146 | Der Baron im Sumpf

„Es ist meine tiefe Überzeugung, dass der Mensch die Kraft besitzt, sich an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.“

(Arthur Koestler: Frühe Empörung)

Heute Morgen musste ich mir, bevor ich mit dem Rad zum Markt fuhr, eine Jacke überziehen, so kühl war es. Nach der Rückkehr wollte ich in der Kühle des Balkons, der von der Sonne abgewandt liegt, Frühstücken und Zeitung lesen. Ersteres ging, Zeitunglesen klappte nicht, weil der Wind mir die Seiten aus der Hand riss und ich nach einer Weile resignierte. Es nervt einfach, wenn einem ständig die Seiten weggeweht werden.

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In der Süddeutschen Zeitung vom 4. Juli 2026 schreibt T.C. Boyle alles Nötige zum 250. Geburtstag der USA: „Aber in den 250 Jahren, die vergangen sind, seit Amerika seine Unabhängigkeit von Großbritannien erklärte, hat es noch nie etwas gegeben, das auch nur annähernd so war wie das, was gerade passiert. Ich meine die 250-Jahr-Feier zur Gründung der USA unter dem Vorsitz genau jenes Mannes, der unsere Demokratie gegen eine Diktatur eingetauscht hat, in der er per Dekret regiert. Genauso gut könnten wir Putin einfliegen lassen, damit er für uns die Flagge schwenkt. Tragischerweise gibt es kaum etwas zu feiern an diesem 4. Juli 2026, in einer Ära, in der Trump und seine Loyalisten-Clique die Verfassung ihrer Bedeutung beraubt haben. … Er hält uns allen das Messer an die Kehle.“

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Am Sonntagmorgen bin ich so gegen sieben Uhr bei wunderbarem Sonnenschein mit dem Rad zur Lahn gefahren und ein Mal quer durch den Fluss geschwommen. Auf dem Weg dorthin begegnete ich ein paar Frühaufstehern, die ihre Hunde ausführten, an der Badestelle war niemand. Der Albtraum der gestrigen Nachttanzdemo hatte sich verflüchtigt. Auf dem Rückweg von der Lahn geriet ich in den Umzug der zuckenden Leiber hinein. Ein freundlicher Polizist bahnte mir einen Weg durch den Zug und half mir, mein Rad durch die Menge zu schieben. Bis Mitternacht hatte die Stadt von den Techno-Beats gedröhnt und gebebt, heute Morgen herrschte eine himmlische Ruhe. Es war ein schöner Morgen und ich freute mich meines Lebens. Solange ich am Sonntagmorgen mit dem Rad zur Lahn fahren und einmal quer durchschwimmen kann, ist noch nicht alles verloren, dachte ich auf der Rückfahrt, und freute mich auf das Frühstück auf dem Balkon.

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Gestern sah ich lauter Werbeclips mit Jürgen Klopp. Wie schnell so etwas geht! Der Mann ist noch nicht einmal im Amt und schon fließen die Werbemillionen. Scheint alles von langer Hand vorbereitet gewesen zu sein. Sehr geschäftstüchtig, dieser Mann. Abstoßend ist das Ganze. Und das soll nun der Heilsbringer sein, der dem deutschen Fußball wieder zu Weltgeltung verhelfen soll. Es gibt auch Werbeclips mit Klopp-Doubles, also irgendwelchen Männern, die ihm ähnlich sehen. Das wird billiger sein.

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Unten zieht auch am Sonntag die endlose Karawane der digitalen Somnambulen vorüber. Gelegentlich sehe ich auch mal einen Menschen ohne Smartphone. Wahrscheinlich holt er es ein paar Meter weiter aus der Tasche. Was erntete ich neulich für einen ungläubig-erstaunten Blick, als ich irgendwo sagte, ich können einen QR-Code nicht scannen, weil ich kein Smartphone besäße. Es war, als hätte ich den Raum mit geöffnetem Hosenstall betreten.

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„Ich bin froh, dass es mich gibt, und mich gibt es nur als ganze Person. Zu ihr gehört auch die Angelika aus dem Keller, die im Keller den Grundstein für ihr Schreiben gelegt hat.“

(Angelika Klüssendorf)

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 3. Juli 2026 findet sich ein langes Gespräch mit Angelika Klüssendorf. Ich kenne sie als Schriftstellerin seit dem Erscheinen einer Trilogie, die aus den Bänden „Das Mädchen“ (2011), „April“ (2014) und „Jahre später“ (2018) besteht. Sie hat eine für eine Schriftstellerin ungewöhnliche Biografie. Sie wuchs in der DDR auf und entstammt einer zerrütteten Familie, die es in der DDR gar nicht hätte geben dürfen. Der Vater saß, wie sie selbst sagt, die Hälfte seines Lebens im Gefängnis, aus unterschiedlichen Gründen. Geschlagen wurde sie vorwiegend von der Mutter, die Trinkerin und eine jähzornige Sadistin war. Ganze Tage und Nächte verbrachte die kleine Angelika im Keller eingesperrt. Dort entdeckt sie als Ausweg aus ihrer Einsamkeit und Not die Welt der Phantasie und der Bücher, auf die sie in einem Koffer stößt. Zu Beginn der Pubertät steckte man sie in ein Kinderheim, was sie als Befreiung erlebte: „Ich entkam meiner sadistischen Mutter und hatte zum ersten Mal Freundinnen. Es gab großartige Erzieherinnen und wunderbares Essen. … Ich konnte ungestört lesen. Die hatten dort Hemingway, Cervantes, Balzac. Meine schönste Zeit war die Sonntagmorgen. Die anderen schliefen noch, und ich habe gelesen. Das war eine große Geborgenheit.“ Später absolviert sie eine Ausbildung zum „Facharbeiter für Tierproduktion“, wie es im verdinglichten sozialistischen Jargon hieß. 1985 übersiedelte sie nach Westdeutschland. Lange Jahre war sie mit dem Journalisten und FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher verheiratet. Angelika Klüssendorf genießt meinen Respekt und meine Anerkennung vor allem deswegen, weil sie es geschafft hat, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen und sich zu einer großartigen Schriftstellerin zu entwickeln. Vor allem die oben erwähnte Trilogie, in der sie auch ihre eigenen Gewalterfahrungen verarbeitet hat, lege ich euch ans Herz.

