„Dies muss man benutzen, wenn man sie aus ihrer Erniedrigung hervorziehen will; man muss ihnen zeigen und vorrechnen, dass sie einem Staate angehören, dessen Lasten sie größtenteils tragen müssen, während andere den Vorteil davon beziehen …“
(Georg Büchner: Der hessische Landbote)
Auch dieses Jahr zieht der Faschingszug wieder an unserem Haus vorüber und er wird von Jahr zu Jahr stumpfsinniger und einfallsloser. Motivwagen gibt es keine mehr. Auf den Anhängern oder Ladeflächen der Zugmaschinen stehen „Helau“ brüllende, meist schon betrunkene Karnevalisten aus irgendeinem Kaff hier in der Nähe und werfen in gewissen Abständen irgendwelche scheußlichen Süßigkeiten in die am Straßenrand wartenden Menschen. Kinder haben Tüten und Säcke mitgebracht, in die sie möglichst viel von dem ekligen Zeug einsammeln und mit nach Hause nehmen. Die Musik, die dazu von den Wagen gespielt wird, ist die inzwischen übliche Bums-Musik, eine fürchterliche Mischung aus Techno und Schlager. Auf dem Rückweg von unserem Spaziergang sahen wir eine junge Frau vor dem Eingang zum Offenen Strafvollzug stehen und auf die Tür starren. Sie wandte sich an mich und fragte, unruhig von einem Bein aufs andere tretend und sichtlich schwer betrunken: „Kann ich hier mal auf die Toilette?“ „Ich glaube nicht, dass man Sie zum Pinkeln ins Gefängnis lässt“, erklärte ich ihr. Die Stadt hallt wieder von Sirenen der Rettungswagen und dem Gejohle der Feiernden.
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„Ein Frosch sah einstmals einen Stier,
Des Wuchs ihm ungemein gefallen.
Kaum größer als ein Ei, war doch voll Neid das Tier;
Er reckt und bläht sich auf mit seinen Kräften allen,
Dem feisten Rind an Größe gleich zu sein.“
(Jean de La Fontaine)
Gestern sah ich nach dem Eisschnelllauf der Damen über 500 Meter eine blonde Holländerin, die ganz offensichtlich den Sport betreibt, um die Anzahl ihrer Follower und ihre Werbeeinnahmen zu steigern. Auf Instagram hat sie während der laufenden Olympischen Spiele die Zahl ihrer Follower auf über sechs Millionen gesteigert. Während andere Sportlerinnen sich die Fahrtkosten bei Sponsoren mühsam zusammensammeln müssen, reist Jutta Leerdam inzwischen mit dem eigenen Flugzeug zu den Wettkämpfen an. Gestern belegte sie „nur“ Platz zwei und musste ihrer Landsfrau Femke Kok den Vortritt lassen. Ich sah, wie sie nach dem Zieleinlauf ihre Frisur richtete und sich in eine fotogene Pose rückte. Die Sorge galt den künstlichen Wimpern. Hätte nur noch gefehlt, dass irgendein Lakai ihr einen Spiegel vorgehalten hätte. Ihr Sieg über die 1000 Meter hat ihr bereits eine Million neue Follower eingetragen. Die Olympiateilnahme hat sich also gelohnt und buchstäblich ausgezahlt.
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Was mir auffällt: Auch die Sportmoderatorinnen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind inzwischen solche Glamourgirls. Sie sehen aus wie geklont, man kann sie kaum unterscheiden. Ich sehne mich nach Carmen Thomas zurück
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Für die deutsche Eishockeymannschaft läuft es nicht so gut. Man war im Vorfeld der Spiele ähnlich großspurig aufgetreten, wie wir es von den Fußballern in den letzten Jahren kennen, und hatte sich gerühmt, die beste deutsche Eishockey-Nationalmannschaft aller Zeiten aufgeboten zu haben. Der Bohei um den „Superstar“ Leon Draisaitl war und ist unerträglich. Er fiel dann in den bisherigen Spielen nicht weiter auf. Man wähnte sich auf Augenhöhe mit Spitzenteams wie Kanada und den USA, dann quälte man sich zu einem mühsamen Sieg über Dänemark, verlor knapp gegen Lettland, bezog dann eine richtige Klatsche gegen die USA und muss nun in einer Art Trostrunde und um den Verbleib im Turnier bangen. Die deutsche Selbstüberschätzung scheint ein Begleitphänomen des realen Niedergangs in fast allen gesellschaftlichen Sphären zu sein. Etwas Bescheidenheit und Einsicht in die reale Lage stünde uns gut zu Gesicht. Vielleicht würde es dann auch irgendwann mal wieder besser. Unterdessen ist die deutsche Mannschaft im Viertelfinale gegen die Slowakei mit einer 2:6-Klatsche ausgeschieden. Fazit: Ein paar eingeflogene NHL-Stars machen aus einer mittelmäßigen deutschen Mannschaft noch keine Top-Mannschaft.
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Kurzer Bericht aus dem alltäglichen Krieg. In einer sogenannten Fahrradstraße schert ein Auto aus einer Parklücke aus, ohne zu schauen, ob ein Radfahrer naht. Ich kann gerade so einen Sturz vermeiden und protestiere akustisch und gestisch. Daraufhin steigt der Autofahrer aus und brüllt: „Was ist denn, Opa, hab dich nicht so, ist doch nichts passiert.“ Später folgen noch weitere richtig üble Beschimpfungen. Resigniert fahre ich weiter. Auch der Zuspruch von Passanten, die Zeugen der Szene geworden sind, helfen mir in dieser Situation nicht weiter. Ihre Anwesenheit verhindert aber womöglich Schlimmeres.
