„Der Schuhmachermeister Julius Kraus in Auffing wurde bis zum Ende seines langen Lebens fast immer übersehen. Er ging, wenn man so sagen darf, stets nur nebenher.“
(Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen)
Es ist an der Zeit, noch einmal an den Gefangenen zu erinnern, dem ich das Bild von der Gehirnantilope verdanke, die gelegentlich durch meine Texte springt. Er hatte sich in eine Mitarbeiterin des Gefängnisses verliebt und schrieb ihr sehnsuchtsvolle Briefe. Gebeten, das sein zu lassen und die Dame nicht weiter mit seinen Liebesbekundungen zu behelligen, schrieb er, er könne dagegen nichts ausrichten, denn seine „Gehirnantilope“ springe unablässig zu ihr hin, gleichgültig wie hoch die Zäune seien, die ihn von ihr trennten. Er wurde dem Psychiater der Haftanstalt vorgeführt und als psychotisch diagnostiziert – was er wohl auch tatsächlich war. Entweder er war es schon vor der Inhaftierung, und das Gericht, das ihn verurteilt hatte, hatte das nicht erkannt oder nicht erkennen wollen, oder er hatte die Psychose erst unter der Haft ausgebrütet, was gelegentlich vorkommt. Mustafa P. stammte ursprünglich aus Albanien und hatte eine lange Haftstrafe wegen eines Tötungsdeliktes zu verbüßen. Er behauptete, den Mord habe sein Bruder begangen und er habe die Schuld auf sich genommen, weil dieser Frau und Kinder und ein florierendes Geschäft habe. Er beklagte sich nicht und nahm das Urteil und die Strafe auf sich. Für das Gefängnis war das Urteil rechtskräftig und er somit schuldig. Irgendwann wurde er zur Arbeit in der Hofkolonne eingesetzt, was für ihn den Vorteil bot, sich außerhalb des Zellentraktes auf dem Anstaltsgelände bewegen und Gartenarbeiten verrichten zu können. Wenn es geregnet hatte und Regenwürmer über den Hof krochen, sammelte er sie ein und trug sie in der Hand an einen sicheren Ort. Zum Konflikt mit seinem Chef kam es, als Musfafa sich weigerte, Gras und sogenanntes Unkraut aus den Ritzen des Pflasters auf dem Hof zu entfernen. Seine Begründung: Dieses Gras habe soviel Mühe gehabt, sich durch die kleinen Spalten zu zwängen, und er habe es zu schützen und zu respektieren. Der Mensch betoniere immer größere Flächen zu und verhindere so den Austausch der Elemente Wasser und Erde und Luft. Er wässerte in gewissen Abständen seine Zelle, indem er die Wände mit Wasser bespritzte. Manchmal übertrieb er es, und Wasser drang unter der Tür hindurch auf den Gang. Das zog Disziplinarkonferenzen und sogenannte Hausstrafen nach sich. Er ließ von dieser Praxis der Befeuchtung trotz wiederholter Bestrafungen nicht ab, so dass irgendwann eine Konferenz einberufen und beraten wurde, wie weiter mit ihm verfahren werden sollte. Irgendjemand kam auf die glorreiche Idee, ihm einen Zimmerspringbrunnen zu genehmigen und zu besorgen, der für die nötige Durchfeuchtung der Luft sogen könne. Auf diese Lösung ließ Mustafa sich ein, auch weil er auf diese Weise der erste und einzige Strafgefangene in Deutschland sein würde, der über einen Zimmerspringbrunnen verfügte.
Im Jahr 1992 kam es in Mitteleuropa zu einem vergleichsweise heftigen Erdbeben, dessen Epizentrum im niederländischen Roermond lag. Auch in Nordrhein-Westfalen richtete es größere Schäden an. Am stärksten betroffen war auf deutscher Seite die Gemeinde Heinsberg, die während der Corona-Epidemie als eines ihrer Epizentren in die Schlagzeilen geriet. Auch bei mir in meiner damaligen Gießener Dachwohnung stürzten Bücherregale zusammen und entstanden Risse in den Wänden. Mustafa reagierte auf dieses Beben, das die Gefängnismauern wackeln ließ, wie ein hochsensibler Seismograph, und war für eine Weile völlig durch den Wind, wie man so sagt. Er entfaltete eine unermüdliche schreiberische Tätigkeit und schrieb an Gott und die Welt lange Briefe. Unter anderem wurden Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Papst Johannes Paul II. mit langen Schreiben bedacht. Die Postzensur rätselte, ob man diese Briefe passiere lassen sollte, aber es gab kein juristische Handhabe, sie nicht in die Post zu geben und auf den Weg zu bringen. Mustafa war vielleicht der einzige, der dem Erdbeben einen Sinn abgewinnen konnte. Der bestand in seinen Augen darin, dass die Natur sich gegen ihre komplette Versiegelung aufbäumte. Die Erde versuchte, den Betonüberzug, den der Mensch ihr verpasst hatte, abzuschütteln. Das Beben war Strafe für den menschlichen Frevel und Warnung zugleich. Mustafa sah sich als Sprecher des siebten oder zwölften Universums, das weiß ich leider nicht mehr so genau. Die Briefe waren im Tonfall ähnlich, wie die Reden amerikanischer Indianerhäuptlinge: bildhaft, eindringlich und voller Sendungsbewusstsein. Er selbst hatte in seinem Auftreten auch etwas von der Würde eines Häuptlings oder Schamanen. Da ich ihn in jener Zeit betreute und ihm gelegentlich beigesprungen war, erklärte er mich zum größten Psychologen des siebten oder zwölften Universums und verlieh mir eine entsprechende Urkunde. Irgendwann wurde er in eine psychiatrische Einrichtung verlegt und ich verlor ihn aus den Augen. Noch später hörte ich, er sei entlassen worden und habe sich kurz darauf vor einen Zug geworfen.