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„Welches Joch kann man Menschen auferlegen, die nach nichts verlangen?“

(Jean Jacques Rousseau)

Ein Freund, der mit seiner Familie relativ abgeschieden in den serbischen Bergen lebt, schreibt, dass vor ein paar Tagen ein offenbar drogenabhängiger Mann in sein Haus eingedrungen ist und Frau und Kinder bedroht hat. Es ist meinem Freund gelungen, den Mann zu überwältigen und der Polizei zu übergeben. Glücklicherweise ist mein Freund körperlich imstande, sich und die Seinen zu verteidigen. Er weiß sich zu wehren. Das Geschehen erinnert an Szenen aus Büchern von Cormac McCarthy und Juan Goytisolo, die wir beide gelesen haben. Sie beschreiben Gesellschaften, die sich in Auflösung befinden und die Menschen mehr und mehr verrohen und moralisch verwildern. Ich hoffe, dass seine Frau und die Kinder den Schock einigermaßen überwinden und sie zu ihrem Urvertrauen in eine geschützte Umgebung, die das eigene Haus ja sein sollte, wieder zurückfinden. Der Freund strebt eine Form weitgehender familiärer Autarkie an und betreibt Subsistenzwirtschaft auf der Basis von Landwirtschaft und Viehzucht. Das scheint mir eine gute Vorsorgemaßnahme für die vor uns liegenden Krisenzeiten. Irgendwann wird der große Arsch kommen und alles zuscheißen. Es wird ja nicht der früher von August Bebel erwartete „große Kladderadatsch“ sein, sondern eine Zeit der allgemeinen Agonie und des Zerfalls. Eine sich lang hinziehende Phase des Niedergangs und der Selbstzerstörung bürgerlichen Verkehrs, die nur die einigermaßen überleben werden, die sich selbst versorgen können. Das Wissen, wie man so etwas macht, ist den meisten Menschen, die am Tropf des Konsums hängen, ja verlorengegangen und ausgetrieben worden. Die meisten wissen ja nicht einmal mehr, wie man Kartoffeln kocht. Die vor ein paar Jahren gestorbene Birgit Vanderbeke hat dazu einen tollen Roman geschrieben, der „Das lässt sich ändern“ heißt. Ein wunderbar anarchistisches Märchen, das Mut macht zum Selbermachen und das darauf beharrt, dass die Dinge nicht klüger sind als wir. Es ist eine Gebrauchsanweisung und Aufforderung zur Wiederaneignung von Lebensbedingungen. Diese Enteignung funktioniert nach dem Motto: Durst soll in Nachfrage nach Coca Cola verwandelt werden. Wir müssen nun mühsam den Rückweg antreten und wieder lernen, dass man seinen Durst auch mit einem Glas Wasser oder einem Apfel stillen kann. Und dass dieser Apfel ruhig aus dem Gras aufgelesen sein kann und Flecken aufweisen darf. Auf die meisten Konsumgüter kann man ohne Verlust an Lebensqualität getrost verzichten. Wenn Macht aus Enteignungen rührt und auf ihnen basiert, gilt im Umkehrschluss: Macht erlischt in wieder angeeigneten Lebensbedingungen, die geschichtlich unter die Kontrolle von Herrschaft und Profit gebracht worden sind. Aneignung ist Selbstermächtigung und Aufhebung von Macht.

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Das Magazin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bietet noch immer alle dort erschienenen Texte von mir an. Auch die nach der Trennung von uns selbst veröffentlichten Ausgaben der DHP. Nochmal einen herzlichen Dank an Günther Schmidt-Falck von der GEW Ansbach.

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Als bekannt wurde, dass Trump mit seinem Freund Infantino telefoniert hat, um eine Begnadigung des amerikanischen Rotsünders Balogun zu erwirken, müssten doch die anderen Mannschaften ihre Sachen packen und dem korrupten Spiel ein Ende setzen. Wenn der fragliche Spieler noch einen Funken Ehre besäße, würde er von sich aus auf einen Einsatz gegen Belgien verzichten und sich krank melden. Aber nichts wird passieren, weil die Korruption allgemein und normal geworden ist und zu viel Geld im Spiel ist. Alle sind verstrickt und Teil des grausamen Spiels.

Es gibt doch so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. Die amerikanischen Fußballer haben gegen Belgien mit 1:4 verloren und sind aus dem Turnier ausgeschieden. Daran wird auch Trump nichts ändern können. Er wird sich erkundigen, wo Belgien liegt, und überlegen, ob man es bombardieren oder kaufen kann.

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Heute Morgen war mir danach, Pinball Wizard von „The Who“ zu hören. Ich bevorzuge den Auftritt auf der Isle of Wigth aus dem Jahr 1970, als noch alle an Bord waren. Also auch John Entwistle am Bass und der einzigartige Keith Moon am Schlagzeug, der 1978 an der Überdosis eines Beruhigungsmittels starb, das er als Unterstützung beim Alkoholentzug einnahm. Ich habe schon mehrfach gesagt, dass The Who für mich die wichtigste Band meiner jungen Jahre war und dass ich froh bin, sie 1997 in der Frankfurter Festhalle noch einmal gesehen und gehört zu haben. Da waren von der ursprünglichen Besetzung allerdings nur noch Roger Daltrey und Pete Townshend übrig. Die beiden vertragen sich bloß auf der Bühne einigermaßen. Sonst sind sie sehr verschieden. Daltrey ist ein übler Reaktionär und Brexit-Befürworter, Townshend bezeichnet sich selbst als Sozialist und liest kluge Bücher. Er hat, als „The Who“ sich mal aufgelöst hatte, eine Weile als Lektor in einem Verlag gearbeitet, was er als die schönste Zeit seines Lebens betrachtet.

