101 | Vom Antirealismus der Gefühle

„Das Hickhack, der Streit und die moralische Schwäche, die in der Gruppe ausgebrochen sind, werden auf eine vulnerable oder marginale Person übertragen, jemanden, der wenig oder keine Verteidiger hat, einen Menschen, der die Schuld aufsaugt wie ein Schwamm: die Hexe, der Zigeuner, der Jude, der Homosexuelle, der Schwarze, der Muslim, der Emigrant, der Epileptiker, der Bettler, der Albino, der Verrückte, die weibliche Präsidentschaftskandidatin, das hübsche Mädchen auf Facebook. … Der oder die Auserwählte verdient, bestraft zu werden, und durch Bestrafung und Tod, durch die Opferung des Einen geht die Gemeinschaft gereinigt und harmonisch daraus hervor.“

(Siri Hustvedt: Sündenbock)

Wie oft hatten wir früher Splitter in Händen und Füßen! Ständig riss man sich an irgendeinem Werkzeugstiel oder einem Holztisch oder -geländer einen Splitter in die Hand oder trat sich beim Barfußlaufen im Garten einen Dorn in den Fuß. In meiner Erinnerung beugte sich ständig jemand über Hände oder Füße und versuchte, mit Hilfe einer Nadel einen Splitter aus mir herauszuoperieren. Die Nadel wurde zuvor über einer Kerze ausgeglüht und sterilisiert. Der Moment der Erleichterung, wenn es der Operateurin gelungen war, den Splitter unter der Haut hervorzuziehen. Stolz wurde der Splitter auf einer Fingerkuppe hergezeigt: „So, das war‘s.“  Die Wunde wurde desinfiziert und mit einem Pflaster beklebt. Selten missglückte eine Operation und es hieß dann: „Du musst warten, bis er rauseitert.“ Mit dem wachsenden Abstand zu den Dingen des Lebens und der Natur nahm auch die Splitterhäufigkeit ab. Meinen letzten Splitter habe ich mir vor Jahren beim Besteigen einer hölzernen Leiter in einem Kirschbaum am Edersee in einen Finger gerissen. Splitter gehören genauso zur Kindheit wie aufgeschürfte Knie. Den ganzen Sommer über hatte man einen Grind auf einem Knie, an dem man wider besseres Wissen so lang herumpolkte, bis er sich löste. Es begann neuerlich zu bluten, es bildete sich wieder ein Grind, an dem man erneut herumpolkte, und immer so weiter, den ganzen Sommer über. Splitter sind auch deswegen so unangenehm, weil sie etwas Fremdes sind, das in den eigenen Körper eindringt. Die Haut markiert die Körpergrenze, ein Splitter dringt in sie ein und verletzt sie. Er muss schnell entfernt werden. Wie eine Zecke, die sich in meiner Kniekehle festgebissen hat und sich an meinem Blut labt. Ich konnte, hatte ich eine Zecke einmal an meinem Körper entdeckt, sie dort nicht über Nacht ertragen. Sie musste schleunigst entfernt werden, nicht nur wegen der mit der Zeit steigenden Gefahr einer Infektion, sondern auch, weil sie da nicht hingehört und meine körperliche Integrität verletzt. Sie ist ein Fremdkörper am eigenen, der sich vampiristisch von ihm nährt. Es gibt so viele Vampire, die uns aussaugen und gegen die man sich nicht wehren kann, da will man sich wenigstens Zecken und Splitter vom Leib halten.

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Obwohl das Spiel gegen die Schweiz eher enttäuschend war, fand am Sonntagabend bis tief in die Nacht ein Autokorso statt. „Das Spiel gegen die Schweiz wird die erste richtige Bewährungsprobe“, hatte ich Anfang letzter Woche an eine Freundin geschrieben, die mich nach meiner Einschätzung der Spielstärke der deutschen Mannschaft gefragt hatte. Und so kam es dann auch. Das Spiel hat die Deutschen aus ihren hochfliegenden Träumen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Dass die deutsche Mannschaft bestenfalls Mittelmaß darstellt und froh sein kann, dass sie eine so leichte Vorrundengruppe erwischt und das Achtelfinale erreicht hat. Aber der „Antirealismus der Gefühle“ und die Sehnsucht nach den Wonnen der Verschmelzung in der Masse der Jubelnden werden dafür sorgen, dass die Träume vom Europameisterschaftstitel noch eine Weile erhalten bleiben. Das am Boden liegende Selbstwertgefühl der Deutschen bedarf dringend einer Aufpäppelung durch sportliche Erfolge. Das späte Ausgleichstor wird denn auch sogleich als „Momentum“ gefeiert und könnte noch einmal für einen zeitweiligen Höhenflug sorgen. Bis Gegner kommen, die einfach zu gut und eine Nummer zu groß sind. Irgendetwas muss Kai Havertz gegen Nagelsmann in der Hand haben, sonst würde dieser nicht so verbissen an ihm festhalten. Ich habe bisher nichts gesehen, was seinen Einsatz in der Startelf rechtfertigt. Es war jedenfalls ein Glück, dass Füllkrug den Kopfball angesetzt hat und nicht Havertz, der wäre in diesem Fall höchstwahrscheinlich sonstwo gelandet.