Tags zuvor hatte mich eine Autofahrerin übel geschnitten und mir auf dem Rad die Vorfahrt genommen. Als ich protestierte, öffnete sie den Schlag und schrie: „Hat die Fresse, du Arschloch! Sonst komme ich dir gleich mal rüber.“ Obwohl die Lage eindeutig war, beharrte sie darauf, Vorfahrt gehabt zu haben. Sie war hyper-aggressiv und sah so aus, als legte man sich besser nicht mit ihr an. Auch hier gab ich letztlich klein bei und trollte mich. Was wird aus meiner Wut? Sie wird in der inneren Watte meiner Passivität stumpf. Aber irgendwo muss sie ja bleiben. Sie verwandelt sich in ein chiffriertes Ausdruckgeschehen und erzwingt möglicherweise einen Daueralarm vegetativer Leistungen. Das könnte auch das Geheimnis hinter meinem Herzinfarkt sein. Krankheitssymptome besitzen ja einen Ausdruckswert und können etwas ausdrücken, das der Kranke nicht bewusst formulieren kann. Wohin mit der Wut, die die Verhältnisse unablässig in uns erzeugen? Gegen wen oder was soll die akkumulierte Wut sich wenden, wen können wir zur Verantwortung ziehen? Wer ist Schuld an unserem diffusen oder auch konkreten Unbehagen? Gestaute Wut und an der Äußerung gehinderte Aggressionen stecken hinter vielen rätselhaften Phänomenen dieser Kultur und gehen ihr von innen her an die Subtanz. Die freie, ungebundene Aggressivität richtet sich mit Vorliebe gegen Schwächere, Außenseiter und Sündenböcke und wird ganz gezielt auf sie gelenkt. Die Herrschenden versuchen den Frust der Beherrschten auf die Bürgergeldbezieher und die Fremden umzulenken. Kanzler Merz suggeriert den Leuten, dass es in Deutschland nicht aufwärts gehe, liege nicht an seiner Politik, sondern an der verbreiteten Faulheit und den vielen Krankschreibungen. Der Chef einer bürgerlichen Regierung kann die gegenwärtige Gesellschaft nicht als Kapitalismus bezeichnen und muss deswegen auf die Benennung jener Mechanismen verzichten, die eine Regierung „in die Ohnmacht einer Instanz versetzen, die über das Wetter herrscht“ (Oskar Negt). Er muss es deswegen auch hinnehmen, dass weite Teile der Presse und die Industriebosse alle Mängel des Systems der Regierung anlasten.
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„Wie eine Ware und von Waren ist menschliche Subjektivität nicht herstellbar.“
(Peter Brückner)
Jemand hat entdeckt, dass ich schon vor rund 15 Jahren auf Tendenzen aufmerksam gemacht habe, die erst in der Gegenwart deutlicher zu Tage treten und nun auch eine breitere Öffentlichkeit beschäftigen. Die Diskussion wird gegenwärtig allerdings auf die Frage verengt, ob man Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Social Media verbieten sollte. Laut einer Studie der OECD verbringen 15-Jährige in Deutschland im Schnitt 48 Stunden wöchentlich – also fast sieben Stunden am Tag – am Handy, und das heißt mit Social Media. Dass das Einfluss auf die noch in der Entwicklung begriffenen Gehirne und psychischen Strukturen hat, wird jedem einleuchten. Die Neurobiologin und Hirnforscherin Gertrud Teuchert-Noodt hat bereits im Jahr 2019 in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung „junge Welt“ darauf hingewiesen, dass eine Gesellschaft, die den ungezügelten Gebrauch von Smartphones durch Kinder und Jugendliche zulässt, im Begriff ist, aus ihnen „Psychopathen“ zu machen. Ich habe aus einer anderen Perspektive in verschiedenen Texten auf diese Entwicklungen hingewiesen, zum Beispiel in diesem hier, der 2019 auf den „Nachdenkseiten“ erschienen ist: Digital idiots – Zur Kritik des „Digitalpakts für Schulen“.
Ich ziehe es vor, die Problematik weiter zu fassen und zu diskutieren. Mir war vor rund 15 Jahren aufgefallen, dass die meisten Mütter ihre Kleinkinder „verkehrt herum“ in den Kinderwagen setzen, mit von ihnen abgewandtem Blick. Ich vertrat vehement die These, dass es genau dieser Blickkontakt zwischen Mutter und Kind ist, auf den es ankommt und der für die „psychische Geburt“ des Kindes wesentlich ist. Der Blick der Mutter ist die Brücke, über die das Kind den Weg in die Welt und zu den Anderen findet, oder eben nicht oder nur „grundgestört“. Viele der emotionalen Mangelkrankheiten, die gegenwärtig um sich greifen, haben womöglich in einer gestörten und defizitären Mutter-Kind-Beziehung ihren Ursprung. Diese entzieht sich natürlich staatlichen Regelungen und basiert auf Empfindungen und Sensibilitäten, die man entweder hat oder eben nicht hat. Verordnen und auf Rezept einüben lassen sie sich nicht. Das Social-Media-Verbot, das derzeit diskutiert wird, ist nicht mehr als das Herumdoktern an Symptomen, die berühmte Hühneraugenoperation bei einem Krebskranken. Der Artikel ist damals wie ein Mehlklößchen ins Gebüsch gekullert, was soviel heißen soll: Er fand keinerlei Beachtung. Ein Grund, ihn nochmal zugänglich zu machen: https://fuerkinder.org/blog/wenn-babys-weinen-und-niemand-mehr-zuhoert/
