„In diesem entscheidenden Augenblick wird im Kind gleichzeitig sein Bewusstsein des Anderen (derjenige, der ihn anschauen soll) und sein Bewusstsein seiner selbst (derjenige, den der Andere anschaut) geboren – und damit das Bewusstsein selbst. Das kann es zwar natürlich sich nicht sagen, aber von diesem Augenblick an weiß das Kind: man schaut mich an, also existiere ich; der Blick der Eltern hat das Kind in das Dasein eingeführt. Als ob sie im die Bedeutung dieses Augenblicks wüssten (was keineswegs der Fall ist), schauen sich Eltern und Kind nun lange gegenseitig in die Augen. Im Erwachsenenalter ist dies ganz und gar ungewöhnlich: ein gegenseitiger Blick, der länger als zehn Sekunden dauert, kann dann nur zweierlei bedeuten: die beiden werden sich schlagen oder lieben.“
(Tzvetan Todorov: Abenteuer des Zusammenlebens)
Das, was wir in der Liebe suchen, ist eine bestimmte Art angeblickt zu werden. Es geht letztlich um den „Glanz im Auge der Mutter“, von dem bei Heinz Kohut die Rede ist. Es ist der Blick der liebenden Mutter, der uns – zumindest in unseren Breiten und für gewöhnlich – in die Welt lockt und uns den Weg in die Gesellschaft bahnt. Am Anfang, sagt Alexander Kluge, tut die Welt so, als würde sie es gut mit uns meinen. Die Mütter sind die Komplizinnen bei diesem Betrugsmanöver. Die mütterliche Liebe weckt in uns falsche Vorstellungen. Liebe ist die Wiederaufwärmung jenes Blicks, aus dem wir einst unser Urvertrauen gewonnen haben, dass die Dinge kommen können und wir sie meistern werden. Oder auch nicht, wenn wir diesen Blick entbehren mussten. Dann bildet sich in uns eine leere Stelle, ein Vakuum. Da, wo unter günstigen Bedingungen ein Urvertrauen entstanden wäre, bildet sich ein Urmisstrauen, das auf alles abstrahlt. Die Suche nach dem ursprünglichen Blick treibt uns an und um – ein Leben lang. Die Sehnsucht, die das frühe Glücksversprechen geweckt hat, kann zum Motor von politischen Suchbewegungen und zum Ferment von politischen Utopien werden.
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Meine Hirnantilope springt zum U-Bahn-Fall Goetz, der sich im Dezember 1984 in New York ereignete. Denken wir an die dortige Schilderung der „Mugging-Szene“. Ein Rassist trifft in der U-Bahn auf vier farbige Jugendliche, die nach Selbstbehauptung dürsten und ihn mit der Frage anmachen: „Na, wie geht‘s, Alter?“ Blicke gehen hin und her, ein Mechanismus wechselseitiger projektiver Identifizierungen und Attribuierungen rastet ein. Goetz deponiert seine eigene Aggression gegen solche Kids in den Jugendlichen, die ihrerseits auf der Suche nach einem Scharmützel sind. Das Ganze folgt einer nirgends kodifizierten, aber dennoch festgelegten Choreographie. Jonathan Lethem nennt denn auch den Ablauf des „Mugging“ einen „Tanz“. In der New Yorker U-Bahn zieht Goetz schließlich seine Waffe und feuert auf die Jugendlichen. Er verletzt die vier Jugendlichen schwer. In der amerikanischen Öffentlichkeit wird er zum „U-Bahn-Rächer“ stilisiert und zum Symbol für „Law and Order“. Charles Bronson und Clint Eastwood haben in ihren Filmen solche Figuren verkörpert. Bernhard Goetz wird 1987 vom Vorwurf des Mordes freigesprochen und lediglich wegen unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt. Ich habe in meinem vor gut 25 Jahren im Rowohlt-Verlag erschienenen Buch „Amok – Kinder der Kälte“ die Dynamik der eskalierenden Gewalt und die Rolle der menschlichen Blicke bei dieser Eskalation zu beschreiben versucht. Ausgangspunkt waren Erfahrungen, die ich im Gefängnis in Gesprächen mit Gewalttätern gemacht hatte, die behaupteten, am Anfang der Spirale habe ein bestimmter Blick gestanden: „Der hat mich so komisch angeschaut“. Oder gar über mich gelacht. Georg P. Fletcher hat den „U-Bahn-Fall Goetz“ in dem Band „Notwehr als Verbrechen“ dokumentiert, der in deutscher Übersetzung 1993 in der Edition Suhrkamp erschienen ist.
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„Personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen.“
(Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung)
Gestern konnten wir mitverfolgen, dass Jürgen Klopp doch nicht der herbeigesehnte Messias ist. Auch er kann nur mit Wasser kochen und muss damit leben, dass Deutschland über keine herausragenden Fußballer verfügt. Die deutsche Mannschaft verlor knapp, aber verdient gegen Griechenland, das ja nicht zu den Fußball-Großmächten gehört. Es geht Klopp wie Friedrich Merz, der ebenfalls die in ihn gesetzten Erwartungen schnell enttäuschte. Zugeschriebenes oder auch tatsächliches „Charisma“ kann helfen, seine Arbeit gut zu verrichten, aber keine Berge versetzen. Dass die Euphorie im Fall Klopp so rasch verflogen ist, ist überraschend. Ich habe damit gerechnet, dass sie ein paar Monate anhält und erst dann von den „Mühen der Ebenen“ eingeholt wird. „Charisma“ ist am Ende eben doch mehr, als blendend weiße Zähne und implantierte Haare. „Charisma“ bezeichnete bei den alten Griechen ein Geschenk der Götter, eine Gnadengabe, die manchen Menschen zuteil wird, unabhängig von erbrachten Leistungen und niemandem zu Diensten.
