136 | Über Anarchophobie

„Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

(Samuel Beckett)

Ein neues Tagebuch-Jahr beginnt mit der Einrichtung eines neuen Ordners. Da ich im Grunde immer noch ein digitaler Analphabet bin, brauche ich für so etwas eine ganze Weile. Nach einigen Fehlversuchen habe ich es geschafft, und nun kann es losgehen. Ich schreibe mit einer Wärmflasche im Schoß, weil ich wegen meines niedrigen Blutdrucks schnell kalte Finger bekomme und es sich damit nicht gut schreiben lässt. Wärmflasche ist dabei wörtlich zu nehmen: Ich fülle eine Halbliterflasche, in der zuvor Weißwein gewesen ist, mit heißem Wasser und lege ab und zu meine klammen Hände darum.

Als hätten wir nicht bereits Horror genug, kommen nun auch noch neue Schreckensmeldungen aus dem Iran hinzu. Die Nachrichtenlage ist unübersichtlich, aber laut Aktivisten haben sich die Proteste gegen das Regime auf 185 Städte ausgeweitet. Nach Angaben von Menschenrechtlern wurden zahlreiche Menschen getötet, die genaue Zahl ist unklar. Trump droht mit Einmischungen der verschiedensten Art. Der Sohn des 1979 abgesetzten Schahs wittert Morgenluft und spekuliert auf eine Rückkehr auf den Thron. Die Fülle der Nachrichten wird zum Widersacher der Wahrheit, unsere Aufnahmefähigkeit und Verarbeitungskapazität kollabiert unter dem Ansturm schrecklicher Bilder und Nachrichten. Die Metastasen des Zynismus breiten sich aus und drohen unsere Fähigkeit zu Widerstand und Revolte zu zerstören. Womit beginnen, und wie und mit wem?

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„Der Jäger ist nicht am Hasen interessiert, sondern an der Jagd.“

(frei nach Blaise Pascal)

Ein Ereignis, an das ich im Laufe des Jahres erinnern will, ist die Ermordung des Anstaltsleiters der JVA Butzbach vor 50 Jahren. Am 2. Juni 1976 wurde der damalige Anstaltsleiter Helmut Künkeler im Kontext einer Geiselnahme von einem Häftling erschossen. Tage später nahm sich der Vollzugsdienstleiter, der sich dafür verantwortlich fühlte, das Leben. Solche Ereignisse hinterlassen im institutionellen und emotionalen Gefüge einer Anstalt tiefe und nachhaltige Spuren. Eine ganze Generation von Vollzugsbediensteten und Mitarbeitern wurde durch diese Ereignisse traumatisiert und mit einem tiefen Misstrauen gegen die Gefangenen durchtränkt. Als ich Mitte der 1980er Jahre anfing in Butzbach zu arbeiten, war das Klima in der Anstalt noch stark von diesem Ereignis geprägt. Ich wurde als Anfänger vor den Gefangenen gewarnt, die auch vor Mord nicht zurückschreckten. Man müsse wachsam sein und dürfe sich auf keine noch so harmlos scheinenden Vertraulichkeiten einlassen.

Ich habe heute auf der Suche nach Spuren dieser Tat die Autobiographie von Ludwig Lugmeier, die unter dem Titel „Der Mann, der aus dem Fenster sprang“ im Kunstmann-Verlag erschienen ist, zur Hand genommen. Nach vielen Jahren Abwesenheit kommt Lugmeier, der wegen des Überfalls auf einen Geldtransporter zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war, Mitte der 1970er Jahre wieder nach Butzbach zurück, das er von einem früheren Aufenthalt her sofort am Geruch nach Lysol, Dampfkost und Schweiß erkennt. „Einmal täglich lief ich beim Hofgang auf und ab, während mich vom viereckigen Wachturm ein Wärter mit Maschinenpistole beobachtete. Ich sah die Mauer, den Stacheldraht, die eisernen Spitzenkrausen an den Dachrinnen. Aus den Zellenfenstern gafften die gelben Gesichter der Lebenslänglichen. Manchmal winkte jemand und einmal hüpfte einer wie ein Frosch vor mir her und quakte, als ich zurück in die Zelle geführt wurde. Ans Revers seiner Jacke hatte er einen verschrumpelten Hering geheftet. Die Vergangenheit hatte mich eingeholt.“ Ein paar Seiten weiter heißt es über einen weiteren Hofgang: „Auf den Bänken davor (die Rede ist von der Gefängnismauer, G.E.) saßen die Lebenslänglichen in blauen Mänteln, blinzelten ins Licht und tauschten Illustrierte aus den sechziger Jahren mit Hochzeitsbildern von Farah Diba und Schah Reza Pahlevi aus. Der mit dem Heringsorden intonierte Weihnachtslieder. Die Aufseher grinsten und ahnten nicht, dass er an einem Schussrohr bastelte, mit dem er bald den Gefängnisdirektor abknallen würde. Er hieß Günter Hanisch, hatte zwei Polizisten erschossen (hier übertreibt Lugmeier etwas, G.E.), die großen Philosophen studiert und ein Kinderbuch geschrieben, das in mehrere Sprachen übersetzt worden war.“ 1975 gelang Lugmeier während einer Gerichtsverhandlung in Frankfurt eine spektakuläre Flucht, indem er aus dem Fenster des Gerichtsgebäudes sprang. Der AStA der Universität-Frankfurt hat unter dem Titel „Alles unter Verschluss“ 1977 eine Broschüre zu den Ereignissen in Butzbach herausgegeben. Zu dem Thema später mehr.