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„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren; es ist die Zeit der Monster.“
(Antonio Gramsci)
Hab mir gerade Oskar Maria Grafs Roman „Unruhe um einen Friedfertigen“ aus dem Regal gezogen. Die schon im Vorfeld hochgelobte Verfilmung läuft morgen Abend unter dem Titel „Sturm kommt auf“ im ZDF, mit tollen Schauspielern wie Josef Hader und Verena Altenberger. Rund um meine gescheiterte Dissertation – sie wurde als unwissenschaftlich abgetan und ich musste noch einmal von vorn beginnen – hatte ich einmal eine Phase, in der ich intensiv Oskar Maria Graf gelesen habe. Vor allem die beiden Bände seiner Autobiographie „Wir sind Gefangene“ und „Gelächter von außen“ hatten und haben es mir angetan. Schon die ersten Sätze des Romans „Unruhe um einen Friedfertigen“, die ich dieser Folge der DHP vorangestellt habe, haben mich gepackt: „Der Schuhmachermeister Julius Kraus in Auffing wurde bis zum Ende seines langen Lebens fast immer übersehen. Er ging, wenn man so sagen darf, stets nur nebenher.“ Jörg Fauser hat Oskar Maria Graf einmal als eine „Synthese aus Bayern, Bier und Kommunismus“ bezeichnet. Sehen kann man diese Synthese auf einem Foto, das Graf und Brecht zeigt. Der spillerige Brecht sitzt neben Graf, der einen Maßkrug in der linken Hand hält, den rechten Arm hat er um Brechts Schulter gelegt. Sie sitzen 1943 in einer New Yorker Kneipe. Graf lacht breit und laut, wie man vermuten darf, während Brecht die ganze Szene über sich ergehen lässt wie ein Indianer den Marterpfahl. Menschen wie Graf waren leider in der Linken schon immer unterrepräsentiert. Sonst ginge es uns vermutlich besser.
Die Verfilmung hielt, was ich mir von ihr versprochen hatte. Man erlebt mit, wie der Faschismus peu à peu aus der Normalität des dörflichen Lebens hervorwächst und die menschlichen Beziehungen vergiftet. Er bringt das Schlechteste in und an den Menschen zum Vorschein und zur Entfaltung. Der stille und zurückgezogen lebende Schuster Kraus, der bis dahin von allen akzeptiert wurde, wird, nachdem er eine unerwartete Erbschaft gemacht hat, plötzlich zum „Juden“ erklärt und von den örtlichen Nazis zum Sündenbock gemacht. Ein beklemmendes Schauspiel, das zeigt, was uns bevorstehen könnte, wenn wir nichts aus der Geschichte lernen und es uns nicht gelingt, die Bestie des losgelassenen Marktes zu zähmen. In den USA erleben wir gegenwärtig, wie schnell aus einer halbwegs demokratischen Gesellschaft zunächst eine autokratische, dann möglicherweise eine faschistische werden kann. Die aus ihren abgedunkelten Autos springenden, vermummten Mitarbeter der ICE-Behörde, die Jagd auf Einwanderer machen, lehren einen das Fürchten und wecken schlimmste Erinnerungen. Auch hierzulande liegt die AfD inzwischen in Umfragen gleichauf mit der CDU, die ja schon schlimm genug ist. Der Nährboden der Faschisierung ist eine sich auflösende Gesellschaft, deren Zerfall Monster und Dämonen freisetzt. Es bestand ja mal die Hoffnung, dass aus dem Zerfall der bürgerlichen Ordnung eine freiheitlich-sozialistische Gesellschaft hervorgehen könnte, aber dafür fehlen gegenwärtig alle Voraussetzungen, vor allem die subjektiven. Anders gesagt: Die objektive Überreife der Verhältnisse lebt von der subjektiven Unreife der Beherrschten. Alles hängt nun vom Willen und der Entschlossenheit der Menschen ab, eine andere Gesellschaft zu errichten. Diese Verlagerung vom objektiven zum subjektiven Faktor im Prozess der Revolution veranlassten Rudi Dutschke, Herbert Marcuse und Hans-Jürgen Krahl die orthodox-marxistische Kritik am Voluntarismus des Anarchismus für obsolet zu erklären und deren Verhältnis zueinander neu zu bestimmen. Max Horkheimer hatte das bereits in seinem frühen Buch „Dämmerung“ vorweggenommen: „Die sozialistische Gesellschaftsordnung wird von der Weltgeschichte nicht verhindert, sie ist historisch möglich; verwirklicht wird sie aber nicht von einer der Geschichte immanenten Logik, sondern von den an der Theorie geschulten, zum Besseren entschlossenen Menschen, oder überhaupt nicht.“
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Gestern bin ich in Nebel und Nieselregen über den Alten Friedhof gegangen. Es tropfte von den Bäumen und Blätter taumelten zu Boden. Kein Eichhörnchen ließ sich blicken weit und breit. Auf einer Wiese leuchtete es rot. Zwei große Fliegenpilze lehnten sich aneinander und stützten sich gegenseitig. Zahlreiche Krähen hockten in den Bäumen und zankten sich lautstark. Eine Formation Kraniche zog mit durchdringenden Tropetenschreien über mich hinweg Richtung Süden. U kam nach, und wir gingen noch eine Runde gemeinsam durch die jüdische Abteilung des Friedhofs. Über ihr Nachkommen habe ich mich sehr gefreut. Anschließend gab es Spagetti mit Tomatensoße und eine große Schüssel Feldsalat.