Erst gestern traf ich vor der Haustür auf eine junge Mutter, die ihr Baby in einem Tragetuch an der Brust mit sich trug, was zu begrüßen ist. Aber statt sich mit dem Kind zu beschäftigen und im emotionalen Austausch mit ihm zu sein, quatschte sie in ihr Handy hinein, das sie wenige Zentimeter neben den Kopf des Kindes hielt. Das Kind hört also die vertraute Stimme der Mutter, merkt aber, dass sie nicht ihm gilt. Was macht das mit der sich gerade erst ausbildenden Psyche und dem Selbstgefühl des Kindes? Viele junge Mütter führen ihre Babys mit sich, um sie vorzuführen, um zu zeigen, dass sie eins haben. Das Baby als Prestigeobjekt, als Distinktionsmerkmal oder Komplettierung eines Lebensstils? Die Folgen all dieser Entwicklungen werden erst Jahre später sichtbar und irgendwann neuartige Störungsbilder hervorbringen. Ich habe vor etlichen Jahren mal von der „gesellschaftlichen Produktion von Psychopathen“ geschrieben: Zum Beispiel im ersten Band meiner Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, der unter dem Titel „Zwischen Amok und Alzheimer“ im Jahr 2015 erschienen ist. Die zentrale These dort lautet: Die Ausdehnung von industriellen Rhythmen auf die Sozialisation droht die Plastizität der inneren Natur des Menschen zu zerstören. Der gesellschaftlich organisierten Versachlichung des Innenlebens sind Grenzen gesetzt, deren Überschreitung ungeahnte Risiken und Nebenwirkungen freisetzt. In Termini von Henri Lefebvre: Es kommt darauf an, dafür zu sorgen, dass „kumulative und nichtkumulative Prozesse“ miteinander verbunden bleiben, was immer seltener gelingt und schwieriger wird. Erst in der Spätphase der kapitalistischen Entwicklung tritt ein Problem ins Bewusstsein, das diese Produktionsweise von Anbeginn an begleitet: In der Durchsetzung der Wertabstraktion bezog sich das Kapitalverhältnis – und bezieht sich bis heute – auf vor- oder nebenkapitalistische Prozesstypen, bezog und bezieht sich auf sie als seine eigene Natur. In dem Umstand, dass diese Naturbasis sukzessive zerstört wird, sah Peter Brückner die Gefahr der Entstehung einer „inneren ökologischen Krise“. Eine Zeit lang wurde innerhalb der Linken heftig diskutiert, ob es sein könne, dass der Tauschwert den Gebrauchswert ganz aufgefressen habe. Brückner gehörte zu denjenigen linken Theoretikern, die meinten, das Kapital müsse, bei Strafe seines Untergangs, Inseln einer gebrauchswertbezogenen Zwischenmenschlichkeit lassen. Sonst riskiere es seine eigene Selbstzerstörung. Dieser Konflikt ist – hoffentlich – bis heute nicht entschieden. Denn solange noch Spuren des Gebrauchswerts existieren, besteht noch Hoffnung. Die vollendete Herrschaft des Tauschwerts wäre gleichbedeutend mit vollendeter Eindimensionalität und dem Ende der Dialektik, die ja im Kern von der Spannung zwischen Tausch- und Gebrauchswert lebt.
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Die Krankenhäuser haben, wie zu hören ist, alle Hände voll zu tun mit der Versorgung von Brüchen, die sich die Menschen durch Stürze auf vereisten Straßen und Bürgersteigen zuziehen. Dieses Jahr ist der Winter hartnäckig. Er zieht sich mal zurück, um dann grimmig wiederzukehren. Heute Morgen stieg ich nach wenigen Metern vom Rad, weil mir die Fahrt über eisige Straßen dann doch zu riskant erschien. Überall lagen steinharte, eisige Brocken, bei deren Überquerung man prima abrutschen konnte. Ich ging also zu Fuß zum Lebensmittelmarkt. Dort glitt mir ein Joghurtbecher aus den klammen Fingern und platzte am Boden auf. Ich suchte die nächste Mitarbeiterin, beichtete mein Missgeschick und entschuldigte mich bei ihr für die Mühe, die ich ihr bereitet hatte. Sie lachte und sagte: „Hinter den Kunden herzuwischen, gehört zu unserem Job.“ Erst jetzt merkte ich, dass auch mein Hosenbein etwas abbekommen hatte. Die freundliche Mitarbeiterin reichte mir ein Papiertuch, mit dem ich meine Hose notdürftig reinigen konnte. Ich war erleichtert, als ich wieder zu Hause angekommen war und meine Espresso-Kanne aufsetzen konnte. Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ hatte es schwer, sich gegen den Lärm einer Bohrmaschine zu behaupten, der von einer Baustelle herüberdrang. Wie so oft in letzter Zeit triumphierte die Bohrmaschine. U freut sich über den Besuch von Vögeln auf ihrem Fensterbrett, wo sie ihnen Futter bereitstellt. Manchmal taucht auch eine Krähe auf, die die kleineren Vögel für eine Weile verscheucht. U freut sich besonders über den Besuch eines Rotkehlchens, das ihr gelegentlich die Ehre seiner Anwesenheit erweist.
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Was für eine Undankbarkeit! Von Trump selbst ins Amt gehievte konservative Richter spuren nicht. Der Oberste Gerichtshof der USA hat die von ihm verhängten Zölle gegen viele Handelspartner für unzulässig erklärt. Er habe die dafür von der Verfassung vorgesehenen Regeln nicht eingehalten und den Kongress übergangen. Trump regiert seit Antritt seiner zweiten Amtsperiode quasi mit Dekreten Notverordnungen, für die die rechtlichen Voraussetzungen fehlen. Wie reagiert Trump nun auf diese juristische Klatsche? Er lässt sich nicht beirren und macht weiter wie zuvor. Er bedient sich eines Verfahrens, das mir aus dem Strafvollzug vertraut ist. Hatte ein Gericht eine Entscheidung des Gefängnisses aufgehoben, erhielt der Gefangene von der Vollzugsbehörde denselben ablehnenden Bescheid noch einmal – nur anders begründet. Zur Strafe erhöhte Trump die weltweit verhängten Zölle von 10 auf 15 Prozent. Die Zeche dieser absurden Politik zahlt die amerikanische Bevölkerung.
