„Mir kommt es so vor, als hätte ich immer schon gelesen, seit ich es kann, und seither ist mir auch jede andere Tätigkeit als Zeitverschwendung erschienen. Es ist, als ginge ich in etwas zu Grobes hinein (vor allem beim Kontakt mit Menschen), das ist vielleicht meine Todsünde: dass ich lese, um nicht leben zu müssen (und deshalb schreibe ich auch).“
(Elfriede Jelinek)
Gestern bin ich durch Nebel und Nieselregen in den Kellerwald aufgebrochen. Wir haben beschlossen, die Stadt zu verlassen, bevor hier die Auseinandersetzungen um die Neugründung der AfD-Jugendorganisation losgehen. Die Polizei rechnet mit zehntausenden von Gegendemonstranten, die teilweise von weither anreisen und die niemand einschätzen kann. Das entspräche ungefähr der Hälfte der Stadtbevölkerung. Die Gruppen aus der Region haben sich im Vorfeld darauf geeinigt, gewaltfrei zu bleiben, aber die Gruppen von sonstwoher, die plitischen „Anywheres“, sind in diesen Konsens nicht eingebunden und werden sich an ihn auch nicht unbedingt gebunden fühlen. Die Stadt hat unterdessen beschlossen, den Stadtteil, in dem die AfD tagen will, für die Gegendemonstranten zu sperren, so dass sich der Protest auf der zu uns hin gelegenen Seite der Lahn abspielen wird. Das Verbot, die Lahn zu überschreiten und sich dem Tagungsort zu nähern, wird die Stimmung ordentlich anheizen und eine Menge Wut produzieren. Gegen wen wird sie sich wenden? Sie könnte sich „vandalisch“ entäußern, wie ich das gelegentlich der Corona-Krawalle genannt habe, und sich gegen alles und jeden wenden. Die Polizei hat schweres Gerät herangeschafft, auf der Lahn sollen Boote patrouillieren, um ein Übersetzen von Gegendemonstranten zum Beispiel in Kanus zu verhindern. Da meine Hundertmeterzeit nicht mehr die beste ist, ich also mit anderen Worten ein alter, lahmer Sack bin, scheint es ratsam, mich von den Scharmützeln fernzuhalten. Es kann im Getümmel doch immer mal nötig sein, schnell reagieren und fliehen zu müssen.
So habe ich also schon am Mittwoch mein Auto bestiegen und bin über Marburg Richtung Korbach zum Edersee gefahren. Am Nachmittag habe ich einem Rundgang ums Dorf unternommen. Alles war grau in grau, Wolkenfetzen hingen über dem Wald. Passend dazu erklangen der melancholische Ruf eines Schwarzspechts und das Kollern eines Kolkraben. Zwei Menschen sah ich von Weitem, sonst war da keiner und niemand und nichts. Am Altersheim zuzzelte ich ein paar Hagebutten, deren Inneres wunderbar schmeckte. Unterdessen war es dämmrig geworden. Das Bett war gemacht, das Zimmer war warm, was wollte ich mehr?
Anderntags scheint die Sonne aus einem blassblauen Himmel. Das spricht für einen größeren Spaziergang um die Mittagszeit. Im und ums Vogelhäuschen, das unter dem Balkon in der Wiese steht, herrscht Hochbetrieb. Ein Falke kreist über dem Dorf, was die kleineren Vögel in Angst und Schrecken versetzt und in die Flucht geschlagen hat. Meine 87-jährige Wirtin ist mit der 89-jährigen Nachbarin zum Supermarkt im nächsten Ort gefahren, wo sie für die nächsten Tage einkaufen. Seit es keine mobile Einkaufsmöglichkeit mehr gibt, sind die alten Leute, aus den denen das Dorf überwiegend besteht, aufgeschmissen und müssen sich selbst organisieren. Dank leidlich intakter nachbarschaftlicher Solidarität klappt das ganz gut. Aber das Fehlen der Dorfläden ist dennoch eine Katastrophe.