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„Was passiert jetzt, da die Demokratie und die freie Marktwirtschaft zu einem einzigen Raubtier verschmolzen sind, dessen dürftige, beschränkte Phantasie nahezu ausschließlich um die Frage der Profitmaximierung kreist? Ist es möglich, diesen Prozess rückgängig zu machen? Kann etwas, das mutiert ist, wieder werden, was es einmal war?“

(John Berger: Bentos Skizzenbuch)

Vor ein paar Tagen sah ich in der ARD einen Film über die amerikanischen Tech-Giganten, die bei der Trump-Inauguration direkt hinter ihm standen und die die eigentlichen Machthaber sind. Elon Musk, Peter Thiel, Mark Zuckerberg und andere sind oder waren die engsten Vertrauten und Berater von Trump. Für sie ist klar, dass ein Staat geführt werden muss wie ein Unternehmen. Demokratie gilt ihnen als Behinderung und als Firlefanz. Alles hat sich am Markt und seinen Gesetzmäßigkeiten zu orientieren. Universitäten haben verwertbares Wissen zu vermitteln und ihre Absolventen zu profitablen Mitarbeitern herzurichten. Einst sollte das Studium an der Universität nicht bloß bessere wirtschaftliche und gesellschaftliche Möglichkeiten erschließen, nicht bloß eine Karriere innerhalb des Bestehenden versprechen, sondern zur reicheren Entfaltung der menschlichen Anlagen, zu einer angemessenen Erfüllung der eigenen Bestimmung Gelegenheit bieten. Der Begriff, der einmal dafür stand, war der der Bildung. Solange die industrielle Produktion eine kapitalistische ist, die Entscheidungen unter dem Aspekt der Profitrate trifft, soll Wissen und die an Schulen und Universitäten vermittelte Wahrheit bedeutungsgleich werden mit Verwertbarkeit. Die Kommandostruktur des Kapitals verlangt weiterhin, dass sich die Arbeitskräfte seiner Herrschaft bedingungslos unterwerfen, sich das Kommando über Muskeln, Gehirn und Lebenszeit gefallen lassen, und das verlangt, dass das erworbene Wissen zu Konformität anhält. Bildungsprozesse beinhalten aber einen wie immer geringen, so doch wirksamen, subversiven Anteil. Dieser kann zur Quelle des Bedürfnisses nach Aneignung der eigenen Lebensbedingungen werden und zur Kritik der herrschenden Verhältnisse motivieren. Denken wir zum Beispiel an Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Lesen schafft Realitätsvorbehalte, schafft Maßstäbe der Kritik, befähigt den Lesenden, das Seiende im Lichte des Sollenden zu hinterfragen. Wissen und Bildung wohnt stets eine Tendenz zum Universellen inne, das sich an der Partikularität von Herrschaft und Profit stößt. Bildung verweist auf ein Allgemeines, die entfremdete Arbeit und das in sie einfließende und sie stützende Wissen sind dagegen partikular. Aber schon die Unterscheidung von Partikularem und Allgemeinem übersteigt den Horizont von Trump, Musk und solchen Leuten. Das sind für sie Woodoo-Begriffe, mit denen sie nichts anfangen können, alteuropäisches Gedöns. Man kann nur hoffen, das diese alteuropäischen Residuen dafür sorgen, dass die Masche der amerikanischen Milliardäre hierzulande noch nicht verfängt. Freunde und Bewunderer haben sie auch hier zur Genüge. Wenn wir nicht aufpassen und energisch gegensteuern, werden all die uns teuren Begriffe bald verschwunden sein, wie auch die Dinge, die sie bezeichnet haben. Das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie ist ab ovo spannungs- und konfliktreich. Wahre Demokratie dürfte vor der Eigentumsfrage nicht haltmachen und hätte die Produktion in eine genossenschaftlich-gesellschaftliche zu überführen, was etwas anderes ist als der Staatskapitalismus, der bis 1990 den Ostblock beherrschte. Erst dann wäre Demokratie vollendet – und nicht halbiert, das heißt auf die politische Sphäre beschränkt. In marxistischen Termini formuliert: Demokratie ist in der westlichen Welt etwas für den politischen Überbau, die ökonomische Basis unterliegt ganz anderen Gesetzmäßigkeiten. Sprecher der westdeutschen Industrie hatten in der Anfangszeit der Bundesrepublik immer wieder darauf bestanden, es gebe gesellschaftliche Bereiche, die ließen „sich nun mal nicht demokratisieren“ (Götz Briefs). Anders gesagt: An den Werkstoren ist Schluss mit Demokratie. In Schönwetterperioden findet sich der Kapitalismus mit der Demokratie ab oder freundet sich gar mit ihr an, weil er entdeckt, dass sie eigentlich die der Geldmacherei günstigste Regierungsform ist, wenn’s krisenhaft wird, das heißt die Profite schrumpfen, neigt er dazu sie einzuschränken oder gar zugunsten autoritärer oder faschistischer Formen der Herrschaft zu beseitigen. Wenn seine Herrschaft durch Krisen oder revolutionäre Bestrebungen gefährdet ist, setzt sich der Kapitalismus die Maske des Faschismus auf, mit der er die Arbeiter täuscht, die Herausgefallenen und Abgehängten fasziniert und das Kleinbürgertum einlullt. Die parlamentarisch verfasste Demokratie verspricht Widersprüche zu Kompromissen zu bändigen und potenziell oppositionelle Kräfte zu befrieden und ins System einzubinden. Deswegen sagte ich, die so ideal imaginierte Demokratie sei die dem Geldverdienen günstigste Staatsform. Obwohl die Demokratie sich mit dem Kapitalismus über weite Strecken der kapitalistischen Moderne gut vertragen hat, ist das kein Grund, die Demokratie gering zu schätzen oder gar zu verachten, wie es in der Linken manchmal betrieben wurde und wird. Gerade heute, da sie weltweit bedroht ist und ihre Institutionen ausgehöhlt werden, sollten wir sie verteidigen und darauf drängen, dass der ökonomische Sektor in demokratisch-menschliche Zwecksetzungen einbezogen wird und Demokratie endlich vollendet wird.

