„Im allgemeinen haben meine Tagebücher freilich sehr geringen Wert: Zustände und Dinge kommen kaum darin vor, nur Gedanken-Gänge, und auch diese nur, soweit sie unreif sind. Es ist, als ob eine Schlange ihre Häute sammeln wollte, statt sie den Elementen zurückzugeben. Aber man sieht doch einigermaßen, wie man war, und das ist sehr notwendig, wenn man erfahren will, wie man ist. Das ganze Leben ist ein verunglückter Versuch des Individuums, Form zu erlangen; man springt beständig von der einen in die andere hinein und findet jede zu eng oder zu weit, bis man des Experimentierens müde wird und sich von der letzten ersticken oder auseinanderreißen lässt. Ein Tagebuch zeichnet den Weg. Also fortgefahren!“
(Friedrich Hebbel. Tagebücher, August 1843)
Im Fernsehen sah ich dieser Tage eine Reportage über sogenannte „Gurkenflieger“. Als solche werden landwirtschaftliche Maschinen bezeichnet, die bei der Ernte von Gewürzgurken zum Einsatz kommen. Der Gurkenflieger besteht aus einem Traktor und einem Anhänger, an dem links und rechts zwei bis zu 15 Meter lange Flügel aufgehängt sind, die etwa 30 Zentimeter über dem Boden schweben. Auf den Tragflächen liegen bäuchlings bis zu 30 Erntehelfer, die die Gurken per Hand pflücken und auf ein Förderband legen. Diese Saisonarbeiter, die im Film zu sehen waren, stammten aus Bulgarien und Rumänien. Diejenigen, die sich vor der Kamera zu reden trauten, berichteten von schäbigen und teuren Massenunterkünften, langen Arbeitszeiten, Rücken- und Gliederschmerzen und schlechter Bezahlung. Die Frauen arbeiten am anderen Ende der Förderbänder, wo die Gurken gewaschen, nach Größen sortiert und in Gläser gefüllt werden. Ich schäme mich, neulich ein billig erworbenes Glas Gurken geöffnet und den Inhalt gegessen zu haben, ohne über die Produktionsbedingungen nachgedacht und etwas gewusst zu haben. Es konsumiert sich nicht ganz so unbeschwert, wenn man weiß, unter welchen Bedingungen Dinge hergestellt worden sind. Da bleiben einem der Spargel und die Gurke schnell einmal im Hals stecken.
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„Ich bin, dies Zeugnis darf ich mir geben, von ganzem Herzen dankbar dafür und freue mich jedes Tags; das Mittagsmahl und besonders die bei einem Glase Bier und einem Butterbrot verplauderte letzte Abendstunde ist mir immer ein Fest und ich nähre keinen anderen Wunsch mehr, als den natürlichen, der in allen Verhältnissen übrig bleibt, dass es bleiben möge, wie es ist.“
(Friedrich Hebbel 1854)
Das Schicksal von Laura Dahlmeier ist mir sehr nahe gegangen. Nachdem ich spät abends im Fernsehen einen Nachruf auf die ehemalige Biathletin und leidenschaftliche Bergsteigerin gesehen hatte, konnte ich eine Nacht lang nicht schlafen. Warum mich das so berührt hat, weiß ich nicht. Genauso wenig, wie sie selbst gewusst haben wird, was sie auf den Bergen gesucht hat. Ich vermute, dass das, wonach sie suchte, auch auf Bergen nicht zu finden war und ist. Sie war jedenfalls eine außergewöhnliche und sehr interessante junge Frau. Soviel wird man vielleicht sagen können: Sie war auf der Suche nach etwas, das größer war als sie selbst und sie überstieg, und was die Religion ihr nicht mehr zu bieten hatte. Mir als „oknophilem“ Menschen ist das rastlose Suchen nach immer neuen Extremsituationen völlig fremd. „Oknophilie“ ist ein Begriff, der von Michael Balint in die Psychoanalyse eingeführt worden ist und bezeichnet den Impuls, sich Schutz suchend an Menschen und Dinge anzuklammern. Frühe Traumatisierungen führen häufig dazu, dass sich ein ausgeprägtes Isomorphiebedürfnis ausbildet: Früh im Leben hat sich dramatisch und vor der Zeit zu viel verändert, nun soll am besten alles so bleiben wie es ist und sich möglichst nichts mehr ändern. Neue und unbekannte Reize werden nicht als Chance gesehen, sondern als Bedrohung wahrgenommen und gemieden. Im dritten Band meiner „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“ findet sich ein Kapitel, in dem ich unter der Überschrift „Über Angst und Formen ihrer Bewirtschaftung“ auch über meine privaten Ängste berichtet habe. Das dialektische Gegenteil der „Oknophilie“ ist die „Philobatie“. Damit benannte Balint den Impuls, sich bindungslos zu bewegen und dabei erhebliche Wagnisse einzugehen und dies zu genießen. Beide Begriffe bereichern das psychoanalytische Konzept eines grundlegenden menschlichen Konflikts zwischen den seelischen Bedürfnissen nach Zugehörigkeit einerseits und Autonomie andererseits. Im Begriff Oknophilie findet man das griechische Verb okneo = zögern, sich anklammern. Philobatismus ist dem Begriff Akrobat nachgebildet und enthält das Verb batein = gehen. Der Akrobat geht auf die Spitze (akro = spitz, hoch). Der Philobat ist einer, der das Gehen und In-Bewegung-Sein liebt.
In der frühkindlichen Entwicklung oknophiler Menschen findet man gehäuft Bezugspersonen, die das Kind nur ungenügend vor der Weite des Daseins schützten. Resultat ist ein Überwiegen anklammernder Impulse. Beim Philobaten ist es häufig umgekehrt. Er hat Erfahrungen mit Personen gemacht, die ihn durch eigenes Anklammern beengten. In der Folge sucht er das Heil in der sicheren Distanz zu den anderen. Er begibt sich lieber in die Gefahr, wie ein Artist vom Hochseil zu stürzen, als dass er sich von anderen begrenzen lässt. Ich habe mein ganzes erwachsenes Leben damit zugebracht, den Versuch zu unternehmen herauszufinden, warum ich der geworden bin, der ich bin. Getragen war dieses Projekt der Selbsterforschung anfangs von der Hoffnung, mich dadurch auch zu ändern und von Einengungen zu befreien. Wie Rumpelstilzchen sollten sich die beim richtigen Namen genannten Verhaltensweisen und Persönlichkeitszüge auflösen. Das ist leider nicht passiert. Manches hat sich etwas gelockert, meine Spielräume haben sich geringfügig erweitert, aber meine „Grundstörung“ (Balint) und meine Ängstlichkeit sind geblieben. Was also fasziniert mich so an Laura Dahlmeier? Dahlmeier und ich haben aus einer möglicherweise ähnlichen Ausgangssituation verschiedene Auswege gewählt. Sie verkörpert meine nicht gelebten Möglichkeiten. Das hat sie mir mit ihrem dramatischen Ende deutlich vor Augen geführt. Ihr Leben und Sterben besaßen die Würde der Gefahr, mein Leben ist eigentlich nur langweilig.
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Pünktlich zu den 80. Jahrestagen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki wurde gemeldet, dass Präsident Trump zwei Atom-U-Boote gegen Russland in Stellung gebracht hat. Wer geglaubt hat, die Menschheit hätte etwas gelernt aus den Hekatomben von Hiroshima und Nagasaki, hat sich geirrt. Auch Putin droht alle naselang mit dem Einsatz von Atombomben. Mit großen Schritten und sehenden Auges bewegt sich die Welt auf den Abgrund zu.