Die 250-jährige Demokratie setzt ihrer Selbstabschaffung auf verschiedenen Ebenen Widerstand entgegen, von der institutionellen bis zur zivilgesellschaftlichen. Vielleicht waren wir doch etwas zu flott mit dem Abschreiben der amerikanischen Demokratie, deren Strukturen sich der französische Philosoph und frühe Politikwissenschaftler Alexis de Tocqueville 1831/32 auf einer ausgedehnten Reise durch die Vereinigten Staates ansah. Er schrieb darüber ein auch heute noch lesenswertes zweibändiges Werk: „Über die Demokratie in Amerika“. Im Zentrum seines Interesses stand interessanterweise das System des Strafvollzugs, das er auf Bitten des französischen Innenministers intensiv studierte. Man wollte wissen, ob sich die Zellengefängnisse bewährten und welche Wirkungen man mit der Einzelhaft erzielte. Würden die Übeltäter durch ihre Vereinzelung zu besseren Menschen? Letztlich ging schon Toqueville davon aus, dass man, wenn man herausfinden will, wie eine Gesellschaft beschaffen ist, sich ihre Gefängnisse anschauen muss. Dort, an ihren Rändern, gibt sie sich als Ganze zu erkennen. Die zellenförmige Isolierung voneinander ist das Grundmuster der bürgerlichen Gesellschaft und die zeitlich begrenzte Freiheitsstrafe die ihr gemäße Form des Strafens. Anlässlich des 200. Jahrestags der Hinrichtung der Posträuber von Kombach habe ich auf Telepolis ein paar kleine Anmerkungen zur Entwicklung des Strafsystems gemacht: https://www.telepolis.de/article/Justizmord-im-Namen-des-Gesetzes-Die-Hinrichtung-der-Hungrigen-9962147.html
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Meine Hirnantilope setzt endlich mal wieder zum Sprung an. Ein Gutachter, der meine Arbeit im Gefängnis sehr respektierte, sagte einmal zu mir: Die Stellung, die Sie hier einnehmen, erinnert mich an die Lage der Heizer, die nach der Elektrifizierung der Eisenbahn noch eine Weile mitfahren durften. Die Heizer waren gewerkschaftlich gut organisiert, und die Gewerkschaft der Heizer sorgte dafür, dass sie nicht einfach rausgeworfen werden konnten. Aber überflüssig wurden sie doch. Ich erkenne mich seit Langem, und nicht nur im Gefängnis, in der Position dieser Heizer wieder. Man duldet mich noch, weil ich nun mal da bin und nicht einfach entsorgt werden kann. Ich verstehe mich als jemand, der das Streu des Alltags aufsammelt und bewahrt, bevor es von den Kehrmaschinen endgültig beseitigt wird.
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„Denn aus der Eltern Obrigkeit fließt und breitet sich aus alle andere. Denn wo ein Vater nicht allein vermag sein Kind aufzuziehen, nimmt er einen Schulmeister dazu, der es lehre; ist er zu schwach, so nimmt er seine Freunde oder Nachbarn zu Hilfe; geht er ab, so befiehlt er und übergibt das Regiment und Oberhand andern, die man dazu ordnet; item, so muss er auch Gesinde, Knechte und Mägde zum Hausregiment unter sich haben, also, dass alle, die Man Herrn heißt, an der Eltern Statt sind und von ihnen Kraft und Macht zu regieren nehmen müssen. Daher sie auch nach der Schrift alle Väter heißen …“
(Martin Luther, zitiert nach Herbert Marcuse: Studie über Autorität und Familie)
Häufig hört man die Klage, die jungen Leute besäßen keinen „moralischen Kompass“ mehr. Den hat man nicht qua Geburt, sondern man erwirbt ihn im Kontext von Identifikationen mit leibhaftig anwesenden Erwachsenen. Normen und Werte rutschen nur dann nach innen und setzen sich dort als Gewissen fest, wenn sie einem Kind von liebenden und haltenden Eltern oder geeigneten Ersatzpersonen vermittelt werden. Diese Aufgabe ist an keine andere Instanz delegierbar und schon gar nicht an Techniken oder Maschinen. Deswegen ist das Aufwachsen an Bildmaschinen und deren Einfluss in der sensiblen Phase der kindlichen Entwiclung so problematisch. Christoph Türcke sagt dazu in seinem Buch „Digitale Gefolgschaft“: „Kinder lernen zunächst vornehmlich ihren Eltern zuliebe: am Leitfaden von deren Einstellungen, Vorlieben und Abneigungen. Sachverhalte treten nicht als neutrale Gebilde ins kindliche Wahrnehmungsfeld, sondern als Elternfortsätze. Erst allmählich verlieren sie die elterliche Färbung.“ Auch die erste Schulzeit ist von einem Vorrang der Sachlichkeit noch weit entfernt. „Sechsjährige sind außerstande, allein zu entscheiden. Welche Sachverhalte ihnen zuträglich sind. Sie brauchen zeigende Fürsprecher. Sie lernen in hohem Maße ihren Lehrern zuliebe. Diese wiederum stehen vor der Aufgabe, die ihnen entgegengebrachte Zuneigung auf die im Unterricht verhandelten Sachverhalte umzulenken und die Kinder dabei von ihrer eigenen Person zunehmend unabhängig zu machen.“ Diese Anmerkungen von Christoph Türcke markieren die Grenzen der Digitalisierung von Unterricht und Schule, die auch und gerade von sich für fortschrittlich haltenden Pädagogen oft nicht zur Kenntnis genommen werden. U berichtete mir von der großen Begeisterung, mit der die Ankunft der Tablets und die Abschaffung der Tafeln, an die man mit Kreide schrieb, begrüßt wurden. Lernen funktioniert nicht nach der Formel pi x qu durch Baumstamm, sondern folgt einer eigensinnigen Logik.
