„‚Ach‘, sagte die Maus, ‚die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.‘ – ‚Du musst nur die Laufrichtung ändern‘, sagte die Katze und fraß sie.“
(Franz Kafka)
Gestern Vormittag rief mein Freund R an und sagte: „Ich sitze an deiner Stelle an der Lahn. Wir könnten uns treffen.“ Ich bestieg mein Rad und fuhr los. Unterwegs begegnete ich einer älteren Bekannten, die mich aber nicht erkannte. Wir standen uns Auge in Auge gegenüber, sie schaute auch in meine Richtung, zeigte aber kein Zeichen des Erkennens. Ich fuhr dann weiter. Zu ihrer Ehrenrettung muss ich sagen, dass ich eine Schirmmütze und eine Sonnenbrille trug, die mich für sie wahrscheinlich unkenntlich machte. Als ich am Steg eintraf, war R bereits im Fluss und schwamm. Ich wartete, bis er herausstieg und ich ihn begrüßen konnte, dann kletterte auch ich ins Wasser. Wir mussten lachen, weil wir beide dieselben Schwierigkeiten hatten, in die Hosen zu steigen, ohne zu straucheln. Dann hockten wir uns ins Gras der Uferböschung und besprachen das aktuelle Geschehen in Sachsen-Anhalt. Besonders die sich andeutende Bildung einer Querfront zwischen AfD und BSW beschäftigte uns. R zeigte mir das Buch von Sven Beckert: „Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution“, das er in der Satteltasche mit sich führte, weil er es später in der Stadtbibliothek abgeben wollte. Er hat sich in den letzten Wochen durch diesen tausend Seiten dicken Schinken durchgearbeitet und, wie er sagt, viel daraus gelernt. Es sei eine brillante Aktualisierung des „Kapitals“ von Karl Marx – und zwar in einer lesbaren Form. Dann fuhren wir gemeinsam in die Stadt und tranken in einem Cafè am Marktplatz einen Kaffee. Um uns herum bot sich uns ein Wimmelbild städtischen Lebens. Wimmelbilder mögen ihren exotischen Reiz haben, für die Stadt bedeuten sie aber auch eine Zumutung und Herausforderung. Vielfalt ist schön und gut, aber eine Gesellschaft benötigt eine von der Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder geteilte halbwegs homogene Wertsphäre und eine für alle verbindliche symbolische Ordnung, sonst zerfällt sie. Das findet unter unseren Augen statt. Das kann man in der Gießener Innenstadt, rund um den Busbahnhof beobachten. Es herrscht hier ein babylonisches Sprachgewirr, man hört wenig deutsche Sätze. Irgendwelche Leute gehen brüllend aufeinander los. Jemand ruft die Polizei, die mit Lalülala anrückt und die Szene befriedet. R meinte, es wäre einfacher und auch billiger, wenn die Polizei hier ein kleines Revier einrichten würde. Ein Mann aus dem Osten Europas setzte sich neben uns sprach an sein Handy hin. In einem raschen Tempo wickelte er ein Gespräch nach dem anderen ab. Auf der anderen Seite ließ sich eine heruntergekommen wirkende Frau nieder, die penetrant nach Urin stank. Wenn der Wind über sie hin ging und den Gestank zu uns trug, war es ziemlich unangenehm. Dicke schwarze Frauen schoben Kinderwagen an uns vorbei. „So ist das Leben. Das hier macht Gießen zu einer ehrlichen Stadt, anders als Marburg oder Wetzlar, wo die Fachwerk-Idylle die Realität mit einer Art Zuckerguss überzieht“, sagte R. Er gab dann im Rathaus sein Buch zurück. Anschließend schlenderten wir durch eine Ausstellung zur Geschichte der ukrainischen Unabhängigkeit seit 1991, die im Atrium des Rathauses zu besichtigen ist. Tags zuvor hatte ich deren Eröffnung beigewohnt und einigen überraschend kurzen und auch klugen Reden zugehört. Wir waren leider die einzigen Besucher der Ausstellung, die ein großes Publikum verdient hätte. Dann verabschiedeten wir uns und jeder ging seines Weges – „zu seinen eigenen Fehlern“, wie es in dem Gedicht von W.H. Auden heißt, das ich gern mal zitiere.
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Der EU-Beitrittskandidat Serbien nimmt mit großem Pomp vom Kriegsverbrecher und Massenmörder Mladic Abschied, der in einem Gefängnis in den Niederlanden gestorben ist. Er war wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und anderer Kriegsverbrechen in Den Haag zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Eine militärische Ehrenformation begleitete nun den Sarg in Belgrad, Soldaten feuerten Salutschüsse ab. So feiert ein Land einen toten Helden.