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„Wenn die Ethnologen kommen, verlassen die Geister die Inseln.“
(Hans Peter Duerr)
Nichts ist vor der Wissenschaft sicher. Jetzt ist die in ihrer Maßlosigkeit und Aufdringlichkeit auch dem Gezwitscher der Vögel auf den Leib gerückt. Was Vogelgesang bewirkt, hat ein Team des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf untersucht. In ihrer Studie zeigte sich, dass bereits sechs Minuten Vogelgesang täglich einen positiven Effekt auf das psychische Wohlbefinden haben können. Um herauszufinden, dass das Lauschen auf den Gesang der Vögel und das Quaken von Fröschen im Teich gut tun, dazu brauche ich keine wissenschaftlichen Studien. Demnächst werden sechs Minuten Vogelgesang täglich zur Prävention psychischer Erkrankungen per Rezept verordnet. Man muss dazu noch nicht einmal das Haus verlassen, das Einlegen einer CD mit Vogelstimmen reicht aus. Erst kommt die Wissenschaft, dann folgen die Indienstnahme und die Vermarktung. Alles muss sein Um … zu haben: Vogelgezwitscher ist gut für die mentale Gesundheit! Irgendwann wird die Menschheit an der totalen Verzweckung der Welt zugrunde gehen. Bald wird es keine echten Vögel mehr geben, aber wir haben ja kurz vor ihrem Aussterben Tonkonserven angelegt. Großraumbüros werden zukünftig mit Vogelgezwitscher beschallt, um die Bürosklaven bei Laune zu halten und ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Eines Tages hört man Vogelstimmen aus dem Lautsprecher und weiß gar nicht mehr, woher diese ursprünglich stammen. Man weiß nur noch, dass sechs Minuten davon täglich der psychischen Gesundheit nützen – wie Liegestütze und Kniebeugen der körperlichen Fitness.
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„Der Krieg ist darin schlimm, dass er mehr böse Menschen macht, als er davon wegnimmt.“
(Immanuel Kant)
In Russland kommt es vermehrt zu schweren Straftaten, die von Heimkehrern aus dem Ukraine-Krieg, der in Russland nach wie vor „spezielle Militäroperation“ genannt wird, begangen werden. Kriegsheimkehrer haben nach Angaben unabhängiger Medien mindestens 378 Menschen umgebracht und noch einmal so viele lebensgefährlich verletzt. Unter den mordenden Kriegsheimkehrern befinden sich auch eine große Anzahl früherer Sträflinge, die vom Gefängnis direkt an die Front geschickt wurden. Gehäuft kommt es zur Auslöschung ganzer Familien.
Der afrokaribisch-französische Schriftsteller und Politiker Aimé Césaire hat in seinem 1955 erschienenen Buch „Über den Kolonialismus“ bereits angesichts des Algerienkrieges davon gesprochen, dass die koloniale und imperiale Gewalt in die Mutterländer zurückschlage und dort zu einer „Rebarbarisierung“ und „Verwilderung“ des gesellschaftlichen Klimas führe, eine Erfahrung, die sich später in den USA im Kontext der Kriege in Vietnam, Afghanistan und im Irak bestätigte. Die Veteranen leben in einer Welt aus Scheidung, Alkohol, Drogen, Verbrechen, Polizei, Gefängnis und Depression. Noch fast dreißig Jahre nach der Rückkehr aus Vietnam kann Lester Farley, ein Vietnamveteran, dem wir in Philip Roth’s Roman „Der menschliche Makel“ begegnen, kaum eine Nacht richtig schlafen, ist unruhig, trinkt, neigt zu Gewalttätigkeiten und terrorisiert Frau, Kinder und seine ganze Umgebung. Er empfindet sich als ein Mann, der in Vietnam „gestorben ist“ und seither als „Untoter“ mit betäubten Gefühlen weiterlebt. Jede Soldateneinheit, die aus einem Kriegseinsatz zurückkehrt, kann man als lebendige Quelle von Gewalt, als Gewaltkristall, begreifen. Ich bin während meiner Arbeit im Gefängnis einem Russen begegnet, der mir schauderhafte Dinge aus dem Tschetschenien-Krieg berichtete, in dem man ihn als 18-Jährigen geschickt hatte. Nach ihrem Ausscheiden aus der Armee liegen die ehemaligen Soldaten wie Fische auf dem Sand, ihre dort erworbenen Fähigkeiten werden nicht mehr nachgefragt. Also führen sie den Krieg auf eigene Faust und mit anderen Mitteln fort. Sie haben nichts anderes gelernt und können nichts anderes. Sie tauchen ein ins Rotlichtmilieu, betreiben Geldwäsche, Drogen-, Waffen- und Mädchenhandel. Der Russe, der mir im Gefängnis begegnet ist, nahm innerhalb dieser kriminellen Gegenwelt im deutschen Osten die Rolle eines „herrenlosen Samurais“ ein und tötete bei seiner „Arbeit“ im Milieu drei Menschen. Man verurteilte ihn zu lebenslanger Haft. Ich habe durch ihn tiefe Einblicke in mafiöse Strukturen und Gepflogenheiten im kriminellen Milieu gewonnen. Wir haben lange und gern miteinander geredet. Was aus ihm inzwischen geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Es bleibt festzuhalten, dass es für jede Gesellschaft ein enormes Sicherheitsrisiko darstellt, wenn Hunderttausende Soldaten ins zivile Leben zurückzukehren versuchen. Dabei fallen „Kollateralschäden“ an, die weitgehend unbeachtet bleiben. Viele der ehemaligen Soldaten können nach Jahren kriegerischer Verwilderung und Brutalisierung den Weg zurück ins zivile Leben nicht finden.
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„Die Zufügung dieser Narben ist eigentlich die Form, in der die Gesellschaft sich im Individuum durchsetzt …“
(Th.W. Adorno: Die revidierte Psychoanalyse)
Beim letzten Einsteigen in die Lahn bin ich noch einmal auf den glitschigen Sprossen der Leiter abgerutscht. Dabei bin ich mit der Schwellung am Schienbein nochmal auf die nächst tiefere Sprosse geprallt. Die Schwellung, die dank ständiger Kühlung gerade dabei war sich zurückzubilden, ist nun stärker als zuvor und schmerzt bei jeder noch so leichten Berührung. Schon die Berührung mit dem Hosenstoff ist unangenehm. Ich muss, wenn der Sommer nochmal zurückkehrt, der vermoosten Treppe mit einer Drahtbürste oder einem Drahtschwamm zu Leibe rücken. Ein weiteres Mal darf mir das Abrutschen nicht passieren. Unter der aktuellen Verletzung liegt eine ältere. Zu unserem wöchentlichen Kicken im Freundeskreis trafen wir uns eine Weile auf einem Sportplatz an der Lahn. Wer mitspielen wollte, wurde nicht abgewiesen: Wer sind wir, jemanden von uns zu weisen und auszuschließen? So spielte auch ein etwas dubioser Mensch mit, dessen Bewegungen durch Medikamenteneinnahme deutlich verzögert waren. Eines Tages trat er nach dem Ball, den ich kurz zuvor noch am Fuß gehabt hatte, und traf mit voller Wucht mein Schienbein, das prompt aufriss. Ich hätte es nähen lassen müssen, stattdessen spielte ich nach einer kurzen Pause und einer notdürftigen Bandagierung weiter. Die Heilung zog sich wochenlang hin, und die Stelle am Bein blieb dauerhaft empfindlich. Wann immer mir dieser Mensch später in der Fußgängerzone begegnete, musste ich schwer an mich halten, nicht auf ihn loszugehen. Im Laufe der Jahrzehnte wurde mein Körper zu einer Landkarte der Schmerzen und Narben.