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Ein Sportwettenanbieter, der in seiner Werbung mit Machosprache und Hypervirilität auffällt, wirbt mit dem Spruch: „Mach, was du willst!“ Als müsste man die Leute dazu noch ermuntern.

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Neben meinem Sofa, auf dem ich lese, liegen die Bücher, mit denen ich gerade beschäftigt bin. Gestern sah ich, dass Siri Hustvedts Essay-Band „Mütter, Väter und Täter“ auf Paul Austers Essay-Band „Mit Fremden sprechen“ zu liegen gekommen war. Was für ein schöner Zufall. Die beiden waren oder sind verheiratet. Üblichen Rollenklischees verhaftet, sind viele Leute davon ausgegangen, Auster sei der theoretische Kopf in dieser Beziehung gewesen, Hustvedt sei ihm gefolgt und verdanke ihre Erfolge und Erkenntnisse seinem Einfluss. Auster wurde nicht müde zu betonen, dass es in vielen Feldern genau umgekehrt gewesen sei. Siri sei in zahlreichen, vor allem in den klassischerweise männlich konnotierten Wissensgebieten, vorangegangen und er habe von ihrem enormen Wissen profitiert. Er verdanke ihr viel, auch als Schriftsteller. Es war offenbar eine der seltenen wirklich symmetrischen Beziehungen. Ich habe in den letzten Tagen viel über Bemerkungen Hustvedts über den Zusammenhang von körperlichen Zuständen und Schreiben nachgedacht. Es gebe eine intime Beziehung vieler Schreibender zur Bewegung und vor allem zum Gehen, der Rhythmus ihres Gangs finde sich im Rhythmus ihrer Sätze wieder. „Um tun zu können, was du tust, musst du gehen“, sagt Auster in dem filmischen Portrait, von dem ich bereits sprach und das in der Arte-Mediathek immer noch bereit gehalten wird. Es gibt also nicht nur die Kleistsche „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“, sondern auch eine allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Gehen. Was bedeutet der Verlust des freien Schreitens und die Einengung der Bewegung für mein Schreiben, frage ich mich. Wenn ich nicht mehr hüpfen und rennen und nur noch schlurchend gehen kann, werde ich dann irgendwann auch schlurchend denken und schreiben? Vielleicht ist es bereits so und ich merke es nicht einmal mehr? Vielleicht muss ich mich in meinem Zustand eher an Sartres Cartesianismus orientieren, der davon ausging, dass man geistig weitgehend unabhängig von körperlichen Zuständen sei. Von allem Körperlichen könne und müsse man sich „losreißen“. Man kann also auch als Gelähmter geistig noch große Sprünge vollführen. So Sartre. Ich bin, was das angeht, eher pessimistisch und auf Hustvedts und Austers Seite.

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Heute werde ich die Badesaison eröffnen und zum ersten Mal im Fluss schwimmen. Hoffentlich geht das wenigstens noch.

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Mit großer Freude habe ich gerade in den Nachrichten gehört, dass Julian Assange endlich frei ist und seine Strafe als verbüßt gilt. Vierzehn Jahre war er in Haft, weil er es gewagt hat, Kriegsverbrechen der Amerikaner in Afghanistan und im Irak öffentlich zu machen. Hoffentlich kann er sich von den leib-seelischen Qualen und Strapazen der Haft erholen und die wieder gewonnene Freiheit genießen. Jetzt ist er auf dem Weg nach Australien zu seiner Frau und Familie. Eine zur Vernunft gekommene Menschheit wird ihm dereinst hoffentlich ein Denkmal setzen und Schulen nach ihm benennen.

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Auch das Schwimmen im Fluss, von dem ich in Teil 6 der DHP so geschwärmt habe, hat seine Leichtigkeit verloren. Mit tauben Beinen schwimmt es sich nicht so gut, das elementare Sicherheitsgefühl im Wasser ist dahin – wie an Land. U schwamm ihre übliche lange Strecke Richtung Marburg und zurück, während ich ein bisschen im Wasser herumrührte. Später trafen wir am Steg unseren ehemaligen Leibarzt und seine Frau, was sehr angenehm war. Leider hat er sich aus der Praxis zurückgezogen und ist nun Rentner. Morgen habe ich einen Termin mit einem seiner Nachfolger, der es aber mit ihm nicht aufnehmen kann. Fachlich vielleicht schon, aber menschlich auf keinen Fall. Der Arzt und Psychoanalytiker Michael Balint sagte bereits in den 1950er Jahren über die Person des Arztes: „Das am allerhäufigsten verwendete Heilmittel ist der Arzt selbst.“ Und die Beziehung, die er zum Patienten eingeht. Manchmal, wenn der Arzt im Inneren des Patienten seinen Platz hat, hilft es schon, wenn er sagt: „Das wird schon wieder.“ Mein jetziger Arzt hat keinen Platz in meinem Inneren, und das ist schade und mindert seine Heilkraft. Vielleicht mangelt es heutigen Ärtzten auch schlicht an Zeit. Bindungen entwickeln sich nur, wenn Zeit dafür da ist und nicht vor dem Behandlungszimmer eine schier endlose Kette von Patienten darauf wartet, vorgelassen zu werden. Was waren das für Zeiten, als es noch Hausärzte gab, die lang genug blieben, um sich die Namen ihrer Patienten und ihre Geschichte zu merken. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient den gleichen Arzt zwei Mal zu sehen bekommt, ist heutzutage sehr gering.