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Gestern hatte sich eine Meise in unser Treppenhaus verflogen. Keine Ahnung, wie sie da hineingeraten war. Sie flatterte vor dem obersten Stockwerk umher und suchte in wachsender Panik nach einem Ausweg. Dabei ging sie durchaus vorsichtig zu Werke und dozzte nirgends schlimmer an. Ich öffnete das Fenster auf der halben Treppe, und binnen Kurzem hatte die Meise den Ausweg erkannt und flog – erleichtert, wie mir schien – von dannen.
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Hab eben den jungen David Crosby noch einmal gesehen, wie er mit Roger McGuinn und den Byrds „Mr. Tambourine Man“ spielt und singt. Dieses wunderbare Stück, das urspünglich von Bob Dylan stammt. schaue ich mir beinahe jede Woche ein Mal an, und frage mich, wo diese Zeiten geblieben sind. Bei mir setzt diese Musik eine diffuse Sehnsucht frei, die inzwischen ortlos ist.
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Gestern brach ich meine Fahrt zur Lahn ab und besuchte stattdessen den Botanischen Garten. Es schien mir einfach zu kühl zum Schwimmen. Seit der Wiedereröffnung des Gartens nach einer Sommerpause, die mit „Windbruchgefahr“ begründet wurde, fehlen die meisten Bänke, die entlang der Hauptwege aufgestellt waren und zum Sitzen und Verweilen einluden. Wie viele Stunden habe ich, auf einer dieser Bänke sitzend, lesend verbracht? Zwischen den Gewächshäusern sind ein paar Bänke geblieben, sonst sind sie verschwunden. Bänke also nur dort, wo man die Leute, die auf ihnen Platz nehmen, im Blick hat. Mein Freund A und ich vermuten, dass es sich bei dieser Maßnahme um den Versuch handelt, sich missliebiger Besucher zu entledigen. Meine Hirnantilope sprang zu jenem antiken Seeheld, der, als er nach längerer Abwesenheit nach Hause zurückgekehrt war, seine Frau mit einem Geliebten auf dem Diwan antraf. Und was tat er? Er ließ den Diwan aus dem Haus entfernen. Eine technische Lösung tritt an die Stelle einer direkten Konfrontation zwischen den beteiligten Personen. Andernfalls hätte er den Nebenbuhler verprügeln und sich mit seiner Frau auseinandersetzen müssen. Da ist es erheblich einfacher, das Möbelstück, auf dem der Ehebruch vollzogen worden ist, aus dem Haus werfen zu lassen. Übertragen auf den Botanischen Garten heißt das: Es wäre ein großer Aufwand an Personal nötig, um missliebige und störende Besucher des Gartens zu verweisen und ihnen zu erklären, warum man sie hier nicht mehr haben möchte. Also entfernt man die Bänke, auf denen sie sich gern niederlassen. Wie die Dornen aus Metall, die man auf Fenstersimsen anbringt, um den Tauben die Landung zu verunmöglichen. Ich kenne dieses Vorgehen aus dem Gefängnis. Als die Gefangenen anfingen, zwischen den Stockwerken hin und her zu klettern, um sich zu besuchen und ihre Geschäfte abzuwickeln, ließ man irgendwann Zwischengitter einziehen. An die Stelle einer personalen Konfrontation, die viel Kraft und Zeit des Personals beansprucht hätte, trat eine technische Lösung des Problems. Dass man den Gefangenen ein kleines Alltagsventil nahm, würde sich langfristig rächen, weil sich Frust und Aggressionen stauten. Aber, wenn es eines Tages dazu käme, würde niemand mehr den Zusammenhang mit dem Einbau der Gitter kennen. Dem Botanischen Garten hat die Entfernung der Bänke, auf denen wahrscheinlich auch Drogen gedealt und Alkohol konsumiert wurde, die Mühe erspart, sich mit unwillkommenen Gästen auseinandersetzen. Dazu fehlte es auch an geeignetem Personal. Die älteren Damen und Herren, die hier Aufsicht führten, wären einer solchen Konfrontation sicher nicht gewachsen. Aber ob die Entfernung der Bänke die Lösung ist und Segen bringt, darf bezweifelt werden. Die technische Regelung sozialer Konflikte hat ihre Grenzen. Wo die Innensteuerung menschlichen Verhaltens nicht mehr mit hinreichender Zuverlässigkeit funktioniert, kann Außensteuerung vorübergehend subsidiär einspringen, ersetzen kann sie diese nicht. Die Entwicklung verläuft von der auf dem Über-Ich basierenden „Innensteuerung“ des Verhaltens zu Formen der „Außensteuerung“ (David Riesman). Die Faustregel lautet: Da, wo die Innensteuerung nicht mehr mit hinreichender Zuverlässigkeit funktioniert, tritt die Polizei auf den Plan. Und wenn es der Polizei zu viel wird oder sie der Lage nicht mehr Herr wird, wird sie durch technische Kontrollmechanismen ersetzt oder ergänzt. Nach chinesischen Vorbild wird das Land mit Kameras überzogen, bis man keinen freien Flügelschlag mehr machen kann und nichts der permanenten Kontrolle entgeht. Kameras und Security im Botanischen Garten? Soll das die Zukunft eines Ortes sein, den ich einmal als Oase der Stille und Langsamkeit erlebt und beschrieben habe. Ich habe damals die Bedeutung des Botanischen Gartens für das „soziale Immunsystem der Stadt“ betont, die er durch die beschriebenen Veränderungen einzubüßen droht. Vielleicht ist das aber alles nur der böse Blick eines linken Kritikers.