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Seit einigen Tagen ist in den Medien mal wieder von „Stress“ die Rede. Was das eigentlich ist, weiß niemand so richtig. Wichtig für die Herrschenden ist, dass man den unter „Stress“ Leidenden und an den Folgen von „Stress“ Erkrankten selbst die Schuld zuweisen kann. Als Hauptursache hat man ausgemacht, dass viele Menschen zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen. Es ist also erst unter ferner liefen die sozialdarwinistische Leistungskonkurrenz, die der Neoliberalismus entfesselt hat, unter der die Menschen leiden, sondern ihre zu hoch gesteckten ehrgeizigen Ziele und Ansprüche. Wo stammen die her, wer hat diese in sie eingesenkt? Die herrschende „positive“ Psychologie hat eine gewisse Meisterschaft darin entwickelt, den Leuten selbst die Schuld zuzuweisen. Das ist ihre gesellschaftliche Hauptaufgabe. Der größte Teil der neu geschaffenen Beschäftigungsmöglichkeiten ist prekär, bedroht und mit einem unsicheren rechtlichen Status verbunden. Wie sollen die Arbeitnehmer den neuen Anforderungen des Managements: vielseitige Einsetzbarkeit, Kooperationsfähigkeit, Mobilität, Leistungsstärke, flexible Verfügbarkeit und dergleichen, gerecht werden, wenn sie nicht ein gewisses Maß an sozialer Sicherung, Beschäftigungssicherheit und Anerkennung erhalten. Die Hegemonie des Marktes kennt keinen Bezugspunkt außerhalb der Maximierung des Profits. Diesem Ziel wird alles untergeordnet, und das ist es, was den Menschen „Stress“ bereitet und sie krank macht, weil sie keine Möglichkeiten sehen, sich organisiert zur Wehr zu setzen. Jean Baudrillard schrieb bereits vor dreißig Jahren: „Unter der befriedeten Oberfläche des Alltagslebens vollzieht sich ein Krieg, der umso beschwerlicher ist, als er sich nicht bestimmen lässt. Die Abwesenheit von Ereignissen verbraucht soviel Energie wie das fieberhafteste Abenteuer. In Form von Nervosität, Ärger und Gereiztheit werden wir vom Alltag pausenlos mobilisiert, aber für eine unsichtbare Schlacht. Wir haben es nicht mir einem einzelnen Gegner zu tun, sondern tausend undeutlichen Widrigkeiten, auf die unser Körper ganz von allein reagiert, sogar ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind. ‚Was gibt’s?‘, fragen wir im Vorübergehen und bekommen zur Antwort: ‚Nichts Besonderes!‘ Unser Leben ist zugleich unruhig und monoton. Wir sind erschöpft und gleichzeitig stößt uns nichts zu. Der Stress ist ein sprachloser Schmerz, der keine Geschichten macht und keine Ideen schenkt. Grau in Grau ist unser Alltag und dieser merkwürdige Nebel löscht alle Kontraste und löscht uns für uns selber aus.“ Eine bessere Beschreibung dessen, was man „Stress“ nennt, habe ich noch nicht gefunden. In Termini, die uns veraltet vorkommen: Der stillgestellte Klassenkonflikt und die dadurch erzeugten Gefühle von Ohnmacht der vielen Einzelnen sind es, die das eigenartige Phänomen des Stresses hervorrufen. Die Reprivatisierung gesellschaftlicher Konflikte macht die Leute krank oder aggressiv, wobei Frauen eher krank, Männer eher aggressiv werden.
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Der ganze Bestell-Wahnsinn wird in einer Zeitungsmeldung von heute offenbar: 550 Millionen Lieferungen werden in Deutschland jährlich zurückgeschickt. Das sei aber nur ein Viertel aller Bestellungen.
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Maria Aljochinas Buch „Political Girl“ liefert eine umfassende und detaillierte Gegengeschichte zur offiziellen Geschichte, die all die Bereiche unterschlagener Wirklichkeit zu sammeln versucht. All das Herausgeschwiegene und Unterschlagene wird in Russland seiner öffentlichen Ausdrucksformen beraubt, was im Übrigen in nicht ganz so radikaler Form auch in den sogenannten liberalen Demokratie geschieht. Wer in Russland das Verschwiegene laut werden lässt, wird verprügelt, vor Gericht gestellt, landet im Straflager und, wenn er überlebt hat, im Exil. Aljochina schildert, wie ein Parlament der Straße und der Körper entsteht, in dem sich artikuliert, was in der zensierten Öffentlichkeit nicht repräsentiert ist. Das Buch ist eine unermessliche Quelle unterschlagener Wirklichkeiten und Meldungen. Dazu gehört auch die Anzahl der im Krieg gegen die Ukraine ums Leben gekommenen russischen Soldaten, die man auf 150.000 schätzt. Das Buch legt Zeugnis ab vom Mut der Oppositionellen, die für die Aufdeckung der Wahrheit ihr Leben aufs Spiel setzen. Die Liste der auf Polzeiwachen und in Gefängnissen getöteten Menschen ist lang, und wir wissen viel zu wenig darüber – und vergessen zu schnell und zu viel. Die Tschekisten der Anfangsjahre der Sowjetunion haben mehrfach ihren Namen geändert – von Tscheka, NKWD, KGB bis zum heutigen FSB – der repressive und menschenfeindliche Kern ist geblieben.
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Gestern, also am 27. November, wäre Claude Lanzmann 100 Jahre alt geworden. Leider ist er im Jahr 2018 in Paris gestorben. Auf Arte war vor einigen Tagen ein Film zu sehen, der Filmmaterial zeigte, das in den großen Film „Shoa“ keinen Eingang gefunden hat. Unter dem Titel „Ich hatte nur das Nichts“ kann man diesen Film in der Arte-Mediathek noch anschauen, was ich euch dringend empfehle.