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Während U gestern an einem Yoga-Kurs teilnahm, fuhr ich mal wieder nach Hohensolms. Es war ein warmer, spätsommerlicher Tag, und ich hatte Lust auf eine kleine Wanderung. Ich drehte die Runde unterhalb der Burg diesmal im Uhrzeigersinn. Im Gefängnis drehen die Häftlinge ihre Runden auf dem Hof immer gegen den Uhrzeigersinn, und ich habe das im Laufe der Jahre übernommen. Gestern machte ich also eine Ausnahme. Unten im Tal standen Kühe auf einer Weide und sahen zu mir herüber. Sie schienen sich über die kleine Abwechslung zu freuen. Der Duft von frischgemähtem Gras lag in der Luft. Das Rauschen der Windräder drang vom Hügelkamm ins Tal hinunter. Beim Fischteich setzte ich mich auf eine Bank. Eine halbe Stunden saß ich auf dieser Bank und sinnloste vor mich hin. Ein Bussard kreist über dem Wasser und stieß seine markanten Pfiffe aus. Unter der alten Eiche, die vor der Fischerhütte steht, hielten Fahrradfahrer, um über ihre weitere Fahrtroute zu beraten. Die Großeltern versuchten ihren Enkel zu überreden, sie noch ein Stück zu begleiten. Das Kind drängte zurück zu seiner Spielkonsole oder irgendeinem anderen technischen Gerät. Ich schlug den Feldweg Richtung Großaltenstädten ein. Auf den Fischteichen links vom Weg schaukelten Kähne. Es saß aber niemand darin, die Ruder waren eingezogen. Eisvögel jagten in Ufernähe. Das Wasser war mit Algen bedeckt. Da, wo der Weg nach oben abzweigt, stand ein Parasol-Pilz. Da es aber nur der eine war und man mit einem einzigen Pilz nichts anfangen kann, ließ ich ihn stehen. Rot leuchteten die Hagebutten. Ich zuzele sie gern aus, aber sie waren noch knochenhart und ließen sich noch nicht zuzeln. Am Wegrand wuchs wilder Thymian, von dem ich ein paar Zweige in die Hosentasche steckte. Ich aß ein paar Schlehen, die ganz gut schmeckten, obwohl sie noch keinen Frost abbekommen hatten und noch eine Menge Gerbstoffe absonderten. Oben angekommen, setzte ich mich am Ortsrand auf eine Bank, die freundliche Menschen dort aufgestellt und mit einer Einladung zum Niedersetzen versehen haben. Von hier aus hatte man einen weiten Blick in die hügelige mittelhessische Landschaft. Der kräftige Wind wirbelte Staub von den ausgetrockneten Feldern auf und trieb ihn vor sich her. Hier und da waren Verwirbelungen zu sehen, die der Volksmund „Staubteufel“ nennt. Ich aß einen Apfel, den ich in einer Wiese gefunden hatte. Er war saftig und schmeckte köstlich. Im Gehäuse steckte ein Wurm. Meine Wanderung hatte mich froh gestimmt. Es war bis dahin ein wundervoller Tag gewesen. Ich ging dann zum Auto zurück und fuhr nach Hause.
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„Friede, das ist nur Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung.“
(Bertolt Brecht)
Als ich gestern Nachmittag von der Lahn zurückfuhr, fiel mir auf, dass der „Robert Walser-Busch“ nicht mehr da war, von dem in der DHP in den letzten Wochen verschiedentlich die Rede war. Irgendein städtischer Arbeiter hat nun doch einem unabweisbaren Drang nachgegeben und den Busch „plattgemacht“. Warum? Walser hätte gesagt: Weil er ihm als vereinzelter auffiel. Und weil Ordnung herrschen muss. Wo kein Sinn ist, muss wenigstens Ordnung sein! Wo kämen wir hin, wenn jeder Busch wachsen könnte, wo und wie er möchte? Das dürfen wir Menschen ja auch nicht. Sind wir nicht alle radikal Beschnittene und Gestutzte? Und wem bei Zeiten die Flügel gestutzt wurden, der kann keinen freien Flügelschlag dulden. Da meldet sich ein „Juckreiz der unterdrückten Gefühle“, von dem bereits Nietzsche wusste.
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Der Umgang mit den Berliner Linken und besonders ihrer Vorsitzenden Eralp ist bigott und empörend. Parteien, die Leute wie Andreas Scheuer, Philipp Amthor oder Jens Spahn in ihren Reihen dulden, sollten still sein und vor ihrer eigenen Tür kehren. Man ruft „Haltet den Dieb!“, und lässt die wahren Diebe entkommen. Die wahren Diebe betreiben ihre Geschäfte seit Jahrzehnten und sind sehr gewieft. Erinnert sei bloß an die Spendenaffäre des Helmut Kohl und die angeblich „jüdischen Vermächtnisse“ der hessischen CDU.
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Es ist immer traurig und schmerzhaft, von der Lahn und damit vom Sommer Abschied zu nehmen. Irgendwann ist es der letzte Tag dort gewesen. Manchmal kommt dann unerwartet noch ein Nachschlag. Als wir gestern Nachmittag von der Lahn nach Hause fuhren, taten wir das in dem Bewusstsein: Das war‘s für dieses Jahr! Symbolisch kam ich auf dem Steg ins Straucheln und schlug mir mein Knie an. Es war zum Abschluss dennoch noch einmal ein wundervoller Tag gewesen, an dem wir mehrmals im Wasser waren.
