94 | Fieberkranke Identitäten

„Die Leiche der Sowjetunion ist zum Leben erwacht und erschreckt als Zombie die Russen und die ganze Welt.“

(Wladimir Sorokin)

Für heute war mit großem Aplomb auch hier in Gießen eine gemeinsame Aktion von Fridays for Future und der Gewerkschaft Verdi für einen besser ausgestatteten Öffentlichen Nahverkehr und Umwelt- und Klimaschutz angekündigt. Wer gehofft hatte, die Mobilisierung von der großen Demonstration gegen Rechts von Ende Januar würde sich wiederholen, sah sich bitter enttäuscht. Das Großereignis war offenbar einmalig und ist nicht nicht wiederholbar. Es stahlt nicht auf andere Politikfelder ab und das punktuelle Engagement lässt sich nicht auf Dauer stellen. Als ich um 16 Uhr vor den Rathaus eintraf, wo die heutige Demo ihren Ausgang nehmen sollte, verloren sich vielleicht hundertfünfzig oder zweihundert Leute auf dem weiten Platz. Die Organisatoren kämpften noch mit der Technik. Als diese funktionierte, erklang laute Bumsmusik, ohne die nichts mehr zu gehen scheint. Es waren die versammelt, die immer dabei sind: die unvermeidlichen „Omas gegen Rechts“, die stadtbekannten Klima- und Verkehrswende-Aktivisten und ein paar junge Leute aus dem Umfeld von Fridays for Future. Zusätzlich einige altlinke Rentner wie ich, die etwas verloren herumstanden und darauf warteten, dass es endlich losgehen würde. Ich ersparte mir die Warterei, bestieg mein Rad und fuhr nach Hause. Mein lebensgeschichtliches Soll an Demonstrationen habe ich längst erfüllt.

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Vor 150 Jahren kam in Budapest ein Mann zur Welt, der sich später Harry Houdini nannte. Sein wahrer Name war Erich Weiß und er war ein ungarischerJude. Er sollte zum wohl größten Entfesselungs- und Zauberkünstler seiner Zeit werden. Keine Fesselung war so stabil, dass er sie nicht zu lösen vermochte. Er ließ sich von Polizisten fesseln und sprang in Boston oder Berlin von Brücken ins eiskalte Wasser, um wenig später, von den Fesseln befreit, wieder aufzutauchen. Man versenkte ihn in einer zugenagelten Kiste im Meer, Houdini konnte sich befreien. Er wurde mit Seilen an einen Stuhl gebunden. Er entkam. „Ich bin Harry Houdini“, stellte er sich gelegentlich vor, „ich lebe vom Entkommen, das ist mein Beruf, ich bin Eskapologe.“ Er stellte seine Künste auch in angeblich ausbruchssicheren Gefängnissen unter Beweis und wurde so zum Albtraum aller Knast-Sicherheitsinspektoren. So gelang es ihm zum Beispiel, aus einem Hamburger Zuchthaus zu entkommen, von einem englischen Sträflingsschiff, aus einem Gefängnis in Boston. Auch unserem Sicherheitschef im Butzbacher Gefängnis war Houdini ein Begriff und er sprach voller Hochachtung von diesem geheimnisumwitterten Mann. Da er bereits 1926 verstorben war und seine Kenntnisse mit ins Grab genommen hatte, konnte er das voller Gelassenheit tun. „Solche Leute wachsen nicht mehr nach“, pflegte er zu sagen. Einer, der das Talent geerbt zu haben schien, war ein gewisser Bernd L. aus Kassel, dem es als jugendlichem Straftäter mehrfach gelungen war, aus fahrenden Grünen Minnas herauszuklettern. Die Justiz stattete anschließend sämtliche Grünen Minnas und Transportbusse in Hessen mit einer zusätzlichen Querstrebe aus, die informell nach ihm benannt wurde. Er verdiente später Millionen als Immobilienspekulant, die er dann zum Erwerb des Aufbau-Verlags verwandte.

