischen Impetus von familiärer Sozialisation und Elternliebe zu vernachlässigen. Dies führt derzeit zu der merkwürdigen Situation, dass Krippen- und Ganztagspropaganda im Gleichschritt von Neoliberalen und vermeintlich Progressiven betrieben wird. „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ist ein kapitalistischer Kampfbegriff, der die fortschreitende Ausbeutung der Arbeitskraft von Eltern verschleiern und den ökonomistischen Totalitarismus vorantreiben soll. Die für die Kapitalverwertung bislang nicht hinreichend erschlossene Arbeitskraft der Frauen soll in Zeiten des Fachkräftemangels nutzbar gemacht werden. Dabei stören die Kinder und die Sorge um sie. Die Kinder drohen mit dem Poröswerden oder gar Ausfall des familiären Airbags direkt aus dem Mutterleib ins Marktgeschehen zu stürzen. Kann sich unter solchen Bedingungen die „psychische Geburt“ (Margaret Mahler) des Menschen überhaupt vollziehen, ohne dass es zu gravierenden Schädigungen kommt? Drohten solche Kinder nicht einen Kältetod zu sterben? In Experimenten hat man herausgefunden, dass selbst Rhesus-Affen verkümmern, wenn sie in emotionsloser, steriler Umgebung aufgezogen werden. Von Waren und wie eine Ware kann menschliche Identität nicht erzeugt werden. Ein Minimum an leib-seelischer Präsenz und liebevoller Zuwendung der Eltern scheint notwendig, damit die Menschwerdung von Neugeborenen gelingen kann. Hier stoßen sozial-technische Lösungen an Schranken, die nur um den Preis schlimmer Dysfunktionen niedergerissen werden können. Nur solange die Familie also, gemessen an der kapitalistischen Umgebung, rückständig bleibt und in den Geldnexus nicht komplett einbezogen ist, kann sie auch dem Kapital seine Ware Arbeitskraft produzieren. Eine nur noch und bis in die letzten Poren kapitalistische Gesellschaft wird sich als nicht lebbar erweisen. Ich habe mich mit diesen komplexen Fragen früh und ausführlich in meinen Essays „Kinder der Kälte“ (Rowohlt-Verlag 2000) und „Das moralische Ozonloch“ (in: psychosozial Heft 56, Gießen 1994) beschäftigt, die man antiquarisch noch finden kann. Fazit: Es muss immer gesellschaftliche Sektoren geben, die von der Logik des Kapitals und des Geldes freigehalten und verschont bleiben. In der Durchkapitalisierung von Gesellschaft und Mensch existieren Kipppunkte, die nur um den Preis überschritten werden dürfen, dass etwas irreversibel ins Rutschen gerät und zerstört wird.

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Was für pompöse „Events“ Eröffnungsfeiern von olympischen Spielen heute sind! Sie orientieren sich ästhetisch an den amerikanischen Grammy-, den Oscar Preisverleihungen, riesigen Rockkonzerten oder dem Super Bowl. Es hat sich eine euro- amerikanisch-asiatische Welteinheitskultur herausgebildet, eine Art Menschenrecht auf mediale Idiotie. So übernehmen die Kaulitz-Brüder die Sendung „Wetten, dass“. Ich kann mich noch an die Anfänge der Gegenkultur erinnern. Bands fuhren mit einem VW-Bus vor, luden ihre Instrumente und Verstärker aus, bauten auf der Bühne auf und legten los. Kein Gedöns, kein künstlicher Nebel, keine Go-go-Girls. Jedes Olympia-Ausrichterland versucht heute, das vorherige an Glitzer und Blödheit zu überbieten. Es geht um Einschaltquoten, Werbeeinnahmen und nationales Renommee. Was waren das für Zeiten, als die Mannschaften hinter ihren jeweiligen Fahnen nacheinander ins Stadion einmarschierten, ein bisschen ins Publikum hineinwinkten und dann einfach mit den Wettkämpfen begannen?