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„Der wirkliche Gegensatz zur Liebe ist Gleichgültigkeit, die jede Liebe unmöglich macht. Gleichgültigkeit gegenüber den wichtigen und bedeutsamen Erlebnissen und Erfahrungen des Kindes auf der ersten Lebensstufe führt zu zerstörerischen Konsequenzen, wenn sie zur kollektiven Haltung einzelner Gruppen oder ganzer Gesellschaften wird, die sich auf diese Weise den eigenen Untergang bereiten.“
(Tobias Brocher, Stufen des Lebens)
Immer noch wundere ich mich über Mütter, die, während sie ihre Babys oder Kleinkinder im Kinderwagen vor sich herschieben, auf ihr Handy starren. Noch grausamer finde ich jene Eltern, die sich ihre Neugeborenen in einem Tragetuch vor die Brust binden und dann ihr Smartphone zehn Zentimeter neben deren Kopf halten. Das Kind hört die Stimme von Mutter oder Vater, sieht auch deren Augen, aber diese ruhen nicht auf ihm und spiegeln seinen Blick, sondern huschen nervös über das Display. Das Kind weiß nicht, was los ist und wird irrealisiert. Was ist das? Missachtung, Indifferenz, Gedankenlosigkeit? Hinter all diesen Praktiken zeichnet sich die Heraufkunft eines neuen Kindheitsmusters ab, das dem neuen digitalen Zeitalter die digitalen Menschen produziert. Man bereitet sie auf ein Leben als Smartphonewischer und Datenproduzent vor, das ist alles. Was für seelische Strukturen bilden solche Kinder aus, wie gestaltet sich ihr Innenleben?
Ich erinnere mich an mein Erschrecken, als mir dieses Phänomen zum ersten Mal begegnete. Im Jahr 2014 hielt ich während eines Hollandaufenthalts fest:
Als ich eben nach einem langen Strandtag und ausgiebigem Bad nach Hause ging, sah ich bei Herweghs im Strandcafé eine junge Frau sitzen, die ihr Baby stillte. Die Mutter blickte, während das Kind an ihrer Brust lag und trank, auf das Display ihres Handys, das sie in ihrer freien rechten Hand hielt. In bestimmten großstädtischen Arealen wird das wahrscheinlich längst ein alltäglicher Vorgang sein, mich traf dieser Anblick wie ein Schock. Wenn man weiß, welche Bedeutung die allererste Kommunikation zwischen Mutter und Kind hat und dass diese vorwiegend über den Augenkontakt und den Blick beim Stillen vermittelt ist, kann einem Angst und Bange werden. Die Sehschärfe des Neugeborenen ist zunächst auf jene 20 cm eingestellt, die den an der Brust trinkenden Säugling von den Augen der Mutter trennen. Der Blick der Mutter in dieser elementaren Situation ist der erste Spiegel, in dem das Kind sich erblickt. Je nachdem, welche affektive Tönung dieser Blick aufweist, ob er Liebe und Wärme ausdrückt oder von Gleichgültigkeit und Kälte zeugt, erfährt sich das Kind in der Morgenstunde seines Lebens als „richtig“ und erwünscht oder als „falsch“ und unerwünscht. Der berühmte „Glanz im Auge der Mutter“, vom dem der Psychoanalytiker Kohut sprach, bildet eine der grundlegenden guten frühen Erfahrungen, aus denen Ur-Vertrauen sich zusammensetzt. Das Kind im Strandcafé erblickt beim Trinken nicht mehr den Glanz im Mutterauge, sondern unruhig flackernde Augen, die irgendwo anders hinschauen. Der nach Spiegelung suchende Blick des Kindes geht ins Leere. Die Mutter stillt zwar ihr Kind, beraubt sich und das Kind aber um das Wichtigste dabei.
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„Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Danach war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.“
(Erich Kästner 1958)
Auch an diesem Wochenende sieht man bei der Anti-AFD-Demonstration auf hochgereckten Plakaten den Spruch: „Wir sind mehr!“Als wäre die bloße numerische Überlegenheit der Gegendemonstranten ein Beleg dafür, dass ihr Programm richtig und vernünftig ist! Was wäre denn, wenn die Rechten mehr wären? Wären Wahrheit und Recht dann auf ihrer Seite? Ein einziger Gegendemonstrant gegen Adolf Hitler hätte gegen Millionen, die ihm begeistert akklamierten und zujubelten, recht gehabt! Georg Elser, der einsame Attentäter, sollte aus diesem Grund einer unserer Heroen sein.
Das Wochenende der Anti-AfD-Demonstrationen ist halbwegs glimpflich verlaufen. Gießen steht noch, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das überhaupt begrüßenswert ist. Hier und da gab es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Diese setzte mehrmals Wasserwerfer und Tränengas ein und machte von den Schlagstöcken Gebrauch. Sprecher der Demonstranten warfen der Polizei übermäßige Gewaltanwendung vor. Diese hingegen betont, es habe sich nicht um überschüssige Gewalt, sondern um „instrumentelle Gewalt“ gehandelt, die notwendig gewesen sei, um ihren Auftrag, die Durchführung des Gründungskongresses der AfD-Jugendorganisation zu gewährleisten, erledigen zu können. Die einen wollen einen Kongress abhalten, die anderen wollen – aus guten und nachvollziehbaren Gründen – genau das verhindern. Dazwischen steht die Polizei.