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„Feigen waren in der geliebten Heimat nur als Ohrfeigen bekannt.“
(Heinrich Heine)
Wenn ich von der Bedeutung höre und lese, die seit einiger Zeit der kindlichen „Selbstwertförderung“ beigemessen wird, frage ich mich mitunter, wie ich es bis hierher geschafft habe. Mir wurde im Elternhaus überhaupt keine Anerkennung zuteil, niemand lobte mich oder erkannte irgendwelche Fähigkeiten, die ja selbst ich gehabt haben muss. Meine Mutter war früh gestorben, der Vater stammte aus einer Zeit, da man Kinder züchtigte und strafte, wenn man es gut mit ihnen meinte. Ich kann mich an kein einziges Lob aus dem Mund meines Vaters erinnern, dabei wäre ich nach dem Verlust der Mutter so darauf angewiesen gewesen. Mangel an Anerkennung ist für das Selbst, was Hunger für den Magen ist. Tadel, Kritik und Prügel waren bei uns zu Hause reichlich vorhanden, an Lob wurde gespart. Man durfte Kinder auf keinen Fall verzärteln und verwöhnen, das war die größte und einzige Sorge. Durch diese Praktiken teilte sich mir früh mit, dass ich überflüssig und unerwünscht war. Fuhr der Vater abends die Auffahrt hinauf, bereitete ich mich auf das Schlimmste vor und erwartete eine „Tracht Prügel“ für irgendwelche Vergehen, die ich tagsüber begangen hatte. Bis zum Abitur zuckte mein Ellenbogen in einer Abwehrgeste reflexartig hoch, wenn der Vater auf mich zu trat. Nichts konnte ich ihm recht machen. Er war ein guter Turner gewesen, ich hing am Reck „wie ein nasser Sack“. Er war immer fröhlich, zupackend und guter Dinge gewesen, ich war fast immer traurig und eher lethargisch. Er war bis ins hohe Alter rank, schlank und muskulös, ich wurde vor lauter Traurigkeit immer dicker. Er konnte den Anfang der Ilias noch immer auswendig hersagen, ich war froh, wenn ich es in Griechisch und Latein auf eine Vier brachte. Mit zwölf oder dreizehn Jahren rutschte ich beim Besteigen eines Baumes ab und brach mir zahlreiche Knochen. Es war im Grunde ein verkappter Selbstmordversuch. Aber ich genas und musste weiterleben. Der Sturz vom Baum sollte nicht mein letzter und einziger als Unfall getarnter Suizidversuch bleiben. Im Herbst 2004 bin ich auf dem Weg nach Italien im Selisberg-Tunnel am Vierwaldstättersee am Steuer meines Autos eingeschlafen und verunglückt. Ich bin körperlich mit ein paar Schrammen und Schnittwunden davongekommen. Auch dieser Unfall erschloss sich mir beim späteren Nachdenken als gescheiterter Suizidversuch. Ich hatte den Schlaf kommen sehen und spüren und mich ihm irgendwann in die Arme sinken lassen. Meine Beziehung zu U war damals in einer schweren Krise, und im Sommer zuvor hatte sich mein Freund Lothar das Leben genommen. Dieser Suizid hat mich sehr erschüttert und beschäftigt. Das ist natürlich jeweils eine Deutung a posteriori, „im Dunkel des gelebten Augenblicks“, wie es bei Ernst Bloch heißt, war das meinem Bewusstsein nicht zugänglich. Die Schüler- und Studentenbewegung wurde zu meiner Rettung, in ihrem Umfeld erhielt ich zum ersten Mal Anerkennung. Mein sinnlos und träge dahin plätscherndes Leben gewann so etwas wie Sinn. Ich lernte, Zusammenhänge herzustellen zwischen Geschichte und Lebensgeschichte und komplexe Sachverhalte mir und anderen einigermaßen verständlich zu erklären. Neulich begegnete ich auf einer Geburtstagsfeier einem Mann, der berichtete, dass die Teilnahme an einem meiner Seminare am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften in den frühen 1980er Jahren für ihn ein wichtiges und Weichen stellendes Ereignis war. Inzwischen werden diese Fähigkeiten immer weniger nachgefragt, und die Quellen, aus denen sich mein Selbstwertgefühl speiste, drohen zu versiegen. Ich liege wieder wie ein Fisch auf dem Trockenen. Es besteht wenig Hoffnung, dass der Wasserpegel noch einmal steigt und mich hebt. Peter Brückner pflegte zu sagen: Die Flüsse, die wir einmal befahren haben, führen kein Wasser mehr. Eine bildhauerische Darstellung dieser Lage haben wir bei der GEW Ansbach eine Zeitlang der Durchhalteprosa vorangestellt. Gerade rechtzeitig erreichen mich mal wieder aufmunternde und anerkennende Worte von Erich Hackl aus Wien, der ein treuer Leser der DHP ist. Das hat mir gestern den Tag gut gemacht.