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„Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens antwortet jeder mit seinem Lebenslauf.“
(György Konrád)
Was ukrainische Soldaten, die im Rahmen eines Gefangenenaustauschs in die Heimat zurückgekehrt sind, über ihre Gefangenschaft berichten, ist grauenvoll. Da tobt sich ein Sadismus aus, den wir bislang für eine Spezialität der Nazis gehalten haben, der aber den russischen Krieg hinter den Fronten begleitet wie ein Schatten. Gebrochene Rippen, Verbrennungen, Elektroschocks, seelische Zerstörung und Grausamkeit gehören zum Grundrepertoire der Behandlung ukrainischer Gefangener. Einem von ihnen wurde ein Ohr abgeschnitten, einem anderen eine zynische Parole in den Bauch gebrannt, so dass er jetzt zeitlebens lesen muss: „Ruhm für Russland“. Ich hoffe, dass die Ukrainer mit russischen Gefangenen anders umgehen und sie wie Menschen behandeln, die sie ja trotz allem sind. Man darf sich die Methoden des Feindes nicht zu eigen machen, sonst ähnelt man ihm irgendwann zum Verwechseln. Die Gießener linke Szene bereitet sich auf die für den Herbst geplante Neugründung der Jugendorganisation der AfD vor. Die Versammelten waren sich einig, „den Faschos das Leben zur Hölle zu machen“. Anderen Menschen das Leben zur Hölle zu machen, sollten wir niemals zu unserem Programm erheben. Dann würden wir unser Selbstverständnis aus den Händen unserer Gegner entgegennehmen. Wir sollten um den Zusammenhang von Zielen und Mitteln wissen. Hass entstellt die Gesichter zu Fratzen und ist ein schlechter Lehrmeister. Die gestern von Arte ausgestrahlte Dokumentation über die Besetzung der Deutschen Botschaft in Stockholm im Jahr 1975 zeigte noch einmal eindringlich, wohin es führt, wenn der militante Humanismus des antiimperialistischen Kampfes in verselbständigten Terror umschlägt. Erschießungskommandos sollten unter keinen Umständen zu unseren Kampfmitteln gehören. Auf die Frage, welche Konsequenzen sie aus dem Stockholm-Desaster gezogen haben, antworteten Lutz Taufer und Karl-Heinz Dellwo weniger mit wohlfeilen verbalen Distanzierungen, sondern mit der Gestaltung ihres weiteren Lebenslaufs.
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Ein Schäfer, der in den georgischen Bergen seine Schafe hütet und aus der handgemolkenen Milch Käse herstellt, sagt in einer Reportage: „Bei all dem Zeug, das an die Leute verkauft wird, darf man sich nicht wundern, dass sie krank werden.“ „Malbouffe“ – Scheißfraß – hat der französische Bauernrebell José Bové die Angebote der Fastfood-Ketten und Supermärkte genannt. Vor Jahren hat er mit einigen Mitkämpfern und unter Zuhilfenahme ihrer Traktoren eine McDonalds-Filiale in Südfrankreich verwüstet und ist dafür für Jahre ins Gefängnis gegangen. Tausende von Franzosen haben Bové am Tag seiner Entlassung vor dem Gefängnis erwartet und ihn begeistert empfangen.
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„ … die Individuen, die an einer Privatneurose erkrankt sind, erfahren in der Teilnahme an einer Kollektivneurose eine Linderung ihrer Leiden.“
(Simone de Beauvoir: Rechtes Denken, heute)
Gestern Nachmittag war ich im botanischen Garten. Dort saßen zwei Bekannte auf einer Bank, mit denen ich dann etwa eine Stunde lang geredet habe. Da auf der Bank kein Platz für drei Leute war, habe ich die ganze Zeit gestanden. Zu dritt in einer Reihe sitzend kann man außerdem nicht gescheit miteinander reden, weil man immer an dem in der Mitte Sitzenden vorbeireden muss. Also stand ich mir die Beine in den Bauch und lauschte dem Bericht von der Palästina-Demonstration am letzten Freitag. Tonangebend seien junge Frauen gewesen, die nicht nur stimmlich die Veranstaltung dominierten. Ulrich war sehr angetan von der Demo, auf der er keine Spur von Antisemitismus feststellen konnte. Als ihn eine Notdurft ankam, wie der Büchner das genant hat, standen wir auf und wandten uns zum Gehen. Eine ältere Dame kam zielstrebig auf uns und sprach uns an. Sie verwechselte mich mit einem anderen Mitarbeiter der Gießener Tageszeitung und dachte, sie könne ihre Beschwerden über den Zustand des Botanischen Gartens an den Mann bringen. Ich klärte sie über ihr Missverständnis auf und wir überließen die bekennende CDU-Wählerin sich selbst. Ich ging dann nach Hause und bereitete mir aus den Strünken von Rote Beete-Knollen eine schmackhaftes Gemüse zu. Nach den Abendnachrichten mit den leider üblichen Bildern aus den Kriegen in Nahost und der Ukraine beschloss ich, nochmal an die Lahn zu radeln und mich am Ufer lesend auf einen Stein zu setzen. Ich wollte einen Text von Simone de Beauvoir zu Ende lesen, der „Rechtes Denken, heute“ überschrieben ist und aus dem Jahr 1955 stammt. Noch war ihre Solidarität mit der Kommunistischen Partei ungebrochen, die erst im Jahr darauf im Kontext des ungarischen Aufstands und seiner Niederwerfung durch sowjetische Panzer ernsthaft erschüttert wurde. Dennoch habe ich den längeren Text über die Rechte mit Erkenntnisgewinn gelesen, da viele der von de Beauvoir angesprochenen Themen bis heute virulent sind. Ich las gestern Abend dann aber doch nicht weiter, weil es zum Niedersetzen einfach schon zu kalt war. Ich fuhr eine Weile den Fluss entlang und kehrte dann mit Anbruch der Dämmerung nach Hause zurück. Als ich gegen Mitternacht und vor dem Schlafengehen noch ein letztes Mal auf den Balkon trat, wurde ich Zeuge einer eigenartigen Szene. Auf dem Parkplatz der Rechtsanwaltspraxis gegenüber stand ein junger Typ im grellen Licht des vom Bewegungsmelder ausgelösten Scheinwerfers und sang und tanzte vor sich hin. Er vollführte die typischen Rap-Gesten und Bewegungen. Ich dachte: „Schau an, ein Verrückter!“ Erst nach einer Weile bemerkte ich, dass er sein Handy auf den Sims vor sich gestellt hatte und dabei war, im Licht des Scheinwerfers ein TikTok-Video aufzunehmen. Es war also kein Privatwahnsinn, sondern der private Teil einer zeitgemäßen kollektive Verrücktheit, ein Akt von medialem Narzissmus, der fast alle erfasst hat. Überall sieht man vor allem junge Frauen, wie sie sich für die Kamera zurechtstellen und -recken und kleine Filmchen herstellen. Als das Video im Kasten war, trollte er sich. Er vollführte Siegergesten und schien mit seinem Werk sichtlich zufrieden. Nach einer Weile erlosch das Scheinwerferlicht und die Nacht senkte sich auf die Straße herab.
Anderntags bin ich mit Alex zur Badestelle geradelt. Er hat unter Zuhilfenahme eines Stahlschwamms die Treppe vom glitschigen Schmodder befreit. Kurz darauf stieg ich ohne Probleme ins Wasser und schwamm eine kleine Runde. Die Reinigung der Treppensprossen, werde ich nun vor jedem Bad in der Lahn wiederholen. Alex ist gerade von einem Urlaub in der Toscana zurückgekehrt und schwärmt von der italienischen Küche und Lebensart: „Was braucht es mehr als Tomaten, Käse, ein gutes Olivenöl und ein knuspriges Brot?“, fragte er mehr rhetorisch. Ich pflichtete ihm bei. Ich lebe allerdings auch hier so, habe viele Gewohnheiten und Rezepte aber aus Italien mitgebracht.