Spitzenleistungen dieser Art haben oft einen spezifischen biographischen Hintergrund. Houdini legt selbst eine Spur zu seiner Familiengeschichte. Seine Mutter, die er abgöttisch liebte, habe den besten Apfelkuchen der Welt gebacken und diesen dann wohlweislich in einem Schrank verschlossen. Um an diesen Kuchen zu gelangen, habe er bereits als Kind begonnen, das Schloss zu öffnen und dann auch wieder kunstvoll zu verschließen, um die Spur zu verwischen, die zu ihm hätte führen können. Das brachte mich, als von der Psychoanalyse beeinflussten Menschen, dazu, noch etwas anderes zu vermuten: Houdinis früh verstorbener Vater soll auf seinem Sterbebett zu seinem jüngsten Sohn gesagt haben, er solle sich um seine Mutter kümmern und immer für sie da sein. Auf einer solchen Grundlage bilden sich symbiotische Mutter-Sohn-Bindungen aus, aus denen man sich als Sohn und Heranwachsender auf dem Weg zur eigenen Individuation nur schwer lösen kann. Um sich aus solchen symbiotischen Gefangenschaften zu befreien, bedarf es gewisser Entfesselungskünste, die Houdini in seinem Metier bis zur Perfektion entwickelt hat. Er war, als müsste er sich wie unter einem Zwang permanent selbst befreien. Man lernt von der Psychoanalyse, solchen Phantasien zumindest ein Stück weit zu trauen und ihnen zu folgen. Sie müssen natürlich nicht stimmen und sagen manchmal mehr über den aus, der sie ausspinnt, als über den, den sie bezeichnen sollen. Das kann natürlich auch in diesem Fall so sein. In dem Roman „Ragtime“ von E. L. Doctorow, in dem auch Houdine eine Rolle spielt und immer wieder mal auftaucht, erfahren wir, dass Houdini und Freud sich hätten begegnen können, als Freud 1909 eine Reihe von Vorträgen über die Psychoanalyse an der Clark University hielt. Zumindest in diesem Roman wäre eine solche Begegnung denkbar gewesen. Freud hätte sich sicher für diesen Mann interessiert, der es meisterlich verstand, die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer auf etwas anderes zu lenken als auf das, was er gerade tat. So ließ Houdini während seiner Auftritte an einer bestimmten Stelle von einem Mitarbeiter einen Schuss abfeuern, in dem Kalkül, dass das Publikum vor Schreck für einen Moment die Augen schließen würde, den er nutzen konnte, um sich unbemerkt ein Instrument zustecken zu lassen, dass er für eines seiner Befreiungskunststücke benötigte. Aber wahrscheinlich war Freuds Aufmerksamkeit in diesen Tagen von anderen Dingen in Beschlag genommen. Er war in Gegenwart von C. G. Jung, der ihn wie Sándor Ferenczi auf seiner USA-Reise begleitete, mehrfach in Ohnmacht gefallen. Das gab ihm als Analytiker seiner selbst sehr zu denken. So offenkundig nicht Herr im eigenen Haus zu sein und dabei auch noch beobachtet zu werden, war ihm peinlich. Was mochte dahinterstecken? Verdrängte Homosexualität, unterdrückte Wut, Konkurrenz um die Vorherrschaft in der noch kleinen psychoanalytischen Gemeinde? Wie wissen es noch weniger als der Meister selbst.

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Ich finde es interessant, dass inzwischen fast nur noch davon die Rede ist, dass wir, die heute lebenden Menschen, uns an den Klimawandel „anpassen“ müssen und viel weniger davon, dass wir alles versuchen müssen, um ihn vielleicht doch noch aufzuhalten. Es wird suggeriert, dass technisch alles machbar ist. Kohlendioxid kann in den Meeresboden „verpresst“ werden, warum also Anstrengungen unternehmen, es überirdisch einzusparen oder seine Entstehung zu verhindern? Die neuen Methoden der Entsorgung transportieren das Versprechen, dass wir weitermachen können wie bisher und an unserer Art zu leben und mit der Natur umzugehen nichts ändern müssen.

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Seit wann und warum schreien Siegerinnen und Sieger bei sportlichen Wettkämpfen ihren Erfolg so laut heraus? Ob Bobfahrer oder Rodlerinnen, Biathletinnen oder Skispringer, wer gewinnt, ballt die Fäuste und brüllt in der Öffentlichkeit und vor laufenden Kameras nach Leibeskräften herum. Die Tonlage der Frauen ist natürlich durchdringender und manchmal schwer auszuhalten. Vorbei die Zeiten, da man seinen Triumph still auskostete und für sich genoss. Man müsste mal nachschauen, wer hier stilbildend war. Bei Rosi Mittermaier oder Heide Rosendahl kann man sich lautes Triumphgeheul jedenfalls noch nicht vorstellen, genauso wenig wie bei Jens Weißflog oder Uwe Seeler. Es ist eine Facette des Narzissmus, der heute alle Lebensäußerungen einfärbt und dominiert. Früher traten Sportler hinter ihren Erfolgen zurück, heute wird Sport wegen des narzisstischen und pekuniären Mehrwerts betrieben, den er im Erfolgsfall abwirft. Andere Motive sind Nebensache. Das ist auch das eigentliche Elend von Mannschaften wir Bayern München. Da kann man die Trainer so oft auswechseln wie man will. Aus elf Ego-Shootern und Geschäftsleuten wird halt keine gescheite Mannschaft.