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Gestern sah ich abends aus Verzweiflung am späten Abend die zweite Halbzeit des Spiels England gegen die Slowenien, das null zu null ausging und grottenschlecht war. Ich habe im Laufe vieler Jahre viele schlechte Fußballspiele gesehen, aber dieses hier nimmt im Negativ-Ranking einen der vorderen Plätze ein. Von den hochgelobten Harry Kane und Jude Bellingham war nichts zu sehen außer erschütterndem Mittelmaß. Getoppt wird das alles noch durch die ARD-Sendung „EM-Kneipenquiz“, die den Spieltag mit sogenannten Promis und einer großen Dosis Schwachsinn beschließt. Eine Art Dschungelcamp für ausgediente Fußballer und Nashornvögel, die sich vom Fußball ernähren. Es lohnt nicht, darüber zu schreiben. Ich sollte vom Fußball schweigen. Und auch keine Lebenszeit mit dem Anschauen schlechter Spiele mehr verplempern. Aber wie oft habe ich mir das schon geschworen.

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„‘Im Kino‘, sage ich, ‚machen sich die Liebenden die Geständnisse gern im strömenden Regen, damit wir begreifen: Die Leidenschaft ist stärker als der Wunsch nach Komfort.‘ ‚Ja‘, erwidert sie. ‚Im Leben stellen wir uns unter.‘“

(Roger Willemsen)

Wenn ich an Eisenbahnfahrten denke, stellen sich bei mir immer noch Bilder von geschlossenen Abteilen ein. Ursprünglich waren es auf Untersätze montierte Kutschen, und die Türen öffneten sich nach außen auf den Bahnsteig. Das alles kann man in Wolfgang Schivelbuschs großartigen Buch „Geschichte der Eisenbahnreise“ nachlesen. Zu meiner Zeit öffnete man die Abteiltür vom Gang aus, schaute kurz hinein und fragte dann: „Ist hier noch frei?“ Man grüßte die, die bereits im Abteil saßen, wuchtete seinen Koffer ins Gepäcknetz, holte eine Lektüre hervor, setzte sich nieder, und begann, dezent die Mitreisenden in Augenschein zu nehmen. Ich versuchte, einen Fensterplatz mit Blick in Fahrtrichtung zu ergattern. Wenigstens hier wollte ich sehen, was auf mich zukommt. Obwohl ich weiß, dass es solche Abteile schon lange nicht mehr gibt, liefern sie mir bis heute die Bebilderung zu meiner Vorstellung vom Eisenbahnfahren. Erst mit 30 erwarb ich mein erstes eigenes Automobil, einen uralten Renault 6 mit Faltdach, durch das es reinregnete. Bis dahin war ich häufig Zug gefahren, danach nur noch selten. Als U eine Weile in München lebte, besuchte ich sie dort ab und zu und fuhr mit dem Zug. Erst als das Autofahren ökologisch anrüchig wurde, fuhr ich gelegentlich wieder mit der Bahn und ärgerte mich über das Verschwinden der Abteile und den Siegeszug der offenen Großraumwagen, in denen es mit der Ruhe endgültig vorbei war. Und dann kamen auch noch die Handys und das elende Dauergequatsche.

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„Da sitzt diese alte Frau und erzählt mir ernst, wie sie neulich abends an ihrem Fenster saß, und da stand der Tod unter den Bäumen und schaute sie an. Ohne Regung schaute er sie an, und sie blickte lange geduldig zurück. Sie wusste gleich, dass es ihr Tod war, hielt aber seinen Blick aus, bis er ganz langsam über die menschenleer Straße davonschlenderte. ‚Er wird wiederkommen‘, sagte sie. ‚Aber jetzt kenne ich schon mal seine Augen.‘“

(Roger Willemsen)