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Beim Start zum olympischen Halfpipe-Wettbewerb sah ich eine der Favoritinnen am Start, wie sie Sekunden vor Beginn ihres Laufs noch einmal auf ihr Handy schaute, ob nicht irgendeine neue Nachricht eingegangen wäre. Ich gehe davon aus, dass sie ihr Smartphone auch während ihres „Runs“ am Körper mit sich führte, um eventuell auch während eines Sprungs erreichbar zu sein und ihre Follower auf dem Laufenden zu halten.
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„Die Frage ist, warum es nur Populisten gelingen sollte, an die negativen Gefühle der Menschen anzuknüpfen und sie in positive zu verwandeln. Warum nutzen nur sie erfolgreich Gefühle, warum sollten nur sie eine Geschichte mit gutem Ausgang zu erzählen haben?“
(Axel Hacke: Wie fühlst du dich?)
Kontrollverluste über die eigenen Lebensbedingungen erzeugen Bedrohtheitsgefühle. Zeitverfall, Kontinuitätsverfall, Anerkennungsverfall, Erfahrungsverlust. Das Zugleich von Identitäts-, Erfahrungs- und Orientierungsverlust setzt enorme Ängste frei, die frei im Raum herumflottieren und sich an dieses jenes Heften. Der Populismus versteht es, diese Ängste zu bewirtschaften, ihnen eine Richtung zu geben und aus ihnen Kapital zu schlagen. Der Populismus hat hat überall dort eine Chance, wo Menschen aufhören zu hoffen, Sinnstrukturen zerbrechen und sie kein Gefühl der Kohärenz mehr haben. Erinnern wir uns: Kohärenz ist laut Antonovsky zusammengesetzt aus Handhabbarkeit, Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit unseres Lebens. Wer sein Kohärenzgefühl einbüßt, verliert die Orientierung und die Kontrolle über seinen Lebensfluss. Er möchte sie unbedingt wiedergewinnen und ist bereit, dafür fast jeden Preis zu zahlen. Eine Orientierung muss her, und sei sie noch so absurd und abstrus. Fakten und Wahrheit spielen dabei kaum noch eine Rolle. „Die demokratische Mitte muss schleunigst eine Antwort auf die Frage finden, wie Wahlen zu gewinnen sind in einer Welt, in der die kleinen Gefühle manchmal schwerer wiegen als die großen Fakten“, zitiert Axel Hacke die Zeit-Reporterin Kerstin Kohlenberg.
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„Er dachte darüber nach, wie es denn gekommen war, dass er keine Macht wollte, keine von oben verliehene und von unten nicht kontrollierte Macht.“
(Erich Loest: Durch die Erde ein Riss)
Am 24. Februar 1926, also vor 100 Jahren, wurde Erich Loest in Mittweida in Sachsen geboren. Er war Soldat, Hilfsarbeiter, dann Volontär und Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung, noch später Schriftsteller. Erich Loest ist 2013 in Leipzig aus einem Fenster der Uni-Klinik in den Tod gesprungen. Wegen seiner Parteinahme für den Aufstand vom Juni 1953 war er wegen einer angeblichen „konterrevolutionären Gruppenbildung“ verurteilt worden. Seit seiner siebenjährigen Haft in Bautzen war er krank. Der ewigen Nachstellungen müde, übersiedelte Loest 1981 in die Bundesrepublik, kehrte aber Ende der 1990er Jahre nach Leipzig zurück. Loest hat großartige Bücher geschrieben, von denen ich hier nur einige nennen kann:„Durch die Erde ein Riss“ ist seine Autobiographie, den Karl May-Roman „Swallow, mein wackerer Mustang“ und seinen Hoyerswerda-Roman „Schattenboxen“. Aus Anlass seines 100. Geburtstags bringt der Hessische Rundfunk zur Zeit täglich eine Lesung seines Romans „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“, von Erich Loest selbst gelesen. Ein toller und wichtiger Autor, der unsere Aufmerksamkeit und vor allem unseren Respekt verdient.
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Heute vor vier Jahren hat Russland mit der Invasion in der Ukraine begonnen, nachdem es bereits 2014 die Halbinsel Krim okkupiert und einen Bürgerkrieg in der Ostukraine entfesselt hatte. Spätestens nach dem Bekanntwerden des Massakers, das die Russische Armee in Butscha angerichtet hat, konnte es keine Neutralität mehr geben, und der traditionelle linke Pazifismus war nicht länger vertretbar. Wer jetzt noch zögerte, Partei für das überfallene Land zu ergreifen, schlug sich sehenden Auges auf die Seite des Aggressors. Seit vier Jahren erleidet die ukrainische Bevölkerung unsagbares Leid. Die allabendlichen Bilder in den Nachrichten sind für jeden, der sich ein Gewissen bewahrt hat, unerträglich. Statt nun am vierten Jahrestag der Okkupation ein starkes Zeichen der Solidarität zu setzen, erweist sich die Europäische Union als handlungsunfähig. Ungarn und die Slowakei verhinderten mit ihren Gegenstimmen ein weiteres und schärferes Bündel von Sanktionen gegen Russland und vor allem auch die Auszahlung eines 90 Milliarden-Kredits an die Ukraine. Die Loyalität der Herren Orban und Fico Putin gegenüber ist offenbar stärker als der EU gegenüber, deren finanzielle Unterstützung man allerdings gern in Anspruch nimmt. Auf diesen ist man dringend angewiesen, vor allem, seit sich die USA aus der Unterstützung der Ukraine weitgehend zurückgezogen haben. Wer der Ukraine die Unterstützung verweigert, leistet Hilfe für den russischen Totalitarismus. Noch immer zögere ich, den Putinismus faschistisch zu nennen. Was ist der Grund für dieses Zögern? Man macht sich objektiv zum Komplizen all des Völkermörderischen und Verbrecherischen, das vom Putinismus ausgeht. Wir sollten uns nicht länger in theoretische Debatten zurückziehen und uns endlich an die Orwellsche Maxime halten, dass Grundrechte und Menschenwürde überall und bedingungslos zu verteidigen sind. Das Weltgeschehen wird von Schurken bestimmt. Wie weit sind wir von einer solidarischen, egalitären Gesellschaft mit Freundlichkeit als vorherrschendem Kommunikationsstil entfernt, der wir uns mal so nahe oder doch auf der Spur wähnten?