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Die leicht melancholische Stimmung, in die mich der Abschied von der Lahn versetzt hat, ließ meine Hirnantilope zu Rilkes berühmten Herbstgedicht springen. Hier ist es:
Rainer Maria Rilke: Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
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„Die Idylle ist der Tumormarker des Verdrängten.“
(Thomas Hettche: Totenberg)
U und ich haben in den letzten Wochen Astrid Lindgrens Buch „Die Kinder aus Bullerbü“ gelesen. Wir haben es uns kapitelweise vorgelesen und hatten viel Freude daran. Das Buch versetzte uns in eine Kinderwelt, die partiell und in Ausläufern auch noch unsere war. Eine Welt ohne Fernsehen und soziale Medien, ohne Handys und Telephon, in der Mädchen Hickelhäuschen und Seilspringen spielten und Jungs Hütten im Wald bauten. Eine Welt, in der die Lehrerin noch mit „Fräulein Lundgren“ angesprochen und mit Respekt behandelt, von vielen Kindern sogar geliebt wurde. Die Enkel besuchten täglich ihren beinahe blinden Großvater, der in einem Schaukelstuhl saß, und lasen ihm aus der Zeitung vor. Lindgren lässt die siebenjährige Lisa von dieser Welt ohne falsche Sentimentalität erzählen und macht keine Ideologie daraus. Sie erzählt von der Welt ihrer Kindheit, davon, wie es in dem fiktiven Ort Bullerbü zuging, das ist alles.
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Im Hinterhof singt ein Rotkehlchen, dass es nur so seine Bewandtnis hat. Seit Tagen freue ich mich, wenn ich schon im Aufwachen seinen Gesang höre, der so vielfältig und lebendig ist. Wie schön, dass das Rotkehlchen seinen Gesang nicht mit der Brautwerbung verknüpft und mit dem Singen nicht aufhört, wenn es seine generativen Pflichten erledigt hat. Es singt unermüdlich weiter und verschönt mir und allen, die noch hören können, manchen ansonsten tristen Herbst- und Wintertag.
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Morgen entfliehen wir dem städtischen Lärm und ziehen uns für eine Weile in die Stille des nordhessischen Kellerwaldes zurück. Tage ohne Brüller, jaulende Martinshörner und nächtliche Klingelattacken. Unser Bullerbü, wenn man so will. Ob ich meinen Laptop mitnehme, entscheide ich immer im letzten Moment. Ansonsten werde ich Eindrücke und Erlebnisse in einer Kladde festhalten. Ich freue mich, Günter wiederzusehen, den Mann meiner vor drei Jahren gestorbenen Cousine Teia. Er geht jeden Nachmittag eine kleine Runde mit Jakob, dem Esel, der ungefähr in seinem Alter ist. Auf seinem Balkon hängt ein Vogelhaus, in dem es von Vögeln nur so wimmelt. Wir beobachten sie gern.
Heute war ich doch noch einmal an der Badestelle an der Lahn. Ich saß am Steg auf der Treppe und schaute auf den träge dahin fließenden Fluss. Auf der Wasseroberfläche hatte sich ein Mosaik aus Blättern gebildet, Blättern in allen möglichen Farben und Formen. Die Farbpalette reichte von einem knalligen Rot bis zu diversen Gelb- und Brauntönen. Das Mosaik schaukelte auf dem Wasser und veränderte ständig seine Form. Der Fluss besitzt in verschiedenen Zonen eine jeweils andere Fließgeschwindigkeit. In Ufernähe ist sie sehr niedrig, zur Mitte hin wird sie höher. So wurden ständig neue Blätter herangetrieben und veränderten das Mosaik. Das in einem steten Wandel begriffene Fluss-Mosaik faszinierte mich und fesselte meine Aufmerksamkeit eine ganze Weile. So merkte ich erst spät, dass es ungewöhnlich viele Eisvögel zu sehen gab, die am gegenüberliegenden Ufer hin und her flatterten. Hinter mir hörte ich plötzlich ein lautes Hecheln oder Röcheln. Als ich mich umdrehte, erblickte ich einen riesigen, gefährlich anmutenden schwarzen Hund und seinen nicht minder gefährlich anmutenden Herrn. Dieser war über und über tätowiert und trug die Haare im Nacken zu einem Zopf geflochten. Er balancierte auf einer Handfläche eine kleine Figur. So weit ich es erkennen konnte, war es ein Mann mit Hut, der an einen Schornsteinfeger erinnerte. In der anderen Hand hielt er sein Handy. Sein Bestreben war, die Figur auf der Handfläche vor dem Hintergrund der Flusslandschaft zu filmen. Der Balanceakt nahm seine Aufmerksamkeit ziemlich in Anspruch, während der Hund machen konnte, was er wollte. Ein paar Mal näherte er sich mir und ich befürchtete, dass er mich in den Fluss stoßen könnte. Im letzten Moment rief sein Besitzer ihn dann doch zu sich und redete beschwichtigend auf ihn ein. Irgendwann waren die Filmaufnahmen beendet und Herr und Hund trollten sich. Der Mann wünschte mir noch einen schönen Tag. Ich stieg dann in den Fluss und schwamm ein paar Züge. Die Sprossen der Leiter waren glitschig. Auf einer rutschte ich ab und stieß mir mein Schienbein an. Das schmerzte und begann zu bluten. Da ich seit der Entdeckung der Thrombose in meinem Bein einen Blutverdünner einnehmen muss, bluten selbst kleine Verletzung relativ heftig. Irgendwann hörte die Blutung auf und ich bestieg das Rad, um in die Stadt zurückzukehren.