Des ewigen Fußballschauens überdrüssig, legte ich dieser Tage einen Hollywoodschinken in den DVD-Player und schaute den Film „Wem die Stunde schlägt“ an, der nach dem gleichnamigen Roman von Ernest Hemingway gedreht wurde. Das ist einer seiner großen Romane, dessen Handlung im Spanischen Bürgerkrieg angesiedelt ist, an dem der Autor auf der republikanischen Seite nicht nur als Reporter, sondern auch als aktiver Kämpfer teilgenommen hat. Der amerikanische Spanienkämpfer Robert Jordan, der auf Seiten der Republikaner kämpft, erhält den Auftrag, eine strategisch wichtige Brücke zu sprengen. Er verbündet sich mir einer Gruppe unter Führung von Pilar, einer charismatischen Freiheitskämpferin, die sich mit einer kleinen Guppe von Guerrilleros in eine Höhle in den schwer zugänglichen Bergen zurückgezogen hat und mit ihnen dort lebt. In ihrer Obhut befindet sich auch die junge Maria, deren republikanische Eltern von den Faschisten ermordet wurden und die nun von Pilar adoptiert wurde. Maria wird von Ingrid Bergman gespielt, die mich auch diesmal wieder verzauberte, weil sie mich an eine meiner ehemaligen Freundinnen erinnert. Mit Petra war ich Anfang der 1980er Jahre ein paar wundervolle Jahre zusammen, bis sie nach Frankfurt zog und von dort in die große, weite Welt. Sie lebt nun schon seit vielen Jahren in New York und hat dort beruflich und privat ihr Glück gefunden. Ich traf sie zuletzt vor zwei Jahren, als ihre Mutter gestorben war und sie deren Haushalt auflösen musste. Sie ist immer noch oder jetzt erst recht von einer beeindruckenden Schönheit. Es gibt Menschen, die in Schönheit altern. Das ist auch eine Frage der Lebensführung und wie lebendig jemand ist und bleibt. Sartre hat einmal pointiert gesagt, ab vierzig sei jeder für sein Gesicht verantwortlich. In gewissen Grenzen „macht“ man also sein Gesicht und gestaltet es. „Die Masse der Menschen führt ein Leben in stiller Verzweiflung“, bemerkte bereits Thoreau. Die Gesichter der Leute sind ins Fleisch gewachsene Masken, die von Verbitterung und Enttäuschung zeugen. Das Lebendige hat vor der Übermacht der Verhältnisse kapituliert und sich zurückgezogen. Geblieben ist eine Grimasse der Missbilligung.

Petra hatte sich geschworen, sich der Mechanik der Integration zu verweigern. Eine Weile nachdem ich sie kennengelernt hatte, ließ sie sich aus einer Laune heraus ihre langen, blonden Haare abschneiden. Ich glaube, sie wollte herausfinden, ob sie auch ohne diese liebenswert war oder ob die Männer sie vor allem ihrer blonden Mähne wegen mochten. Ich mochte sie auch mit raspelkurzen Haaren. Das brachte ihre strahlend blauen Augen viel besser zur Geltung. Die Bergman war in „Wem die Stunde schlägt“ von Faschisten vergewaltigt worden, die ihr dann auch ihre langen, ungebändigten Haare abschnitten, um sie zusätzlich zu demütigen. Petra hatte den Roman von Hemingway gelesen und identifizierte sich sehr mit der Figur der Maria, die in ihrem Alter war. Sie erkannte sich in deren Kämpfen wieder, auch wenn ihre eigenen, äußerlich betrachtet, weit weniger dramatisch waren. Aber was heißt das schon: Alle Kämpfe sind für den, der sie ausfechten will oder muss, ähnlich dramatisch. Es gibt Frauen, die sich in ihre Schönheit entfremden, sich ihrer in jedem Moment bewusst und auf ihre Wirkung bedacht sind. Petra gehört nicht zu dieser Kategorie. Oft dachte und denke  ich: Sie ist schön und weiß es gar nicht.

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Gestern erfuhr ich, dass der bayrische Liedermacher Fredl Fesl im Alter von 77 Jahren gestorben ist. Er ist eine Urgestalt der an großen Gestalten reichen bayrischen Kabarett- und Liedermacherszene. Gern erzählte er dem Publikum zwischen zwei Liedern von Polizeipferden, die als anatomische Besonderheit die Arschlöcher auf dem Rücken trügen. Unabdingbarer Bestandteil seiner Auftritte war der links unterm Stuhl abgestellte Maßkrug Bier, aus dem er immer mal wieder einen kräftigen Schluck nahm. Sein Bruder im Geiste, Hans Well, schreibt in seinem Nachruf in der Süddeutschen Zeitung vom 28. Juni: „Seine Ironie, die Art, sich über Autoritäten wie Staat, Kirche, Schule oder Spießer auf hinterfotzig verdrehte Weise lustig zu machen, eröffnete auch mir einen neuen Zugang zu Volksliedern, wirkte für mich und meine Brüder als Initialzündung zur Gründung der Biermösl Blosn.“ Fredl Fesl war das Kontrasprogramm zur Strauß- und Stoiber-CSU. Er war das, was man in Bayern einen „verreckten Hund“ nennt, und galt als der Erfinder des bayerischen Musikkabaretts. Aus aktuellem Anlass sei an sein „Fußballlied“ erinnert, das ihm zu Ehren zur Hymne der diesjährigen EM werden könnte und sollte: „Wer der Meister ist der Welt, der krieg auch das meiste Geld. Für Geld, da kann man vieles kaufen, auch Leute, die dem Ball nachlaufen.“ Vor Jahren erhielt er die Diagnose Parkinson, eine Krankheit, die seiner Karriere 2007 ein Ende setzte. Er zog sich in seine Einöde nach Häusleign zurück, wo er nun auch gestorben ist.