Am Ende meines gestrigen Gangs durch den Botanischen Garten setzte ich mich auf eine der verbliebenen Bänke vor dem großen Gewächshaus in der Mitte des Gartens. Zu meinen Füßen standen ein paar Blumentöpfe. Hinter einem wagte sich eine winzige Maus hervor. Als sie meiner ansichtig wurde, hielt sie inne, hocke sich auf die Hinterpfoten und sah mich aus ihren Mauseaugen unverwandt an. Sie schien mich für nicht sonderlich bedrohlich zu halten und ergriff nicht die Flucht. Irgendwann setzte sie ihren Weg fort und verschwand aus meinem Blickfeld – und ich aus ihrem.
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„Mich interessiert nicht das Proletariat, die Bauernschaft oder die Intelligenz, mich interessiert der Sommersprossige, der Großohrige, der Grünäugige, der Dickwanst, der Schnurrbärtige, der im übrigen Arbeiter, Intellektueller oder Bauer ist, Frau oder Mann, dies oder das.“
(Péter Nádas: Notate)
Die sinnliche Dichte der Welt hat sich mir erst nach dem Ende der dogmatischen und traditionalistischen Phase der Linken erschlossen. Durch gelebte eigene Erfahrung und durch das Lesen von Romanen, in denen man wirklichen Menschen begegnete und nicht nur personifizierten Kategorien. Die Theorie hat ihre Berechtigung und Bedeutung, aber sie hat eben auch ihre Grenzen. Kaum jemand hat das Verhältnis von Theorie und Literatur besser erkannt als Paul Nizan. Für all das, was die Kategorien der Theorie außer Acht lassen, hat der Roman eine Sprache. Ab Mitte der 1970er Jahre lese ich Romane, zunächst auch, dann fast nur noch. Ich kenne Linke, die bis auf den heutigen Tag die Welt der Literatur meiden und als Zeitverschwendung abtun. Sie haben keinen einzigen Roman gelesen und sich damit um eine wichtige Erkenntnisquelle betrogen. Nizan wusste, dass das Verhältnis von Theorie und Literatur ein dialektisches ist: Literatur ohne Fundierung in der politischen Theorie ist für ihn undenkbar, andererseits sind, wie schon Kant wusste, Begriffe ohne Anschauung leer. Beides ist aufeinander angewiesen und bildet nur zusammen ein sinnvolles Ganzes. Paul Nizan schrieb in einem seiner frühen Aufsätze: „Die Philosophie muss begreifen, dass es nicht nur den homo faber und den homo sapiens, den homo phenomenon und den homo nooumenon … gibt, sondern auch den Hilfsarbeiter mit dreißig Francs am Tag und den Monsieur, der an den Champs-Elysées wohnt, das Mädchen aus dem 13. Arondissement, das auf seine Monatsregel wartet.“ Die an Hegel orientierte linke Theorie ist leider häufig unfähig, das wirkliche Leben dieser Menschen zu beschreiben, die Verschiedenheit ihrer Träume, ihrer Sehnsüchte, die verschiedenen Gerüche ihrer Viertel, ihre Redensarten, ihre Krankheiten, ihren Liebeskummer und ihre Todesangst. Nichts kann die gelebte Erfahrung eines jeden dieser Menschen ersetzen, und wenn es uns, den Linken, nicht endlich gelingt, die Alltagswelt und das Leiden an ihr beredt werden zu lassen, ist unser Zug endgültig abgefahren.