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Auf dem Weg zum Alten Friedhof sah ich, wie eine winzige weiße Feder im Wind umhertaumelte und dann zu Boden sank. Dort betrachtete ich sie eine Weile. Sie stammte vermutlich von der Brust einer Taube. Dann durchschritt ich die eiserne Pforte des Friedhofs. Auf den Rasenflächen zeigten sich die ersten Krokusse, auf manchen Gräbern Schneeglöckchen, deren Blütenkelche im Wind schaukelten. Oberhalb von Röntgens Grab gab es einen Placken dottergelber Winterlinge. Wie dankbar das Auge die ersten Farbtupfer in der Natur zur Kenntnis nimmt. Der Wind brauste in den Kronen der alten Bäume und riss Tannenzapfen von den Ästen einer Fichte. Einer fiel mir auf die Schulter und von dort zu Boden, wo er wegrollte. Nach Wochen, in denen sie sich zur Winterruhe in ihre Kobel zurückgezogen hatten, ließen sich endlich wieder Eichhörnchen blicken. Sie rannten durch die Frühlingssonne und schwangen sich von Baum zu Baum. Nachdem ich wochenlang vergeblich Nüsse mit mir geführt hatte, hatte ich ausgerechnet gestern keine dabei. Ein Eichhörnchen, das sich hoffnungsvoll neben mich auf die Bank wagte, wandte sich enttäuscht ab. Ab jetzt werde ich wieder welche einstecken, wenn ich zum Friedhof aufbreche.
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Donald Trump hat schon wieder eine seiner monomanischen Selbstbeweihräucherungen in Szene gesetzt. Vor beiden Kammern des Parlaments hielt er eine fast zweistündige „Rede zur Lage der Nation“. Wie immer machte er eine Vielzahl falscher und irreführender Aussagen. „Unsere Nation ist zurück – größer, besser, wohlhabender und stärker als je zuvor“, sagte er und setzte damit den Ton seiner Ansprache. Die Betonung der Größe der eigenen Nation hat meist eine dunkle Rückseite. Die Lage derer, die als nicht zur Nation gehörend begriffen werden, wird immer prekärer. Er präsentierte erneut die Migranten, besonders Somalier, als Sündenböcke. Diese brächten nichts als Unheil über das Land, seien die „schlimmsten Kriminellen auf der ganzen Welt“ und „geistesgestörte Monster“. Er ließ keinen Zweifel daran, wie mit diesen Menschen umzugehen sei: „Macht euch gefälligst aus dem Staub, und zwar schnell. Wir wollen euch hier nicht.“ Seine Claqueure sprangen von ihren Sitzen und applaudierten begeistert. Das war erneut blanker Faschismus. Der Kongress verwandelte sich in eine einzige Gymnastikgruppe, die Kniebeugen absolvierte. Nach jedem Trump-Kalauer sprangen die Republikaner von ihren Sitzen auf, applaudierten frenetisch und setzten sich dann wieder. Auch die Eishockeymannschaft der Männer, die in Italien Gold gewonnen hat, tanzte an und machte brav Männchen. Die Frauen, die ebenfalls Gold gewannen, blieben der Veranstaltung fern oder waren gar nicht erst eingeladen.
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Gestern sah ich unten auf der Straße ein adrettes junges Paar. Sie standen da, hielten sich bei den Händen und bestaunten einen schmucken SUV. „Der ist schon toll“, hörte ich die junge Frau sagen. Sie äußerte damit eine Erwartung an die gemeinsame Zukunft. Wahrscheinlich sah sie schon die Kindersitze auf der Rückbank. Es scheint dieser Gesellschaft immer noch zu gelingen, den Sehnsüchten der nachwachsenden Generation eine Warenhaut überzuziehen und sie damit ans Bestehende zu fesseln.