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„Das eine Land stank in jedem Winkel nach schlecht verbrennender Braunkohle, es war wie ein großes faules Ei, das andere hatte den synthetischen Geruch von zwanghaft in rauen Mengen verbrauchten Reinigungs- und Spülmitteln. Kein Zweifel, es gab genug zu putzen und zu parfümieren. Doch dürfte es nicht leichter gewesen sein, dem selbstzerstörerischen Sterilisationszwang in dem einen Land zu entgehen, als in dem anderen zwei aufeinanderfolgende Disktaturen gesunden Verstandes zu überleben.“
(Péter Nádas: Freiheitsübungen und andere kleine Prosa)
Gestern kehrten wir aus dem Kellerwald nach Hause zurück. Zu Beginn unserer Zeit dort war es noch sommerlich warm, dann begann es kühler zu werden und zu regnen. Dennoch waren wir jeden Tag draußen und sind zumindest eine kleine Runde gelaufen. Am Dorfrand ist ein Gewächshaus entstanden, vor dem ein Tisch aufgebaut ist, auf dem angeboten wird, was im Inneren wächst: Tomaten, Gurken, Rote Beete, Salat, Paprika und anderes mehr. Auf dem Rückweg von unseren Spaziergängen haben wir uns dort für den jeweils nächsten Tag mit frischem Gemüse und vor allem Salat eingedeckt. Man bedient sich selbst aus bereitgestellten und mit Tüchern abgedeckten Kisten, auf einer aufgestellten Waage wiegt man, was man entnommen hat, eine Preisliste teilt den Kunden mit, was sie zu zahlen haben. Hier auf dem Land kann man sich darauf verlassen, dass dieses Modell funktioniert, in der Stadt ginge das wohl nicht. Hier haben sich die verinnerlichten Selbstzwänge weitgehend aufgelöst und müssen durch externe Kontrollmechanismen ersetzt werden. In puncto Erosion der Moral unterscheiden sich Stadt und Land gravierend. Dazu kommt das „Dorfauge“, dem kaum etwas entgeht. Jeder und jede kennt jeden und jede. Die Spielräume für „abweichendes Verhalten“ sind extrem begrenzt. Auf dem Heimweg kamen wir an der kleinen Dorfkirche vorbei, in der allerdings nur noch alle sechs bis acht Wochen ein Gottesdienst stattfindet. Im Ort leben überwiegend alte Menschen, die oft einsam sind und des Trostes bedürfen. Die Kirche ignoriert diese menschlichen Bedürfnisse und spart. „Filialen“ werden zusammengelegt, ein Pfarrer oder eine Pfarrerin ist jeweils für mehrere Dörfer zuständig. Bis vor einigen Jahren war der Mann meiner Cousine der zuständige Pfarrer und hat den Ort zuverlässig betreut und regelmäßig Gottesdienste abgehalten. Viele Dorfbewohner sind seit seinem Abschied aus dem Amt und der Zusammenlegung von Pfarrgemeinden metaphysisch obdachlos und trauern den alten Zeiten nach. Sie hängen sehr am ehemaligen Pfarrer und sprechen voller Respekt und Anerkennung von ihm. Wenn ich ihm das bei unseren gelegentlichen Begegnungen erzähle, reagiert er verlegen und nimmt seine überlasteten Nachfolger in Schutz.
Einer unserer Spaziergänge führte uns ins Tal hinunter, dahin, wo sich über weite Strecken des Jahres der See ausbreitet. Der hat sich dieses Jahr extrem früh zurückgezogen, und der gesamte Seegrund war mit violett blühendem Blumen bedeckt, die zu dieser fortgeschrittenen Jahreszeit leider bereits verblüht und eingetrocknet waren. Wir setzten uns auf der alten Aseler Brücke, die irgendwann aus den Fluten auftaucht, in die Sonne und beobachteten die Leute, die in Scharen zum sogenannten „Edersee-Atlantis“ pilgern, Fotos schießen und Videos drehen. Zwei Mitarbeiter eines nahegelegenen „Gnadenhofs“ führten an Leinen einen Esel und ein Pony spazieren. Sie wurden permanent fotografiert. Mir erschienen Pony und Esel wie allegorische Darstellungen unseres allgemeinen Zustands: Werden wir nicht alle am Nasenring irgendwo hingezogen und vorgeführt?
Überall waren der Waldsaum und die Ränder der Wiesen und Wege von Wildschweinen aufgerissen. Überall sind die Spuren ihrer Existenz sichtbar, zu sehen bekommt man sie fast nie.
Irgendwann heulte sogar hier ein Martinshorn. Eine ältere Dorfbewohnerin hatte einen Herzinfarkt erlitten und wurde ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht. Das ist so selten, dass ich es erwähnenswert finde.

An einem der sonnigen Tage unternahmen wir unseren obligatorischen Ausflug nach Bad Wildungen. In der Stadtkirche setzten wir uns auf eine Bank und betrachteten den lesenden und eine Brille tragenden Apostel, der es uns angetan hat. Er ist auf einem Teil des hölzernen Flügelaltars zu sehen, den Konrad von Soest 1403 gestaltet hat. U hat ihn für mich fotografiert, wie auch das Relief, das den Tod darstellt, der einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen in den knochigen Händen hält, die er auf seine Opfer abschießt. Ich werde in nicht allzu fernen Zukunft von einem dieser Pfeile getroffen werden.