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Ich habe heute nochmal eine große Tüte voll dunkler Kirschen auf dem Wochenmarkt erstanden. Außerdem von der humpelnden Frau Tomaten, Paprika und Auberginen fürs erste Ratatouille der Saison. „Mein“ Bettler hat im Sitzen tief und fest geschlafen. Ihm Geld hinzulegen hat keinen Sinn, weil es der erstschlechteste Strolch mitnimmt. Das hab ich einmal gemacht und später von ihm gehört, dass es nicht mehr da war, als er erwacht ist. Also bekommt er am Samstag seine Wochenration Kohle. Es ist heute Morgen erstaunlich und erfreulich frisch. Hab meinen Lahnausflug auf später verschoben. Beim Verzehr der Kirschen muss ich mich zügeln, sonst ist die Türe schnell leer und ich verbringe den Rest des Tages auf der Toilette.

Was ich für ein Zeug schreibe. Interessiert das überhaupt jemand? Zu meiner Rechtfertigung verweise ich auf Goethe, der sagte: Besser nichts schreiben, als nicht schreiben.

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„Alle Verdinglichung ist ein Vergessen.“

(Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung)

Die sich greifende Digitalisierung schafft die sinnlich erfahrbare Welt ab, verdammt die Wahrnehmungsfähigkeiten zur Untätigkeit und lässt das Vermögen verkümmern, zwischen richtig und falsch, gut und schlecht unterscheiden zu können. Christoph Hein hat in einer 1994 anläßlich der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse gehaltenen und „Prägungen“ betitelten Rede ironisch vor dem Lesen gewarnt. Literatur sei identitätsfördernd, Lesen präge das Individuum, sagt er dort, und hinterlasse im Subjekt bleibende Strukturen, die alle späteren Erfahrungen, Haltungen und Kenntnisse ordne und einordne. „Die heute erforderliche Mehrfach-Identität hat ihr förderliches Pendant in den neuen Medien gefunden und wird durch Literatur nur behindert.“ Informationen treten kaum noch den Weg durch eine Verarbeitung und Aneignung an, wodurch sie im emphatischen Sinn erst zu wirklicher Erfahrung würden, sondern rotieren als unverbundene Fragmente an der Oberfläche des Bewusstseins. Die synthetisierende und einheitsstiftende Fähigkeit des Ichs bricht, wo sie sich überhaupt noch ausgebildet hat, unter dem Ansturm zeitgenössischer Hochgeschwindigkeitserfahrung und ihrer unverbundenen Rotation zusammen. Eindrücke, Informationen, Sensationen, Angebote und Imperative stürmen auf die Individuen ein und lassen ihnen immer weniger Gelegenheit, aus ihnen etwas Eigenes zu machen. Oskar Negt sprach in diesem Zusammenhang von der Abschaffung der „inneren Vorrats- und Lagerhaltung“, durch die der innengeleitete Mensch sich einen Fundus an Maßstäben und einen Sinnhorizont schuf, der ihn instand setzte, selbsttätig eine gewisse Einheit des Mannigfaltigen und Chaotischen herzustellen und im besten Fall seine Erfahrungen einer Prüfung an den Maßstäben kritischer Urteilskraft zu unterziehen. Der Mechanismus der Verinnerlichung verliert an Wirksamkeit: Normen und Werte, Verhaltensweisen und modische Trends tangieren die Individuen nur flüchtig und an der Peripherie und rutschen nicht wirklich nach innen. Es ensteht Erfahrungs- und Wirklichkeitsverlust, nicht weil zu wenig gewußt wird, sondern weil man zu viel weiß und an Informationen aufnimmt, ohne irgendetwas davon steuern und sich wirklich aneignen zu können. Horkheimer sprach auf dem Hintergrund amerikanischer Erfahrungen zeitig vom Auftauchen neuer Formen von „Dummheit“, die sich inmitten der Wohlinformiertheit ausbreiten: „Bloße Informationen helfen nicht weiter beim Erkennen der Wahrheit.“ Sie bleiben an der Oberfläche, während Erfahrung das Resultat von Verarbeitungsprozessen und Brechung an inneren Maßstäben ist.

Eine zentrale Eigenschaft des bürgerlichen Ichs, die Fähigkeit, Erfahrungen zu organisieren und Begriffe zu bilden, hat kaum noch Chancen, sich auszubilden. Da es keine Erfahrungen im emphatischen Sinne mehr zu machen gibt, gelingt auch die Aneignung der eigenen Geschichte und Identität immer weniger. Immer mehr vor allem junge Menschen leben in einem dumpfen, „formlosen Präsens“, sagte der Anfang des Jahres gestorbene niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom. Viel handgreiflicher als noch zu Adornos Zeiten droht uns heute „das Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung.“ Die vollendete Herrschaftstotalität von Verdinglichung wäre Adorno und Lukács zufolge identisch mit einem chronischen Vergessen. Der Tausch ist seinem Wesen nach zeit- und qualitätslos, und in dem Maße, wie er alle gesellschaftlichen Bereiche bis in die letzten Poren durchdringt, werden Zeit, Erinnerung und Gedächtnis als irrationale Reste getilgt wie die handwerklichen Spuren aus der industriellen Produktion. Die Verhältnisse präsentieren sich den Menschen in der Gestalt von fertigen Produkten, als „riesige Warensammlung“ (Marx), die ihren genetischen Aspekt, der begrifflich als Arbeit zu fassen wäre, kaum noch preisgibt. Die Dinge scheinen sich selbst zu erzeugen und es bedarf immer größeren Einsatzes kognitiver Energien, um den fetischistischen Schleier der Gegenständlichkeit noch zu durchdringen.