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Anderntags gingen wir in einer kalten Wintersonne zum Edersee hinunter, der nicht da war. Im Sommer wird das Wasser des Sees stufenweise abgelassen, um die Weser schiffbar zu halten. So ist es bis auf den heutigen Tag, Sommer für Sommer, niemand wagt es, daran etwas zu ändern. Wir gingen auf dem trocken liegenden Grund des Sees zur alten Aseler Brücke, die im Laufe des Sommers aus dem See auftaucht, und dann trockenen Fußes erreicht und überquert werden kann. Wir setzten uns über der Eder auf die Brücke und schauten auf den unter uns rasch dahin strömenden Fluss. Wir waren die einzigen Menschen weit und breit. Über uns kreiste ein Bussard und ließ seine Schreie ertönen. In der Ferne kreischten Gänse. Wir streckten unsere Gesichter der Sonne entgegen. In der Aseler Bucht sind die Grundmauern der Häuser noch erkennbar, in denen bis 1914 Menschen gelebt und gearbeitet haben, bevor das Dorf von den Wassermassen des Sees überspült wurde. Auch die Vorfahren unserer Wirtsleute haben hier gelebt, bis man sie vertrieb und in ein höher gelegenes Gelände umsiedelte. Ein Denkmal erinnert an den ehemaligen Ort. Auf dem Rückweg sammelten wir ein paar Schlehen, die, wenn sie Frost abbekommen haben, gut genießbar und sehr gesund sind. Sie wirken entzündungshemmend im Mund und im Rachenraum. Mein Vater hat den ganzen Winter über mit einer Tinktur gegurgelt, die aus Schlehen gewonnen worden war und schrecklich schmeckte. Auch wir Kinder wurden mit diesem adstringierenden Zeug traktiert, sobald die Gefahr einer Halsentzündung drohte. Oben angekommen lasen wir uns den Rest des famosen Buches von Elke Heidenreich vor, die 1943 nicht weit von hier in Korbach geboren worden ist. Das Buch, das wir uns vorgelesen haben und das ich euch empfehlen möchte, heißt: „Hier geht‘s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben“. Es war aus mancherlei Gründen das richtige Buch zur richtigen Zeit und am richtigen Ort.
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„Niemand hat uns auf Krieg vorbereitet. In der Schule hat uns niemand beigebracht, was zu tun ist, wenn unser Land einen Angriffskrieg vom Zaun bricht. Mein Land. Unser Land. Nicht ich. Niemand hat gelernt, wie man sich angemessen verhält. Was man tun soll, wenn die Panzer deines Landes schon bereitstehen, die Grenzen zu überqueren, in deinem Namen, um zu töten. In den Straßen zu töten, die man kennt, die zu töten, die man kennt, sie zu töten und auch ihre liebsten Menschen, ihre Verwandten. Wenn in den Straßen, in denen einst gelacht wurde, jetzt geweint wird.“
(Maria Aljochina: Political Girl)
U ist heute nach Hause gefahren. Sie hat mich ein paar Tage hier besucht. Nun will sie ihren Geburtstag mit ein paar Freundinnen begehen, und da würde ich eher stören beziehungsweise mich nicht wohlfühlen. Das haben wir inzwischen zu respektieren gelernt und gehen ganz gelassen damit um. Ich bleibe noch ein paar Tage allein hier und genieße die Ruhe dea Dorfes und des Waldes. „Political Girl“ von Maria Aljochina beschäftigt mich immer noch, ein Buch, das man allen Putinliebhabern aufs Auge drücken sollte. Welchen Preis Oppositionelle in Russland zu entrichten haben! Wer gegen den Überfall auf die Ukraine protestierte oder nur den Krieg „Krieg“ nannte, wanderte ins Gefängnis. Anderweitige Lektüre habe ich noch für eine ganze Weile. Gegen Mittag gehe ich täglich ein paar Schritte durch die Restnatur und halte meinen Kopf in die klare Luft. Schon während des Frühstücks beobachte ich von der Balkontür aus die Besucher des Vogelhäuschens im Garten und versuche herauszufinden, welche Vogelarten sich gerade dort tummeln. Das größte Kontingent stellen die Kohlmeisen, gefolgt von den Spatzen. Ab und zu tauchen Grünfinken, Stieglitze, Kernbeißer, ein Dompfaffpärchen und Kleiber auf. Der King ist ein Buntspecht, der ein Mal am Tag auftaucht. Er pickt sich einen Sonnenblumenkern und fliegt damit zum nächsten Baum, wo er ihn in einen Spalt in der Rinde klemmt und aufhackt. So fliegt er eine Weile hin und her, dann zieht er sich in seine königlichen Gefilde zurück. Während seiner Anwesenheit weichen die anderen Vögel und überlassen ihm das Feld. Manchmal wagt ein vorwitziger Spatz, sich dem Futterhäuschen auch während seiner Anwesenheit zu nähern, wogegen der König nichts zu haben scheint. Er toleriert die Anwesenheit des Winzlings, ich weiß nicht, ob er ihn überhaupt als Seinesgleichen wahrnimmt. Panik bricht in der Vogelschar aus, wenn der Falke seine Runden über dem Dorf dreht. Dann lässt sich eine Weile kein Vogel blicken, bis die Luft wieder rein und die Gefahr gebannt ist.