Wir besuchten wie immer die örtliche Buchhandlung, die bei einem unserer ersten Besuche sogar Bücher von mir vorrätig hatten. Ich gab mich damals zu erkennen und der Buchhändler und ich unterhielten uns länger über Wilhelm Genazino, dem ich so viel verdanke und den auch er schätzte. Anschließend gingen wir in der Eisdiele ein Eis essen. Wir setzten uns draußen in die Sonne und beobachteten das Leben um uns herum. Patienten aus den nahegelegenen Kurkliniken schlenderten umher. Sie trugen Jogginghosen und stützten sich auf Rollatoren. Ein älterer Mann beging seinen Geburtstag in Bad Wildungen und machte sich mit einem albernen Kopfschmuck, der ihn als Geburtstagskind kenntlich machte, zum Affen. Auch er und seine Familie schleckten ein Eis. Am späten Nachmittag fuhren wir zurück in unser Dorf. Da unsere gewohnte Route gesperrt war, nahm U ihr Handy zu Hilfe und nutzte es als Navi. Es sprach mit einer an Judith Rakers erinnernden Stimme zu uns. Die Metzgerei, in der wir gewöhnlich „Weckewerk“ und „Ahle Woscht“ gekauft haben, hat aufgegeben und existiert nicht mehr. Das Weckewerk aus anderen Geschäften und Metzgereien schmeckt uns nicht, und so werden wir in Zukunft auf diese nordhessische Spezialität wohl verzichten müssen. Abends gab es unten bei der Pensionswirtin Dinkel-Pfannkuchen mit selbst hergestelltem Apfelkompott. Die Pfannkuchen kamen aus der Pfanne direkt auf den Teller und schmeckten köstlich. Draußen riss ein kräftiger Wind Blätter von den Bäumen und trieb sie vor sich her. Es war nach einer kurzen Rückkehr des Sommers plötzlich wieder Herbst geworden. Am nächsten Tag kam mir auf der Straße nach Vöhl ein entgegenkommendes Auto zu nahe und zerbatzte meinen Spiegel. Ich fuhr auf dem Rückweg in der Werkstatt von Jörg vorbei, den ich seit Jahren kenne und immer wieder mal wegen irgendwelcher Probleme aufgesucht habe. Meist konnte er mir helfen. So auch dieses Mal. In den unermesslichen Weiten seiner chaotischen Werkstatt fand er in irgendeinem Winkel einen alten und beschädigten Spiegel, den er mit Panzerband an den Resten der Halterung meines Spiegels befestigte. Behelfsmäßig wird das gehen, auf längere Sicht muss eine andere Lösung gefunden werden. Erst abends im Bett wurde mir bewusst, was bei der Karambolage sonst noch hätte passieren können. Länger fand ich keinen Schlaf.
Ach ja, gelesen habe ich am Edersee natürlich auch. Zunächst den neuen Roman von Ingo Schulze „Das Wasser im August“. Thomas wird eingeladen, auf dem Geburtstag seines ehemaligen Schulkameraden Manfred eine Lesung abzuhalten. Thomas ist gewissermaßen das Geburtstagsgeschenk, das Manfreds Frau für ihn gewählt hat. Er wählt für diese Lesung einen Text, der 46 Jahre zurückführt, als Thomas 16 Jahre alt ist und die ersten Schreib- und Liebesversuche unternimmt. Es kommt in dem Hotel in Mecklenburg zu unerwarteten Wiederbegegnungen und emotionalen Erschütterungen, die dazu führen, dass Thomas sich fragt, ob er sich noch trauen kann und ob das, woran er sich erinnert, tatsächlich sein Leben ist. Die Ungewissheiten und Zweifel, die ihn heimsuchen und von denen er geplagt wird, können aber auch daher rühren, „dass sich unsere Gegenwart auflöst“. Die Lesung führt weit zurück in die Welt der DDR, als alle noch jung sind und alles in der Schwebe ist. Der Roman spielt auf verschiedenen Zeitebenen und wechselt ständig zwischen ihnen, was die Lektüre nicht ganz einfach macht und manchmal ein wenig verwirrend ist. Dennoch hat mir die Lektüre des Romans Freude gemacht und etwas gegeben. Seit ich Ingo Schulzes Buch „33 Augenblicke des Glücks“ und vor allem seine Dresdner Rede aus dem Jahr 2012 kenne, die unter dem Titel „Unsere schönen neuen Kleider“ im Hanser-Verlag erschienen ist, schätze ich diesen Autor sehr, der aus seiner politischen Haltung nie einen Hehl gemacht hat. Er hat klar Position bezogen gegen die Merkelsche Idee einer „marktkonformen Demokratie“ und ist streitbar dafür eingetreten, dass wir unser Gemeinwesen vor der Ausplünderung durch private Profitinteressen schützen müssen.