Immer mehr einstmals autonome Ich-Leistungen und Gewissensentscheidungen werden ausgelagert und an Apparate delegiert. Ursache ist sicher eine vorangegangene Schwächung des Über-Ichs, dann aber arbeiten die Apparate an dessen weiterer Entmachtung und fördern seine Erosion. Wie die Navigationsgeräte den geographischen Orientierungssinn verkümmern lassen, das Internet das Erinnerungsvermögen schwächt und einer „digitalen Demenz“ in die Hände arbeitet, so untergräbt die Apparate-Moral das kritische Urteilsvermögens und die moralische Substanz im Menschen.

Wenn wir eines nicht mehr fernen Tages ins Nirwana des Geldes eingegangen sind und wären wir gezwungen, in einer „eindimensionalen Gesellschaft“ (Herbert Marcuse) zu leben, die alle Hoffnungen und Alternativen unter sich begraben hat. „In ein paar Jahren“, schreibt Imre Kertész in seinem Buch „Ich – ein anderer“, „wird sich alles, alles ändern – die Menschen, die Häuser, die Straßen; die Erinnerungen werden eingemauert, die Wunden zugebaut sein, der moderne Mensch mit seiner berüchtigten Flexibilität wird alles vergessen haben, wird den trüben Bodensatz seiner Vergangenheit wegfiltern, als wär’s Kaffeesatz.“

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Chronik der Gewalt. Im Pfaffenwinkel in Oberbayern ist es heute, also am 8. Juli 2026, an einer Schule zu einer amokartigen Tat gekommen. Zwei Schülerinnen eines Gymnasiums in Schongau sind verletzt worden. Ein 16-jähriger Schüler ist der Tat verdächtig und konnte von der Polizei festgenommen werden. Er sei mit einem Messer und einer Schusswaffe unterwegs gewesen, heißt es von Seiten der Ermittler. Er soll sich um einen ehemaligen Schüler des Gymnasiums handeln. Dass die Tat relativ glimpflich verlief, verdankt sich dem Umstand, dass die Waffe nach einem Schuss versagte. Die beiden 13-jährigen verletzten Mädchen waren am Nachmittag außer Lebensgefahr. Sie liegen mit Stichwunden im Krankenhaus. Taten, bei denen die Opfer weiblich oder überwiegend weiblich sind, haben oft etwas „Incelhaftes“. Das heißt, sie werden von Männern begangen, die sich von Frauen unverstanden oder abgelehnt fühlen und deswegen einen Hass auf alles Weibliche entwickeln. In der Amok-Geschichte gibt es etliche Beispiele für dieses Motiv.

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Gestern sind mit vorn im Park fünf oder sechs schwarz gekleidete junge Männer aus dem arabischen Sprachraum begegnet, die finster drauf waren. Alle Frauen wurden als „Fotze“ tituliert, die Mütter aller anderen sollten unbedingt „gefickt“ werden. Ich war froh, dass ich unversehrt an ihnen vorbeigekommen bin. Eine unerschrockene junge Frau sagte in ihre Richtung: „Halt mals Maul, Digger!“ Das ging im allgemeinen Gebrüll unter, sonst hätte sie etwas erleben können. Auf dem Rückweg versperrte an derselben Stelle eine Gruppe von Pokémon-Idioten mit ihren Smartphones den Weg. Ich wusste gar nicht, dass es die immer noch gibt. Vor ziemlich genau zehn Jahren habe ich mich im Online-Magazin „Der neue Landbote“ schon über die Pokémon-Gänger lustig gemacht: https://landbote.info/absurder-alltag/

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Auf dem Rückweg von der Lahn torkelte mir eine betrunkene Russin ins Rad. Ich konnte gerade noch bremsen und einen Sturz vermeiden. Sie war Teil einer vierköpfigen Frauengruppe, die auf einer Bank am Lahnufer gehockt und Wodka getrunken hatte. Die Frauen waren mir auf dem Hinweg ihrer Lautstärke wegen bereits aufgefallen. Die leer im Gras neben der Bank zurückgelassenen Flaschen zeugten von ihrem beachtlichen Alkoholkonsum. Nun wankten sie in großen Amplituden gemeinsam über den Uferweg nach Hause – in die Hochhäuser der Weststadt.

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Bonnie Tyler ist gestorben. Sie wurde 75 Jahre als, war ein halbes Jahr jünger als ich. Als wir hier im Haus noch eine einigermaßen funktionierende Hausgemeinschaft waren, wurden gelegentlich rauschende Feste gefeiert. Dort wurde Ende der 1970er Jahre auf „It‘s a Heartache“ von Bonnie Tyler wild getanzt, das Stück lief rauf und runter und wurde laut mitgesungen, ja gegrölt, kann man sagen. Es gehört zur Geschichte dieses Hauses und ihre raue Stimme ist ganz sicher im Mauerwerk gespeichert. Bonnie Tyler stammte aus Wales und aus der Arbeiterklasse und hatte eine Menge Geschwister. Von ihren ersten Platteneinkünften kaufte sie ihrer Familie ein Haus. Nun ist sie in Portugal einer „Heartache“ erlegen.