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„Was einen Terroristen ausmacht, ist zunächst einmal eine bestimmte Art der Verzweiflung. Oder genauer gesagt, das Streben, über die Verzweiflung hinauszugehen, indem er sein Leben einsetzt und so der Verzweiflung einen Sinn gibt. Aus diesem Grund ist der Begriff ‚Selbstmord‘ in gewisser Hinsicht unangemessen, denn das Hinausgehen über die Verzweiflung verschafft dem Betreffenden ein Gefühl des Triumphs. … Der Triumph besteht in der Überwindung der Passivität, der Verbitterung, des Gefühls der Absurdität, die aus der Verzweiflung, wenn sie tief genug ist, erwachsen. Den Bürgern der ersten Welt fällt es schwer, sich eine solche Verzweiflung vorzustellen. Nicht unbedingt wegen ihres Wohlstands (Wohlstand bringt seine eigenen Formen der Verzweiflung hervor), sondern weil sie ständig abgelenkt und zerstreut werden. … Worin besteht diese Verzweiflung? In dem Gefühl, daß das eigene Leben und das der Menschen, die einem nahe stehen, nichts gilt. Und dieses Gefühl wird auf verschiedenen Ebenen erfahren, so dass es am Ende allgegenwärtig wird.“
(John Berger: Versuchen, hinter die Dinge zu schauen)
Heute vor 25 Jahren steuerten Mitglieder von Al-Qaida zuvor entführte Flugzeuge in das World Trade Center in New York und in das Pentagon bei Washington. Fast 3.000 Menschen starben. Viele erlagen in der Folgezeit den Nachwirkungen ihrer Rettungsversuche und Hilfeleistung. Dieser Tag veränderte die Welt, danach war nichts mehr wie zuvor. US-Präsident George W. Bush gab einem Rache-Impuls nach und antwortete auf den Terror von Al-Qaida mit dem „Krieg gegen den Terror“, den man nicht gewinnen kann und der alles nur noch schlimmer machte. Das ganze heutige Elend datiert letztlich vom 11. September 2001 und den falschen Reaktionen auf ihn. Ich hockte in einem Haus oberhalb des Gardasees und bekam von alledem nichts mit. Erst als am Abend die Hausbesitzer von einem Tagesausflug zurückkehrten, empfing ich die Schreckensmeldungen und tat mich schwer zu begreifen, was geschehen war. Zu surreal erschien mir das Ganze.
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„Die Flucht vor dem Lärm endet am Main. Beim Anblick der ruhigen Strömung werde ich selbst ruhig.“
(Wilhelm Genazino: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz)
Am Sonntagmorgen war es mild, aber es tröpfelte ein wenig aus einem grauen Himmel. Als der Regen nachließ, beschloss ich, zur Lahn aufzubrechen. Beim Marktplatz lagen Scherben auf der Straße, die ich zu spät sah und durch die ich hindurchfuhr. Kurz hinter dem Rübsamensteg merkte ich, dass der hintere Reifen beinahe platt war. Also stieg ich ab und schob das Rad drei Kilometer weit nach Hause. So etwas kann einem die Sonntagslaune verderben. U hatte Brioches gebacken, was sie gleich wieder aufbesserte. Sie waren köstlich. In der Wochenendausgabe der FAZ stießen wir auf ein Interview mit dem Gesundheits- und Umweltpsychologen Mathew White von der Universität Wien. Jetzt ist es amtlich und wissenschaftlich nachgewiesen: Wasser ist gut für den menschlichen Geist. Schon die Sprache der Wissenschaft kann einem den Spaß verderben: Gewässer und sogenannte „Blue Spaces“, sind gut für die mentale Gesundheit. Schon wenige Minuten am Wasser genügen, um die Herzfrequenz und den Stresspegel zu senken. Eine Metastudie habe ergeben, dass der „schmerzlindernde Natureffekt etwa einem Viertel bis einem Drittel einer klassischen Morphiumdosis entspricht“. Also wird es das Schauen aufs Wasser demnächst auf Rezept geben. Wir lernen, unserer sinnlichen Wahrnehmung zu misstrauen, und halten etwas erst dann für wahr, wenn es gemessen und statistisch nachgewiesen ist. Das Sitzen am Fluss war immer schon prima, jetzt aber ist es evaluiert und gemessen und damit besser. Wir trauen nicht länger unseren Sinnen, sondern der Statistik.
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Vor dem Nachbarhaus liegt im Rinnstein eine hellblaue Zahnbürste. Sie wirkt gut erhalten, und es fragt sich: Wie ist die dorthin gekommen? Vielleicht hat sich jemand auf einem der Balkone des Nachbarhauses die Zähne geputzt und ist dabei derart vehement vorgegangen, dass ihm oder ihr die Bürste aus der Hand gerutscht ist. Das scheint mir die plausibelste Erklärung. Es könnte auf einem Balkon auch zu einem Streit zwischen einem Paar gekommen sein, in dessen Verlauf sie ihm eine gescheuert hat, wobei sie übersehen hat, dass er sich gerade die Zähne putzt. Sie erwischt die Zahnbürste, die daraufhin über die Brüstung nach unten auf die Straße fällt. Der Beginn einer rasanten Kurzgeschichte.