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Gestern traf ich vor meiner Haustür meinen alten Freund Heinrich, der Richtung Innenstadt unterwegs war, wo er nachmittags in einer Buchhandlung einen Kaffee zu sich zu nehmen und in Neuerscheinungen zu blättern pflegt. Da wir ein Stück Wegs gemeinsam hatten, bot ich ihm an, ihn zu begleiten. Nach ein paar Metern sagte er: „Geh nicht so schnell!“ Diese Aufforderung habe ich lang nicht mehr gehört, weil meine Gangart seit einiger Zeit extrem langsam ist. Ursula sagt am Ende unserer Spaziergänge oft: „So, jetzt will ich nochmal richtig ausschreiten“, und zieht allein los. Ursula ist Mitte 60, ich bin Mitte 70, Heinrich ist Mitte 80, und diese Altersunterschiede bilden sich auch in den Gehgeschwindigkeiten ab. Wilhelm Stekel, ein Psychoanalytiker aus der Freud-Generation, sagte, der Mensch werde im Alter wieder zum Kind. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass es beim alten Mensch nicht bergauf, sondern nurmehr bergab geht.
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Der Pädagoge, Philosoph und öffentliche Intellektuelle Micha Brumlik ist tot. Er starb am 10. November 2025 im Alter von 78 Jahren. Er spielte eine wichtige Rolle innerhalb der westdeutschen Linken und war, wenn man so will, eine ihrer jüdischen Stimmen – auch wenn er am Staat Israel manchmal zweifelte oder gar verzweifelte. Er wusste zwischen Kritik an der israelischen Politik und Antisemitismus zu unterscheiden. Seine Stimme und seine Gedanken werden uns fehlen.
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Heute wurde mein Nachbar mal wieder vom Rettungsdienst abgeholt. Diesmal mit einem riesigen Aufgebot. Ein Rettungswagen und drei Feuerwehrfahrzeuge rückten mit Lalülala an, und ungefähr fünfzehn bis zwanzig Menschen waren im Einsatz. Als alles vorbei und er bereits in den Rettungswagen verladen war, erschien dann auch noch die Polizei, die die Sanitäter gerufen hatten, weil mein Nachbar ihnen die Tür nicht aufgemacht hatte und sie Sorge hatten, dass er hilf- und bewusstlos sein könnte. Nun transportiert man ihn mal wieder ins Krankenhaus und es geht in die nächste Runde. Ein echter Irrsinn. Ich hoffe, man findet irgendwann eine nachhaltigere Lösung. Ich bin in diese Aktionen immer involviert, weil die Leute bei mir klingeln und ich ihnen erklären muss, was los ist. Außerdem sind unsere Wohnungen nur durch eine Spanplatte getrennt, und ich bekomme notgedrungen jedes Wort mit, das dort gesprochen wird.
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Allabendlich hört man, wenn in Talkshows über das Anwachsen der AfD und die Gefährdung der Demokratie gesprochen wird, Sätze wie: „Man muss die Sorgen der Bürger ernst nehmen!“, oder: „Die Menschen sind mit der derzeitigen Politik unzufrieden“, „Wir müssen halt eine bessere Politik machen, dann gewinnen wir die Bürger für die demokratische Mitte wieder zurück.“ Die entscheidenden Fragen werden durch solche Interpretationen umgangen, weil ihre Beantwortung unangenehm und schmerzhaft ist: Warum rufen deutsche Wählerinnen und Wähler, wenn sie unzufrieden sind, gleich nach einem „schnapsglasgroßen Führer“? Warum drohen sie, wenn sie sich von den demokratischen Parteien nicht hinreichend repräsentiert fühlen, gleich mit der Abschaffung der Demokratie? Sie könnten doch auch – und besser – mit ihrer Vollendung drohen, mit wahrhaft gelebter Demokratie, die jene utopischen Überschüsse, die ihr von Anbeginn als Versprechen innewohnen, endlich einlöst. Wer unzufrieden ist mit den herrschenden Zuständen, könnte doch auch zum Revolutionär werden. Wir sollten uns nicht länger mit der Rede von den „Protestwählern“ beschwichtigen und beruhigen. Die bittere Wahrheit, die wir zur Kenntnis nehmen müssen, lautet: Unter einem dünnen Firnis angepassten Verhaltens existiert ein bedrohliches antidemokratisches Potenzial, das den Wandel der politischen Systeme überdauert hat. Hinter einem demokratischen Paravent sind ältere Reaktionsmuster erhalten geblieben, die unter Bedingungen gesellschaftlich-ökonomischer Stabilität in den Untergrund des Stammtischgeredes abgedrängt waren. Das, was man „Flüchtlingskrise“ nennt, hat sie daraus hervorgeholt lassen, die im gesellschaftlichen Untergrund grummelnden Ressentiments hervortreten und in Pegida und AfD politische Gestalt annehmen lassen. Da die Völkerwanderung der Armen gerade erst begonnen hat und durch alle möglichen Abwehrmaßnahmen sich dauerhaft nicht eindämmen lassen wird, ist nicht damit zu rechnen, dass sich das Problem der fremdenfeindlichen Ressentiments und damit der AfD von allein erledigen. Hilmar Klute hat zum Thema AfD in der Süddeutschen Zeitung vom 8./9. November 2025 geschrieben: „Wer eine Partei wie die AfD wählt, verabschiedet sich wissentlich und willentlich vom Konsens der Demokraten, dass die Grundordnung dieses Landes nicht antastbar ist. Er nimmt sich das Recht, einer Partei die Stimme zu geben, die das gesamte System kippen möchte. Die Folgen für die anderen, die der Demokratie verpflichtet sind, werden dann schwerwiegend sein.