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„Die alberne Behauptung, die Sozialisten wollten die Arbeit abschaffen, ist ein Widersinn sondergleichen. Nichtarbeiter, Faulenzer gibt‘s nur in der bürgerlichen Welt. Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin überein: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“

(August Bebel)

Am vergangenen Sonntag, dem 11. Januar 2026, ist Ulrich Enzensberger, der letzte aus der Reihe der Enzensberger-Brüder, im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben. Er stand immer etwas im Schatten seines großen Bruders Hans Magnus, dem er sehr ähnlich sah. Ulrich haben wir das grandiose Buch „Die Jahre der Kommune I“ zu verdanken, das eine Chronik der wilden Berliner Jahre zwischen 1967 und 1969 darstellt. Ulrich hat nicht nur als Wissenschaftler über die Kommune geschrieben, sondern war selbst Teil von ihr. Über manche Phänomene kann nur sinnvoll schreiben und sprechen, wer auf sie setzt und Sympathien für sie hegt. Und er hat ein Buch über die Begriffs- und Sozialgeschichte des „Parasiten“ geschrieben, das man im Lichte der aktuellen Bürgergelddebatten noch einmal lesen könnte und sollte. Man lernt viel aus diesem wohlgestalteten Buch, das im Jahr 2001 in der „Anderen Bibliothek“ des Bruders Hans Magnus erschienen ist.

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Zwischen den Bäumen und Grabsteinen auf dem Alten Friedhof hing vorgestern ein zarter Nebel, der die ganze Szenerie verwandelte und in Watte hüllte. Ich war der einzige Mensch, der an diesem frühen Nachmittag auf dem Friedhof unterwegs war. Der äußere Nebel verschmolz mit meinem inneren Nebel und verstärkte meine Melancholie. Eine Grundtraurigkeit, die sich aus enttäuschten Hoffnungen speist, die sich lebensgeschichtlich angesammelt haben. Alles ist gescheitert, was einmal besser zu werden schien, entwickelt sich zurück. Auch Patti Smith ist dieses Gefühl nicht fremd: „Manchmal trauere ich den alten Zeiten nach, den Hoffnungen meiner Generation, Blumen im Haar, tanzend zu The Dead, auf der Suche nach einer universellen Musik, ‚der Sprache des Friedens‘, wie Jimi Hendrix es nannte.“ Die Welt wird vollends zur Ware. Trump bietet jedem Grönländer, der sich mit einer Übernahme Grönlands durch die USA einverstanden erklärt, 100.000 Dollar an. Die Welt wird zum Supermarkt und sie wird immer lauter. Der Lärm nimmt ungeahnte Ausmaße an und dringt von allen Seiten auf mich ein. Gestern wurde in der Nachbarschaft eine wunderbare alte Birke Stück für Stück abgetragen, bis sie in lauter kleine Stücke zersägt auf dem Anhänger eines Lastwagens landete und abtransportiert wurde. Der Lärm, den die Motorsäge stundenlang erzeugte, war infernalisch. Heute dringt vom gleichen Grundstück anderer Maschinenlärm herüber, der nicht weniger durchdringend ist. Am Ende unserer Straße blockieren seit dem frühen Morgen LKW‘s den Verkehr, der sich weit zurückstaut und Motorengeräusche und Gestank verbreitet. Jeder darf alles und drangsaliert die Allgemeinheit mit seinen privaten Interessen. Wie soll man da nicht krank oder verrückt werden oder beides?