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Chronik der Gewalt. Bei einer Messerattacke ein paar Kilometer von hier ist ein Mann tödlich verletzt worden, ein weiterer erlitt schwere Verletzungen. Ein 19-Jähriger wurde als mutmaßlicher Täter festgenommen. Er hatte sich selbst gestellt. Meist ereignen sich solche Taten im Milieu. Ein Kleinkrimineller tötet einen anderen Kleinkriminellen, ein Drogenabhängiger einen anderen Drogenabhängigen. Das macht es nicht erträglicher, aber so ist es.
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„Wie hier über das Proletariat gesprochen wird, ist nicht in Ordnung! Wenn es erst einmal zur Revolution gekommen ist, könnte das für euch alle übel enden.“
(Sven Regener)
Lese sei ein paar Tagen mit großem Vergnügen den neuen Roman von Sven Regener, der „Frankie und Freddie“ heißt. Es geht um zwei aus Bremen nach Berlin ausgewanderte Brüder im Jahr 1980. Freddie, der Ältere der beiden, hat gerade gegen Bezahlung an einem Test von Antidepressiva teilgenommen und trägt sich mit dem Gedanken, nach New York zu gehen. Frankie hat versprochen, ihn aus dem Hotel, in dem der Versuch stattgefunden hat, abzuholen. Es passiert nicht viel in diesem Roman, dessen karge Handlung am Tag vor Heiligabend angesiedelt ist. Es schneit die ganze Zeit, ein alter Kadett springt nicht an, ein paar gescheiterte Existenzen gurken durch Berlin auf der Suche nach einer Tasche, die Freddie auf der Rückbank irgendeines Autos liegengelassen hat. Eine Frau pfeift sich ein Grippemittel ein, das mit Speed versetzt ist, es werden Eckstein, Overstolz und Reval geraucht, die als proletarische Marken gelten. Man hört Musik über einen Walkman und orientiert sich mittels eines Stadtplans, mit dessen Faltung man schwer zu kämpfen hat. Es wird eine Menge dummes Zeug geredet und das auf Berlinerisch. Ein typischer Herr Lehmann-Roman halt. Wer den Regener-Sound mag, dem wird auch dieser Roman zusagen. Ein Fest für alle Regener-Fans, die noch wissen, wer Ernst Aust gewesen ist.
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„Die Idylle ist der Tumormarker des Verdrängten.“
(Thomas Hettche: Totenberg)
Gestern Abend waren U und ich auf einer Lesung von Thomas Hettche. Er war im Butzbacher Gefängnis zwei Mal Gast in der Kulturgruppe und hat dort vor Gefangenen gelesen. Seither sind wir in lockerem E-Mail-Kontakt geblieben und ich lese seine Bücher. Er lebt inzwischen überwiegend im Vorgelsberg, wo er ja auch her stammt. Er ist ein paar hundert Meter von hier zur Schule gegangen und hat dort 1984 Abitur gemacht. Auf der Schule, die letztes Jahr wegen dummer, rechter Abitursprüche bundesweit für Aufsehen sorgte. Gestern war eine kleine Gruppe von Schülerinnen dieses Gymnasiums erschienen und nahm am Schluss um Herrn Hettche herum Aufstellung für ein TikTok-Video, was er über sich ergehen ließ. Er hat uns eingeladen, ihn mal im Vogelsberg zu besuchen. Sein neuestes Buch, aus dem er gestern las, heißt „Liebe“ und erzählt davon, wie es sein kann, wenn einem im fortgeschrittenem Alter noch einmal das Glück einer Liebe zuteil wird.
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„Was hier als einfacher Katalog zusammengestückelter Maßnahmen erscheinen mag, ist in Wirklichkeit vom Willen geleitet, mit dem Fatalismus des neoliberalen Denkens zu brechen, bzw. es zu ‚entfatalisieren‘, in dem man politisiert und die inzwischen eingebürgerte Ökonomie des Neoliberalismus durch eine Ökonomie des Glücks ersetzt, die auf menschlicher Initiative und menschlichem Willen basiert, und die in ihren Berechnungen die Kosten des Leidens und die Gewinne aus Erfüllung und Selbstverwirklichung berücksichtigt, welche dem ausschließlich ökonomisch orientierten Produktivitäts- und Rentabilitätskult fremd sind.“
(Pierre Bourdieu: Gegenfeuer)
Bei all der berechtigten Kritik an Kanzler Merz sei doch noch einmal angemerkt, dass die zahllosen transnationalen und nationalen Krisenphänomene, von denen wir umzingelt sind, die Politik „in die Ohnmacht einer Instanz versetzen, die über das Wetter herrscht“ (Oskar Negt). Ein anderer Kanzler oder eine andere Kanzlerin geriete zunächst einmal in die gleiche Position der Hilflosigkeit. Die Politik hat sich im Zeitalter der entfesselten Märkte und der Globalisierung in diese ohnmächtige Position versetzen lassen und müsste sich zunächst einmal zu einer handlungsfähigen Instanz zurückentwickeln. Ihre Ohnmacht ist kein Naturgesetz, wie man uns einreden will. Politik könnte zu einer Kraft werden, mittels derer die Gesellschaft auf sich selbst als Ganzes einwirkt. Diese gestalterische Potenz von Politik könnte eine mündige Bürgerschaft für sich reklamieren und zur Geltung bringen. Die Ökonomie würde zu einer dienenden Kraft, die sich gesellschaftlichen und demokratisch ausgehandelten Zielsetzungen unterzuordnen hätte. Eine freie Gesellschaft könnte selbst entscheiden, was und wie produziert und wie das Produzierte verteilt werden soll. Pierre Bourdieu sagte, es gelte eine „Ökonomie des Glücks“ hervorzubringen, deren Hauptproduktionsgegenstand befriedigende menschliche Beziehungen seien. Wie weit haben wir es kommen lassen, dass diese Selbstverständlichkeit in unseren Ohren wie eine unerfüllbare Utopie klingt? Nur der vormalige Papst wagte gelegentlich daran zu erinnern, dass die Ökonomie für die Menschen da ist und nicht umgekehrt!