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„Es spricht für den Menschen, dass er unter der Wirtschaftsordnung extremster Ungleichheit noch so menschlich ist, wie er ist.“
(Leonhard Frank: Links wo das Herz ist)
Immer öfter tauchen G und ich auf unseren Gängen über den Alten Friedhof in lang zurück liegende Zeiten ein, als wir noch jung waren und die Welt uns offen zu stehen schien. Viele der unsere Erinnerungen bevölkernden Akteure sind bereits gestorben. Wir verlachen unsere Träume von damals nicht, sondern sind eher traurig, dass sie sich nicht erfüllt haben. Wir sind beide in der glücklichen Lage, nichts bereuen zu müssen. Die totalitären Versuchungen, denen viele nach dem Ende der antiautoritären Phase erlegen sind, sind an uns weitgehend vorübergegangen. Ganz im Sinne von Erich Loest: Etwas hat uns etwas davon abgehalten, nach Macht zu streben und Macht auszuüben. G wurde ein guter Lehrer, der seinen Beruf liebte und seine Schüler mochte, ich habe das Meine im Gefängnis zu tun versucht. Auf unserer Runde über den Friedhof rief ihn ein Schüler an, den er vor dreißig Jahren unterrichtet hat. Er steckt in einer schweren Lebenskrise und wendet sich Rat suchend an seinen ehemaligen Lehrer. Ein Kompliment für diesen, aber in diesem Fall natürlich auch eine Bürde. Es ist erstaunlich zu sehen, welch tiefe Spuren ein guter Lehrer in einem Lebenslauf hinterlassen kann. Leider gilt das auch für sadistische Lehrpersonen. Ein Beispiel dafür hat Leonhard Frank in seiner Erzählung „Die Urache“ geliefert. In seinem Roman „Links wo das Herz ist“ beschreibt er den Volksschullehrer Dürr: „Das Ärgste war die Angst. Seine Erziehungsmethode war, die Knaben in Angstbesessene zu verwandeln. Das Schulzimmer war mit Angst geheizt. Angst war nachts der Trauminhalt seiner Schüler. Frühere Schüler von ihm fuhren seinetwegen noch als verheiratete Männer aus Angstträumen hoch und wichen auf der Straße erschreckt zur Seite, wenn er unverhofft ihres Weges kam. … Er benutzte seine überwältigende Autorität dazu, die Persönlichkeit des Schülers auszurotten, und beging den Seelenmord gründlich. Nach kurzer Zeit bestand die Mehrzahl aus Kreaturen mit allen Eigenschaften des Untertanen, fertiges Material für die nächste Autorität, den Feldwebel im Kasernenhof, und die Empfindsameren trugen den Stempel des Irrenhauskandidaten auf der Stirn.“ Auch ich werde bis auf den heutigen Tag von bestimmten schrecklichen Lehrern verfolgt, und Angst ist das dominierende Gefühl beim Denken an meine Schulzeit. Der Roman „Links wo das Herz ist“ ist die Autobiographie von Frank, deren Lektüre ich euch dringend empfehle.
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Zwei Finnen treffen sich in einer Kneipe. „Prost“, sagt der eine. „Ich bin nicht hergekommen, um zu quatschen“, erwidert der andere.
(Ein finnischer Witz)
Aki Kaurismäki hatte eigentlich mit dem Filmemachen abgeschlossen, wurde dann aber noch einmal rückfällig. Im Jahr 2023 erschien sein Film „Fallende Blätter“, der gestern auf Arte zu sehen war. Auch beim zweiten Anschauen war ich begeistert von diesem zeitgenössischen Märchen, das, wie die meisten Märchen, gut ausgeht. Es gehe in der Welt schlimm genug zu, da wolle er lieber Filme mit glücklichem Ausgang drehen, sagte Kaurismäki einmal in einem Interview. Ich habe von meinem ersten Kontakt mit diesem Film in Folge 82 der DHP berichtet, der denn auch „Fallende Blätter“ überschrieben ist.
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Heute saß ich zur Mittagsstunde zum ersten Mal auf dem Balkon in der Sonne. Aus der Nachbarschaft wehte eine Brise Haschisch herüber. Auch andere entdeckten die Wonnen des Frühlings: Der Park war voller Menschen, die sich auf den Wiesen in die Sonne hockten und legten. Alle Bänke waren besetzt. Eine Mutter sah zu, wie ihr vielleicht zweijähriger Sohn mit einem Stock auf Schneeglöckchen eindrosch. Sie ließ ihn gewähren und beschäftigte sich mit ihrem Handy. Die Tauben haben offensichtlich meine letzte Kolumne in der Gießener Tageszeitung gelesen und sich vorgenommen, mich Lügen zu strafen. Ich hatte dort meinen Beobachtungen gemäß geschrieben, dass ich noch nie eine Taube am oder im blechernen Taubenschlag beobachtet hätte, den die Stadt am Rande des Parks hat aufstellen lassen, um die Tauben aus der Fußgängerzone wegzulocken. Nun bedeuten die zwei Tauben, die ich vorgestern am Taubenschlag sah, noch keinen radikalen Umschwung. Aber ich muss der Ehrlichkeit halber doch nachtragen, dass sich immerhin etwas bewegt.
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„Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“
(Georg Büchner: Dantons Tod)
In Vorbereitung auf unsere kleine Büchner-Exkursion nach Goddelau ins Geburtshaus habe ich mich nochmal mit Georg Büchner beschäftigt. Ich hatte das zuletzt getan, als wir im Jahr 2013 mit Gefangenen der JVA Butzbach den „Woyzeck“ einstudiert und aufgeführt haben. Mir war die Rolle des Hofrats Dr. Clarus zugefallen, der den historischen Woyzeck auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht hatte. Der Perückenmacher Johann Christian Woyzeck hatte am 3. Juni 1821 in der Leipziger Sandgasse seine Geliebte aus Eifersucht erstochen. Man machte ihm den Prozess, und nachdem der Hofrat Clarus ihn für schuldfähig befunden hatte, verurteilte man ihn zum Tode. Die öffentliche Hinrichtung fand am 27. August 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig statt. Georg Büchner las das Gutachten des Dr. Clarus, das in einer medizinischen Fachzeitschrift erschienen war, die der Vater Büchner abonniert hatte. Diese Lektüre empörte den Student Büchner so sehr, dass es in ihm weiterarbeitete und dazu führte, dass er Jahre später, nämlich 1836, auf den Fall zurückkam. Man fand die Fragmente des Theaterstücks, das Büchner aus dem Stoff erstellen wollte, nach seinem Tod in einer Schublade seines Züricher Zimmers. Uraufgeführt wurde es 1913 im Residenztheater in München. Unvergessen ist die Verfilmung des Stücks von Werner Herzog aus dem Jahr 1979, in der Klaus Kinski den Woyzeck spielt.