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„Narzissmus“ ist in aller Munde und hat ganz offensichtlich Konjunktur. Beinahe täglich werden wir vom Internet mit Tipps und Hinweisen versorgt, ab wann und ob man ein Narzisst ist und woran man den erkennt. Die Anfänge meiner Beschäftigung mit dem Thema gehen zurück auf einen mehrteiligen Text zum Thema Narzissmus, den ich im Auftrag des pädagogischen Online-Magazins „Auswege“ im Herbst 2011 auf einem niederländischen Campingplatz geschrieben habe. Ich habe ihn im Laufe der folgenden zwei Jahre zu einer Sammlung sozialpsychologischer Fragmente ausgebaut, die zusammen so etwas ergeben wie eine „Sozialpsychologie des Kapitalismus“ auf seiner gegenwärtigen Entwicklungsstufe, die sich dann im Laufe der nächsten Jahre zu einem dreibändigen Buchprojekt auswuchs. Im Grunde sind die Texte, die seit 2020 unter dem Titel „Durchhalteprosa“ erscheinen auch noch späte Auswirkungen dieser Narzissmus-Studien, die man unter dem Titel „Unterm Strich zähl ich“ im Netz finden kann. Damals hat sich die fragmentarische Schreibweise herausgebildet, bei der ich bis heute geblieben bin und sie sich als die mir gemäße Form des Schreibens entpuppt hat. Narzisstische Phänomene werden kaum noch als Krankheitszeichen wahrgenommen, weil der Narzissmus zur sozialpsychologischen Signatur unseres Zeitalters geworden und die dem Konsumismus entsprechende Form der Subjektausstattung ist. Der heute in weiten Teilen der Welt dominante Gesellschaftscharakter ist ein narzisstischer. Der Sozialcharakter hat nach Erich Fromm die Aufgabe, die Energien der Gesellschaftsmitglieder so zu formen, dass ihr Verhalten nicht mehr einer bewussten Entscheidung bedarf; dass die Menschen vielmehr so handeln wollen, wie sie handeln sollen, und dass sie gleichzeitig darin eine Genugtuung finden, sich gemäß der gesellschaftlichen Normen und Werte zu verhalten. Mit anderen Worten: Der Gesellschaftscharakter hat die Aufgabe, die menschlichen Energien so zu formen, dass sie das reibungslose Funktionieren einer gegebenen Gesellschaft garantieren. Im 19. Jahrhundert brauchte der Kapitalismus Menschen, die sparsam und fleißig waren, um die Mitte des 20. Jahrhunderts brauchte er Menschen, die ein leidenschaftliches Interesse am Geldausgeben und am Konsum hatten. Der gegenwärtige Kapitalismus verlangt Menschen, die sich nicht festlegen, alle Zuschreibungen von sich weisen und bereit sind, sich permanent „umzumontieren“ und rund um die Uhr online verfügbar zu sein. Und dabei Begeisterung empfinden.
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An der Lahn ist mir am Steg ein älteres Ehepaar begegnet, dessen männlicher Teil zunächst schwärmte, wie „herrlich“ es hier doch sei und androhte, demnächst auch mal schwimmen zu gehen. Am liebsten würde er gleich reinspringen, aber er habe keine Badehose dabei. Dann aber monierte er, dass es keine Dusche gebe. „Wenn das Ihre Sorge ist, dann ist das Schwimmen im Fluss vielleicht doch nichts für Sie“, wagte ich einzuwenden. Ich vermute, dass er das nicht verstanden hat, und hoffe, dass er seine Ankündigung, hier schwimmen zu gehen, nicht wahr machen wird. Ihren silbergrauen Mercedes hatten sie vorn auf den Rasen geparkt. Die Frau passte zu ihm und war genauso etepetete. Niemals werden die einen Fuß in die Lahn setzen.
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Ich war heute Morgen bereits auf dem Markt und habe meine Wochenration Äpfel und Tomaten gekauft. Vor dem Wagen des Heuchelheimer Bäckers gab es eine derart lange Warteschlange, dass ich mir den Wunsch nach einem Brötchen verkniff. Der Bäckermeister, den ich seit 50 Jahren kenne, steht morgens ab zwei oder drei Uhr in der Backstube und dann von halb sieben bis mittags um halb drei auf dem Markt. Wie lang kann ein Mensch so etwas aushalten? Der Hund von den Leuten vorn an der Ecke bellt die Straße zusammen, meine direkten Nachbarn entfesseln die übliche große Samstags-Geräuschkulisse: Die Alte lacht gellend, er hustet bellend, die Enkelchen quietschen herzallerliebst in der Oskar Matzerath-Tonlage. Die Nachbarin schräg über mir rennt rein und raus und knallt die Tür. Und ich hab was zu meckern. Kurzum, alles ist wie immer. Gegen Mittag werde ich mal schwimmen fahren. Obwohl die Sonne hinter einem Schleier aus Dunst verborgen ist, ist es doch sehr warm. Außerdem tut es mir gut, jeden Tag die rund acht Kilometer zur Lahn und zurück mit dem Rad zu fahren und im Rahmen meiner reduzierten Möglichkeiten eine Runde zu schwimmen.
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Ich komme gerade von der Lahn zurück. Obwohl es ein richtig schöner Sommerabend hätte werden könne, wurde es richtig unangenehm. Als ich ankam landete gerade ein Motorboot an, und seine Insassen banden das Boot direkt an der Leiter fest. Es waren sichtlich reiche junge Schnösel und die dazu passenden Frauen. Auf meinen Einwand, ich würde dort gern ins Wasser steigen, gingen sie nicht weiter ein. Es sei Platz genug, befand einer von ihnen und damit basta. Da sie einen Kampfhund in der Größe eines Kalbes dabei hatten, wollte ich mich nicht mit ihnen anlegen. Ich schob das Boot etwas zur Seite, kletterte in den Fluss und schwamm los. In der Ferne sah ich Kanus, die näher kamen und den Seg ansteuerten. Die männlichen Insassen stiegen aus, um am Ufer ihr Wasser abzuschlagen. Während der ganzen Zeit lief über eine Bluetooth-Box laut sogenannte Musik und man trank Bier. Als ich wieder raus wollte aus dem Wasser, musste ich mich zwischen den Booten hindurchzwängen. Man sah blasiert zu, wie ich mich abmühte, die Leiter zu erreichen. Bei meinen Versuchen, die Leiter zu fassen zu bekommen, stieß ich mit dem Fuß gegen einen im Wasser verborgenen Felsen. Der Fuß schmerzte, und später auf dem Steg stellte ich fest, dass ein Zeh blutete. Ich umwickelte ihn mit einem Taschentuch. Irgendwann bestiegen die Deppen wieder ihre Kanus und legten ab. Ich machte drei Kreuze, zog mich an und bestieg mein Rad. Der „Apfelmann“ kam mir im Auto entgegen und winkte mir zu. Rund um den Markt hielten sich die üblichen Verdächtigen auf und es war kaum ein Durchkommen. Die Enkel der Nachbarn, die so tun, als gehöre die Straße und das ganze Viertel ihnen, sind müde und plärren. Auf den Balkon kann ich mich deswegen nicht setzen. Auf dem vorderen ist es noch viel zu heiß, so dass ich wohl drinnen speisen muss. Es gab selbst angesetzten Heringstipp mir Pellkartoffeln.