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„Warum dieses Risiko?, fragt die FAZ noch ihrer Wochenendausgabe. Die Rede ist von Lindsey Vonn, die es im Alter von 41 Jahren und einer Teilprothese im rechten Knie bei diesen olympischen Spielen noch einmal wissen wollte. Im Abfahrtsrennen von Cortina d‘Ampezzo stürzte sie nach wenigen Sekunden schwer und musste mit einem Helikopter in eine Klinik geflogen werden. Ihr Schmerzensschreie waren weithin zu hören. Dabei lag ihr letzter Sturz in Crans-Montana, wo sie sich einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, gerade mal eine gute Woche zurück. Sie wollte dennoch antreten, dabei war sie im Jahr 2010 bereits schon einmal Olympiasiegerin. Warum und woher also dieser faustische Drang? Es fällt gewiss schwer, eine derart ruhm- und erfolgreiche Karriere zu beenden, aber andere haben das ja auch geschafft. Aber sie steckt garantiert auch in Werbeverträgen, aus denen sie nicht so ohne weiteres herauskommt, und auch die 2,8 Millionen Follower auf Instagram dürfen nicht enttäuscht werden und sichern horrende Einnahmen. „Vonn“ ist eine Marke, eine Firma. Es sind also nicht nur Gründe aus dem Bereich der individuellen Psychologie, sondern handfeste ökonomische Interessen, die ihren Durchhaltewillen antreiben. Sport auf diesem Niveau ist heute eben nicht nur Sport, sondern Geschäft.

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Wo sind die sinnliche Dichte der Welt und leibliche Anwesenheit noch erfahrbar? Der Mangel daran scheint nun eine, wenn auch noch schwache, Gegenbewegung hervorzurufen. Es regt sich eine Sehnsucht nach Wirklichkeit und Erfahrung, die diesen Namen verdient. Junge Leute beginnen, sich zu fragen, was an den „sozialen Medien“ eigentlich sozial ist und kündigen ihre Accounts bei Onlineplattformen und digitalen Medien, wie in der Sendung ttt berichtet wurde. Hoffentlich ist das nicht bloß eine Eintagsfliege, sondern der Beginn eines starken und anhaltenden Trends. Das wäre erst dann der Fall, wenn Leute massenhaft ihre Handys wegschmeißen und zu analogen Formen der Kommunikation zurückkehren würden.

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„Wo ist Behle?“

(Bruno Moravetz)

Wann immer ich dieser Tage in der Glotze Bilder von den olympischen Spielen gesehen habe, flogen Drohnen umher. Als kröche und brumme eine Fliege über den Bildschirm. Ob im Eiskanal beim Rodeln, beim Abfahrtslauf, beim Unfall von Lindsey Vonn, über der Sprungschanze, nichts läuft ohne Drohnenbegleitung. Das Surren der Drohnen wird manchmal vom Kreischen und dem Partygeheul der weiblichen Fans an den Sportstätten überlagert. Sicher verschafft die Drohnenperspektive uns Zuschauern neue Sichtweisen auf das sportliche Geschehen, aber es ist auch gespenstisch. Nichts entgeht dem Kameraauge, wir werden an die Rundumbeobachtung gewöhnt. Früher kam es durchaus vor, dass vor allem Skilangläufer für längere Zeit nicht im Bild zu sehen waren. Berühmt ist eine Reportage von Bruno Moravetz während der olympischen Spiele in Lake Placid im Jahr 1980. Er kommentierte den 15-Kilometer-Langlauf und vermisste den deutschen Läufer Jochen Behle, der minutenlang nicht zu sehen war:  „Was ist mit Behle? Wo ist Behle? Wir wissen nichts, wir sehen ihn nicht. Behle ist weg.“ Dadurch wurde der junge Sportler auf einen Schlag berühmt. Heute würde eine Drohne ihn die ganze Zeit begleiten und filmen. Das ist nicht unproblematisch, auch und gerade, wenn man an einen anderen Einsatzort von Drohnen denkt: den Ukraine-Krieg. Drohnen stammen ja ursprünglich aus dem militärischen Bereich und drangen, wie so viele technische Neuerungen, von dort aus in den zivilen Bereich ein. Die Bilder der todbringenden Drohnen mischen sich mit denen über der Skipiste und werden dadurch verharmlost. Bis in die Sprache ist die Abkunft aus dem Militärischen erkennbar. Eben hörte ich einen Reporter von der Slalomstrecke sagen: Die Sowiesosowieso …  „von einer Drohne verfolgt“.