Mein Freund Rainer meldete uns für Samstag im Büchnerhaus in Goddelau an. Während der einstündigen Fahrt hörten wir uns im Auto die Büchnerpreis-Rede von F.C. Delius an, die er im Jahr 2011 in Darmstadt gehalten hat. Im Zentrum dieser Rede steht die Wanderung Büchners von Gießen nach Offenbach, wo der Hessische Landbote gedruckt worden war, hinter dem die großherzogliche Polizei her war. Wer mit einem Exemplar erwischt wurde, musste mit Haft und Folter rechnen. Sein Freund Minnigerode war am Gießener Stadttor verhaftet worden, weil man einige Exemplare der Flugschrift bei ihm gefunden hatte. Büchner wollte also den Drucker warnen und hastete nächtens durch die Wetterau. Die wunderbare halbstündige Preisrede von Delius findet man im Internet.
Im Büchnerhaus erwartete uns ein freundlicher ehrenamtlicher Mitarbeiter in meinem Alter, der uns zwei Stunden lang durchs Haus führte und alles Wissenswerte über die Familie Büchner und vor allem Georg erzählte. Er tat das sehr humorvoll und im wunderbaren südhessischen Dialekt. Obwohl er die Führungen seit etlichen Jahren durchführt, war er noch immer so enthusiastisch wie beim ersten Mal. Wir beiden waren an diesem Nachmittag die einzigen Besucher. Ältere Linke erkennen sich an gewissen geheimen Zeichen, und so gab er sich nach einer kurzen Phase des wechselseitigen Abtastens und Kennenlernens als Frankfurter Ex-Sponti und Startbahnkämpfer zu erkennen. Auf dem Hof des Hauses stand unter einem Vordach ein Karnevalswagen, den der Düsseldorfer Künstler Jacques Tilly gestaltet hat, dem von der russischen Justiz im Auftrag Putins gerade der Prozess gemacht wird. Der Wagen auf dem Hof des Büchnerhauses zeigt den Großherzog Ludwig von Hessen-Darmstadt, der auf dem Rücken eines hessischen Bauern hockt und ihn schröpft. Die damals allerdings noch kleine Familie des Arztes Ernst Büchner wohnte im ersten Stock in einem einzigen Zimmerchen. Das untere Geschoss war den Vermietern vorbehalten. Als sich weitere Kinder einstellten, zog man nach Darmstadt um, wo der Vater die Stelle des Bezirksarztes antrat. Der Vater avancierte in den folgenden Jahren zu einem der führenden Mediziner des Herzogtums Hessen-Darmstadt. Aus allen sechs Büchner-Kindern ist, wie man so sagt, etwas geworden. Neben dem berühmten und früh verstorbenen Georg ragen der Philosoph und Schriftsteller Ludwig, von dem das im 19. Jahrhundert viel gelesene Buch „Kraft und Stoff“ stammt, und die Tochter Luise, die eine bekannte Frauenrechtlerin und Schriftstellerin wurde, heraus. Der Bruder Wilhelm, darauf wies uns der Museumsmitarbeiter hin, der ein erfolgreicher Fabrikant wurde, sah seinem älteren Bruder Georg zum Verwechseln ähnlich. Er hätte ihn doubeln und die Polizei an der Nase herumführen können. Rainer hatte es besonders eine alte Ausgabe des Woyzeck angetan, in der er länger blätterte. Außerdem waren Requisiten aus historischen Theateraufführungen von „Leonce und Lena“ und „Woyzeck“ zu sehen, so zum Beispiel ein Messer, mit dem Woyzeck auf irgendeiner Bühne seine Marie erstochen hat. Ich fand es berührend, im ersten Stock in dem Zimmerchen zu sitzen, in dem am 17. Oktober 1813 Georg Büchner zur Welt gekommen ist. Wie es mich als jungen Student bewegt hatte, als ich erfuhr, dass Georg Büchner während seiner Studienzeit in Gießen ein paar hundert Meter von unserer Wohngemeinschaft entfernt gewohnt hatte und wir also tagtäglich auf seinen Spuren wandelten. Bis heute ist mein Erstaunen darüber erhalten geblieben, wie ein junger Mann von 21 oder 22 Jahren den „Hessischen Landboten“ und das Revolutionsdrama „Dantons Tod“ schreiben konnte, mit dessen Entstehung sich Büchner zum Dichter verpuppte. Wie kann man in diesem fast noch jugendlichen Alter ein derart ausgeprägtes politisches Bewusstsein und Urteilsvermögen besitzen? Nach rund zwei Stunden bedankten wir uns bei unserem Gastgeber für die mit uns verbrachte Zeit und fuhren voller Eindrücke nach Gießen zurück.
Ich möchte nicht versäumen darauf hinzuweisen, dass das Büchnerhaus von Freitag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet und der Eintritt frei ist. Außerdem gibt es rundherum ein reichhaltiges kulturelles Angebot – in Gestalt von Theater, Lesungen und Vorträgen. Man findet das Programm unter info@buechnerfindetstatt.de
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Anderntags sah ich auf dem Alten Friedhof den ersten Zitronenfalter des Jahres. Das ist für mich ein Ereignis, das ich jedes Mal festhalte. Auch eine Hummel brummte vorüber uns ließ sich auf einer gelben Krokusblüte nieder. Als ich gerade gehen wollte, erblickte ich auf einem Ast über mir ein Rotkehlchen, das aus voller Kehle sang. Es ließ sich durch meine Anwesenheit nicht irritieren. Ich konnte aus großer Nähe sehen, wie sich sein Schnabel im Rhythmus des Gesangs bewegte. Ich sah ihm eine Weile zu. Dann wandte ich mich zum Gehen.
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„Wo hat sich der Mensch verborgen? Wir ersticken; von Kindheit an werden wir verstümmelt: es gibt nur Monstren!“
(Paul Nizan)
Der Krieg gegen Iran droht sich auszuweiten und außer Kontrolle zu geraten. Wohin hat sich die Vernunft zurückgezogen? Wer könnte dem Irrsinn Einhalt gebieten? Keine Rettung in Sicht. Nirgends.
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