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„Tatsächlich kann unsereins wochenlang leben, ohne zu merken, dass er lebt.“

(Thomas Rosenlöcher)

Nach dem frühen Tod meiner Mutter wurde ich von allen Seiten dermaßen mit Süßigkeiten vollgestopft, dass ich binnen kurzem dick und fett wurde. Statt liebevoller Zuwendung stopfte man mich mit Keksen und Schokolade voll. Auf den Einschulungsfotos ist die Gewichtszunahme bereits deutlich erkennbar, aber richtig schlimm wurde es erst in den nächsten Jahren. Ich wurde ein kleiner Fettkloß und konnte kaum noch aus den Augen schauen. Das eigentlich tragische daran war, dass mein Vater dicke Menschen nicht mochte. Ich meinte, diese Abneigung nun auch mir gegenüber zu spüren. Der Vater wird sich angesichts des kleinen agonisierenden „Dicken“, wie ich bald nur noch genannt wurde, gefragt haben, wie er zu so einem Sohn gekommen ist. Ich litt unter seinen fortwährenden Ermahnungen: „Beweg dich, tu etwas, träum nicht!“ Er übernahm die Regie, er gab Hinweise, deutete dahin, zeigte dorthin, und hielt mich zur Mitarbeit an, worauf ich nur mechanisch reagieren konnte. Er animierte mich zu sportlichen Betätigungen. Ich wusste aus dem Durchblättern alter Familienfotoalben, dass Vater in seinen jungen Jahren ein begeisterter und guter Turner gewesen war, während ich am Reck hing wie der berühmte „nasse Sack“. Ich ahnte, wie ich in seinen Augen sein sollte und wusste, dass er Dicksein verabscheute. Ich konnte diesen Erwartungen nicht gerecht werden und lebte in ständiger Sorge, von ihm nicht akzeptiert und gemocht zu werden. Niemand baute mir eine Brücke in die Welt, über den Abgrund, den der Tod der Mutter aufgerissen hatte. Nachdem mein Vater wieder geheiratet hatte und die neue Familie um mich herum ständig größer wurde, wurde meine Lage immer verzweifelter. Keine Ahnung, wie ich das überstanden habe. Unbeschadet jedenfalls nicht.

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Warum steigen Leute nach einem für sie glücklichen Ausgang eines Fußballspiels mitten in der Nacht ins Auto, fahren stundenlang im Kreis umher und hupen wie die Bekloppten? Letzte Nacht  nach dem Spiel gegen Dänemark war dieses merkwürdige Verhalten wieder einmal zu beobachten und vor allem zu hören. Ich kann nachvollziehen, dass einem nach einem siegreichen Fußballspiel danach zumute ist, sich aus dem Fernsehsessel zu erheben und den Triumph der eigenen Mannschaft mit anderen Menschen zu feiern. Zum Beispiel auf einem nahegelegenen Platz oder einfach vor der Haustür auf der Straße. Man holt an der nächsten Tankstelle einen Kasten Bier und hockt sich am Straßenrand zusammen und stößt auf den Erfolg an, für den man selbst nichts kann, an dem man aber auf dem Weg der Identifikation teilhat. So etwas tut gelegentlich gut und entschädigt einen für Kränkungen, die sich die Woche über aneinanderreihen. Aber wieso zeigt man seine Freude, indem man ins Auto steigt, was man ohnehin jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit machen muss? Es ist eine Möglichkeit, die zwei größten Leidenschaften vieler Männer zu verbinden: Fußball und Automobil. Beides kombiniert ergibt den Korso. Angefangen haben damit, wenn ich es richtig erinnere, die Italiener, und von ihnen ausgehend hat sich diese Unsitte über ganz Europa verbreitet. Es ist etwas bescheuert Männliches an diesem Verhalten – auch dann, wenn es gelegentlich von Frauen praktiziert wird. Mal ganz abgesehen von der ökologischen Unvernunft, die sich in ihm manifestiert.