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„Der Kitt bröckelt, die Risse werden größer. Vielleicht ist die liberale Demokratie nichts als ein Durchgangsstadium auf dem Weg zu einer anderen Gesellschaftsform. Wie diese aussieht, ist noch nicht entschieden.“
(Philipp Blom: Was auf dem Spiel steht)
Langsam müssen wir uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass die „liberale Demokratie“ vielleicht nur eine relativ kurze Episode in der Geschichte der sogenannten Moderne darstellt. Zuvor existierten Formen absolutistischer Herrschaft, die die bürgerlichen Revolutionen hinwegfegten, und gegen Ende bilden sich erneut Formen autoritärer Herrschaft aus, die sich auf die Macht der Supereichen stützen. Es bilden sich neue Formen quasi-feudaler Herrschaft heraus. Die liberale Demokratie ist das politische Komplement zum Markt, auf dem idealiter einfache Warenproduzenten ihre Produkte im freien Wettbewerb austauschten. Die bürgerliche Vorstellung von Gleichheit und Freiheit wurzelt in der Sphäre der Zirkulation, in der die Menschen einander nur als Tauschende und damit als einander gleich geltende und gegeneinander gleichgültige Subjekte begegnen. Im abstrakten Moment des Tausches Arbeitskraft gegen Lohn gelten Arbeiter wie Kapitalist als Gleiche, als Waren tauschende Subjekte. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit beziehen ihre Substanz aus der Sphäre der Zirkulation, jenem „Garten Eden bürgerlicher Gründerakte und republikanischer Freiheiten“, wie Hans-Jürgen Krahl es ausgedrückt hat, und werden für den Arbeiter durch die Ausbeutungs- und Unterdrückungspraxis der Mehrwertproduktion auf Fabrikebene beständig dementiert und zurückgenommen. Wie die einfachen Warenproduzenten durch riesige Konzerne verdrängt werden, die sich die Märkte aufteilen und sie beherrschen, so wird auch das Parlament als der politische Markt sukzessive durch autoritäre und oligarchische Formen der Herrschaft ersetzt. Oligarchen herrschen mittels Dekreten, nicht durch Mehrheitsentscheidungen des Parlaments. Aber ohne den Markt und die Phase der liberalen Demokratie hätten wir nicht einmal die Idee einer herrschaftsfreien Gesellschaft und Kommunikation. Wenn deren Verwirklichung auch sehr unwahrscheinlich geworden ist, sollten wir diese doch in unseren Köpfen und Herzen bewahren. Möglicherweise kommen auch mal wieder bessere und dieser Idee günstigere Tage.
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Heute vor 150 Jahren, am 4. Dezember 1875, ist Rainer Maria Rilke in Prag geboren worden. Ich kenne nicht viel von ihm, aber was ich kenne, gefällt mir. Teil 33 meines Corona-Tagebuchs habe ich einen Passus aus seinem einzigen Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ vorangestellt, der mich sehr berührt hat: „Ich fürchte mich. Gegen die Furcht muss man etwas tun, wenn man sie einmal hat. … Ich habe etwas getan gegen die Furcht. Ich habe die ganze Nacht gesessen und geschrieben, und jetzt bin ich so gut müde wie nach einem langen Weg über die Felder …“ Gestorben ist Rilke am 29. Dezember 1926 im Alter von 51 Jahren in einem Sanatorium in der Schweiz. Man diagnostizierte sein Leiden als Leukämie, vor der es kein Rettung gab.