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„Beim Gang durch ein Irrenhaus wird der schreckliche Eindruck, den der Laie von dem Tobsüchtigen empfängt, durch die sachliche Feststellung des Arztes beschwichtigt, dieser Patient befinde sich eben in einem ‚Erregungszustand‘. Durch die wissenschaftliche Einordnung wird der Schrecken über das Faktum gewissermaßen als unangebracht hingestellt. ‚Nun – es handelt sich eben um einen Erregungszustand‘.“

(Max Horkheimer: Dämmerung)

In der Stadt kommt mir ein Mann entgegen, der von seltsamen Zuckungen geplagt ist und ein wenig „schepp“ geht, wie man in Hessen sagt. Ich schaue ihn an, wie ich glaube, mit Mitgefühl. Er erwidert meinen Blick und sagt, wie um mich zu beruhigen: „S‘ is nur Parkinson.“ Verrückterweise bezog ich diese Bemerkung auf mich. Ich hatte am Morgen einen Briefumschlag aus dem Kasten genommen, der einen Arztbrief enthielt, mit dem ich gar nicht mehr gerechnet hatte. Im August hatte U mich nach einer Art Kollaps in die Notaufnahme der Uni-Klinik gebracht. Schließlich wurde ich von einem jungen Neurologen untersucht, der verschiedene Untersuchungen vornahm, die aber ausgingen wie das berühmte Hornberger Schießen. Er entließ mich mit dem Versprechen, mir zeitnah einen Arztbrief zuzuschicken, der die Empfehlung enthalten würde, Kontakt zu einem niedergelassenen Neurologen aufzunehmen. Der Arztbrief, den ich nun nach fast einem halben Jahr endlich erhalten habe, enthält die Diagnose „Gangstörung im Rahmen eines Parkinson-Syndroms“. Kurz zuvor hatte ein anderer Arzt nach Durchsicht der Befunde, die sich in meiner Krankenakte fanden, gesagt: „Positiv ist, dass wir Parkinson ausschließen können.“ Dieser Arzt hatte auf „Polyneuropathie“ getippt und mich zu weiteren Untersuchungen in die Uni-Klinik überwiesen. Dort bestätigte sich dieser Verdacht nur bedingt, aber Polyneuropathie ist eine dieser vagen Diagnose, unter denen man alles Mögliche unterbringen kann. In letzter Zeit begegnen mir unablässig Menschen in meinem Alter, die mit dieser Diagnose ausgestattet wurden – wie die Jungen mit ADHS. Ein diffuses vegetatives Geschehen, das man nicht begreift und gegen das man kein wirksames Gegenmittel kennt, wird mit dem Namen „Polyneuropathie“ belegt. Mit der für mich überraschenden Diagnose „Parkinson“ war ich in die Stadt aufgebrochen und begegnete diesem Mann mit dem seltsamen Gang. „Ein Prophet“, dachte ich bei mir, „woher weiß der das?“ Bis ich begriff, dass er von sich sprach. Das beruhigte mich aber nur mäßig. Ich habe inzwischen mein Vertrauen in die Ärzteschaft verloren. Wenn man nicht mit einem klar umgrenzten und sichtbaren Leiden zu ihnen kommt, stochern sie im Nebel und behaupten dieses oder jenes. Die Symptome, die ein Patient mitbringt, sind ja nur der nach außen hin sichtbare Ausdruck einer Erkrankung, die im inneren des Körpers oder der Seele verborgen ist. Die ärztliche Kunst besteht darin, aus den sichtbaren Spuren die richtigen Schlüsse zu ziehen. Lange Zeit hatten Ärzte nach dem Vorbild des Botanikers Linné lediglich Klassifikationen von Symptomen vorgenommen und versucht, eine gewisse Ordnung in das Gewimmel der seltsamen und verstörenden Phänomene zu bringen. Manchmal bringt ja auch bereits die Benennung eine gewisse Entlastung mit sich: „Aha, das ist es also!“ Das Interesse der Ärzte an den Patienten ist zunächst vorwiegend diagnostisch, klassifikatorisch, erst im Zeitalter der Aufklärung wird dieser therapeutische Nihilismus aufgegeben und man bemüht sich fortan, die Diagnose mit entsprechenden therapeutischen Handlungsanweisungen zu verknüpfen. Unterm Absolutismus und mit der beginnenden Industrialisierung gewann die menschliche Arbeitskraft an Bedeutung, weil sie als Quelle des Reichtums entdeckt wurde und man ein Interesse an ausbeutbaren, also leidlich gesunden Arbeitskräften entwickelte. Manchmal vermute ich, dass mit dem Eintritt ins Rentenalter auch das Interesse der Medizin an der Gesundung des Patienten nachlässt, weil der alte Mensch als Quelle des Kapitalprofits keine Rolle mehr spielt und nurmehr ein Kostenfaktor ist. Aber das ist wahrscheinlich der „böse Blick“ eines alten Linken, der den Intentionen der zeitgenössischen Medizin unrecht tut.

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„Einmal sah ich den Tod die Treppe hochkommen. Sein Schädel war von der Abendsonne hell. Er lächelte. Ich war allein im Haus und lag schon im Bett. Ich schloss die Augen. Als ich sie wieder öffnete, war er verschwunden.“

(Hermann Peter Piwitt)

„Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder auszuziehen?“, schrieb Goethe in den „Wahlverwandtschaften“. Kann man die Trostlosigkeit unseres Alltagslebens besser auf den Punkt bringen? Der alte Goethe – ein früher Punk. Der Satz mutet uns so modern an, dass wir ihn eher Josef K. oder Molloy zuschreiben würden, als dem Geheimrat aus Weimar. Er könnte aber auch von Hermann Peter Piwitt stammen, der am 15. Januar im Alter von 90 Jahren gestorben ist. In seinem Buch „Deutschland. Versuch einer Heimkehr“ schrieb er 1983: „Es gibt nichts Heimatloseres, Entwurzelteres, Ahasverhafteres als das Kapital. Es hetzt um den Globus auf der Suche nach Steueroasen, Niedriglohnländern und Friedhofsklima für Investitionen, wo es sich an fremder Arbeit mästen kann. Es stößt das nationale Proletariat, dem es sich verdankt, in Arbeitslosigkeit zurück. Und nichts beschreibt die politische Rechte, durch die es sich ideell vertreten lässt, schlechter als Worte wie ‚Heimat‘ oder ‚Nation‘. Trotzdem hat die linke Intelligenz in der Republik ihr diese Etiketten jahrzehntelang immer nur abgesprochen, nie für sich selbst beansprucht. Und die Linde am Brunnen vor dem Tore war noch als typisch deutsch in Verruf, als längst schon typisch deutsch war, sie zu liquidieren; wo sie der Nutzung der Immobilie im Weg stand, in der sie wurzelte.“

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Auf dem Seltersweg sitzt auf einer Bank ein älterer Türke und lässt seine Gebetskette durch die Finger gleiten. Plötzlich rutscht sie ihm über den Zeigefinger und fällt zu Boden. Ich bücke mich und rette sie vor einer Hundeschnauze, die neugierig zuschnappen will. Ich gebe dem Mann seine Kette aus roten Holzperlen. Er bedankt sich und scheint erstaunt darüber, dass sich ein Deutscher nach seiner Gebetskette gebückt hat.

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„Es ist allerdings das Schicksal der meisten Träumer, dass sie enttäuscht werden. Und dennoch sollte man das Feuer weitertragen, immer.“

(Leila Slimani: Süddeutsche Zeitung vom 17./18. Januar 2026)

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung findet sich ein Gespräch mit der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leila Slimani über „Identität“. In diesem insgesamt lesenswerten Interview findet sich ein Satz, den man Alexander Dobrindt und Friedrich Merz zuschicken sollte: „Vor allem die Politiker machen sich keine Vorstellung davon, wie anstrengend es ist, einzuwandern, wie schmerzvoll, wie körperlich, wie viel Zeit das braucht. Die denken: Man wandert ein, Punkt. Dabei dauert es oft zwei Generationen, bis man angekommen ist, bis man Franzose ist, Engländer, Deutscher.“ Aber das interessiert diese Politiker gar nicht, für die sind die Migranten nur Sündenböcke, auf die die Leute ihren Frust verschieben und ihren Hass projizieren können, die aus ganz anderen Quellen stammen. Wo das Fremde als Verursacher der Misere gilt, deren Opfer man selbst ist, findet eine Aggressionsumlenkung statt, die den Privilegierten zugute kommt. Frau Slimani spricht am Ende des Interviews auch über die Tech-Giganten: „Diese wahnsinnig mächtigen Leute aus der Techbranche, eine winzige Elite, die sehr froh ist, das Trump & Co. regieren, dass er Steuern senkt und alles liberalisiert. Zehn  Personen sind das, sie beherrschen die Welt. Es ist diese Oligarchie ohne Werte, ohne Humanismus, die mir schreckliche Angst macht. Sie macht, dass wir wie Goldfische leben, ferngesteuert.“

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Gestern Abend nahmen die Krähen, die jeden Nachmittag in die Stadt einfallen, auf dem Dach des Nachbarhauses Platz. Sie hockten krächzend auf dem First, dicht an dicht, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur.

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Im türkischen Supermarkt in der Nordstadt liegen in der Fleischtheke nicht nur große Stücke rohen Fleisches, sondern auch ganze Schafsköpfe. Die Augen sind noch drin und starren einen aus tiefen Höhlen durch das Glas der Theke an. Für Vegetarier muss ein Besuch in diesem Laden das sein, was für andere die Fahrt mit einer Geisterbahn ist: blanker Horror. Hier erlebt man noch den direkten, sinnlichen Kontakt zum Fleisch und zur tierischen Herkunft des Fleisches; hier wird geschnitten, ausgebeint, gehackt, werden Knochen zersägt und wird Fleisch durch den Wolf gedreht. Berge von Hackfleisch werden in Papier eingewickelt und in Plastiktüten verstaut. Selten dass mal ein Kunde weniger als ein Kilo von irgendetwas verlangt. Ich geniere mich beinahe, ein halbes Pfund Lammgehacktes zu verlangen, und bekomme es natürlich anstandslos.

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„Jeder Tod richtet einen Kollateralschaden an. Der Sterbende wird bald nichts mehr spüren, aber die Trauernden sind noch nach Jahren gezeichnet.“

(Julian Barnes: Abschied(e))