“ Wobei Klute bei den „Folgen für die anderen“ sehr zurückhaltend formuliert und sich mit Andeutungen begnügt. Die Teilnehmer an der Versammlung in Potsdam waren da nicht so zimperlich. Dort wurde von Martin Sellner, dem Kopf der „Identitären Bewegung“, gefordert, dass nicht nur Migranten und „illegale Einwanderer“, sondern auch „nicht assimilierten Staatsbürgern“ aus dem Land entfernt werden müssten. Die Nazis haben definiert, was sie unter „nicht assimilierte Staatsbürgern“ verstanden: „Judenfreunde“ und „Sympathisanten der marxistischen Sache“. Selbst der Nobelpreis bewahrte Thomas Mann nicht vor der Ausbürgerung und Enteignung. Ich höre bereits wieder die Viehwaggons in Richtung Konzentrationslager rollen oder sehe Schiffe auslaufen in Richtung eines „Musterstaates“ in Nordafrika. Ich habe mich seit gut zehn Jahren, seit dem Aufkommen von Pegida in Sachsen, immer wieder mit diesen Themen auseinandergesetzt, unter anderem im Juni 2023 unter der Überschrift „Demokratie braucht Demokraten – doch was zeichnet solche aus?“ auf dem Onlineportal Telepolis: https://www.telepolis.de/article/AfD-Wahlerfolg-Demokratie-braucht-Demokraten-doch-was-zeichnet-solche-aus-9199270.html
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Venezuela verfügt über die größten Ölvorkommen der Welt. Das ist des Pudels Kern: Trump möchte sich und dem US-Kapital den Zugriff auf diese riesigen Ölvorkommen sichern. Das ist die Droge des Kapitals, um die es hier geht. Alles andere ist Gerede und Vorwand.
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„Thomas Mann, so sagt der Maler George Grosz, ist der einzige Mensch, der gleichzeitig Ja und Nein sagen kann.“
(Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht)
Ich lese mit großem Interesse Florian Illies‘ Buch über die Familie Mann im Jahr 1933: „Wenn die Sonne untergeht“. Er schildert einen Thomas Mann, der durch das erzwungene Exil aus seiner gewohnten Ordnung katapultiert wurde und mit seiner Frau Katia einen Sommer in Sanary im Süden Frankreichs verbringt. Die gewohnte Ordnung war die Poschinger Straße 1 in München, wo sich der Lebensmittelpunkt der Manns befand. Thomas Mann hing an dieser Ordnung und tat sich extrem schwer mit dem Verlust. Eine Weile ist er vollkommen durcheinander und taumelt umher. Er schwankt zwischen der Hoffnung, es würde womöglich doch alles nicht so schlimm, und der Befürchtung, dass alles noch viel schlimmer kommen könnte. Eine seiner Sorgen war, seine Tagebücher mit all ihren intimen Geständnissen könnten der Gestapo in die Hände fallen und gegen ihn verwendet werden. Illies‘ Interesse gilt diesem Zustand eines lebensgeschichtlichen Interregnums. Wenn ein Lebensmuster zusammenbricht, treten starke Spannungen auf, die den einzelnen zerreißen können. Eine Störung, eine Irritation bringt unsere eingespielten Gewohnheiten und Gewissheiten ins Wanken, eine gut eingespielte Weltsicht und ein vermeintlich fest begründetes und von außen bestätigtes Selbstbild lösen sich auf und werden erschüttert. Neue Sinnhorizonte und Gewohnheiten müssen sich erst ausbilden, damit die verstreuten Einzelheiten sich wieder einer ordnenden Logik fügen und vor einem verlässlichen Sinnhorizont stehen. Dazwischen ist alles in der Schwebe. Florian Illies lässt uns an diesem Prozess am Beispiel der Familie Mann teilhaben. Man liest so etwas im Moment nicht ohne Beklemmungen und die bange Frage, ob uns etwas Ähnliches nicht auch wieder bevorstehen könnte. Ich kann jedenfalls die tiefe Verstörung von Thomas Mann über seine Entwurzelung gut nachvollziehen. Ich bin kein „Anywhere“ im Sinne des englischen Publizisten David Goodhart, der nur Luftwurzeln treibt und jederzeit und ohne Schwierigkeiten seinen Standort wechseln kann. Wie jene Kugeln aus Gestrüpp, die der Wind der Steppe durch manche Western rollen lässt, überlassen sich die „Anywheres“ den Marktwinden, die sie in der neoliberalen Wüste hierhin und dorthin wehen. Ich bin weiß Gott kein „flexibler Mensch“, wie ihn Richard Sennett als neuen Sozialcharakter beschrieben hat. (Zu den Begriffen von Goodhart siehe mein Corona-Tagebuch Teil 31 und DHP 99)
Als Elisabeth, die jüngste Tochter von Katja und Thomas Mann, verkündete, sie habe vor, Musik zu studieren, sagte ihr Vater, das sei etwas für Männer, und meldete sie bei einem Psychiater an, der ihr diese merkwürdigen Anwandlungen austreiben sollte. Sie wurde eine international anerkannte Seerechtsexpertin und Vorkämpferin der Ökologie-Bewegung. Sie starb 2002 in der Schweiz.