Heute vor 50 Jahren ist Hannah Arendt gestorben, die wir gerade heute angesichts der neuerlichen Ausbreitung von „Formen totalitärer Herrschaft“ wieder lesen sollten. Man kann sich aber auch ihr Gespräch mit Günter Gaus aus der Reihe „Zur Person“ anschauen, das man in der ZDF-Mediathek findet. Das Onlien-Portal Telepolis bringt unter dem Datum vom 4. Dezember 2025 ein Gespräch über Arendt mit Willi Winkler, das ich sehr informativ und differenziert finde. Winkler, der gerade ein Buch über Hannah Arendt veröffentlicht hat: „Hannah Arendt. Ein Leben“ (Rowohlt-Verlag), wird am Schluss gefragt, was man von ihr lesen solle, wenn man nur ein Buch von ihr liest: „Ah, schwierig. ‚Menschen in finsteren Zeiten‘, die Sammlung von Porträts.“
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„Der Kapitalismus ist nur nett, wenn er muss, und gegenwärtig muss er nicht.“
(Günter Nenning)
Wenn man nach den Auftritten von Bärbel Bas bei den Arbeitgebern und dann bei den Jungsozialisten die Reden von Politikern und Politikerinnen, auch aus ihrer eigenen Partei, verfolgt, gewinnt man den Eindruck, die Unternehmer würden aus purer Menschenfreundlichkeit Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. Niemand wagt mehr, daran zu erinnern, dass es die Unternehmer sind, die die Arbeit nehmen und vor allem sich ihr Produkt aneignen, die Arbeiter diejenigen, die sie geben und denen das Produkt ihrer Arbeit weggenommen wird. Frau Bas wird ein Rückfall in alte „Klassenkampf-Rhetorik“ vorgeworfen, in Zeiten, als es noch „Ausbeutung“ und Kapitalismus gab. Heute nennt man diesen ja handschweißhemmend „Markt“, gern auch „freien Markt“. Selbst ihr SPD-Co-Vorsitzender Klingbeil distanzierte sich von ihr und sagte, sie habe das nicht so gemeint. Bei den Jusos müsse man halt ein bisschen auf die Kacke hauen, da dürfe man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Es ist interessant zu beobachten, welchen Bedeutungswandel der Begriff Ausbeutung in den letzten Jahren durchgemacht hat. Ausbeutung soll nur noch das sein, was gewissermaßen überschüssig und atavistisch ist. Ausbeutung gibt es in anderen Teilen der Welt und an den Rändern unserer Gesellschaft. Wo Tariflöhne gezahlt werden, soll angeblich keine Ausbeutung existieren. Die Grenze verläuft beim Mindestlohn, darunter beginnt die Ausbeutung. Das ist natürlich Quatsch, denn Ausbeutung ist das Wesen des kapitalistischen Wirtschaftssystems und sein dominierendes Motiv. Der Kapitalismus basiert auf der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft. Deren Geheimnis besteht nach Marx darin, dass sie im Produktionsprozess mehr Wert erzeugt, als sie selbst besitzt. Diese Differenz ist die Quelle des Mehrwerts und das Kapitalprofits. Investitionen werden unter dem Aspekt des zu erwartenden Profits getroffen und der stammt nach wie vor aus der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft. Ausbeutung ist die Grundlage unseres Geschäftsmodells und beginnt nicht erst dort, wo die Grenzen zur Sklaverei überschritten werden. Schön wär‘s, wenn mit dem Verschwinden bestimmter Begriffe auch die Sache selbst verschwände. Seit der Kapitalismus gesiegt hat, nennen wir ihn Marktwirtschaft und glauben, damit seien so hässliche Dinge wie Ausbeutung und Unterdrückung überwunden. Und wenn jemand es wagt, daran zu erinnern, dass es das nach wie vor gibt, fallen alle über ihn oder sie her und sind empört.
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Der Verfassungsschutz hat die gesamte AfD als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft. Man erhofft sich davon eine abschreckende Wirkung. Die von den etablierten Parteien enttäuschten Bürger sollten gewarnt werden, eine Partei zu wählen, die die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ abschaffen möchte. Für viele Leute ist der Warnhinweis „gesichert rechtsextrem“ eher ein Gütesiegel und eine Wahlempfehlung. Sie sind froh, dass sie ihre nazistische Gesinnung endlich auch an der Wahlurne zum Ausdruck bringen können. Was für umweltbewusste Menschen das Siegel „aus kontrolliert biologischem Anbau“ ist, ist für andere das Etikett „gesichert rechtsextrem“. Der Warnschuss scheint nach hinten loszugehen.
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Als ich gestern sah, wie FIFA-Boss Gianni Infantino einen eigens gestifteten Friedenspreis an Donald Trump verliehen hat, der gerade dabei ist, sich Venezuela für einen Überfall zurechtzurücken, habe ich mir mal wieder geschworen, ab so sofort den internationalen Fußball zu ignorieren. Infantino hat sich bereits mit allen Autokraten und Diktatoren der Welt an einen Tisch gesetzt und diese hofiert, zur Krönung nun ein Friedenspreis für Trump – als Ersatz für den Friedensnobelpreis, den man ihm vorenthalten hat, obwohl er ihm als größtem Friedensstifter der Weltgeschichte zugestanden hätte. Das ist ungefähr so, als würde man Trump, der sich damit brüstet, noch nie ein Buch gelesen zu haben, den National Book Award verleihen würde. Die Ansammlung von verkommenen Subjekten, die gestern bei der Gruppenauslosung der nächsten WM in Washington zu besichtigen war, löste bei mir einen Brechreiz aus.
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Meine Tage im Kellerwald neigen sich ihrem Ende zu. Die Stille, die hier noch anzutreffen ist, hat mir gut getan. Auch die Gespräch mit den alten Frauen, von denen ich hier umgeben bin, habe ich genossen. Es ist ein Dorf der alten Frauen. Die Männer sind fast alle längst gestorben und die Frauen müssen allein klarkommen. Und sie kommen ganz gut klar. Nach einer Phase der Trauer über den Verlust der Männer entdecken sie bisher nicht gelebte Möglichkeiten und neue Freiheiten. Sie fahren zusammen einkaufen, gehen gemeinsam spazieren und treffen sich zum Plätzchen- und Kuchenbacken und Kaffeetrinken. Sie hacken Holz, schneiden Bäume und Hecken, ernten das Obst und graben die Gärten um. Manch eine von ihnen wird sich verstohlen fragen, warum sie ihren Mann so lang ertragen hat.