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Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die diesjährige Trägerin des Georg Büchner-Preises, Christine Wunicke, nicht kenne. Habe nichts von ihr gelesen, kannte bis gestern nicht einmal ihren Namen. Asche auf mein Haupt! In der Süddeutschen Zeitung vom 10. Juli 2026 findet man einen Artikel von Maria Schmidt über Christine Wunnicke, in dem es unter anderem heißt: „Die Akademie in Darmstadt beweist also einmal mehr ihre Souveränität gegenüber Moden mit ihrer Entscheidung für diese Schriftstellerin: Dort befinden nicht Buchhändler und Kritiker über Literaturpreise, sondern vor allem Wissenschaftlerinnen und Schriftsteller. Sie verschaffen jetzt einer Frau die große Bühne, die höchst ungern auf welchen steht: Lesungen, Auftritte versucht sie zu vermeiden, eine Autorin, die bereitwillig ihre Haut zu Markte trägt, ist Christine Wunnicke nicht.“

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Die Hitzewelle der letzten Tage hat laut Robert Koch-Institut rund 5.000 Menschen das Leben gekostet. Sie wären ohne diese Hitze vermutlich nicht gestorben, jedenfalls nicht jetzt.

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Laut einer aktuellen Meinungsumfrage liegt die AfD bundesweit bei 28 Prozent, die CDU bei 22, die Grünen bei 14 und Linke und SPD gleichauf bei 13 Prozent. BSW und FDP spielen nach wie vor keine nennenswerte Rolle. „Ich kann gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte“, sagte Max Liebermann auf Berlinerisch, als er den Fackelzug der Nazis nach ihrer Machtergreifung beobachtete.

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Ich saß mit meinem Freund aus dem ehemaligen Jugoslawien im Park auf einer Bank, als sich ein winziger, tiefgrüner Grashüpfer auf meinem rechten Unterarm niederließ. Er kroch darauf umher und verfing sich im Gestrüpp der Behaarung. Er saß regelrecht fest darin. Irgendwann half ich ihm raus, in dem ich ihn so fest wie möglich anpustete. Ihn anzufassen wagte ich nicht, weil er mir so zart und zerbrechlich vorkam. Er landete neben der Bank im Gras und es schien mir, als wäre er erleichtert über seine wiedergewonnen Freiheit. Aber was weiß ich, was in einem Grashüpfer vor sich geht? Vielleicht hat er sich m Dschungel meiner Armbehaarung pudelwohl gefühlt, um noch ein anderes Tier ins Spiel zu bringen.

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Erst jetzt erfahre ich, dass die Stadt Gießen sich eine „Nachtbeauftragte“ leistet. Diese sieht ihre Aufgabe darin, „das Sicherheitsgefühl beim Feiern zu erhöhen“. So lese ich eingangs des ganzseitigen Interviews im „Gießener Anzeiger“ schon mal, dass es ihr um den Schutz der Feiernden zu tun ist, und nicht um den Schutz der Anwohner vor den Feiernden. Ihre Stelle ist befristet. Was sie in der ihr verbleibenden Zeit unbedingt noch „ausprobieren“ möchte, sind „Wake-up-Partys und Morning Raves“, wo man „morgens ab sechs Uhr schon mal drei bis vier Stunden tanzen kann“. Außerdem sei es eines ihrer Anliegen, „Regularien zu lockern“, die ihr nicht mehr zeitgemäß scheinen. So eine „Nachtbeauftragte“ mit dem Freiheitsbegriff der FDP ist genau das, was Gießen gefehlt hat. Es findet sich in dem ganzen langen Interview nicht eine einzige kritische Bemerkung zu dem Stumpfsinn und der Inhaltsleere der Feierei. Das Credo vieler junger Leute lautet: Celebro, ergo sum. Wenn sie irgendetwas fordern, dann das Recht auf Partymachen. Die Regierenden wissen, dass die Partyszene politisch vollkommen harmlos ist und das Feiern ein sozialpsychologisches Ventil darstellt, durch das Frust und Aggressionen auf eine für das System unschädliche Weise entweichen können.

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Ich schreibe ja tagtäglich unter dem grimmigen Blick von Otto Rühle. Als wir den zweiten Band seiner „Illustrierten Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats“ herausbrachten, hängte ich ein Portrait von ihm in meinem Arbeitszimmer auf. Damals grinsten die Menschen noch nicht so blöd, wenn sie fotografiert wurden, sondern blickten angemessen ernst in die Kamera. Eine wichtige Erkenntnis Rühles ist aus diesen Tagen bei mir hängengeblieben: Dass die Vorstellung vom „objektiven Gang der Geschichte“ und dem unausweichlichen Triumph des Sozialismus so populär war, weil er ein „Ermutigungselixier“ für Menschen darstellte, die entmutigt waren und gelernt hatten, ihr kapitalverwertendes Unglück ohnmächtig zu ertragen. Sie führten „ein Leben in stiller Verzweiflung“, wie es bei Thoreau heißt. Sie übernahmen die Theorie von Marx in einer Beschaffenheit, die ihrer eigenen Beschaffenheit entsprach. An die Stelle des Sozialismus als Ziel praktischer Kämpfe, trat das quasireligiöse Vertrauen darauf, dass der „eherne Gang der Geschichte“ das Proletariat zum Sieg führen werde. Der fatalistische und objektivistische Marxismus der Ära der Zweiten Internationale vermittelte den Arbeitern die Gewissheit, der Sozialismus sei „die reife Frucht eines selbsttätigen Entwicklungsablaufs“, wie Rühle schrieb. Er entsprach den Bedürfnissen einer Arbeiterklasse, bei der „Erziehung, Tradition und Gewohnheit“ (Karl Marx)  dazu geführt hatten, dass sie die kapitalistischen Verhältnisse als gegeben und unabänderlich hinnahm. Sie konnte sich die sozialistische Gesellschaft der Zukunft nicht mehr als Resultat umwälzender Praxis vorstellen, sondern höchstens als reife Frucht, die ihr eines Tages vom Baum der Geschichte in den Schoß fallen würde. Dieser fatalistische Verständnis von Geschichte begünstigte die Niederlage der Arbeiterbewegung vor dem Faschismus und dessen Triumph. „Da müssen wir noch durch, danach kommen wir dran, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche oder das Rot Front auf dem Parteitag“, lautete eine gängige These, mit der sich viele beruhigten und wegduckten. Das zu Fußtruppen der Notwendigkeit degradierte Proletariat wurde nicht zum Totengräber der bürgerlichen Gesellschaft, wie dasKommunistische Manifest“ es prophezeit hatte, sondern die zum Faschismus mutierte bürgerliche Gesellschaft wurde zum Totengräber von Kommunisten und Sozialdemokraten. Bis auf den heutigen Tag. Mit dem allerdings wichtigen Unterschied, dass die Sozialdemokraten auf die Seite der Totengräber gewechselt sind und ihre Zerschlagung in eigene Regie genommen haben und Kommunisten gar nicht mehr vorhanden sind.