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„Wenn man lange in einen Abgrund schaut, schaut der Abgrund auch in einen. “

(Friedrich Nietzsche)

Nun ist auch der jüngere der Taviani-Brüder, Paolo Taviani, im Alter den 92 Jahren gestorben. Er hat seinen Bruder Vittorio um sechs Jahre überlebt. Eigentlich kannte man sie nur zusammen, als unzertrennliche Brüder und gemeinsame Filmemacher. 1977 gewannen sie in Cannes mit ihrem Film „Padre Padrone“ die Goldene Palme, ein großartiger Film, gedreht nach der Vorlage des gleichnamigen Romans von Gavino Ledda, von dem in der DHP verschiedentlich die Rede war. Gemeinsam mit Butzbacher Gefangenen habe ich ihren Film „Cäsar muss sterben“ angeschaut. Die Tavianis beobachteten Strafgefangene in Rom, die in der Haftanstalt Rebibbia Shakespeares „Julius Cäsar“ proben und aufführen. Wir sahen ihn in Vorbereitung unserer eigenen Woyzeck-Aufführung, die ein Jahr später stattfand. Ich habe von beiden Ereignissen in meinem Text „Mit Sokrates im Gefängnis“ berichtet, den das Magazin Auswege online noch parat hält. Es sind diese Momente gemeinsamen Glücks, die es auch hinter Gittern gab (und hoffentlich noch gibt), denen ich manchmal nachtrauere. Wenn Kriminelle sich in Künstler verwandeln, und tolle Sachen zuwege bringen. Eben hörte ich in der Stadt jemand laut rufen: „Mein Dachdecker“. Als ich mich umschaute, sah ich einen ehemaligen Butzbacher Gefangenen. Da er im Gespräch mit ein paar Kerlen war, die ich nicht kannte, winkten wir uns nur zu. Bei der nächsten Begegnung werden wir sicher mal wieder plaudern. „Dachdecker“ ist im Knast-Jargon eine Bezeichnung für den Psychologen, den man aufsuchen kann, wenn es im „Dachstübchen“ reinregnet oder unangenehm zu ziehen beginnt oder es einem vor sich selber und seinen inneren Abgründen graust.

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Mir ist schleierhaft, wie man als gesuchtes RAF-Mitglied einen Facebook-Account unterhalten kann, auf dem man Details aus seinem Leben und sogar Fotos von sich preisgibt. Wahrscheinlich ist es schlicht so, dass auch eine gesuchte sogenannte Terroristin letztlich nicht anders ist als die anderen, nicht frei von der Sehnsucht nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Und manchmal schlicht einsam ist und sich am Lagerfeuer der sozialen Medien wärmen will.

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In Aachen hat sich am Montag dieser Woche, der zehnten Woche des Jahres 2024, eine 65-jährige Frau in einem Krankenhaus verschanzt und Polizei und Feuerwehr stundenlang in Atem gehalten. Die Frau war im Besitz einer Schreckschusswaffe, zündete Bengalos und führte eine Sprengstoff-Attrappe mit sich. Die Frau hatte zunächst ihre eigene Wohnung in Brand gesetzt und sich dann mit der Waffe und einem auffälligen Gürtel umgeschnallt in die Klinik begeben. Es wird vermutet, dass die alte Dame in suizidaler Absicht gehandelt und es darauf angelegt hat, dass die Einsatzkräfte sie erschießen. Zur Bezeichnung solcher Fälle hat sich der Begriff „Suicide by cop“ durchgesetzt. Weil die Lage extrem unübersichtlich und die von der Frau ausgehende Gefahr nicht einzuschätzen war, eröffneten die Polizeibeamten im Aachener Luisenhospital schließlich das Feuer. Die Frau wurde durch Schüssen erheblich verletzt. Erst jetzt stellte sich heraus, dass der vermeintliche Sprengstoffgürtel eine Attrappe war.

Die eigentlich spannenden, aber von niemand gestellten Fragen lauten: Was ist der Tat vorausgegangen? Was musste geschehen, dass die alte Dame zu einer solchen Verzweiflungstat fähig wurde? Wie viele Unglücksvorräte müssen sich angesammelt haben, wie einsam muss diese Frau gewesen sein? Schon Goethe wusste: Einsame und unglückliche Menschen sind gefährlich. Und: Was wird aus ihr nach dieser Handlung? Wahrscheinlich ist die in einem Seniorenknast besser aufgehoben, als in irgendeiner anonymen Wohnschachtel in einem Hochhaus oder einem Altersheim. Es sind millionenfach solche Prozesse im Gang, die sich glücklicherweise nicht immer in einem solchen Springpunkt (und es sind ja noch viel extremere denkbar) zusammenfassen. Was wird aus ihnen, wo gehen sie hin? Meist verteilen sie sich in kleiner Münze auf den Rest des eines Lebens, das in irgendeiner trübseligen Anstalt und in stiller Verzweiflung zu Ende gebracht wird.