Danach habe ich angefangen, den neuen Roman des norwegischen Autors Per Petterson zu lesen, der „Nach Hause kommen“ heißt. Er begeistert mich sehr und ich werde sicher noch einmal darauf zurückkommen. Allein die Schilderung von Jaspers Beziehung zu den Busfahrern, die ihn morgens zur Arbeit bringen und abends wieder nach Hause, ist schon die Lektüre wert. Und dann gefallen mir die eingestreuten essayistischen Passagen über die norwegische Gegenwartsgesellschaft. Zum Beispiel diese: „Das konservative Norwegen feierte, unabhängig von der Parteizugehörigkeit, es war fast eine Art Konterrevolution, ein Schlag ins Gesicht von Leuten wie uns. Nichts war mehr heilig, alles Feste löste sich in dünne Luft auf. Dinge, die du für selbstverständlich gehalten hattest, galten nicht mehr, Worte veränderten ihre Vorzeichen und bekamen eine neue Bedeutung, was gut war oder sich gut angehört hatte, war nicht länger gut, und ‚Reform‘ war nicht mehr gleichbedeutend mit Fortschritt. Im Gegenteil. Man fürchtete das Wort. Irgendwo hatte ich gelesen: Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden. Meine waren es jedenfalls nicht.“ Petterson stammt aus der norwegischen Linken und wir haben ein Stück Geschichte gemeinsam. Aus der Vielzahl seiner ins Deutsche übersetzten Romane möchte ich zwei hervorheben, die mir besonders wichtig sind: „Pferde stehlen“ und „Ich verfluche den Fluss der Zeit“. Jasper liebt zwei Frauen, seine Frau Inger und Signe, und kann und will sich nicht für eine von beiden entscheiden. Aus Übermut und aus Liebe für Signe stürzt er sich in einen reißenden und eiskalten Fluss, der ihn gegen Felsen schleudert und beinahe umbringt. Danach spürt er eine besondere Wärme und eine besondere Leichtigkeit im Körper, die er seit seiner Kindheit nicht mehr gespürt hatte. Diese Passage sprach mich besonders an, da auch ich mich nach einer solchen Leichtigkeit zurücksehne. Vor ein paar Jahren ging ich im Frühsommer an der Lahn über eine Wiese und für einen Moment war das Taubheitsgefühl in meinen Füßen verschwunden und ich konnte gehen wie früher. Ich wünschte mir, dieser Zustand hätte länger gedauert, aber er währte nur kurz. Aber für einen Moment war die alte Leichtigkeit spürbar gewesen und hatte mit einen flüchtigen Moment des Glücks beschert. Diesen trage ich seither als Sehnsucht in mir und höre nicht auf zu hoffen, dass die alte Leichtigkeit und Beweglichkeit noch einmal zurückkehrt.
Am Morgen vor unserer Rückkehr nach Hause kreiste ein Satz von Max Horkheimer in einer Endlosschleife in meinem Kopf: „Das Vorurteil ist ein Ventil, um eingepresste Bosheit loszulassen.“ Dagegen helfen letztlich keine vernünftigen Argumente, die der mit Vorurteilen behaftete Mensch nicht gelten lässt und ausblendet. Durch Fakten lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. Er denkt, dass er denkt, dabei reproduziert er lediglich irgendwo aufgeschnappten Blödsinn. Eine an die Wurzel des Problems rührende Lösung läge darin, das häusliche Leben, die Schulen und vor allem die Arbeitswelt so einzurichten, dass sie den Menschen weniger Bosheit einpressen. Sie müssten ihren akkumulierten Frust dann nicht länger an Minderheiten abreagieren und ihre Malaise auf Außenseiter verschieben. Es gibt gesellschaftlichen Umstände, die das Sündenbock- und Vorurteilsbedürfnis gefährlich anwachsen lassen. Es sind dies Phasen der gesellschaftlichen Umbrüche, der wirtschaftlichen Depression und sozialen Krisen. In der vierten industriellen Revolution treten wir in eine solche umfassende Krise ein. Die erste basierte auf Eisen und Kohle, die zweite auf der Elektrizität und der Fließproduktion, die dritte auf der Computerisierung. Die jetzt einsetzende vierte industrielle Revolution besteht im Übergang zur automatisierten Produktion und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz und Robotern. Sie umfasst nicht nur den Sektor der Produktion, sondern auch den Innenbau der Menschen. Diese werden genötigt, sich weitgehend zu flexibilisieren und eine immer nur provisorische und fragmentarische Identität auszubilden. Sie sollen keine festen Bindungen mehr eingehen, sondern sich auf mehr oder weniger nomadische Existenzweisen und ständig sich wandelnde Lebens- und Arbeitsbedingungen vorbereiten. Das fällt nicht allen Menschen leicht, viele wünschen sich alte Gewissheiten und stationäre Lebensverhältnisse zurück. Ihre Fähigkeit, Veränderungen verarbeiten zu können, ist erschöpft, sie wollen, dass sich endlich nichts mehr ändert und alles so bleibt wie es ist, oder sogar wieder so wird, wie es mal war. Das scheint der subjektive Nährboden für den rechten Populismus zu sein.
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Bei der Wahl zum Landtagspräsidenten erhielt der AfD-Kandidat Tobias Rausch mehr Stimmen, als die, über die AfD und BSW zusammen verfügen. Vier Stimmen müssen von anderen Parteien gekommen sein. Es liegt nahe, die Stimminhaber in den Reihen der CDU zu vermuten. Aber, man weiß es nicht genau, die Wahl war geheim. Bei der demnächst anstehenden Wahl zum Ministerpräsidenten von Sachen-Anhalt will die CDU vorsichtshalber mit der gesamten Fraktion den Plenarsaal des Landtags verlassen, um sicher zu gehen, dass Ulrich Siegmund keine Stimmen aus ihren Reihen erhält. Von Vertrauen in die rechtsstaatliche Gesinnung der Mitglieder der CDU-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt zeugt das nicht. Letzte Abwehrmaßnahmen vor der Kapitulation und feindlichen Übernahme. Damit seine Mitstreiter nicht dem Sog des völkischen Gesangs erliegen, lässt Noch-Ministerpräsident Sven Schulze seine Parteifreunde an den Mast der Fraktionsdisziplin binden und ihnen und sich die Ohren mit Wachs verstopfen.