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Ein Mädchen zeigt U stolz einen Teddybär, den sie in die Schule mitgebracht hat. Den habe sie geschenkt bekommen, als sie mit einem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht worden sei. Warum das? Weil sie mit der Nase keine Luft bekommen habe. Statt eine Weile durch den Mund zu atmen und dem Kind ein paar Tropfen in die Nase zu träufeln, ruft die Mutter den Rettungsdienst, der es in die Notaufnahme bringt. So ein Transport bindet menschliche Kräfte und kostet im Schnitt 750 Euro. Kein Wunder, dass von früh bis spät die Martinshörner jaulen und die Kosten im Gesundheitswesen explodieren. Die Menschen büßen ihre Alltagskompetenzen mehr und mehr ein und sind ständig auf die Hilfe von Experten angewiesen. Eines Tages werden sie sich nicht mehr selbst den Hintern abputzen können. Statt den Leute, die zu unrecht den Rettungsdienst in Anspruch nehmen, den Transport in Rechnung zu stellen, bekommen die Kinder auch noch einen Teddy als Belohnung. Dieses Verhalten wird also prämiert.
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„Brutalität, Großmäuligkeit und Hirnlosigkeit haben nicht abschreckend, sondern anziehend gewirkt, das bleibt eine nicht zu übersehende Tatsache.“
(Carl von Ossiezky)
Auch der gestrige Wahlsonntag mit den Entscheidungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern endete mit erschreckenden Erfolgen der rechtsradikalen AfD. Was soll deren weiteren Siegeszug noch aufhalten? Die seit Jahren andauernde Krise, die eine Kumulation von lauter Teilkrisen ist, ist der Garant und der Nährboden ihres Erfolges. Dazu kommt der ungestillte metaphysische Hunger vieler Menschen, der sie nach populistischem Fastfood greifen lässt. Lösungen werden nur von den jetzigen Regierungsparteien erwartet und gefordert, nicht aber von jenen, die sie ablösen wollen. Da genügen diffuse Heilsversprechen und wütende Attacken auf die „etablierten Parteien“. Erschreckend zu sehen, wie hilflos die bürgerliche Demokratie sich gegenüber den Bestrebungen zu ihrer Abschaffung verhält. Sie wohnt ihnen bei, ohne energisch Gegenwehr zu leisten. Ich sah gerade eine Dokumentation über die Machtergreifung der Nationalsozialisten, in der ihr Propagandaminister Goebbels mit dem Satz zitiert wird: „Das wird immer einer der besten Witze der Demokratie bleiben, dass sie ihren Todfeinden die Mittel selber stellte, durch die sie vernichtet wurde.“ So war es damals und ist es leider noch heute. Ich meine, ich las den folgenden Satz bei Sartre: „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit!“
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In der neuen, der fünften Staffel von „Babylon Berlin“ geht es um den Aufenthalt von Adolf Hitler im Lazarett. Er war in den letzten Kriegstagen wegen einer Erblindung in das Lazarett in Pasewalk in Vorpommern eingeliefert worden. Dort führte er Gespräche mit einem Arzt, der später Professor für Psychiatrie an der Universität Greifswald wurde. Da dieser vorhatte, eine wissenschaftliche Arbeit über Kriegspsychosen zu schreiben, fertige er von seinen Gesprächen mit den Patienten Notizen an. So auch von seinen Begegnungen mit Hitler. Laut dieser Protokolle soll Hitler gesagt haben, er habe nicht „für Habsburg fechten“ wollen und sei deshalb in den Dienst der Deutschen getreten. Das „neue Deutschland von 70/71 sei groß und hart, das alte Österreich von 1866 aber weich und morsch. Der Judt habe alles vergiftet, niemand anders, wie er auch Galizien vergiftet und ‚ratzekahl‘ gefressen habe. Er kam immer wieder auf die Juden zurück. Sie seien die schwarze Rasse im eigentlichen Sinn, die Todfeinde der Deutschen als der weißen Rasse. … Der eine müsse leben, der andere zugrunde gehen.