Aus Anlass seines 80. Geburtstags am 19. Januar 2026 lese ich seit Tagen das neueste und nach eigenem Bekunden auch letzte Buch von Julian Barnes, das denn auch „Abschied(e)“ betitelt ist. Barnes lässt angesichts seiner unheilbaren Krebserkrankung und seines unweigerlich nahenden Todes sein Leben Revue passieren. Barnes nimmt seine Erfahrungen als Patient zum Anlass, über den Patientenstatus als medizinisch eingenommener, nicht mehr ganz sich selbst gehörender Körper nachzudenken, sowie über das Altern und die Rolle der Erinnerung. Wie so oft bei Barnes mäandert der Text durch ein Gelände zwischen Roman, Tagebuch und fragmenthaften Notizen. Für mich macht das den großen Reiz dieses Buches aus. Im Zentrum steht die Liebesgeschichte zweier Freunde, die sich seit der gemeinsamen Studienzeit in Oxford kennen, sich dann aber mal getrennt und nun im Alter wiedergefunden haben. Vieles dreht sich um den Begriff der „involuntary autobiographical memory“, eine unwillkürliche Abfolge von Erinnerungen. Marcel Proust, auf dessen berühmtes Madelaine-Erlebnis Barnes Bezug nimmt, hat behauptet, er habe das Konzept der unwillkürlichen Erinnerung von Henri Bergson übernommen. Man sieht, man lernt ganz nebenbei auch eine ganze Menge interessante Dinge. Das ist mir bei Barnes schon oft so gegangen. Irgendwann haben U und ich uns sein Buch „Lebensstufen“ vorgelesen, das über weite Strecken eine Geschichte der Ballonfahrt ist, die wiederum eine Metapher für die Fährnisse des menschlichen Lebens ist. Julian Barnes schreibt über die menschliche Existenz – auf der Erde und in der Luft. Wir lernen Nadar kennen, Pionier der Ballonfahrt und einer der ersten Fotografen, die Luftaufnahmen machten, sowie Colonel Fred Burnaby, der zum eigenwilligen Bewunderer der extravaganten Schauspielerin Sarah Bernhardt wird. Und wir lesen über Julian Barnes’ eigene Trauer über den Tod seiner Frau – schonungslos offen, präzise und berührend. Ein Buch über das Wagnis zu lieben. Zwischendrin finden sich immer wieder essayistische Passagen über den Tod und den Umgang der Menschen mit Leid und Verlust. Julian Barnes ist einer der Autoren, deren Bücher mich mein ganzes Leben über begleitet haben. Seit seinem frühen Roman „Flauberts Papagei“ habe ich sein literarisches Schaffen verfolgt und viel von ihm gelernt. Am stärksten erschüttert hat mich sein Buch über Schostakowitsch und die stalinistischen Schrecken, aus dem der Satz stammt: „Für die Sowjets war die proletarische Reinheit so wichtig wie die arische Reinheit für die Nazis.“ Und ein Witz, wie ihn so nur Diktaturen hervorbringen: „Na, dann wollen wir mal“, sagt der Papagei zu der Katze, die ihn am Schwanz die Treppe runterzieht. Solche Witze werden von Menschen verstanden und erzählt, deren Kopf gegen viel zu viele Stufen geknallt sind, während sie von den Schergen von Staat und Partei die Treppe hinab zu den Folterkellern geschleppt wurden.

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„Wir haben gerade viele schlechte Gene in unserem Land.“

(Donald Trump)

Habe mir eben eine Stunde lang Donald Trump in Davos angetan. Ich habe durch den Mund einer Übersetzerin einem Verrückten gelauscht, der „konfabuliert“, wie man es in der Psychiatrie von Psychopathen und Debilen kennt. Frei erfundene Geschichten und Zahlen wurden zum Besten gegeben, in diesem Fall einem staunenden Publikum von Leuten aus Industrie und Politik, die diesem Schwachkopf gebannt lauschten. Sie lauschten ihm, weil er der mächtigste Mann der Welt ist. Über eine Stunde lang blubberte er egomanisch vor sich hin. Jedem halbwegs normalen Menschen wäre es peinlich, derart in Eigenlob zu schwelgen. Man hat uns früh im Leben beigebracht, dass man sich nicht selbst loben soll. „Eigenlob stinkt“, hieß es. Nicht so Donald, der narzisstisch derart bedürftig ist, dass er vor versammeltem Publikum ausruft: „Schaut her, was ich für ein toller Hecht bin!“ Und gar nicht merkt, dass die Bewunderung von Angst getrieben ist und eigentlich alle über ihn lachen. Eben noch schwärmt er davon, was Chi und Putin für großartige Menschen sind und wie toll er sich mit ihnen versteht, dann, nur ein paar Sekunden später, fabuliert er, von „den Bösen“, gegen die er Grönland verteidigen müsse, und das könne er nur, wenn es ihm gehöre. Wenige Tage, nachdem ICE-Leute in Minnesota eine Hausfrau und Mutter ermordet haben, schwärmt er davon, was diese für einen großartigen Job machen. Es folgen rassistische Bemerkungen über Somalier und andere Migranten, die Banditen und Piraten seien. Somalier hätten „einen höheren IQ als wir dachten“, höhnt er. „Ich sage immer, das sind Leute mit niedrigem IQ. Wie konnten die bloß nach Minnesota kommen und all das Geld stehlen?“ Ich fühlte mich an Situationen in meinem Studium erinnert, wo uns in Rahmen einer Vorlesung zur forensischen Psychiatrie vom Professor Kranke präsentiert wurden. Eine peinliche Veranstaltung, deren Peinlichkeit und Menschenverachtung aber den wenigsten meiner Mitstudierenden auffiel. Rainald Goetz hat in seinem Roman „Irre“ eine solche Szene aus seinem Medizinstudium bei Professor Schlüssler trefflich beschrieben. In unserem Fall hätte der Professor die Vorlesung mit den Worten begonnen: „Heute stelle ich Ihnen Herrn Trump vor, einen hochgradig narzisstischen Patienten, der ganz schwer zu behandeln ist, weil er keinen Leidensdruck verspürt, sondern seine Störung genießt und zelebriert.“