Was mich am gestrigen Spiel zusätzlich befremdet hat, waren die dumpfen „Sieg“-Rufe, die ab Mitte der zweiten Halbzeit mal wieder zu hören waren und schauerlich durchs Stadion hallten. Irgendwie ergänze ich, und wahrscheinlich nicht nur ich, diesen Ruf stets um den zweiten Teil, der von 1933 bis 1945 in Deutschland im Schwange war und der seither auf dem Index steht. Sobald von Deutschland laut die Rede ist, gehen die Arme und die Fahnen hoch. Es ist dabei mehr die Art und Weise, wie sie Deutschland grölen, als der Umstand selbst: „Dschland, Dschland“. Es ist, wie Thomas Rosenlöcher bemerkte, „ein Schrei aus der Tiefe“ der Volksseele, vor dem es unsereinem graust. Deswegen würde ich auch eher von den „Eingeweiden des Volkes“ sprechen, aus denen übelriechende Pfürze und Rülpser hervorkriechen.

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Auf meine Balkon-Tomaten hat sich ein zarter rosafarbener Hauch gelegt. Noch eine Woche mit ein paar Sonnentagen, und ich werde die erste reife Tomate ernten können, die ich U versprochen habe.

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Am Bäckerwagen auf dem Wochenmarkt war heute vor mir eine ältere Dame an der Reihe. Genau genommen waren wir zeitgleich angekommen und ich hatte ihr aus Höflichkeit den Vortritt gelassen, was ich schnell bereute. Denn es entwickelten sich schwierige Verkaufsverhandlungen. „Habbe Sie den Nusszopf heut net?, fragte sie die Verkäuferin. „Nein, den gibt es nur am Samstag“, erwiderte diese. „Na, dann nehm ich erst amal ein Dinkel-Roggen-Brötche“. Sie habe nur Dinkel- oder Roggenbrötchen, mit einem Gemisch aus beidem könne sie nicht dienen. „Ei, so ein Brötche hab ich letzte Woch doch noch bei Ihne gekauft“, beharrte die Kundin. Die Verkäuferin merkte, dass mit dieser Kundin nicht gut Kirschenessen war, und blieb geduldig und freundlich, wofür ich sie, je länger sich das Verkaufsgespräch hinzog, bewunderte. „Dann nehm ich halt e Baguette“, entschied die Kundin. „Die bringt der Chef erst so gegen zehn Uhr vorbei“, erklärte die Verkäuferin, und jetzt sei es gerade mal neun. „Sie überlegen jetzt erst mal, was Sie wollen, solang bedien ich mal den Herrn neben Ihnen“, schlug die Verkäuferin vor. Ich orderte drei Brötchen, zahlte  und verstaute die Tüte mit den Brötchen in meiner Einkaufstasche. Das Ganze dauerte vielleicht eine halbe Minute. „Danke, dass Sie mich vorgelassen haben. Ich hoffe, Sie finden noch das Passende“, sagte ich im Gehen über die Schulter. Ich hörte noch, dass die alte Dame sich darüber beschwerte, dass ich mich vorgedrängt hätte.. „Die junge Leut sind so ungeduldig“, sagte sie laut und vernehmlich, wobei mich die Rede von den „jungen Leuten“ etwas versöhnlicher stimmte. Zwischen der alten Dame und mir lagen, wenn‘s hoch kommt, zehn Jahre. Für solche Szenen liebe ich den Wochenmarkt.

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Die Frau, von der ich annehme, dass sie aus der Ukraine stammt und vom Krieg traumatisiert ist, setzt sich in jüngster Zeit gern auf die Steinstufen eines Nebeneingangs des Theaters. Sie sitzt dort und lehnt sich mit dem Rücken an die hölzerne Tür. So hat sie den Rücken frei und freie Sicht auf den Park vor sich. Das Verhalten einer alten Anarchistin, dachte ich

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Vor fünf Jahren war Luisa Neubauer das Gesicht der Fridays-for-future-Bewegung in Deutschland und tauchte häufig in Begleitung von Greta Thunberg auf Kundgebungen auf. Heute ist sie eine der zahlreichen Klimaaktivistinnen und -aktivisten, die versuchen, die Konkursmasse der Bewegung zu verwalten und das Schlimmste zu verhindern. Die Süddeutsche Zeitung hat sie über ein paar Monate hinweg begleitet, unter anderem bei einem Besuch einer Mittelschule in einer bayrischen Kleinstadt. Circa einhundert Schülerinnen und Schüler hat ein Religionslehrer motivieren können, sich in der Aula zu einem Gespräch mit Luisa Naubauer einzufinden. Vor fünf Jahren war sie die Repräsentantin einer ganzen Generation – oder doch großer Teile einer Generation –, nun ist sie den Schülerinnen und Schülern kaum noch ein Begriff. Ein paar kennen sie von TikTok. Und so ist es denn auch kein Wunder, dass eine Schülerin auf die Frage, ob sie wisse, wer Luisa Neubauer sei, antwortete: „Sie hat immer schöne Nägel.“