“ Der Arzt trug ins Krankenblatt ein, Hitler sei „ein Psychopath mit hysterischen Zügen“ und für eine „weitere militärische Laufbahn ungeeignet“. Edmund Forster, so hieß der Arzt, hatte nämlich herausgefunden, dass Hitlers Blindheit keineswegs die Folge eines englischen Gasangriffs war, sondern eine hysterische Erblindung. Er wollte gewissermaßen nicht sehen und wahrhaben, was um ihn herum geschah. Er hatte ihn hypnotisiert und unter der Hypnose war die Blindheit verschwunden. Er galt der damaligen Psychiatrie als „Simulant“ und „Drückeberger“, was den Psychiater berechtigte, ihm das Etikett „Psychopath“ aufzudrücken. Freud charakterisierte diese Sorte von willfährigen Ärzten und Psychiatern als „Maschinengewehre hinter der Front“. Edmund Forster verpuppte sich im Laufe der 1920er Jahre zu einem liberalen Mann, der in seiner Klinik Reformen durchsetzte und sich um einen humanen Umgang mit den Patienten bemühte. Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, schwante ihm, dass ihm der Besitz der Notizen und das Wissen um die wahren Hintergründe des Pasewalk-Aufenthalts des „Führers“ zum Verhängnis werden könnten. Im Juli 1933 fuhr er nach Paris und suchte den dorthin emigrierten Prager Arzt und Schriftsteller Ernst Weiß auf. Er vertraute ihm die Gesprächsprotokolle an und fuhr über Umwege nach Deutschland zurück. Nachdem er mehrfach von den Universitätsbehörden vorgeladen und wegen angeblicher Sympathien für den Marxismus vernommen worden war, erschoss er sich am 11. September 1933 in seiner Wohnung. Ernst Weiß baute die Notizen in seinen Roman „Der Augenzeuge“ ein, den er im Jahr 1938 schrieb. Nachdem die deutschen Truppen in Paris einmarschiert waren, nahm er sich am 15. Juni 1940 das Leben. Das Buch erschien lange nach seinem Tod im Jahr 1963 in München. Der Roman „Der Augenzeuge“ ist ein weithin unbekanntes Buch geblieben und auch sein Autor ist inzwischen in Vergessenheit geraten. Mit enormer Energie ging Hitler nach der sogenannten Machtübernahme daran, alle Zeugen und Zeugnisse der Pasewalker Ereignisse aus der Welt zu schaffen. Die Kränkung, die der Lazarett-Aufenthalt und besonders die Diagnose von Forster für ihn bedeutete, war ihm wie Salz in eine schlecht verheilte Wunde gefahren. Die Gebäude des Lazaretts wurden eingeebnet und durch eine Gedenk- und Weihestätte ersetzt, die Zeugen, die etwas wussten oder etwas wissen konnten, in den Tod getrieben oder ermordet. Nachlesen kann man das alles in dem Buch von Bernhard Horstmann: „Hitler in Pasewalk. Die Hypnose und ihre Folgen“. Erschienen ist es im Droste-Verlag in Düsseldorf 2004. Man kann dieses Buch, allerdings zu horrenden Preisen, antiquarisch erwerben.
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Jetzt kann jeder Tag an der Lahn der letzte sein, und ich verlasse den Ort stets in einer Abschiedsstimmung. Das Wasser hat jetzt noch 16/17 Grad, es beginnt beim Eintauchen zu schmerzen und ich halte es nur noch für Momente aus. In der Nachmittagssonne war es gestern Nachmittag aber sehr angenehm. Im Gebüsch am gegenüberliegenden Ufer tummelten sich Eisvögel, die ich beim Fischen eine ganze Weile beobachten konnte. Immer wieder stürzten sie sich von einem überhängenden Ast aus ins Wasser und tauchten mit einem kleinen Fisch im Schnabel wieder auf. Ich ging zwischendurch mal den Uferweg entlang, um nach Walnüssen zu schauen. Aber an den zwei oder drei Nussbäumen, die dort stehen, hingen keine Nüsse. Ich setzte mich dann noch für eine Weile auf die Treppe am Steg und schaute den Blättern zu, die auf dem Fluss dahintrieben. Den gerade aufs Wasser gefallenen Blättern trieb der Wind vor sich her – wie kleine Segelboote.