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„Dauernd redet der Marxismus vom Staat. Seine Welt kreist um diese Sonne, seine Revolutionen sind nichts anderes, als die Eroberung dieser zentralen Stelle. Sie gehen zu Ende, wenn die Parteispitze verkünden kann: Der Staat bin ich.“

(André Glucksmann: Köchin und Menschenfresser)

Ich bin in den letzten Jahren immer wieder auf ein Thema zurückgekommen, das mir keine Ruhe lässt: das Schisma zwischen Sozialismus und Anarchismus. Auf dem Haager Kongress der Ersten Internationale wurden 1872 Bakunin und Guillaume als Repräsentanten des antiautoritären Lagers auf Betreiben von Marx und Engels ausgeschlossen und in Acht und Bann getan. Innerhalb der Sozialdemokratie wurde das Schisma in den 1890er Jahren endgültig vollzogen, als die Partei einen reformistischen Kurs einschlug und sich von der linken Opposition der sogenannten „Jungen“ trennte. Sie beraubte sich selbst so kluger Köpfe wie Rudolf Rocker und Johann Most, die nun erzwungenermaßen eigene Wege einschlugen. Ehrfürchtig ziehe ich stets den Hut vor Biographien wie denen von Rocker und Most. Ständig auf der Flucht, zwischendurch immer mal wieder im Knast, nirgends zu Hause, aber von einem unbändigen, nie versiegenden kämpferischen Willen durchdrungen. Nichts und niemand brachte sie davon ab, an ihrer Vorstellung eines freiheitlichen Sozialismus festzuhalten. Diese Trennung des staatsfixierten vom freiheitlichen Sozialismus, so meine zentrale These, hat der Arbeiterbewegung schweren und bis heute nachwirkenden Schaden zugefügt. Sie hat neben den politischen Differenzen auch andere Ursachen, die im Bereich psychischer Aversionen liegen. Schon der Begriff Anarchismus löst Abwehr und Unbehagen aus. Als ich vor etlichen Jahren in einer Diskussion einmal eine Lanze für Bakunin brach und darauf hinwies, dass Marx sich ihm gegenüber nicht immer korrekt verhalten hat, schnappten sofort Abwehrreflexe ein und ich wurde der Parteinahme für die RAF bezichtigt. Mein Hinweis, die RAF habe mit Bakunin so viel zu tun wie die SED mit Marx, nämlich nichts, ging ins Leere und der Diskurs entgleiste vollends. Für stramme Parteilinke ist Sozialismus ohne Staat nicht denkbar und Anarchie die Inkarnation alles Schrecklichen: „So ganz ohne Herrschaft, das kann doch nicht sein!“  Die Ararchophobie speist sich aus einer profunden Triebabwehr und frühkindlicher Wunschvernichtung. Alles, was an das Verdrängte erinnert, muss abgewehrt und bekämpft werden, jede anarchische Tendenz signalisiert dem durchschnittlichen durchschnittlichen Erwachsenen und angepassten Staatswichtel Gefahr und Desintegration. Für das, was da an Triebelend, an Angstbereitschaft und Feindseligkeit in der Seele des Bürgers umgeht, bilden Anarchisten gleichsam den Projektionsschirm. Es sind die eigenen pathogenen Phantasien des Bürgers, die das Wort Anarchismus zum Schimpfwort machen und Berührungsängste verbreiten. Was Anarchismus wirklich meint und sein könnte, kommt auf diese Weise gar nicht in den Blick. Es würde sich lohnen, seine verschütteten Bedeutungen wiederzuentdecken und freizulegen. Vielleicht ist seine Wiederentdeckung unsere letzte Chance, der dahinsiechenden Linken wieder Leben einzuhauchen und sie mit dem Geist der Freiheit in Berührung zu bringen. Für den Anfang empfehle ich die neuerliche oder erstmalige Lektüre von Herbert Marcuses Buch „Versuch über die Befreiung“, das er unter dem Eindruck des Mai 1968 in Frankreich geschrieben hat.

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„Braucht‘s des? Muss des sein?“

(Gerhard Polt)

Das Fatale an der Logik der Algorithmen besteht darin, dass sie das verstärken, was Reichweite erzeugt, und das durchs Raster fallen lassen, was keine oder kaum Resonanz findet. Algorithmen priorisieren nach dem, was die stärksten Reaktionen auslöst und die Leute online festnagelt. Das sind in erster Linie Wut, Häme und Hass, also nicht unbedingt demokratisch zu nennende Regungen. Bullshit und spektakuläre Fakes finden Beachtung, wirklich wichtige Nachrichten und Meldungen haben es dagegen schwer. Da immer mehr Menschen ihre Informationen ausschließlich aus den sogenannten sozialen Medien beziehen, steht die Wahrheit auf beinahe aussichtslosem Posten. Orwells Gedankenpolizei war gegen das, was heute weltweit abläuft, eine stümperhafte Behörde. Also: Weg mit diesem ganzen digitalen Geraffel! Slavoj Žižek schrieb schon vor einiger Zeit in der FAZ, er sei der Auffassung, „dass soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook verboten gehören“. Ich schließe mich dieser Forderung an. Sie verbreiten jede Menge Unflat und Quatsch, unterminieren die Demokratie, indem sie ihre Nutzer manipulieren und mit Falschinformationen überschütten, sammeln Daten und verhökern diese an alle möglichen undurchsichtigen Instanzen und Geschäftemacher. Ich will damit sagen: Nicht ständig lamentieren und so tun, als müssten wir uns von den Internetkonzernen auf der Nase herumtanzen lassen, sondern handeln! Meinetwegen kann man etwas anderes, von den Nutzern Kontrolliertes, an ihre Stelle setzen, aber lassen wir es nicht länger zu, dass Google und Facebook die User zu ihren Leibeigenen machen.