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Irgendjemand hat sich rechtzeitig daran erinnert, dass dieses Jahr der 125. Todestag von Wilhelm Liebknecht ist, und so hat Gießen beschlossen, dieses Ereignis feierlich zu begehen. Denn schließlich ist Wilhelm Liebknecht ein waschechter Gießener und der Gießener Anzeiger erklärt ihn zum „größten Sohn der Stadt“ und widmet ihm dieser Tage eine ganze Seite. Der Artikel wird komplettiert durch ein Foto, das kurz vor Liebknechts Tod entstanden sein muss. Er sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen in einem Garten in einem Rohrsessel und blickt ernst und würdevoll in die Kamera. Wir sehen ein markantes, charaktervolles Gesicht, in das sich die wechselvolle Geschichte eines über 70-jährigen Lebens eingegraben hat. Wenn mich nicht alles täuscht, trägt er eine lässige Leder- oder Tweed-Jacke. Er wurde am 29 März 1826 am Burggraben 12 in Gießen geboren und wuchs in einem eher ärmlichen Haus auf, dass in der Bombennacht vom 6. Dezember 1944 zerstört wurde. In der Nachbarschaft erinnert heute eine Gedenktafel an Liebknecht. Sein weiteres Leben spielte sich weit weg von Gießen ab. Wie viele seiner Weggefährten trieb es ihn auf der Flucht vor der Polizei quer durch Europa. Immer wieder musste er Monate und Jahre in Zuchthäusern und Gefängnissen verbringen. Sogar seine erste Frau Ernestine lernte er im Gefängnis kennen. Sie war die Tochter eines Freiburger Gefägnisaufsehers, und Liebknecht könnte ihr begegnet sein, als sie ihrem Vater das Mittagessen und ein Viertele in den Knast gebracht hat. 1896 musste er als 70-Jähriger wegen Majestätsbeleidigung ein letztes Mal für vier Monate ins Gefängnis. Der Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie starb am 7. August 1900 in Berlin an einem Gehirnschlag. 100000 Menschen folgten seinem Sarg, Hunderttausende säumten die Straßen. Eine Biographie, die unseren Respekt und unsere Erinnerung verdient. Auch wenn Marx in der für ihn typischen Weise über ihn herzog: Proudhon, Weitling, Liebknecht und andere wurden von ihm als „Esel, echte Straubinger, alternde Knoten“ bezeichnet und beschimpft. Ich musste nachschauen und habe in Erfahrung gebracht: Der „Straubinger“ war im deutschen Sprachraum das Sinnbild des wandernden Handwerksburschen: „schlank, tüchtig und fröhlich, in Biedermeiertracht mit Zylinder, Knotenstock und Felleisen“. In einem Brief an Engels äußerte sich Marx über Liebknecht wie folgt: „Der Kerl hätte diese Woche einen definitiven Abschiedstritt in den Hintern erhalten, zwängen nicht gewisse Umstände, ihn einstweilen noch als Vogelscheuche zu verwenden.“ So durften sich die Liebknechts in der Londoner Zeit gelegentlich um die Kinder kümmern. Der Umgang von Marx mit vielen seiner Mitkämpfer war von Respektlosigkeit, Hohn und Spott geprägt und ist kein Ruhmesblatt. Wer seinen Hegel und Ricardo nicht gelesen und den „objektiven Gang der Geschichte“ nicht verstanden hatte, galt als Banause und zog sich schnell den Zorn des Meisters zu, der das mit den Worten quittierte: „Dummheit hat noch nie jemandem genutzt.“
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Der heutige Sonntagmorgen hat für den gestrigen Abend entschädigt. Ich bin um kurz nach sieben wach geworden, habe gleich das Rad bestiegen und bin zur Lahn gefahren. Als ich über die Leiter in den Fluss kletterte, stieg die Sonne gerade über die Bäume am jenseitigen Ufer hoch und tauchte alles in gleißendes Licht. Das Wasser ist nach den letzten Tagen wieder angenehm warm und so schwamm ich eine ganze Weile. Dann trocknete ich mich ab, hockte mich auf die Treppe und schaute auf das träge dahinfließende Wasser. Ich dachte an dies und das. Hier und da sprang ein Fisch, Libellen flogen vorüber und Eisvögel pfiffen. Ein Reiher ließe sein raues, immer ein wenig wütend klingendes Krächzen ertönen. Über den Baumkronen kreiste ein Bussard. Dann bekam ich Hunger und fuhr über den immer noch menschenleeren Uferweg in die Stadt zurück. Dort wurde ich schnell von der Wirklichkeit eingeholt. Die Nacht von Samstag auf Sonntag ist die Stunde des gemeinen Vandalen. Aus Blumenkübeln waren Pflanzen herausgerissen und in der Fußgängerzone verteilt worden, die Mietfahrräder der Universität vor dem Eingang zum Botanischen Garten auf einen Haufen geworfen und auf ihren Speichen herumgetreten worden. Zerbrochene Bierflaschen lagen auf dem Pflaster. Ich ließ mir meine von der Lahn mitgebrachte gute Laune aber nicht verderben und frühstückte auf dem Balkon, auf dem es zu dieser immer noch frühen Stunde vom Lärm her gut aushaltbar war.
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Nach den Migranten wendet sich Donald Trump nun einer weiteren Gruppe von Menschen zu, deren Gegenwart und Sichtbarkeit ihm ein Dorn im Auge sind: den Obdachlosen. Gegen sie will er unter Einsatz der Nationalgarde vorgehen und sie aus dem Stadtbildern verschwinden lassen. Obdachlosigkeit ist einem wie Trump identisch mit Kriminalität, und mit Kriminalitätsangst lässt sich rechte Politik immer schon gut rechtfertigen. Die objektiven Zahlen sprechen übrigens eine andere Sprache: Die Kriminalität in Washington ist nach einer von der Polizei veröffentlichten Statistik rückläufig. Aber mit Zahlen kann man Rechte nicht beeindrucken. Es wird drauflos gelogen, dass sich die Balken biegen. Gemäß der missverstandenen Hegelschen Maxime: Umso schlimmer für die Tatsachen! Die Nähe zur Gefühlswelt des eigenen Klientels scheint wichtiger, als der Wahrheitsgehalt einer Aussage. Unter dem Beifall des „kleinen Mannes“, der wie immer auch eine „kleine Frau“ sein kann, wird damit begonnen, den Armen den Krieg zu erklären, nicht etwa der Armut. Die gesellschaftlichen Ursachen von Armut und Obdachlosigkeit werden ausgeblendet. Armut wird durch Faulheit, Maßlosigkeit und andere Laster der Armen hervorgerufen, also muss man gegen sie mit aller Härte vorgehen. Vor allem demokratisch regierte Großstädte wie Washington will Trump „säubern“ lassen. Gerade weil vielen Mittelschichtsamerikanern der soziale Abstieg droht und sie in den Obdachlosen ihre eigene Zukunft erblicken, sind sie mit einem harten Kurs gegen die Ärmsten der Armen und einer drastischen Kürzung der staatlichen Leistungen an sie einverstanden. Ein Fall von Identifikation mit dem Aggressor: No Pity for the Poor. Statt sich mit jenen zu verbrüdern, denen es an den Kragen geht, schlägt man sich auf die Seite derer, die ihnen nachstellen und das Leben zur Hölle machen. Auf diese Weise hofft man, dem Schicksal ein Schnippchen schlagen und auf der Seite der Gewinner bleiben zu können.