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In Madrid wurde die Wohnung einer alten Frau zwangsgeräumt. Sie hatte die gestiegene Miete ihrer Wohnung nicht mehr aufbringen können. Auf einer Trage wurde sie aus dem Haus geschafft. Wenige Tage darauf starb Maricarmen Abascal. Die rabiate Entwurzelung und Vertreibung aus einer Wohnung, in der sie jahrzehntelang gelebt hatte, hat ihren Tod sicher beschleunigt. Ihr Tod wurde zum Kristallisationspunkt einer schon länger gärenden Unruhe, sie selbst zur Symbolfigur des Widerstands gegen eine menschenfeindliche Politik. Seither reißen die Proteste nicht ab, sondern gewinnen zunehmend an Breite und Durchschlagskraft. Ministerpräsident Sánchez, dessen Stern bereits im Sinken begriffen war, kündigte vor dem Hintergrund der Massenproteste Neuwahlen an. Er setzt darauf, dass ihm und seiner sozialistischen Partei die Massenproteste als Wind in die Segel fahren und den Aufstieg der Rechten ausbremsen. Eine Leere, die sozialistische Politik aus den Ereignissen ziehen müsste, wäre diese: Wohnen, Lehren und Lernen, Gesundheit und andere Bereiche müssen dem Einfluss des Marktes und seiner angeblich ehernen Gesetze entzogen werden. Sie müssen einer anderen Logik folgen, als der von Ware, Geld und Tausch.
Auch in Frankreich rumort es seit Wochen. Massenhaft protestieren Schüler und Studenten gegen den katastrophalen Zustand des Bildungssystem und fehlende Zukunfts- und Lebensperspektiven. Massen junger Leute laufen Gefahr, ins Leere hinein zu lernen und ihre Zukunft an die „Künstliche Intelligenz“ zu verlieren. Man wird sie nicht mehr benötigen, sie werden zu den Überzähligen, zu den Herausgefallenen gehören, zur wachsenden Gruppe derer, die die Ökonomen in ihrem zynischen Jargon „Surplus-Bevölkerung“ nennen. Teile der Jugend landen auf einem Abstellgleis. Staatlich angestellte Animateure rütteln an den Waggons, damit die drinnen glauben, die Reise ginge noch weiter. Trotzdem erleben wir das Wiederauftauchen „gefährlicher Klassen“, die für die Zeit der Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise charakteristisch waren. Konnten damals entwurzelte, plebejische Massen und unterbürgerliche Schichten noch nicht über den Modus der Lohnarbeit integriert werden, so heute die aus dem Arbeitsmarkt Herausgefallenen und Überzähligen nicht mehr. Unter die protestierenden Schüler und Studenten mischen sich, wie schon bei den Riots der letzten Jahre, Jugendliche aus den Vorstädten, die die Revolte mit ihrer Radikalität und Militanz anreichern, aber ihre Intentionen manchmal auch gefährden und in Misskredit bringen. Macron kann nicht darauf hoffen, dass die Proteste ihm und seinem Lager Auftrieb geben. Er steht für die herrschende neoliberale Politik und wird mit ihr untergehen. Deutschland erweist sich inmitten der Proteste und Unruhen wieder mal als „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“, wie Ulrich Sonnemann es einmal ausgedrückt hat. Hierzulande rührt sich nichts oder doch fast nichts.
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Seit einiger Zeit herrscht im öffentlichen Bücherschrank in meiner Nachbarschaft gähnende Leere. Jemand scheint ihn Nacht für Nacht derart systematisch zu plündern, dass am Morgen nichts mehr oder kaum noch etwas übrig ist. Ein Experte erklärte mir, dass man mit diesen Büchern Geld verdienen kann und wie das funktioniert. Sie werden von einer Spedition abgeholt und nach Tschechien gebracht. Dort werden sie sortiert und weiter verkauft oder wandern in den Schredder. Der Sinn des öffebtliches Bücherschranks wird dadurch komplett ausgehebelt und konterkariert. Jemand bietet also die antiquarischen Bücher im Internet zum Kauf an und bessert so sein Budget auf. Das gab es schon länger, aber nicht mit der Radikalität und Gründlichkeit wie jetzt. Ich kenne Leute, die sagen: „Da stelle ich nichts mehr rein.“ Schade, denn ich habe dort immer mal wieder ein lang gesuchtes Buch gefunden, zum Beispiel „Meine Reise mit Charley“ von John Steinbeck, das ich mit großer Begeisterung und Erkenntnisgewinn gelesen habe.
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Ein Leser der DHP betrachtet mich „als seinen persönlichen Stadtschreiber von Gießen“. Diesen Titel lasse ich mir gefallen. Den, der mich so nennt, kenne ich aus der Ausbildung zum Familientherapeuten, die wir beide Mitte der 1980er Jahre absolviert haben. Ich konnte zunächst mit seinem Namen nichts anfangen und musste ihn bitten, mir auf die Sprünge zu helfen. Dann kamen die Erinnerungen peu à peu zurück. Ich hatte diese Ausbildung und die Menschen, die sie mit mir durchlaufen haben, fast komplett vergessen. Das zu dieser Ausbildung gehörende Praktikum absolvierte ich beim Psychologischen Dienst der JVA Butzbach, bei dem ich dann irgendwann eine Stelle erhielt und über dreißig Jahre arbeiten konnte. Das ist das, was bei mir hängen geblieben ist und mich geprägt hat.
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„Wenn aber der Intellektuelle sich anschickt, erneut die Rolle zu spielen, die er hundertfünfzig Jahre lang gespielt hat – nämlich die des Propheten angesichts dessen, was ‚sein muss‘, was ‚geschehen muss‘ –, dann wird man diese Herrschaftswirkungen fortsetzen und andere Ideologien hervorbringen, die nach dem gleichen Schema funktionieren. Nur im Kampf selbst und mit seiner Hilfe vermögen sich positive Bedingungen anzuzeichnen.“
(Michel Foucault: Der eingekreiste Wahnsinn)
Heute vor 100 Jahren, also am 15. Oktober 1926, wurde Michel Foucault geboren. Ihm und seinen Schriften habe ich viel zu verdanken. „Überwachen und Strafen“ war mir bei der Arbeit im Gefängnis ein ständiger Begleiter und Berater. Auch viele der damaligen Gefangenen schätzten dieses Buch und es war in der Gefängnisbücherei ständig ausgeliehen. Es verschwand immer wieder aus dem Bestand und zirkulierte im Untergrund. Ich habe es mehrfach neu besorgen müssen. Foucault hatte ganz offensichtlich ein Wissen produziert, mit dem die Gefangenen etwas anfangen konnten.