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Gestern Morgen erlebte ich beim Aufwachen das erste Vogelkonzert des Jahres. Mehrere Amseln und Meisen und ein Rotkehlchen zwitscherten und pfiffen im Hinterhof, was das Zeug hält. Am Nachmittag sah und hörte ich die ersten Kraniche, die mit ihren markanten Schreien nach Norden zogen. Geräusche des nahenden Frühlings.

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„Eines Tages habe ich einen Rucksack gepackt, Abschied von meiner Mutter und den Zug nach Breda genommen und mich eine Stunde später an der belgischen Grenze an den Straßenrand gestellt und den Daumen hochgestreckt. Und ich bin eigentlich nie mehr zurückgekehrt. Ich habe nicht mehr aufgehört, mich zu bewegen, und nach und nach habe ich angefangen, dabei zu denken.“

(Cees Nooteboom)

Der große niederländische Autor Cees Nooteboom ist am 11. Februar im Alter von 92 Jahren gestorben. Er gehört zum Kreis meiner literarischen Heroen und hat mich mein Leben lang begleitet. In seiner Beweglichkeit und Umtriebigkeit war er denkbar weit von meiner Sesshaftigkeit und Stubenhockerei entfernt. Wahrscheinlich war ich auch deswegen so fasziniert von ihm und seiner Literatur. Etliche Bücher von ihm entstanden unterwegs und sind Exkursionsberichte und Reisereportagen. So zum Beispiel sein Text „Paris, Mai 1968“ und die „Berliner Notizen“, in denen es um den Mauerfall und das Ende der DDR geht. Jahrelang bin ich durchs Gefängnis gelaufen und haben einen Satz von ihm zitiert, der wunderbar kurz illustriert, wie subjektiv und mitunter trügerisch unsere Erinnerung ist: „Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will.“ Erinnerung ist lebensdienlich. Was nicht in unser Selbstbild passt, blendet sie aus. Wir schreiben uns unsere Geschichte so lange um, bis wir es mit und in ihr aushalten können. Nietzsche hat das in seiner Schrift „Jenseits von Gut und Böse“ so beschrieben: „Das habe ich getan“, sagt mein Gedächtnis. „Das kann ich nicht getan haben“ – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“ Wie andere Autoren auch, verdankt Cees Nooteboom seinen großen Erfolg in Deutschland einer Empfehlung durch Marcel Reich-Ranicki. Er war dadurch hierzulande bekannter als in den Niederlanden. Er selbst hielt seine Gedichte für den wichtigsten Teil seines Werkes. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die nie richtig zur Kenntnis genommen habe. Zum Beispiel dieses hier, in dem er seinen Tod vorweggenommen hat: „Blind lauf ich weiter, ein fahler Hund/ in der Kälte. Hier nehme ich Abschied von mir selbst/ und werde dann langsam // niemand.“ (Abschied, 2021)

Habe den heutigen Tag, da ich von Tod Nootebooms erfahren habe, mit der Lektüre seines Buchs über den Pariser Mai 68 verbracht. Um es kurz zu machen: Das Buch ist großartig und vermittelt einen lebendigen Eindruck, worum es damals ging und eigentlich noch heute geht. Nootoboom schildert seine Eindrücke und Erfahrungen nicht mit der Kühle und Distanziertheit eines journalistischen Beobachters, sondern mit dem Enthusiasmus und dem Herzblut desjenigen, der die Intentionen der Revolte teilt und nicht vorhat, nach deren Abflauen wieder im schweigenden Sumpf des Abwartens und der Resignation zu versinken. Es ist ihm ein seltsames Prickeln und eine Art Heimweh geblieben nach der erlebten Offenheit aller gegen alle, nach „der Mischung aus Hoffnung,  Naivität, Taktik und Ehrlichkeit, was jetzt, da die Welt wieder aussieht wie die Welt, unsichtbar geworden ist“. Wer etwas über den Geist der 68er-Revolte erfahren möchte, wird in diesem Buch fündig werden.

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Der allwissende und allmächtige Donald Trump hat nun die Treibhausgase für ungefährlich erklärt und alle Maßnahmen außer Kraft gesetzt, die ihrer Ausstoß reduzieren sollten. Damit entfällt die rechtliche Grundlage für fast alle Klimaschutzmaßnahmen. Trump hält den Klimaschutz für „den größten Betrug“ weltweit und spricht von der „größten Deregulierungsmaßnahme“ in der US-Geschichte. Die Aufklärung wird rückgängig gemacht. Ein weiterer Triumph der Dummheit und der Profitgier über die Wissenschaft. Barrieren werden abgeräumt, die uns vor dem Sturz in den Abgrund schützen sollten.