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„Unglücke geschahen keine, das Leben war das Unglück.“

(Lukas Bärfuss)

Ich habe, wie ich schon erwähnte, das von U bestellte Buch von Lena Schätte in ihrer Lieblingsbuchhandlung abgeholt. Schätte hat ja völlig zu Recht das diesjährige Ingeborg Bachmann-Wettlesen gewonnen. Solange U noch auf Reisen ist, beschloss ich, das Buch selbst zu lesen. Und obwohl es harter Tobak ist, habe ich es nicht bereut. „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ist ein hartes, schonungsloses Buch über den Suff und seine zerstörerischen Folgen. Alle in der Familie saufen, auch die Halbwüchsige Motte, die Hauptfigur des Romans. Das Saufen wird von Generation zu Generation weitergegeben und ist selbstverständlicher Teil des Lebens. Man trinkt, was man kriegen kann, auch Minzschnaps, der „Männertöter“ genannt wird und auch so ist. Gern auch noch mit ein paar Tropfen Novalgin versetzt, einem starken Schmerzmittel. Das Leben des Vaters endet in einem trostlosen Krankenhauszimmer. „Im letzten Zimmer auf der Welt liegt sein Körper. Der Arzt bleibt auf dem Flur stehen, mein Bruder stürzt hinein. Ich zögere, doch sehe ihn schon durch die Glasscheibe neben der Tür. Sie haben ihm ein OP-Hemd  über die Brust gelegt, doch seine Arme sind nicht drin. Die Monitore sind aus, die Kabel hängen über dem Bettgitter.“ Auf dem Friedhof wird ihm zum Abschied eine letzte Pulle Schnaps ins Grab geschüttet. In gewisser Weise ist Lena Schätte das weibliche Pendant zu Christian Baron, der ja auch unter einem saufenden Vater zu leiden hatte. Beiden ist es gelungen, sich aus dem Sumpf von Alkohol und Verwahrlosung herauszuschreiben. Vor beiden habe ich großen Respekt und empfehle euch ihre Bücher dringend zur Lektüre.

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Es gibt nichts Schöneres, als ein Sonntagmorgen am Fluss zu verbringen. Ich fuhr so gegen sieben Uhr gemächlich an der Lahn entlang zur Badestelle. Ein Reiher stand auf einer Wiese und lauerte auf Beute. Amseln kruschpelten im Gebüsch und wendeten Blatt um Blatt, in der Hoffnung, darunter ein Würmchen oder einen Käfer zu ergattern. Krähen hüpften keckernd umher. Selbst um diese Zeit schaffen es die Leute nicht, auf ihr Handy zu verzichten. Im Gehen lassen sie es keinen Moment aus den Augen. Zum Grüßen anderer Menschen bleibt keine freie Valenz. Ich hockte mich erst mal auf die Treppe und schaute auf den Fluss. Die Sonne stieg gerade über den Bäumen am gegenüber liegenden Ufer hoch und erzeugte flackernde Spiegelungen auf Büschen und Bäumen. Dann stieg ich nackert in den Fluss und schwamm einmal quer hindurch. Ein Eisvogel zischte im Tiefflug über mich hinweg. Noch auf dem Heimweg spürte ich die Kühle des Wassers auf meiner Haut. An solchen Morgen empfinde ich so etwas wie Glück und den Strom des Lebendigen, der selbst einen alten Mann wie mich gelegentlich noch erfasst und mitreißt.

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„Primär ist der Profit.“

(Theodor W. Adorno)

Ein altes Thema der DHP: Die Wirtschaft warnt mehrheitlich vor Wahlsiegen der AfD bei den bevorstehenden Landtagswahlen. So etwas sei schädlich für den jeweiligen „Standort“ und das Wirtschaftswachstum. Für viele Menschen, die die Wahl entscheiden, ist aber das Etikett „gesichert rechtsextrem“, das der Verfassungsschutz der AfD verpasst, eher ein Gütesiegel und Qualitätsmerkmal. Sie wählen diese Partei nicht trotz dieser Etikettierung, sondern wegen ihr. Ich habe schon oft gefragt: Was wäre denn, wenn eine Machtübernahme der AfD günstig für das Wirtschaftswachstum wäre? Wäre ihr Programm dann akzeptabel? Keine Sorge: Die Wirtschaft würde sich schnell mit einem AfD-Regime arrangieren, wie sie sich mit allem arrangiert hat, solange der Profit stimmt und das Profitprinzip nicht angerührt wird.

Dieser Tage war der rechte Kabarettist Uwe Steimle auf einer AfD-Veranstaltung in Sachsen-Anhalt zu Gast. Am Ende stimmte Steimle gemeinsam mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und Timo Chrupalla die Nationalhymne der ehemaligen DDR an. Steimle fragte auf dieser Veranstaltung unter johlender Zustimmung des Publikums überdies: „Mittlerweile muss ich sagen, wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal, wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?“ Die Staatsanwaltschaft hat wegen dieser Äußerung Ermittlungen aufgenommen. Aber die ist garantiert durch die Kunstfreiheit gedeckt. Solche Auftritte wirken nur auf ein links-liberales Publikum abschreckend, Rechte finden das „knorke und riesig“. Endlich sagt es mal jemand!