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Seit Tagen Die Zahl der wegen Essstörungen im Krankenhaus behandelten Mädchen hat sich binnen 20 Jahren verdoppelt. Während im Jahr 2003 noch 3.000 Mädchen und junge Frauen im Alter von zehn bis 17 Jahren in Deutschland stationär wegen einer Magersucht, Bulimie oder anderen Essstörung behandelt wurden, waren es zwanzig Jahre später 6.000. Experten sind sich einig, dass dieser Anstieg vor allem auf das Konto der sozialen Medien geht, die Mädchen und jungen Frauen Bilder vermitteln, wie man zu sein hat und was als schön gilt. Die Frage bleibt, warum sich Mädchen diesem Terror beugen und sich an den medialen Vorgaben orientieren? Ich vermute, dass hier auch ein Versagen der Eltern vorliegt, die als Vorbilder ein Totalausfall sind und auch sonst kaum Einfluss auf ihren Nachwuchs zu haben scheinen. Von einer Prägung der Kinder und Jugendlichen durch die Eltern kann jedenfalls weithin keine Rede sein. Junge Männer frönen einem verwandten Ideal. Bei ihnen geht es um einen perfekt gestylten, muskulösen Körper. Die Vorlagen dafür finden auch sie auf Social Media. In puncto Abhängigkeit von medialer Beeinflussung stehen sich beide Geschlechter in nichts nach, sie äußert sich nur geringfügig anders. Eine gewisse Form von Dummheit scheint beiden Geschlechtern gemeinsam.
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„Wir werden nicht mehr von diesem Krieg genesen. Es ist zwecklos. Wir werden nie mehr unbeschwerte Menschen sein, Menschen, die denken und studieren und in Frieden ihr Leben ordnen. Ihr seht, was man aus unseren Häusern gemacht hat. Ihr sehr, was man aus uns gemacht hat. Wir werden nie mehr ruhige, gelassene Menschen sein.“
(Natalia Ginzburg: Des Menschen Sohn, 1946)
Gestern traf ich am Steg einen städtischen Arbeitstrupp an, der Büsche und Gras beschnitt. Das werde sich auch noch über den ganzen Tag hinziehen. Die offensichtlich zur Arbeit verdonnerten Mitglieder der Gruppe wirkten unmotiviert und lustlos, standen oder saßen herum, rauchten und murrten. Da auch Maschinen zum Einsatz kamen und lärmten, ergriff ich die Flucht und wollte mich ein paar hundert Meter weiter ans Ufer setzen. Als ich mein Rad bestieg, traf Philipp ein, der einmal Bassist einer wilden Punk-Band gewesen ist, die weit über Gießen hinaus bekannt war. Der Sänger dieser Band war damals mein Wohnungs-Nachbar. Der Besuch eines Boxhamster-Konzerts, zu dem mein Nachbar mich eingeladen hatte, hat mir eine posttraumatische Belastungsstörung eingetragen. Philipp erzählte, er sei gerade Mitglied im Männer-Bade-Verein geworden, auf dessen Hoheitsgebiet der Badesteg liegt. Nun könne ihn niemand mehr blöd anmachen oder vertreiben. Für ihn als Alt-Punk sei die Mitgliedschaft im Männer-Bade-Verein von 1836 vollkommen angemessen. Eigentlich hätten sie es ja immer mit Charles Bukowski gehalten, dem die Bemerkung zugeschrieben wird: Ich würde niemals einem Club beitreten, der einen wie mich als Mitglied aufnähme. Auch Philipp trollte sich dann, allerdings flussaufwärts, wo er eine Stelle kenne, an der man einigermaßen kommod in den Fluss steigen könne. Auch er sei schließlich nicht mehr der Jüngste. Auf dem Weg zu meiner Ausweichbadestelle komme ich an Peters Garten vorbei, den ich kenne, seit ich dort zum ersten Mal gebadet habe. Er ist ein Ur-Gießener und kennt die Stadt und ihre Geschichte wie kaum ein anderer. Und zwar mit einem Blick von unten und vom Rand her. Er hat spannende Geschichten zu erzählen. Ich grüßte ihn über den Zaun und versprach, ihm später einen Besuch abzustatten. Er versäumte auch gestern nicht, seinen Lieblingskalauer zu lancieren: „Denk dran, du hast hier noch nen Deckel offen vom letzten Mal.“ Peter half mir, eine Betonplatte herbeizuschleppen, von denen einige auf dem Nachbargrundstück herumlagen. Die wollte ich an meiner Einstiegsstelle in den Fluss legen, um bequemer und ohne größere Schmerzen hineinzukommen. Als ich die Platte im Fluss platzierte, beobachtete ich eine Prachtlibelle, die auf einem ins Wasser hängenden Ast Platz nahm. Im Busch darüber rumorte ein Zaunkönig. Erstaunlich, dass ein derart kleiner Vogel in einer solchen Lautstärke singen kann.
Zunächst las ich in Natalie Ginzburgs Texten aus der Nachkriegszeit. Die große alte Dame der italienischen Literatur berichtet von den Anfängen ihres Schreibens, die aufs Engste mit dem Kampf gegen den Faschismus und dem Alltagsleben der Menschen in Turin verknüpfte sind. „Ich beobachtete die Leute in der Trambahn und auf der Straße, und wenn ich ein Gesicht fand, das in eine Erzählung hineinzupassen schien, wob ich darum herum moralische Eigenschaften und eine kleine Geschichte.“ Sie machte Jagd auf Einzelheiten und trug sie in ein Notizbuch ein, dass sie stets mit sich führte. Wenn sie später an einer Erzählung arbeitete, griff sie manchmal auf diese Notizen zurück und baute sie ein. Plötzlich fühlte ich mich ihr sehr nah. Wie andere Leute Zigarettenstummel sammeln wir alltägliche Eindrücke und verwahren sie in unseren Notizbüchern, die auf diese Weise zum „Museum von Sätzen“ und Alltagsbeobachtungen werden. Ein paar Meter weiter saß ein junger Mann am Ufer und kiffte. Der Duft seiner Zigarette lag in der Luft. Sein Fahrrad hatte er am Wegesrand ins Gras gelegt. Er wirkte nachdenklich und bedrückt und starrte aufs Wasser. Offenbar hatte auch das Kiffen seine Stimmung nicht aufgehellt. Als ich später bei Peter im Garten saß, tauchte er auf und brachte ein Feuerzeug zurück, das Peter ihm geliehen hatte, um seinen Joint entzünden zu können. In Kurzform erzählte er uns seine Geschichte, die die Geschichte von einem ist, dem es nicht gelungen ist, in der bürgerlichen Gesellschaft Fuß zu fassen. Er befinde sich im freien Fall und habe keine Ahnung, wie es weitergehen könne. Nur so wie bisher könne es auf keinen Fall weitergehen. Er wolle eigentlich ein ganz normales Leben führen, wisse aber nicht, wie das geht. Niemand habe ihm das beigebracht und so irre er ziellos umher. Er wissen oder ahne, dass er sich an einem Punkt in seinem Lebenslauf befinde, an dem sich entscheide, ob er die Kurve kriege oder es weiter bergab gehe mit ihm. Aber wohin geht es, wenn es ständig nur bergab geht und keine Netze existieren, die den Sturz bremsen und auffangen? Wir wünschten ihm viel Glück und er bestieg sein Rad und fuhr davon. Kaum hatten wir mal durchgeatmet und ein Stück von Bryan Ferry gehört, tauchte eine junge Frau vom Nachbargrundstück auf, die offensichtlich auch auf der Suche nach irgendetwas war. Peter stellt auch für sie eine freundliche Vaterfigur dar. Ihren eigenen Vater kennt sie kaum. Er habe dieser Tage mal angerufen und gefragt, wie alt sie eigentlich sei. Sie habe ihn zu ihrem Geburtstag eingeladen, den sie diesen Freitag feiern wolle. Ob er komme, wisse er noch nicht. Sie lege aber auch keinen gesteigerten Wert auf seine Gegenwart. Vermutlich sei er ein Arschloch. Sie kommt einfach und setzt sich zu Peter in den Garten. Gestern begann sie, sich dem Kreuzworträtsel aus dem Gießener Anzeiger zu widmen, der noch ungelesen auf dem Tisch lag. „Wenn ich schon mal zwei weise alte Männer um mich habe“, sagte sie ein wenig spöttisch und begann, uns dies und das zu fragen. Erfrischung mit drei Buchstaben, wollte sie zum Beispiel wissen. Ich hatte das Gefühl, dass sie mit Peter etwas besprechen wollte und trollte mich. Nicht ohne auf dem Weg zu den Himbeeren am Zaun über eine Liege zu stolpern und hinzufallen. Das weiche Gras federte meinen Sturz ab und außer einem leicht schmerzenden Handgelenk trug ich keine Folgen davon. Zu Hause bereitete ich mir aus frischen Tomaten und Basilikum eine leckere Tomatensoße zu, die ich mit Penne und geriebenem Käse verspeiste.