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Diese Folge der DHP stellt ein kleines Jubiläum dar: Es ist Nummer 150. Wenn ich mal davon ausgehe, dass jede Folge ungefähr zehn Seiten lang ist, hab ich seit dem Jahr 2020 circa 1.500 Seiten Durchhalteprosa verfasst. Es gibt tatsächlich ein paar Menschen, die das Geschriebene lesen. Gelegentliche Rückmeldungen bestätigen das. Aber ich würde auch ohne diese spärliche Resonanz weiterschreiben. Das Schreiben ist Teil meines Alltags geworden, der ohne es zerfallen würde. Das Schreiben hält mich und meine Tage zusammen. Es stellt eine Art Korsett dar. Aber es befördert auch meine Vereinsamung, da es eine monologische Tätigkeit ist, die mich am Schreibtisch festhält. Schreiben hat Einsamkeit zur Voraussetzung und verstärkt sie. Da ich um die Gefahren wusste, die nach dem Ende der Berufstätigkeit drohen, hatte ich mit einigen Freunden bei Zeiten den „Georg Büchner-Club“ ins Leben gerufen, der ein Mal pro Monat eine Veranstaltung zu einem aktuellen Thema durchführte. In der Zeit der Pandemie ging das plötzlich nicht mehr und der Club stellte seinen Betrieb ein. Auseinandersetzungen, wie sie für linke Gruppierungen typisch sind, taten ein Übriges. Spätestens der russische Überfall auf die Ukraine hätte den Büchner-Club ohnehin zerrissen. Es gab in ihm eine kleine Gruppe von Spätstalinisten und Putin-Freunden, deren Bestreben es war, den Club zu kapern und thematisch zu bestimmen. Sie waren bereit, jede russische Schandtat zu rechtfertigen und den Opfern die Schuld zuzuweisen. Also, zerrissen hätte es uns eh. Auch die Ereignisse um Gaza bargen genügend Sprengstoff, um ein fragiles Gebilde wie den Büchner-Club in die Luft zu jagen. Der Zerfall dieser letzten Form von linker Gegenöffentlichkeit hat meine Vereinsamung begünstigt und vorangetrieben. Für die Tageszeitung „junge Welt“ habe ich im Jahr 2018 unter der Überschrift „Aus der Welt gefallen“ einen Text zum Thema Einsamkeit veröffentlicht, der allerdings hinter einer Bezahlschranke liegt.
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Die modernen Naturwissenschaften haben im Interesse der Naturbeherrschung die Welt auf eine Summe gesetzmäßiger Mechanismen reduziert, die auf mathematische Formeln gebracht werden können. Dieses Denken, heißt es in André Gorz‘ „Kritik der ökonomischen Vernunft“, bringt schließlich eine Maschine hervor, „die das Denken der Äußerlichkeit durch die Äußerlichkeit dieses Denkens selbst ersetzt und seitdem als Bezugspunkt für den menschlichen Geist dient: der Computer, gleichzeitig Rechenmaschine und ‚künstliche Intelligenz‘, Maschine zur Komposition von Musik, zum Schreiben von Gedichten, zur Krankheitsdiagnose, zur Übersetzung, zum Sprechen … Die Fähigkeit zum Entwurf von Maschinen begreift sich schließlich selbst als Maschine; der Geist, der in der Lage ist, wie eine Maschine zu funktionieren, erkennt sich in der Maschine wieder, die in der Lage ist, wie er selbst zu funktionieren – ohne zu begreifen, daß in Wirklichkeit die Maschine nicht wie der Geist funktioniert, sondern nur wie jener Geist, der gelernt hat, wie eine Maschine zu funktionieren.“
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Das Vorhaben der Berliner Linken, große Immobilienkonzerne zu vergesellschaften, für das sich vor Jahren auch eine Mehrheit der Bevölkerung ausgesprochen hat, hat bei Kanzler Merz reflexartig den Impuls geweckt, so etwas gesetzlich verbieten zu lassen. Erste Entwürfe eines entsprechenden Gesetzes würden bereits zwischen Justiz- und Innenministerium abgestimmt. Es scheint eilig zu sein. Es bewahrheitet sich wieder einmal die alte Befürchtung von Peter Brückner, dass wir in einer Gesellschaft leben, „in der das Privateigentum vor dem Menschen sehr stark, der Mensch vor dem Privateigentum aber nur sehr schwach geschützt ist“. Vielen wird das erst klar, seit öffentlich über das Privateigentum an Wohnungen diskutiert wird. Heinrich Zilles auf die Berliner Mietskasernen gemünzter Satz „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt“, wird der Erfahrung wieder zugänglich. Die heutige Fassung müsste lauten: „Man kann einen Menschen mit dem Entzug einer Wohnung genauso töten wie mit einer Axt.“
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