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Heute Morgen lächelte mir eine junge Frau, die auf Inlinern unterwegs war, zu, als wir uns auf dem Uferweg begegneten. Meine Nacht war voller Angst gewesen, das freundliche Lächeln dieser fremden Frau hat mir den Tag gut gemacht und mir die Kraft gegeben, ihn durchzustehen.

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In der „Süddeutschen Zeitung“ findet sich ein Interview mit der Historikerin Anne Applebaum, die vor allem eine Kennerin der untergegangenen Sowjetunion und des ehemals kommunistischen Osteuropas ist. Sie hat ein bedeutendes Buch über den „Holodomor“ geschrieben, also über Stalins Versuch, die Ukraine und die Ukrainer und Ukrainerinnen in den 1930er Jahren durch eine künstlich und absichtsvoll herbeigeführte Hungersnot zu vernichten. „Roter Hunger – Stalins Krieg gegen die Ukraine“ heißt dieses Buch, das 2019 bei Siedler in München erschienen ist. Millionen Menschen kamen damals ums Leben. (Siehe DHP Folge 58) In dem aktuellen Interview geht es um den Vormarsch der Autokratien und die Schwäche der liberalen Demokratien. Anne Applebaum ist auch amerikanische Staatsbürgerin und zählt die USA inzwischen zu den autokratisch regierten Ländern. Für die Zukunft der USA fürchtet sie: „Sollten die Republikaner also wieder gewinnen (bei den Zwischenwahlen im November, G.E.), dann bin ich mir nicht sicher, ob wir in zwei Jahren eine weitere freie Wahl haben werden.“ Für den Umgang mit Donald Trump rät sie: „Aber zu hoffen, dass der amerikanische Präsident gute Laune hat, ist nicht die Lösung des Problems.“ Das richtet sich vor allem an die Adresse von Nato-Generalsekretär Mark Rutte, der dem Präsidenten immer wieder um den Bart geht. Das ist würdelos und außerdem politisch fatal.

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Ein Reiher und ein Storch standen heute Morgen einträchtig nebeneinander auf einer Wiese in den Lahnauen. Als ich mich näherte, flog der Reiher mit einem ärgerlichen Krächzen auf. Der Storch war die Ruhe selbst und blieb auf einem Bein stehen, wie es sich für einen Storch gehört. Einen Eisvogel habe ich heute bloß gehört, aber nicht gesehen. Vor dem Steg schwimmen schon die ersten Blätter auf dem Wasser. Kein Mensch störte meinen Morgen am Fluss.

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Immer häufiger fallen mir junge Leute auf mit vor Unruhe zuckenden und wippenden Beinen – unkonzentriert, nervös, flackernd. Das Zucken ist unwillkürlich und unterliegt nicht der Steuerung durch den Willen. Den davon Befallenen ist gar nicht bewusst, dass ihre Beine in einem rasenden Tempo zucken und wippen. Mir scheint diese Nervosität eine Folge des Handy- und Medienkonsums. Schon die Kleinsten bekommen heute von ihren Eltern irgendwelche Geräte in den Kinderwagen gereicht, die sie ruhig stellen sollen, aber mittel- und langfristig das Gegenteil bewirken. Ihre Motorik gerät völlig außer Kontrolle, die Digitalisierung schreibt sich in die Körper ein. Längst ist die Kindheit kein Schonraum mehr, in dem Kinder in einem ihnen gemäßen Rhythmus ihre Entwicklungs- und Wachstumsschritte absolvieren können. Mütter sehen beim Stillen oder Füttern fern oder sind mit ihren Smartphones beschäftigt. Selten trifft man noch Mütter an, die ganz bei ihren Kindern sind und sich ihnen geduldig widmen. Meist ist die Aufmerksamkeit geteilt, was für Unruhe und Unsicherheit sorgt. Die eigentlich wichtige Verlässlichkeit und Konstanz ist dahin – mit unabsehbaren Folgen. Die „psychische Geburt des Menschen“, wie Margaret Mahler die Prozesse der „Loslösung und Individuation“ genannt hat, die sich an die biologische Geburt anschließen und die ersten Lebensjahre andauern, ist ein äußerst komplizierter Vorgang, der sehr störanfällig ist. Eine wahrhaft menschliche Gesellschaft hätte viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, den Kindern einen vernünfigen Empfang zu bereiten und verlässliche Räume zur Verfügung zu stellen, die es ihnen ermöglichen, ihre „psychische Geburt“ zu vollenden und sich zu wirklichen Menschen mit menschlichen Eigenschaften zu entwickeln. Wenn immer mehr Kinder aus dem Mutterleib direkt in die riesige Warensammlung stürzen, als die Marx die bürgerliche Gesellschaft beschrieben hat, werden vermehrt psychisch frigide Monster heranwachsen, die sich an keine Regeln mehr halten und sich niemandem und nichts gegenüber verpflichtet fühlen. In Folge 138 der DHP habe ich mich zur „gesellschaftlichen Produktion von Psychopathen“ schon einmal geäußert. 