Das Buch von Florian Illies ist, wie immer bei diesem Autor, gut geschrieben und recherchiert. Man lernt viel und wird dabei auch noch bestens unterhalten.
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„Die Demokratie ist kein Geschenk Gottes, das uns auf ewig zusteht, sie wurde von Menschen erkämpft, die uns vorausgingen. Wenn wir sie nicht respektieren und nicht weiter für sie kämpfen, kann sie leicht zusammenbrechen.“
(Maria Aljochina: Political Girl)
Während der AfD Co-Vorsitzende Timo Chrupalla in einer Talkshow betont, von Russland gehe keine Gefahr für Deutschland und Europa aus, drohen Propagandisten des Kreml unverhohlen mit einem Krieg, der die Existenz Europas beenden werde. Der Historiker Volker Weiß erblickt darin ein Beispiel für ein schlechtes, aber erhellendes Timing. (Fürchtet euch, Süddeutsche Zeitung vom 18. November 2025) Berater des Kreml machen keinen Hehl daraus, dass man darauf aus ist, den „entarteten“ und „degenerierten“ Liberalismus Westeuropas zu zerstören und durch eine „gelenkte Demokratie“ nach russischem Vorbild zu ersetzen. In Europa setzt man dabei auf Ungarn, Tschechien und die Slowakei, die schon jetzt einen „antiwestlichen Block“ innerhalb der EU bilden. Wenn nichts Gravierendes geschieht, werden in den nächsten Jahren auch größere EU-Staaten zu diesem Block hinzustoßen. Es steht wahrlich nicht gut um die sogenannten liberalen Demokratien. Einstweilen benutzt der Kreml befreundete Parteien und gewisse Onlineportale, um in der Bevölkerung die Angst vor einem Atomkrieg zu schüren und eine russlandfreundliche Stimmung zu erzeugen. Volker Weiß nennt in diesem Kontext eine gewisse Evá Péli, die in der Vergangenheit für das russische Nachrichtenportal „Sputnik“ gearbeitet hat und nun seit einiger Zeit regelmäßige Autorin der „Nachdenkseiten“ ist, die sich in den letzten Jahren zu einem Sprachrohr russischer Interessen in Deutschland entwickel haben.
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Mein Vater starb am Vorabend des Geburtstags seiner Frau. Wir Söhne wurden nach Kassel gerufen und trafen nach und nach aus verschiedenen Himmelsrichtungen ein. Am 22. November 1996 saßen wir um den Esstisch im Wohnzimmer, und nur durch eine Schiebetür von uns getrennt lag der Leichnam des Vaters im Nebenzimmer auf seinem Bett, in dem er in der Nacht zuvor gestorben war. Wir standen in verschiedenen Konstellationen und Gemütsverfassungen um ihn herum und waren auf der Suche nach einer Haltung, die wir zum Toten und zum Tod einnehmen könnten. Mein jüngster Halbbruder war beim späten gemeinsamen Frühstück „ausgerastet“, wie man so sagt. Die Erschütterung, die der Tod des Vaters ausgelöst hatte, hatte zur einer Entladung lang gestauter Konflikte geführt. Es war, als hätte sich ein Geschwür geöffnet. Er beschimpfte alle Anwesenden, inklusive seiner Mutter. Wir alle hätten uns auf seine Kosten schadlos gehalten und auf seinem Rücken psychisch saniert. Er sei gewissermaßen der „Idiot der Familie“, gegen den sich alle anderen zusammengeschlossen hätten. Er trieb die Beschimpfung so weit, dass ich mich irgendwann genötigt sah, zugunsten seiner Mutter zu intervenieren, zu der ich ansonsten kein gutes Verhältnis hatte. Im Laufe des Tages kehrten wir alle an unsere jeweiligen Wohnorte zurück. Wir trafen uns danach noch ein einziges Mal in dieser Konstellation: bei der Beisetzung des Vaters. Danach sahen wir uns nie wieder. Die Familie hörte auf zu existieren, jedenfalls die, die mich zumindest pro forma eingeschlossen hatte. An der Beerdigung der Stiefmutter, die noch zwanzig Jahre weiterlebte, nahm ich nicht teil. Das wäre mir verlogen und falsch vorgekommen. Einzig zum mittleren meiner Halbbrüder habe ich noch einen lockeren Kontakt. Das große Schweigen, das seit jeher in der Familie geherrscht hatte, tilgte nun den letzten Rest an Gemeinschaftlichkeit und pulverisierte endgültig jeden familiären Zusammenhalt. Auch meine Halbbrüder reden inzwischen nicht mehr miteinander. Den Kern dieses allumfassenden Schweigens sehe ich im Schweigen über die Nazi-Vergangenheit beider Eltern, vor allem des Vaters. Das „dieses Thema“ betreffende Schweigen weitete sich aus und verschlang wie ein schwarzes Loch schließlich die ganze Familie.