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Robert Andrich taucht bei jedem Spieltag mit anders gefärbten Haaren auf. Jetzt sind sie Pinkfarben. Er versucht, seinem kriegerisch-machohaften Aussehen etwas Diverses zu geben und seine Gesichtshärte von 11auf  9 runterzudimmen. Die Anpassung an den Zeitgeist schlägt erstaunliche Kapriolen. Wahrscheinlich hat die Coaching- und Imageabteilung des DFB Andrich zu diesen Veränderungsschritten geraten. „Mensch, Robert, du siehst aus wie ein serbischer Partisan. Unternimm mal was!“ Laut Süddeutscher Zeitung sollen sich drei Friseure regelmäßig im DFB-Quartier in Herzogenaurach aufhalten, um die narzisstischen Bedürfnisse der Nationalspieler zu befriedigen. Wie viele Friseure waren 1954 im Quartier der deutschen Mannschaft, wie viele 1974? Obwohl 1974 die Eitelkeiten bereits deutlich zugenommen hatten, würde ich vermuten, dass auch da noch kein Bedarf an eigenen Friseuren bestand. Selbst Günter Netzer wird drei Wochen ohne Friseurbesuch überstanden haben.

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Nach dem verlorenen Spiel der Türkei hatte ich gehofft, dass es ein ruhiger Samstagabend würde, aber irgendjemand hupt immer. Zur Not springen fünf der neun in Gießen lebenden Holländer in die Bresche und feiern den Sieg ihrer Mannschaft mit einem Mini-Korso. Fürs Zünden seines „Wachstumsturbos“ hatte Olaf Scholz auf ein Weiterkommen der deutschen Mannschaft gesetzt. Nun wird die deutsche Wirtschaft genauso im unteren europäischen Mittelfeld steckenbleiben wie der deutsche Fußball und das ganze Land. Wenn ich die neuesten Slogans des Kanzlers: Wumms, Doppelwumms, Bazooka und jetzt der Wachstumsturbo – alles aus der SPD-eigenen Werbeagentur – höre, fällt mir ein alter Witz ein, in dem eine Hure ihren in die Jahre gekommenen Kunden auffordert: „Nicht so stürmisch, mein Bester!“

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Die Kategorie der Lüge hat ja nur einen Sinn, wenn und solange Menschen eine Vorstellung von Wahrheit haben, und sie das, was sie hören und sehen und ihnen medial präsentiert wird, an diesen innerlichen Maßstäben messen. Sind diese erodiert, ist den wählenden Konsumenten alles egal und sie können nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden. Selbst wenn sie es wollten. „Falls die Präsidentschaftswahl 2024 uns nur eine einzige Erkenntnis bringt“, schreibt Richard Ford in einem Essay über Trump und Biden, „dann die, dass zahlreiche Mitamerikaner und -amerikanerinnen es gar nicht erwarten können, sich vom Joch der Wirklichkeit zu befreien.“ Mit dummen und im Saft ihrer eigenen Ressentiments schmorenden Leuten kann man nicht argumentieren. Sie wissen es besser und sind gegen Belehrungen immun. Hat man sich von der Kategorie der Wahrheit und Wirklichkeit einmal verabschiedet, kann man behaupten, was man will. Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie und wissenschaftlicher Erkenntnis übereinstimmen – umso schlimmer für die Tatsachen!

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„Es war alles um eine Spur schlimmer als ich es voraussah: das physische Altern, das kulturelle, das täglich lastvoller verspürte Heranrücken des dunklen Gesellen, der an meiner Seite herläuft und mich dringlich anruft …“

(Jean Améry: Über das Altern)