Ich wandele hier ja auch auf den Spuren meines Vaters. Ich habe unter der Überschrift „Wandervögel am Edersee“ in der DHP 8 von dieser privaten Vorgeschichte berichtet. Unten am Aselbach, den ich dieser Tage mehrfach überquert habe, hat mein Vater für mich kleine Mühlräder zu Wasser gelassen, die er zuvor gebaut hatte und die vom Wasser des Baches angetrieben wurden. Da lebte meine Mutter noch, und die Welt war in gewisser Weise noch in Ordnung. Dann entstand ein Riss, der durch die Welt und durch mich ging – und bis heute geht. Gerade hat mir die Wirtin einen Teller mit frisch gebackenen Nuss-Makronen gebracht, die köstlich schmecken. Wie lang habe ich die Warnung nicht mehr gehört, sie nicht so heiß zu essen, sondern erst abkühlen zu lassen. Eine Warnung, die ich natürlich ignoriert habe.
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„Jeder soll sich eingliedern ins Volk, der Feind ist nicht so sehr die ‚Reaktion‘ – von der sprachen Hitler und Stalin unisono – der Feind ist vielmehr der differenzierte Einzelne, der Weltfremde, der Kosmopolit, der Zögernde, der noch treu sein kann, weil er sich nicht festlegt, und konsequent, weil er keinem Programm folgt. Der Feind ist der Einzelne, der Feind sind wir.“
(Max Horkheimer)
Wie sollen wir unser Bedürfnis nach Sinn befriedigen, nachdem die Verbindung von Lebensgeschichte und Geschichte zerrissen ist? Als Linke haben wir die Richtung unserer Lebensbewegung am Lauf der Geschichte ausgerichtet, der uns durch die marxistische Theorie verbürgt schien. Jetzt treibt unser Boot ziellos auf dem Meer der Erscheinungen dahin. „Noch nie war unsere Zukunft unberechenbarer, noch nie waren wir so sehr von politischen Kräften abhängig, bei denen man nicht darauf vertrauen kann, dass sie den Regeln der Vernunft folgen, Kräften, die wie blanker Wahnsinn anmuten, wenn man sie nach den Maßstäben früherer Zeiten beurteilt.“ Hannah Arendt, von der diese Sätze stammen, lebte in einer Zeit, in der die Dinge keinen Sinn mehr ergaben, wir Heutigen leben ebenfalls in einer Zeit, in der die Dinge keinen Sinn mehr zu ergeben scheinen. Wie sollen wir mit diesem Sinnentzug leben? Kann man das menschliche Leben auf den zusammenhanglosen Fluss seiner Erscheinungen reduzieren? Wie soll sich Identität bilden, wenn das Leben aus lauter Zufällen zusammengesetzt ist? Wir sind genötigt, uns unseren Sinn selbst zu erfinden und unserem Leben eine Richtung zu geben. Was nach dem Verlust des scheinbar verbürgten Gangs der Geschichte bleibt, ist der Marxsche kategorische Imperativ, dass alle Verhältnisse umzuwerfen sind, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ An diesem Ziel kann und sollte man auch dann festhalten, wenn sein Erreichen nicht durch den „ehernen Gang der Geschichte“ garantiert ist. Wie der junge Max Horkheimer sagte: Alles hängt vom Willen der Menschen ab! Und wenn die mehrheitlich nicht die Freiheit wollen, sondern eine komfortable Unfreiheit vorziehen, dann haben wir‘s verkackt. „Die Geschichte“ wird es nicht für uns richten, sie tut gar nichts. Wenn wir uns für eine andere, freiere Gesellschaft einsetzen, erfüllen wir keine „historische Mission“ und handeln wir nicht in einem höheren Auftrage, sondern im eigenen Namen. Das Subjekt der Revolution besteht aus lauter Einzelnen, die im eigenen Namen handeln.