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Vor 80 Jahren begannen die Nürnberger Prozesse gegen hochrangige Vertreter des Nazi-Regimes. Sie sorgten dafür, dass die von den Nazis begangenen Verbrechen weltweit bekannt wurden. Ohne die Nürnberger Prozesse würde es das moderne Völkerrecht und Straftatbestände wie „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ nicht geben. Auf der Anklagebank saßen Leute wie Göring, Heß, Bormann, Frank, Kaltenbrunner, Jodl und andere. Alle erklärten sich für „nicht schuldig“. Von den 24 Angeklagten wurden zwölf zum Tode und sieben zu Freiheitsstrafen verurteilt, drei Angeklagte wurden freigesprochen. Auf Arte ist eine zweiteilige Dokumentation zu den Prozessen von Nürnberg zu sehen.
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„Apathisch wie nie, hat sich geweigert, mich zu sehen. Das Wetter war schön, wir sind nach unten in den Garten gegangen, sie saß im Rollstuhl, mit dem ich mich schwertue. Ich merke, dass ich mich an ihren Verfall gewöhnt habe, an ihr neues, unmenschliches Gesicht.“
(Annie Ernaux)
Wir lesen uns seit einigen Tagen Annie Ernaux‘ erst kürzlich auf Deutsch erschienenes Buch „Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus“ vor, in dem sie davon erzählt, wie sie ihre unter Alzheimer leidende Mutter in einem Altersheim besucht, in dem sie ihrem Ende entgegendümpelt. In dem für sie typischen lakonischen Stil protokolliert sie ihren stetigen Verfall und einen sich über Monate hinziehenden Abschied. Eine ähnlich erschütternde Lektüre wie Didier Eribons Buch „Eine Arbeiterin“, das mit Ernaux‘ Buch viel gemeinsam hat. In beiden Büchern geht es um den Abschied von einer schwierigen Mutter. Insgesamt Themen, die mich auch in der DHP in letzter Zeit vermehrt beschäftigen. Auch mein fußamputierter Nachbar ist seit gestern mal wieder zu Hause und kriecht auf dem Hintern die Treppe hoch und runter. Wie soll einer auf einem Bein sein Leben meistern?
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Vorn im Park breiten sich die Ratten aus, die dort reichlich Nahrung finden. Die amtlichen Aufforderungen, Abfälle vernünftig zu entsorgen, sind offensichtlich ohne Wirkung geblieben. Überall liegen Verpackungen herum, denen Speisereste anhaften. Die Ratten passen gut ins ramponierte Bild der Stadt und des Parks. Seit den Zeiten der großen Pestepedemien werden Ratten als Boten des Unheils betrachtet. In Werner Herzogs Verfilmung des Nosferatu-Stoffes sehen wir, wie das Schiff mit dem eingesargten Vampir an Bord in Wismar einläuft. Die Besatzung ist unterwegs gestorben, an Bord haben nur Ratten überlebt, die vom Schiff aus in die Stadt eindringen, in der sich in der Folge die Pest ausbreitet. Das hat sich tief ins kollektive Unbewusste eingegraben. In Deutschland hat sich im Schatten von Corona die „emotionale Pest“ (Wilhelm Reich) des Rechtsradikalismus ausgebreitet, der wir ganz offensichtlich nicht mehr Herr werden. Mein kroatischer Freund möchte im Park mit seinem Stock auf die Ratten losgehen, ist aber natürlich viel zu langsam dafür. Seine Versuche der Rattenjagd sind ähnlich hilflos, wie unsere Versuche, den wieder erstarkenden Faschismus einzudämmen. Dieser zehrt von gesellschaftlichen Erosions- und Zerfallsprozessen, denen mit wohlmeinenden Appellen und ein paar in Konjunktur- und Demokratieförderung investierten Milliarden nicht beizukommen ist. Manche Zerfallsprozesse scheinen, wenn sie ein gewisses Stadium erreicht haben, unumkehrbar zu sein. Ich fürchte, wie sind inzwischen in dieses Stadium eingetreten.
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Chronik der Gewalt. Häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen haben im letzten Jahr zugenommen, wie aus dem aktuellen Lagebild des Bundeskriminalamts hervorgeht, das in Berlin vorgestellt wurde. Alles andere als ein solcher Anstieg wäre auch ein Wunder. Die Welt ist voller Krieg und Gewalt, die auch ins Private durchschlagen. Wo Unbehagen und Wut keinen gesellschaftlichen Adressaten finden und sich nicht gegen die wahren Verursacher wenden können, entstehen diffuse Aggressionen, die sich gegen verfügbare Objekte im Nahbereich entladen. Diese sind häufig die eigenen Frauen und Kinder. 308 Frauen und Mädchen wurden letztes Jahr gewaltsam getötet, die Täter stammen in den meisten Fällen aus dem familiären Umfeld und sind überwiegend männlich.
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Der „Friedensplan“, den Donald Trump der Ukraine aufzwingen möchte, ist eigentlich der Plan Putins. Wenn die Ukrainer ihn annähmen, hieße das de facto: Alle gebrachten Opfer waren umsonst. Vier Jahre Kampf und Leid, um nun zu Putins Bedingungen zu kapitulieren und sich zu unterwerfen? Was hat Putin gegen Trump in der Hand, was hat er ihm für „Deals“ in Aussicht gestellt, dass er sich derart zu seinem Interessenvertreter macht? Fehlt eigentlich nur, dass er Selenskyj auffordert, nach Moskau zu fahren und sich in ein russisches Straflager zu begeben, um dort zu sterben. So einen „Frieden“ kann man jemandem auferlegen, der einen Angriffskrieg angezettelt hat, nicht aber einem Land, das überfallen worden ist.