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„Nur wenn Nähebedürfnisse erfüllt sind, wenn Bindungsfähigkeit entwickelt wurde, dann wird der Weg in die Fremde angstfrei beschritten; es mag dann nicht mehr das Gefühl bestimmend sein, dass man sich der ursprünglichen Verlässlichkeit ständig neu versichern muss.“
(Oskar Negt: Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche)
Ich hatte gelegentlich bereits davon erzählt, dass mein Vater nach dem Tod meiner Mutter oft nicht wusste, wohin er mit mir sollte. Er hatte zu arbeiten und musste gelegentlich auch Dienstreisen unternehmen. Also begann er mich zu verschicken. Alle möglichen Verwandten wurden eingespannt und nahmen mich für eine kürzere oder längere Weile in Pflege. Vater brachte mich entweder mit dem Auto zu den jeweiligen Gasteltern oder er setzte mich in Kassel in den Zug. Er schrieb eine Art Transparent, auf dem mein Zielort angegeben wurde und die Mitreisenden gebeten wurden, darauf zu achten, dass ich dort ankam und ausstieg. Das bekam ich an einer Schnur um den Hals gehängt. Ich war zu Beginn dieser Verschickungen fünf Jahre alt, also noch ein kleines Kind. Ich kann mich an diese Reisen im einzelnen nicht erinnern. Was ich erinnere, ist die Angst, die ich empfand. Auch wenn ich gesagt bekam, dass mich am Zielort jemand in Empfang nehmen und abholen würde, war ich doch immer in Sorge, dass das nicht klappen könnte. Das alles klingt heute unglaublich, aber man muss bedenken, dass der Krieg noch nicht lang zurücklag und das Ganze zu jener Zeit nicht so ungewöhnlich war. Die Bereitschaft Erwachsener, sich um ein fremdes Kind zu kümmern, war relativ groß, und so fand sich meist schnell jemand, der sich des allein reisenden Kindes annahm. Ich hätte von diesen Verschickungen vielleicht etwas haben können, wenn die Angst nicht gewesen wäre. Angst war seit dem Verlust der Mutter mein Lebensgrundgefühl und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Die Diagnosemanuale führen eine „frei flottierende“ Angst, also eine Angst, die sich von ihrem Anlass gelöst und verallgemeinert hat, als „generalisierte Angststörung“. Aber, was hilft mir diese Benennung und die Nummer im Manual? Der Boden wankt trotzdem, auf dem ich stehe.
Wenn ich in der Gewissheit in die Fremde gefahren wäre, dass ich im Anschluss wieder sicher nach Hause gelangen würde, hätte ich von den Aufenthalten bei Anderen etwas haben und lernen können. Diese Gewissheit war durch den Verlust der Mutter und des Urvertrauens zerbrochen und nicht mehr vorhanden. Ich empfand die diffuse Angst, nie wieder zurückzukehren oder bei meiner Rückkehr keinen vertrauten Menschen mehr anzutreffen. Nur ein Kind, dem es gestattet war, sich wieder anzunähern in dem sicheren Gefühl, sich auch wieder entfernen zu dürfen, und sich entfernen zu können in der Gewissheit, zur mütterlichen Heimatbasis zurückkehren zu dürfen, wird zu einem reifen und vernünftigen Umgang mit Nähe und Distanz gelangen. Anders gesagt: Nur der kann relativ angstfrei in die Fremde gehen, der in der Gewissheit lebt, nach seiner Heimkehr die geliebten Menschen und die gewohnte Umgebung so anzutreffen, wie er sie verlassen hat. Ich aber lebte in der ständigen Angst, bei meiner Rückkehr nichts Vertrautes mehr vorzufinden. Das ist leider bis heute so geblieben. Meine Hodophobie (von griechisch hodós, der Weg), mein beinahe phobisches Verhältnis zum Reisen, hat seinen Ursprung in diesen frühen Erfahrungen. Im seelischen Untergrund läuft immer die Angst mit, alles könnte sich während meiner Abwesenheit verflüchtigen, alle noch existierenden Bindungen gekappt werden. Eigentlich bin ich es leid, ständig mein Kindheitstrauma wiederzukäuen, aber meine Lebensrealität ist bis heute durch es geprägt. Das nötigt mich dazu, immer wieder auf die gleichen Themen zurückzukommen. Ich stecke in einer quietschenden Hamstertrommel und komme nicht aus ihr heraus. Das bedeutet eine arge Einbuße an sinnlichem Vergnügen. Getröstet habe ich mich mit einem Bonmot, das ich mit Schopenhauer verbinde und sinngemäß so lautet: „Wer mit dem Geist reisen will, muss mit dem Körper zu Hause bleiben.“ Ein weiterer Trost: Auch Picasso fürchtete das Reisen und blieb lieber zu Hause. Wenn es sich nicht vermeiden ließ und er mal reisen musste, fuhr er mit Auto oder Bahn. Die tröstliche Nachricht, die für mich von diesem Beispiel ausging, lautete: Man kann auch dann lebendig und schöpferisch sein, wenn man das Reisen verabscheut.
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