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Bevor ich heute nach Gießen zurückfuhr, saßen die Pensionswirtin und ich noch ein letztes Mal gemeinsam in ihrer Küche. Ich zahlte die Miete und bedankte mich für die Gastfreundschaft, die ich zum x-ten Mal erlebt habe. Längst geht unser Verhältnis über ein gewöhnliches Mietverhältnis hinaus, man kann sagen: Wir sind im Laufe der Jahre Freunde geworden und haben uns kennen und schätzen gelernt. H ist mit vierzehn Jahren als Magd auf den Nachbarhof gekommen, wie man das damals noch nannte. Sie stammt aus einer kinderreichen Familie ein paar Dörfer weiter. Der älteste Sohn übernahm das kleine Familienanwesen, die jüngeren Geschwister mussten woanders ihr Auskommen finden. Gelegentlich wurde H ins Nachbarhaus geschickt, um irgendetwas auszuborgen oder hinzubringen. So lernte sie den Sohn der Familie kennen, den sie mit 18 Jahren heiratete. Sie zog ins Nachbarhaus, und bald kamen zwei Mädchen zur Welt, später als Nachzügler noch ein Sohn. Die Familie, in die sie eingeheiratet hatte, betrieb eine mittelgroße Landwirtschaft, wie sie für diese Gegend typisch war. Dazu gehörten ein paar Felder, Wiesen und etwas Wald, die bewirtschaftet wurden, und ein paar Schweine und Hühner. Zu Hs Aufgaben gehörte nun auch das Schlachten von Hühnern. In jenen Jahren waren Familien auf dem Land noch weitgehend autark und kauften nur die wenigen Dinge hinzu, die man nicht selbst herstellen konnte. Als sich die Landwirtschaft nicht mehr rentierte, wurde A Waldarbeiter und H verwandelte Teile des Hauses in eine Pension. Der Kontakt mit den Gästen bereitete H Freude, und nicht nur ich wurde im Laufe der Jahre zu einem Freund. Inzwischen sind die älteren Gäste weggestorben oder nicht mehr reisefähig. H ist hoch in den Siebzigern und lässt die Pension langsam auslaufen. Das tägliche Saubermachen, Bettenbeziehen, das Wäschewaschen und Frühstückzubereiten wird ihr zu viel. Außerdem ärgert es sie, dass es immer öfter vorkommt, dass Leute reservieren und dann – ohne abzusagen – nicht erscheinen. Vor zwei Jahren ist nun auch noch ihr Mann gestorben. H hat erstaunlich schnell ihr Gleichgewicht wiedergefunden und kommt inzwischen recht gut allein zurecht. Eine der Töchter lebt im Ort und greift ihr hier und da unter die Arme. Und dann existiert der schon beschriebene Zusammenhalt der alleinstehenden alten Frauen. Sommers treffen sie sich allabendlich am Kneippschen Wassertretbecken, drehen ihre Runden, besprechen das Dorfgeschehen oder hocken einfach auf einer der Bänke und halten ihre Gesichter in die Abendsonne. Sie sind derart vertraut miteinander, dass sie auch zusammen schweigen können. Mir haben die zwei Wochen in der Stille und die täglichen Spaziergänge sehr gut getan. Tage im Kellerwald sind wie ein Ausflug in eine andere Zeitzone. Man kann hier noch Menschen antreffen, die ohne Smartphone und ohne permanentes Gequassel auf die Straße gehen. Und ich habe zehn Tage lang keine Sirene gehört.
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„Wenn die Gewalt aus der Unterdrückung aufsteigt, dann der Hass aus der Entleerung.“
(Jean Baudrillard)
Bei meinem ersten Gang in die Stadt traf mich der Lärm wie ein Schock. Außerdem sah ich, dass jemand Scheiben des ehemaligen Blumenladens vorn im Park eingeworfen hat. Sie sind notdürftig mit Spanplatten abgedichtet worden. Ein „acte gratuit“, wie André Gide diese Form von Vandalismus genannt hat, bei dem keinerlei Motiv erkennbar ist, jedenfalls keines, das auf der Hand liegt und mühelos erkennbar wäre. Es handelt sich um eine Wut, die leer ist und ins Leere geht. Es ist eine Wut, die eigentlich Hass im Sinne Baudrillards ist. Ein Ereignis in den Zeiten der Pandemie habe ich zum Anlass genommen, mich gründlicher mit dem Thema „Vandalismus“ zu beschäftigen. Der Text ist im Onlinemagazin der GEW erschienen und hier nachlesbar: https://www.gew-ansbach.de/data/2020/06/Eisenberg_Vandalismus.pdf
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„Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke.“
(George Orwell)
Dieser Tage hat die venezolanische Oppositionspolitikerin Machado in Oslo den Friedensobelpreis erhalten, den sie prompt Donald Trump widmete. Der wiederum ließ fast gleichzeitig vor der Küste Venezuelas einen Öltanker von US-Soldaten kapern, was wie ein Actionfilm in Szene gesetzt wurde. Völlig konträre Dinge geschehen gleichzeitig, Wahrheit und Lüge verschwimmen und werden irgendwann ununterscheidbar. Wenn man der Lüge nicht entgegentritt, verwandelt sie sich in Wahrheit, und mit der Lüge lässt sich das Denken steuern. Orwell hat das vorhergesehen. Da er die zeitgenössischen technischen Möglichkeiten der Manipulation noch nicht kannte, war er im Grunde noch zu optimistisch. Was er vor allem noch nicht ahnen konnte, ist die Begeisterung, mit der Menschen ihre Idiotisierung in eigene Regie nehmen und als ihr Freiheit feiern. Bei Orwell ist das Gewaltsame an der Manipulation und am Totalitarismus noch erkennbar. Das ist heute anders: „Das unterworfene Subjekt ist sich hier nicht einmal seiner Unterworfenheit bewusst. Es wähnt sich in Freiheit. Diese Herrschaftstechnik neutralisiert den Widerstand auf eine sehr effektive Art und Weise. Wogegen Protestieren? Gegen sich selbst?“, fragt der südkoreanisch-deutsche Kulturwissenschaftler Byung Chul Han.
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