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„Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kennte er mich.“

(Robert Walser)

Mein Lieblingssatz von Robert Walser, neben dem eingangs zitierten, lautet: „Er glich dem Blatt, das ein Knabe mit der Rute vom Zweig herunterschlägt, weil es ihm als Vereinzeltes auffällt.“ Er fällt in seinem Roman „Der Räuber“, der autobiographische Züge trägt. Walser vergleicht sich also selbst mit dem Blatt, das dem Knaben als Vereinzeltes aufgefallen ist und deshalb seine Wut auslöst. Walser hat die letzten Jahrzehnte seines Lebens in einer psychiatrischen Anstalt verbracht. Was Walser über Hölderlin sagt, werden wir, ohne ihm zu nahe zu treten, auf ihn selbst übertragen dürfen: „Ich bin überzeugt, dass Hölderlin die letzten dreißig Jahre seines Lebens gar nicht so unglücklich war, wie es die Literaturprofessoren ausmalen. In einem bescheidenen Winkel dahinträumen zu können, ohne beständig Ansprüche erfüllen zu müssen, ist bestimmt kein Martyrium. Die Leute machen nur eines daraus!“ In der Anstalt, in der Walser lebte, respektierte man ihn und ließ ihn weitgehend in Ruhe. Er wischte nach dem Essen die Tische ab, blätterte in Illustrierten, machte Notizen in einer mikroskopisch kleinen Schrift, unternahm ausgedehnte Spaziergänge in die Umgebung und himmelte Wirtstöchter an. Auf einem dieser Spaziergänge starb er denn auch. Man fand seinen Leichnam am ersten Weihnachtstag 1956 im Schnee. Ganz wie er es in seinem Roman „Geschwister Tanner“ ein halbes Jahrhundert zuvor vorausgeahnt hatte.

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Wenn die Müllabfuhr um diese Jahreszeit die grünen Tonnen mit dem Bio-Müll entleert, ist die Luft vom Geruch nach vergorenem Obst, Gemüse und Gartenabfällen erfüllt. Ich finde diesen Geruch nicht einmal unangenehm. Er erinnert mich an irgendetwas. Zu Hause gehörte es zu meinen Aufgaben, von Zeit zu Zeit den Kompost umzusetzen und durchzusieben. Das roch ähnlich.

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In der Stadt sehe ich eine muslimische Flaschensammlerin, die erhobenen Hauptes auf die Abfallbehälter zugeht, den Deckel anhebt und schaut, ob etwas drin ist, was Pfand bringt. Dann steckt sie es in einen mitgeführten Beutel und wendet sich dem nächsten Müllbehälter zu. Sie trägt einen Hijab, ihre Augen leuchten darunter hervor. Etwas Stolzes geht von ihr aus. Ich habe nie zuvor eine muslimische Flaschensammlerin gesehen und schon gar nicht eine so stolze und würdevolle. Da war nichts Verschämtes, Verstohlenes an dieser Frau. Sie sammelt Flaschen, das ist alles. Da ist nichts dran, dessen man sich schämen müsste.

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Mitten in der Fußgängerzone steht seit beinahe zwei Jahren ein großes Geschäft leer. Damit die leeren Schaufenster die Leute nicht so angähnen und erschrecken, hat man die Scheiben nun von innen mit Bildern einer großstädtischen Skyline beklebt. Als die russische Zarin Katharina die Große 1787 die Krim bereiste, wollte Fürst Grigori Potjomkin Eindruck auf seine Zarin machen, die ihm die Ehre ihres Besuchs erwies. Da die geplanten Prachtbauten vor der Ankunft der Zarin nicht rechtzeitig fertig geworden waren, ließ Potjomkin bemalte Kulissen aufstellen, die Luxus und Wohlstand vortäuschen sollten. Ob die Zarin auf diesen Betrug hereingefallen ist, ist mir nicht bekannt. Die Gießener Bürger werden sich von den Potejemkinschen Schaufenstern wahrscheinlich nicht blenden lassen. Aber inmitten des allgemeinen Zerfalls und Niedergangs fallen einzelne leerstehende Geschäfte gar nicht mehr groß auf. Der vorherrschende Eindruck ist eh: „Alles geht den Bach ennunner!“

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Neben U‘s Dachfenster hockt Morgen für Morgen eine Taube, die eine aus fünf Tönen bestehende Melodie unablässig wiederholt. Ihr Repertoire besteht aus diesen fünf Tönen, mehr hat sie nicht zu bieten. Um den Stumpfsinn der ewigen Wiederholung etwas zu mildern, bricht sie bei der vierten Wiederholung nach dem ersten Ton abrupt ab und lässt den Rest weg. Das ist eine kleine Extravaganz, die sich diese Taube leistet und damit einen gewissen „Distinktionsgewinn“ erzielt, um einen Begriff des französischen Soziologen Pierre Bourdieu ins Spiel zu bringen. Geschmack, so haben wir aus seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ gelernt, ist keine bloße Marotte, sondern dient immer auch der sozialen Abgrenzung: „Seht her, ich habe etwas, das ihr nicht habt!“ Das Problem bei diesem Unterscheidungswettlauf besteht darin, dass die Leute sich in ihrem Bemühen, sich zu unterscheiden, immer ähnlicher werden. Das Bestreben, sich auszuzeichnen, nähert sie einander bis zur völligen Austauschbarkeit an. Die vermeintlichen Individualisten versinken im Herdentum. Es blüht der „Narzissmus der kleinsten Differenz“ (Sigmund Freud), der mit Sorgfalt und um so manischer gepflegt wird, als alle ungefähr dasselbe Leben führen. Ich habe mich einer Übung schuldig gemacht, die wir Menschen immer wieder praktiziert haben: Verhaltensweisen, die unter Menschen üblich sind, werden ins Tierreich projiziert und damit der Kritik entzogen. Konkurrenz, Neid und Gewinnstreben, die sich unter kapitalistischen Bedingungen verbreiten, werden zu quasi-natürlichen, anthropologischen Konstanten erklärt, an denen nichts zu ändern ist. Der sozialdarwinistische Überlebenskampf aller gegen alle wird zum Naturzustand verklärt, an dem nur naive Weltverbesserer Kritik üben können. Tauben, um auf den Ausgangspunkt meiner Überlegungen zurückzukommen, legen also ganz sicher keinen Wert auf „Distinktionsgewinne“. Sie sind so, wie sie sind und denken sich vermutlich nichts dabei, wenn sie ein paar Töne einer bestimmten Tonfolge weglassen.

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