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Gerd Knebel ist tot. Er starb im Alter von 72 Jahren. Ich kannte ihn als Mitglied der Gruppe „Flatsch“, die ich Ende der 1970er Jahre im Programmkino „Mondpalast“ in Niederbrechen bei Limburg zum ersten Mal erlebte habe. Mein Freund Burkhard lud die Band Mitte der 1980er Jahre zur Feier seiner Ent-Beamtung in die Gießener Amkarstuben ein. Burkhard mochte Gerd Knebel und seinen schrägen Humor sehr. Sein Lieblingssong von Flatsch war das Stück „Was mer hat des hat mer“. Einem breiteren Publikum wurde Knebel erst als Mitglied des Duos „Badesalz“ bekannt. Das Anarchische des Anfangs verlor sich dort allerdings mehr und mehr. Einen Flatsch-Auftritt kann man hier nochmal nacherleben: https://www.youtube.com/watch?v=5_xe_wUGRJk Ab Minute 45 gibts eine phantastische Version von „Was mer hat des hat mer“.

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Axel Hacke erinnert an Egon Friedell, den österreichischen Kulturhistoriker, dem wir eine fulminante „Kulturgeschichte der Neuzeit“ verdanken, die ich immer mal wieder zur Hand nehme. Was ich vergessen oder verdrängt habe: Als die Nazis in Wien einmarschierten, war er fünfzig Jahre alt. Er schrieb an seinen Freund Ödön von Horváth, er sei „immer in jedem Sinne reisefertig“. Als zwei SA-Männer vor seiner Wohnungstür standen, sprang er aus dem Fenster im dritten Stock und starb. Vorher hatte er die Passanten gewarnt: „Treten Sie zur Seite.“ Als hätte es einen Falschen treffen können.

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„Was Hänschen gelernt hat, nützt dem Hans nichts mehr.“

(Peter Brückner)

Eine Passage aus Julian Barnes‘ Roman „Abschied(e)“ möchte ich noch zitieren, weil sie mich an meine eigene Geschichte erinnert: „Als ich aufwuchs, in einem gutbürgerlichen englischen Vorort, kannte unserer Familie niemanden, der unehelich geboren oder geschieden oder homosexuell war; alles war heteronormativ, und wer zum Psychiater ging, musste schon richtig verrückt sein. … Jetzt, gegen Ende meines Lebens, werden in England mehr uneheliche als eheliche Kinder geboren; Scheidung, Homosexualität und  Besuche beim Psychiater sind mittlerweile Routine, und das Geschlecht ist fluider geworden.“ Es ist erstaunlich, was sich in unserer Lebenszeit für Veränderungen vollzogen haben, und man darf sich nicht wundern, wenn das einige Menschen überfordert und sie sich Zeiten zurückwünschen, als die äußeren Umstände noch zu den inneren Texten passten, die sie dazu sprachen und mit denen sie sie sich anzueignen versuchten.

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Im Park geht vor mir ein junges Paar. Plötzlich löst sich von einem Ast über uns ein Batzen Schnee und fällt dem jungen Mann auf den Kopf und in den Kragen. Er dreht sich um und schaut mich böse an – als wären wir auf dem Schulhof und ich hätte ihn mit einem Schneeball beworfen. Ich deute nach oben und beteuere meine Unschuld. Gerade noch rechtzeitig fällt mir Wilhelm Buschs Geschichte „Das Pusterohr“ ein, in der der brave Bartelmann vom frechen Buben Franz mit einem Pfeil in die Nase getroffen wird und rätselt, woher das Übel kommt: „Ei zapperment, so denkt sich der, das kommt ja wohl von oben her“, und die Spannung löst sich in einem gemeinsamen Lachen auf.

Vor einem Laden in der Fußgängerzone steht ein Mann und telefoniert. Er spricht vermutlich mit seinem Sachbearbeiter vom Arbeitsamt oder wie das heute heißt. Er schildert ihm wortreich seine finanzielle Bedrängnis und was er alles dringend benötigt. Um die Dramatik zum Ausdruck zu bringen, sucht er nach einem Vergleich. „Ich lebe wie ein …“, hier gerät er ins Stocken und ringt mit den Worten, „ich lebe wie ein Kolibri“, sagt er schließlich. Dieser Vergleich gefällt mir gut, und wenn ich sein Sachbearbeiter wäre, würde ich ihm einen großzügigen Vorschuss gewähren.

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