Die beunruhigende Frage, die Améry in seinem Buch aufwirft, lautet: „Wann habe ich eigentlich gelebt? Wann habe ich aufgehört, mein Leben als einen Prozess ständiger Erneuerung und permanenten Widerspruchs zu führen?“ Ein Leben im Widerspruch: Wie lang hält man das aus? Vor allem dann, wenn die, die mit mir widersprochen haben, immer weniger werden? Und der Geist, in dessen Namen wir widersprochen haben, nicht mehr weht? Wenn man sich wenigstens sicher sein könnte, dass der Geist der richtige war? Alles wird vom Zweifel angenagt. Vielleicht stimmten einige unserer Grundannahmen nicht, waren schon die Prämissen falsch? Ich habe es vor ein paar Wochen schon mal gesagt: Was bleibt, ist der Marxsche kategorische Imperativ, dass alle Verhältnisse umzuwerfen sind, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, wie entscheidend es ist, von welchen Energien der Veränderungswille angetrieben wird. Nur wenn es die Energien der Lebenstriebe sind, also libidinöse Energien, wird etwas Menschliches aus dem Veränderungsprozess hervorgehen können. Sonst werden es nur Varianten „der alten Scheiße“, wie Marx Kautsky gegenüber einmal salopp formulierte. Auf der Basis seiner tschechoslowakischen Erfahrungen forderte Milan Kundera, „dass nur jener Kommunist sein sollte, der die Menschen liebt“. Der Sozialismus sollte die Entfaltung des Lebendigen und des menschlichen Individuums zum Kern haben, sonst ist er nur ein „Fetischismus der Produktion“ (Jean-Paul Sartre) und damit eine Variante des alten Systems der Entfremdung: Die aufgehäufte tote Arbeit schleift die Menschen hinter sich her und verwandelt sie in ihre Anhängsel. Das gibt es einer kapitalistischen und in einer sozialistischen Variante, die viele Generationen von Linken mit Befreiung verwechselt haben. Ende der 1940er Jahre stieß Jean-Paul Sartre in Warschau auf Plakate, auf denen zu lesen war: „Die Tuberkulose hemmt die Produktion.“ Für ihn war das ein Beleg dafür, dass auch der Sozialismus an der Entfremdung der Arbeiter nichts geändert hatte und von einer Anthropologie durchdrungen war, in welcher der Mensch für die Produktion da sein sollte und nicht umgekehrt die Produktion für die Menschen. Die polnischen Arbeiter waren von der Herrschaft des Profits befreit worden, aber lediglich, um unter die Herrschaft einer fetischisierten Produktion zu geraten. Sie hatten die alte Entfremdung gegen eine neue Entfremdung eingetauscht. Für Sartre sollte der Sozialismus eine Gesellschaft sein, in der die Entwicklung des Menschen, und nicht die der ökonomischen Produktion das Hauptziel ist. Den Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus haben Oskar Negt und Alexander Kluge in ihrem gemeinsam geschriebenen Buch „Geschichte und Eigensinn“ so formuliert: „Man kann sagen: Kapitalismus ist massenhafte Güterproduktion mit daranhängenden Menschen. Sozialismus ist massenhafte Produktion der Beziehungen zwischen den Menschen und zur Natur, mit daranhängender Güterproduktion.“ Ich wiederhole mich, ich weiß, aber manche elementaren Dinge kann man gar nicht oft genug sagen und schreiben. Die stetigen Wiederholungen verweisen darauf, dass die benannten Probleme fortbestehen und also weiter benannt werden müssen.

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„Anarchie bedeutet Herrschaftslosigkeit. Wer den Begriff mit keinem Gedanken verbinden kann, ehe er ihn nicht zur Zügellosigkeit umgedeutet hat, beweist damit, dass er mit den Empfindungsnerven eines Pferdes ausgerüstet ist.“

(Erich Mühsam)

In der kommenden Nacht jährt sich zum 90. Mal die Ermordung von Erich Mühsam. Ernst Jünger, eine Gallionsfigur des deutsch-nationalen Lagers, dem man wahrlich keine Sympathien für den Anarchismus nachsagen kann, hat über Mühsam gesagt: „Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin.“ Als Akteur der Münchner Räterepublik saß Mühsam nach deren Niederschlagung 1919 fünf Jahre in Festungshaft. Nach einer Amnestie, die eigentlich Hitler galt, unter die aber wegen der Rechtsgleichheit auch Linke fielen, war Mühsam ab Ende 1924 wieder auf freiem Fuß, engagierte sich für politische Gefangene, schrieb Theaterstücke, Gedichte und Satiren. 1933 wurde er in das KZ Oranienburg bei Berlin gebracht, wo er in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 grausamst zu Tode geprügelt wurde. Am Ende der Tortur hängten sie ihn auf, um es wie einen Suizid aussehen zu lassen. Seit dem Scheitern der Räterepublik war Mühsam das, was sein Kampfgefährte Leviné als ein „Toter auf Urlaub“ bezeichnet hat. Der Urlaub währte immerhin, wenn man die Zeit im Gefängnis Niederschönenfeld, die er mit Ernst Toller teilte, mitrechnet, 15 Jahre.

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Und die drei älteren italienischen Herren, die unten auf der Straße vorübergehen, mit ihren unnachahmlichen italienischen Gesten, ihren Hüten, eleganten Schuhen und auf dem Rücken verschränkten Händen, wenn sie nicht zur Untermalung von etwas gerade Gesagtem wie Schwalben durch die Luft fliegen. Ihr Thema, das verstehe ich sogar vom Balkon aus, ist das frühe Ausscheiden der italienischen Mannschaft bei der Europameisterschaft. Wie am Wetter ist natürlich auch daran die Regierung schuld.

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Irgendwie ist auf die Franzosen doch Verlass, wenn es hart auf hart kommt. Nach dem überraschenden Ausgang der Parlamentswahlen stehen dem Land und seiner politischen Klasse schwierige und langwierige Prozesse der Regierungsbildung bevor. Jetzt finden erst mal die olympischen Spiele statt und die für die Franzosen traditionell wichtigen Sommerferien. Nachdem in einem kollektiven Kraftakt das Schlimmste verhindert worden ist, wird das Land nun erst mal Luft holen und ein wenig zur Ruhe kommen.