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„Alles, was der Kindheit und Jugend fehlte. Alles Fehlende zusammengenommen. Früh, durchdringend und unbegreiflich bildete sich die Erfahrung eines ungeheuren Mangels. Es fehlte in allen Verhältnissen an Raum. Es fehlte an Wohnraum, an Zimmern und offenen Passagen. Es fehlten Schlupf und Winkel und eigenes Versteck. Es fehlten Tisch, Stühle, Spielzeuge, Radios und Kommoden, es fehlten die zwecklosen, schönen und üppigen Sachen.“
(Christoph Meckel: Suchbild)
Bei der Lektüre von Natalia Ginzburg fiel mir auf, wie unterschiedlich unsere Elternhäuser waren. Bei uns wurde nie herumgebrüllt, wurden keine Türen geknallt, keine Gläser an die Wand geschleudert, ja nicht einmal Wein getrunken. Bei uns wurde stumm gehasst und verachtet. Wir Kinder durften bei Tisch nicht drauflosplappern und herumblödeln. Wir hatten stumm und vor allem gerade am Tisch zu sitzen und durften nur reden, wenn wir gefragt wurden. Es gab keine Freude und kein gemeinsames Lachen, man saß mit versteinertem Gesicht am Tisch und hoffte, dass es bald vorüberging. Die Teller mussten abgegessen werden. Manchmal fragte der Vater nach schulischen Leistungen. Das entsprang aber keiner Anteilnahme und wirklichem Interesse, sondern war ein Verhör. Es war immer kalt bei uns, aber es fehlte dennoch an frischer Luft im Familiengefängnis.
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Die Kinder werden von ihren Müttern mit dem Lastenrad in die Kita gefahren – wie in einer Sänfte.
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Die schwarz-rote Regierung ist jetzt genau 100 Tage im Amt. Mir fällt dazu nur ein: Der Lack ist ab, die Umfragewerte sind schlecht, es tut sich nichts, die Wirtschaft stagniert weiterhin, der versprochene Ruck ist ausgeblieben. Also ist genau das eingetreten, was zu erwarten war. Schlimm nur, dass wir wissen, wer vom Abwärtstrend profitieren wird. Da wir es ja nicht mehr wagen, die gegenwärtige Gesellschaft als eine kapitalistische zu bezeichnen, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, die die jeweiligen Regierungen in die Ohnmacht einer Instanz versetzen, „die über das Wetter herrscht“, wie Oskar Negt es einmal ausgedrückt hat, erleben wir, dass zynische Konzernherren alle Mängel des Systems der jeweiligen Regierung anlasten. Was in unserem gegenwärtigen Fall etwas schwerer fällt, weil ja mit Merz einer der Ihren den Kurs der Regierung maßgeblich bestimmt oder zu bestimmen glaubt. Wenn es auch ihm nicht gelingt, die wirtschaftliche Lage spürbar zu verbessern, kommt man am Ende an der Erkenntnis nicht vorbei, dass es doch sytemische Gründe sind, die für die Misere verantwortlich sind. Es wäre nicht das erste Mal, dass die aus einer derartigen Lage entspringenden antikapitalistischen Affekte von rechts angeeignet und ausgeschlachtet werden.
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Gegenüber der ehemaligen Commerzbank hat die Stadt am Rande des Johannesparks einen blechernen Taubenschlag aufstellen lassen, den die Tauben ignorieren. Das kann ich gut verstehen, da sie einen Park und eine Fußgängerzone zur Verfügung haben, in denen sie alles, was ein Taubenherz begehrt, in Hülle und Fülle vorfinden. Der unwirtliche Blechkasten soll rund 20000 (in Worten: zwanzigtausend!) Euro gekostet haben. Peter meint, bei Obi bekäme man so ein Ding für 190 Euro. Man müsste nur noch zwei Löcher zum Rein- und Rausfliegen reinsägen und regelmäßig für Futter sorgen. Zu den zwanzigtausend Euro müsse man ja noch die fehlenden Einnahmen von zwei kostenpflichtigen Parkplätzen hinzurechnen, die jetzt der Blechkasten einnehme. Die Stadt feiert den Taubenschlag als großen Erfolg, weil er die Tauben von der Innenstadt fernhielte, was ganz offensichtlich nicht stimmt. Es ist einfach ein Flop.
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„In seiner Familie ist Herr Fuchs der einzige, der seine Schuhe noch zu einem richtigen Schuster brachte, zu Herrn Schober in der Petterweilstraße. Ruth und Anna ließen ihre Schuhe schon lange in einer Schnellwerkstätte in einem Kaufhaus in der Stadt reparieren. Wenn sie ihre Schuhe abgegeben hatten, gingen sie einen Stock höher in die Cafeteria des Kaufhauses; dort trank Ruth ein Kännchen Kaffee und Anna schleckte ein Eis, und wenn sie sich am Ende den Mund abwischten, hatten ihre Schuhe neue Sohlen und Absätze. Herr Schober in der Petterweilstraße brauchte dazu in der Regel eine Woche. Aber es eilte ja nicht! Besonders Anna fand es toll, dass ihre Schuhe repariert wurden, während sie ein Eis aufleckte. Schon jetzt war das Kind in die Schnelligkeit verliebt.“
(Wilhelm Genazino: Die Ausschweifung)
Eine Weile gehörte es zu meinen familiären Pflichten, die Schuhe aller Familienmitglieder zu putzen. Das Schuhputzzeug wurde in einer hölzernen Kiste aufbewahrt, die im Flur in einem Regal stand und die mein Vater eigens zu diesem Zweck angefertigt hatte. Sie hatte an der Stirnseite zwei Löcher, in die man mit Daumen und Zeigefinger greifen und sie herausziehen konnte. In dieser Kiste befanden sich alle zum Schuheputzen nötigen Utensilien: Schuhcreme in allen möglichen Farben und Formen, Dosen und Tuben, Bürsten zum reinigen der Schuhe und kleinere zum Aufbringen der Creme und weiche Bürsten zum Polieren am Schluss der Prozedur. Manchmal wurden zum Eincremen ausgediente Zahnbürsten verwendet. Die Pflege von Wildlederschuhen verlangte ein anderes Vorgehen als die von derben Wander- oder Straßenschuhen. Es war eine Wissenschaft für sich, und alle Regeln mussten strengstens beachtet werden. Am unangenehmsten fand ich die Pflege von Sandalen mit ihren schmalen Riemchen und Schnallen. Ich hockte allabendlich auf der Treppe, die nach oben führte, und widmete mich widerwillig dem Schuhwerk der Familie, die mir fremd war und der ich eigentlich gar nicht angehörte. Im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem der Geruch der Schuhe, der je nach Träger oder Trägerin unterschiedlich ausfiel. Manchmal gab es Reklamationen wegen einer schlampig durchgeführten Reinigung, und ich musste mich den jeweiligen Schuhen noch einmal und mit größerer Sorgfalt widmen. Was mir von dieser Pflicht geblieben ist, ist eine lebenslang wirksame Bereitschaft zum schonenden Umgang mit Dingen, die mir etwas bedeuten und an denen ich hänge, eine Haltung, die einen gegen die aufdringlichen Imperative des Konsumismus immunisiert. Mit sorgfältigen Verbrauchern kann man keine Konsumgüterindustrie auf heutigem Niveau betreiben. Zu meinen Pflichten gehörte es auch, kaputte Schuhe zur Reparatur zu bringen. Der Schuster hatte seine Werkstatt und seinen Laden im Kasseler Vorort Kirchditmold. Wenn man die Tür öffnete, wurde eine Glocke in Gang gesetzt, die dazu führte, dass man aus dem durch einen schweren grünen Vorhang abgetrennten Teil des Laden eine Männerstimme hörte, die rief: „Bin gleich da.