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„Die perverse Lust an der Zerstörung ist ein Teil der Wirtschaft, und perverses Handeln wird dann positiv bewertet. Applaus für den Zerstörer. Es wird nicht gefragt, ob eine Handlung ethisch vertretbar ist. Sondern ob sie sich rechnet.“
(Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück)
Die diesjährige Weltklimakonferenz im brasilianischen Belém verschlingt wieder mal Unsummen. Über 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer reisen mit dem Flugzeug an, müssen 14 Tage lang untergebracht und verköstigt werden. Die COP ist also, um Karl Kraus leicht abzuwandeln, Teil der Krankheit, für deren Therapie sie sich hält. Das wäre alles hinnehmbar, wenn die Konferenz wenigstens entsprechende Ergebnisse brächte. Aber das tut sie diesmal noch weniger als sonst. Weltweit ist der Klimaschutz auf dem Rückzug. Die USA, einer der größten CO2-Emittenden, nehmen gar nicht erst teil, und auch bei vielen anderen Teilnehmern ist die Bereitschaft, das Ruder herumzuwerfen, gering. Alle scheinen es hingenommen zu haben, dass das 1,5 Grad-Ziel, das man 2015 in Paris mit riesigem Aplomb als Begrenzung der Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit verbindlich beschlossen hat, nicht mehr erreichbar ist. Kant würde sagen: Wenn die Menschen selbst gesteckte, vernünftige Ziele nicht erreichen, spricht das gegen ihr Handeln, nicht gegen das, was geschehen sollte. Es sind nicht die Ziele, die aufgegeben werden sollten, sondern eine falsche Praxis. Diese hätte sich an den vernünftigen Zielen auszurichten, statt vor der verfehlten Praxis zu kapitulieren.
Die COP30 ging mangels präsentabler Resultate in die Verlängerung, aber auch die brachte keine Wende zum Bessern. Man ging auseinander, ohne eine verbindliche Abkehr von den fossilen Energieträgern zu beschließen. Auch die EU stimmte dem Dokument der Kapitulation vor den Kohle, Öl und Gas produzierenden und exportierenden Ländern zu, die sich und ihre Interessen letztlich durchgesetzt haben.
Das Interesse an Klimafragen war (auch hierzulande) schon einmal deutlich größer. 2019, auf dem Höhepunkt der Fridays for Future-Bewegung, gingen weltweit 1,6 Millionen Menschen für Klimaschutz auf die Straße. In Deutschland fanden in vielen Städten große Demonstrationen statt. Einen Moment lang sah es so aus, als könnten die Grünen, als der politische Ausdruck der Bewegung, in Deutschland den Kanzler oder die Kanzlerin stellen. Die Pandemie hat der Bewegung den Stecker gezogen. Nach dem Ende der Pandemie kam sie nie wieder so in Fahrt, die Teilnehmerzahlen der Demonstrationen schrumpften wie die Stimmanteile der Grünen bei Wahlen. Ein Übriges taten die Kriege in der Ukraine und in Gaza und eine sich bereits Jahre hinziehende Wirtschaftskrise. Die Leute haben andere Sorgen als den Klimawandel, der im Vergleich mit dem drohenden oder bereits eingetretenen Verlust des Arbeitsplatzes noch immer etwas Abstraktes und in der Zukunft Liegendes darstellt. Und das, obwohl die Einschläge ökologischer Katastrophen immer näher kommen und häufiger werden.
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Am G20-Gipfel in Südafrika nahmen die USA, Russland und China gar nicht erst teil. Das Signal, das davon ausgeht, lautet: „Macht ihr mal, was auch immer ihr beschließt: Uns interessieren eure diplomatischen Mätzchen nicht, wir wollen Deals machen.“
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In vielen Familien der Nachkriegszeit, in der ich aufwuchs, gab es unter den damals noch zahlreichen Geschwistern eine Zäsur. Die Kinderproduktion ruhte während der kriegsbedingten Abwesenheit der Väter. Die Entnazifizierung drückte sich auch in der Wahl der Vornamen aus. Die vor dem Krieg gezeugten Kinder hießen zum Beispiel Erdmuthe, Konrad, Eckehard, Brunhilde, Winfried, die nach dem Krieg gezeugten Wolfgang, Ursula, Michael, Christian und Petra. In meiner Klasse auf dem Gymnasium gab es zum Beispiel fünf Michaels und drei Christians. Die älteren Geschwister waren längst aus dem Haus, als die Michaels in die Oberstufen kamen und Abitur machten. Man könnte die Geschichte der Bundesrepublik anhand der Wahl der Namen rekonstruieren. Wann kam die skandinavische Periode, wann begann die amerikanische mit den Kevins, Justins und Jessicas? Und was bedeuten diese Phasen sozialgeschichtlich? Die Globalisierung spiegelt sich auch in der Wahl der Vornamen. Alle Kinder tragen dieselben Vornamen und Jeans, alle hören dieselbe Musik, schauen dieselben Filme und benutzen dieselben Computerprogramme.
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