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„Innerhalb des Systems zu leben ist wie eine Überlandfahrt in einem Bus, der von einem Wahnsinnigen gesteuert wird, der seinen Selbstmord plant … obwohl er ein netter Kerl ist und ständig Witze über den Lautsprecher lässt.“

(Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel)

Bei Cees Nootoboom stieß ich auf die Formulierung, dass „das System besteht, um das System fortbestehen zu lassen“. Er benennt damit das zutiefst Tautologische des Kapitalismus, das Marx als den sich selbst verwertenden Wert ausgemacht hat. Eine Gesellschaft hat ihr „Um … zu“ aus den Augen verloren und trudelt sinnlos ins Nichts. Wir sitzen in einem Flugzeug, dessen Cockpit leer ist. Oder: Der Kapitalismus ist ein Zug, der rast, aber niemand weiß wohin. Die Tendenz zur Entfesselung und Abstraktion wohnt dem Kapitalismus von Anbeginn inne. Unter unseren Augen wird seine Erscheinungsweise seinem Begriff adäquat: Der Kapitalismus ist Geld heckendes Geld, ein „automatischer Fetisch“. Am Ende wird der ganze Vorgang tautologisch, er bedarf weder der Bourgeoisie noch des Proletariats. Zygmunt Bauman hat gelegentlich einen Witz erzählt: In der Fabrik der Zukunft wird es nur zwei Lebewesen geben, einen Mann und einen Hund. Der Mann ist da, um den Hund zu füttern, und der Hund ist da, um aufzupassen, dass der Mann nichts anrührt. Die Menschen werden überflüssig, das System besteht weiter. Die Null nullt und verliert sich im scheinbar Unendlichen, sie schießt in die Abstraktion, bis sie eines Tages doch gegen eine Wand fährt, die irgendwo im Nebel hinter einer der nächsten Biegungen steht. Das entfesselte und tobsüchtig gewordene Geld trampelt mit schweren Füßen auf dem Erdball herum und verwüstet dabei ganze Landstriche. Hemmungen und Rücksichtnahme ist ihm fremd und muss ihm durch soziale Bewegungen und staatliche Begrenzungen aufgezwungen werden. Nach dem Triumph über den Staatssozialismus sowjetischer Prägung steht dem siegreichen Kapitalismus der eigentliche Kampf noch bevor. Nach dem Sieg über den Erzfeind bekommt man es mit sich selbst zu tun: mit seinem alles verschlingenden, alles verwertenden und in Profit verwandelnden Furor. Er ist seit einiger Zeit dabei, den Ast abzusägen, auf dem er selbst sitzt. Leider sitzen auch wir auf diesem Ast. Wir müssten ihm in den Arm fallen und die Säge entreißen, sonst reißt er uns mit in seinen Untergang.

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„Sie alle hatten ihre Verluste, und auch wenn sie mit der Zeit leichter zu ertragen waren, waren die Toten doch weiter weg und schwerer ins Gedächtnis zu rufen, eine stumme Diashow alter Erinnerungen, unveränderlich wie die Vergangenheit.“

(Stewart O‘Nan: Abendlied)

Ich lese zur Zeit mit großem Vergnügen Stewart O‘Nans Roman „Abendlied“, der das bereits aus den letzten Romanen (Emily, allein, 2012 und Henry persönlich, 2019) bekannte Personal wieder auferstehen lässt und von älteren Frauen erzählt, die ihre Männer überlebt und sich zusammengetan haben. Emily, Arlene, Kitzi  und Susie unterstützen sich gegenseitig und meistern ihr Leben im Großen und Ganzen recht gut. Sie treffen sich regelmäßig im Kirchenchor, spielen Bridge und betreiben als Gegeneinsamkeit den „Humpty Dumpty Club“, besuchen sich in Krankenhäusern und Altersheimen, versorgen vorübergehend verwaiste Haustiere und organisieren gelegentlich auch Beerdigungen. Wichtig: Sie verlieren nicht ihren Humor und sie halten unverbrüchlich zusammen. Stewart O‘Nan ist ein großartiger Autor.

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