“ Das konnte allerdings eine Weile dauern. Es musste erst etwas Begonnenes zu Ende gebracht werden. Es gab Vorgänge, die duldeten keine längere Unterbrechung. Auch solche Dinge lernte man bei einem Besuch des Schusters: Alles braucht seine Zeit. Ich genoss derweil den speziellen Geruch der Schusterei: Eine Mischung von Ausdünstungen getragener alter Schuhe und Leim. Ein Paradies für Schnüffler, die es damals noch gar nicht gab. Dann erschien der Meister, wischte sich die Hände an der Schürze ab und fragte jedes Mal: „Nun, wo drückt der Schuh?“ Er nahm die mitgebrachten Patienten in die Hand, besah sich den Schaden und brummte dann: „Nächste Woche Freitag kannst du sie abholen.“ Die reparierten Schuhe standen paarweise in einem Regal hinter dem Tresen. Da auf seine Terminangaben war unbedingter Verlass, und wenn man zum Abholen erschien, wusste er sofort, welche Schuhe man abholen wollte. Da brauchte er keine Zettel mit Nummern drauf. „Machs gut, Junge“, sagte er zum Abschied und verschwand wieder hinter dem Vorhang. Für uns Heutige, die in die Schnelligkeit verliebt sind, wäre so ein Geschäftsgebaren unerträglich. Nicht umsonst gibt es keine Schusterwerkstätten mehr, sondern allenfalls Schnellschuster, die meist in Kaufhäusern untergebracht sind. Wofür ein richtiger Schuster eine Woche brauchte, das wird hier in einer halben Stunde erledigt. Man trinkt in der Kaufhaus-Cafeteria einen Kaffee und kann danach die Schuhe wieder abholen. Inzwischen gibt es selbst solche Kaufhäuser nur noch selten. Die meisten sogenannten Schuhe werden nach einer Weile in den Müll gegeben, wo sie eigentlich von Anfang an hingehören. Dafür haben wir heute „Makerspaces“. Heutige Städte bestehen aus lauter Goldgräberstätten, wo kurz mal gegraben und geschürft wird und die dann aufgegeben und verlassen werden. Gestern ein Bubble-Tea-Laden, heute ein Makerspace, morgen ein Donuts-Shop. Alles ist hochfluid, flexibel und volatil. Aber, gab Adorno schon vor weit über einem halben Jahrhundert zu bedenken, „ohne Fixierung der Libido an Dinge wäre Tradition, ja Humanität selber kaum möglich“. Eine Gesellschaft, die alle Dinge wie Konservenbüchsen wegwerfe, springe am Ende auch mit den Menschen nicht anders um. So ist es ja auch gekommen. Der Siegeszug der Wegwerfmentalität hat nicht nur die Müllberge ins Unermessliche wachsen lassen, sondern auch zum Schwund der Menschlichkeit beigetragen. Gestern ist die UN-Konferenz zur Reduktion des Plastikmülls am Widerstand der Öl produzierenden Länder gescheitert.
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Unten vor der Tür stand mit laufendem Motor ein schwarzer SUV. Auf dem Beifahrersitz saß ein älterer Mann, das Fenster war einen Spalt breit geöffnet. Der Motor lief und lief, ohne Sinn und Verstand. Ich ging näher ran, klopfte an die Scheibe und fragte den alten Mann, warum der Motor liefe. Sein Sohn sei da drüben in der Anwaltskanzlei, sagte er in radebrechendem Deutsch und deutete auf ein Haus gegenüber, als sei das eine Erklärung für den laufen Motor. Ich merkte, dass er den Sinn meiner Frage nicht verstand und wandte mich resigniert ab. Als ich zehn Minuten später vom Balkon hinuntersah, hörte ich den Motor noch immer brummen. Es ist alles sinnlos und vergeblich. Vorher hatte ich kurz auf einer Bank vorn im Park gesessen, auf der der kroatische Bauarbeiter häufig sitzt und die er einigermaßen sauber hält. Gestern fiel mir auf, wie viele Kippen um die Bank herum am Boden liegen. Einen Meter weiter stand ein halb voller Eisbecher am Boden, der Fliegen und Wespen anzog. Wahrscheinlich hatte ihn jemand dort abgestellt, als er keine Lust mehr auf Eis hatte. Rechts der Bank steht ein Abfallbehälter aus Eisenblech. Jemand hatte gedacht, er könnte hineinkotzen und erst dann festgestellt, dass er oben eine Abdeckung aufweist. Also landete die Kotze auf dem Boden neben dem Behälter. Auch sie war ein begehrter Landeplatz für Fliegen und Wespen. Kronkorken rahmten die Kotze ein. Plötzlich erschien mir das alles als ein Symbol für den Zustand der Stadt und des Ganzen. Eines nicht mehr fernen Tages kommt, wie mein Freund Burkhard zu sagen pflegte, „der große Arsch und scheißt alles zu“. Ich hielt es an diesem Ort nicht länger aus und verließ fluchtartig den sogenannten Park. Er ist kein Ort, der zum Verweilen einlädt.
Anderntags brach ich zeitig zur Lahn auf. Ich durchquerte den Park und staunte: Die meisten Kippen und Kronkorken waren aufgekehrt, die Mülleimer geleert, sogar die Kotze entfernt. Es gibt also doch noch etwas, das funktioniert. Der Stadtreinigung sei Dank. Auf dem Uferweg sah ich einen älteren Mann, der mich, wann immer ich ihm begegne, an Herbert Marcuse erinnert. Nicht nur Michel Houllebecq begegnet mir gelegentlich im Rollstuhl sitzend, sondern auch Herbert Marcuse. Und das alles in Gießen und manchmal an ein und demselben Tag. Es ging ein kräftiger Wind, der in den Bäumen rauschte und Blätter von den Ästen riss. Sie trieben auf dem Wasser des Flusses langsam dahin. Ein Eisvogel pfiff, ich bekam ihn aber nicht zu Gesicht. Auf dem Rücken liegend schwamm ich eine kleine Runde. Dann trocknete ich mich ab und fuhr gemächlich in die Stadt zurück. Bei den Bootshäusern bereiteten sich die Besatzungen der Drachenboote auf ihr Rennen vor, das im Laufe des Tages stattfinden soll. Da wird der Fluss von den Kommandos und Trommelschlägen, die den Takt vorgeben, widerhallen.
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Zwei Racketeers, also Gangsterbosse, trafen sich in Alaska, verstanden sich offenkundig prächtig und planten große geschäftliche Unternehmungen. Die Europäer standen am Rand und klatschten höflich Beifall. Es ist eine Schande zu sehen, in welchen Händen das Schicksal der Welt liegt und wie wir alle bei den „Deals“ der Obergangster über den Tisch gezogen werden. (Zum Begriff „Racket“ vgl. DHP 115 Schwarze Pädagogik im Weißen Haus)
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