Bemerkenswert ist an diesem Fall, dass eine Frau die Täterin ist. Bei Gewaltdelikten insgesamt bilden Frauen die Ausnahme, bei Amoktaten spielen sie praktisch keine Rolle. Gewalt ist immer noch Männersache. Die allermeisten Massenmorde werden von jungen Männern verübt, manchmal auch von Männern mittleren Alters. Jungen werden in geschlechtsspezifischer Sozialisation ermuntert, ihre Aggressionen zu veräußerlichen und sich körperlich zur Wehr zu setzen, Mädchen lernen nach wie vor, ihre Wut und Aggressionen eher nicht nach außen, sondern gegen sich selbst zu kehren. Sie reagieren in kritischen Situationen mit Depressionen, ritzen und verbrennen sich und laufen in Gestalt von Magersucht und Bulimie Amok gegen den eigenen Körper und das eigene Selbst. Brenda Spencer war eine der ganz wenigen Frauen, die ein sogenanntes „School Shooting“ begangen hat. 1979 schoss sie mit einem halbautomatischen Gewehr aus einem Fenster ihres Elternhauses auf das gegenüberliegende Gelände einer Schule in San Diego und tötete dabei den Schulleiter und den Hausmeister. Nach ihren Motiven fragte, antwortete sie: “I don’t like Mondays.“ Die „Boomtown Rats“ haben daraus einen recht erfolgreichen Song gemacht. Auch Paul Auster weist in seinem neuen Buch „Bloodbath Nation“ darauf hin, welch geringe Rolle Frauen bei Gewaltdelikten spielen. Und das, obwohl seine eigene Familiengeschichte eins der seltenen Gegenbeispiele liefert. Seine Großmutter erschoss im Januar 1919 in der Küche ihres Hauses ihren Mann, also Austers Großvater. Ihre Ehe war zwei Jahre zuvor zerbrochen und der Großvater lebte bereits mit einer anderen Frau in einer anderen Stadt. Die Großmutter, die mit ihren vier Söhnen zurückgeblieben war, hatte einen nachvollziehbaren Zorn auf diesen Mann. Das Schicksal dieser Frau rührte offenbar auch das Gericht, das sie wegen „temporärer Unzurechungsfähigkeit“ freisprach. Die Pistole, der sein Großvater zum Opfer fiel, steht wohl am Anfang von Austers Auseinandersetzung mit der endemischen Waffengewalt in den USA. Sein Vater, der als kleiner Junge den Mord an seinem Vater miterlebte, hat sein Lebens lang unter dieser Zeugenschaft gelitten. Sein Leben war verkorkst, und Auster fragte und fragt sich oft: Was hätte aus meinem Vater werden können, wäre er unter anderen Umständen aufgewachsen und hätte es diese Pistole nicht gegeben? Die Waffe und die mit ihr verübte Bluttat warf noch einen Schatten auf das Leben eines Nachgeborenen. Das Unglück wird weitergereicht, von Generation zu Generation, manchmal auch durch Verschweigen.

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„Die Identitäten sind notwendigerweise partikular, ergo verneinen sie sich gegenseitig. Ihrem Wesen nach erheben sie einen Ausschließlichkeitsanspruch. Je entschlossener man ist, desto aggressiver tritt man dafür ein.“

(György Konrád)

Eine prägnante Kritik am Identitätsprinzip hat der 2019 gestorbene ungarische Schriftsteller György Konrád in seinem Essay „Identität und Hysterie“ formuliert. Hier ein von mir erstelltes Exzerpt aus dem Jahr 2017. Die Seitenzahlen beziehen sich auf den gleichnamigen Suhrkamp-Band aus dem Jahr 1995.

Das kollektive hysterische Ich feiert Auferstehung, jeder ist beleidigt. 8 „Die Identitäten sind notwendigerweise partikular, ergo verneinen sie sich gegenseitig. Ihrem Wesen nach erheben sie einen Ausschließlichkeitsanspruch. Je entschlossener man ist, desto aggressiver tritt man dafür ein.“ 9 Die Politiker stürzen sich auf diesen Begriff. „Identität, das ist der Lockvogel vor dem Vergnügungslokal, in dem einen dann das Fell über die Ohren gezogen wird. … Identität, das ist die geistige Prothese der mäßig Intelligenten. Einen Textblock hievst du hinein in dein Gehirn.“ 9 „Nach seiner Identität sucht der Mensch, wenn er sich ihrer nicht sicher ist. In Zeiten des Systemwandels werden besonders viele Worte darüber verloren …“ 11/12 Die Leute sehnen sich nach etwas Stabilem, Unantastbaren, das keiner Veränderung von einem Tag auf den anderen unterliegt, nach etwas Erhabenem, dem sie die Treue bewahren und dem sie dienen können. „Die Muttersprache, der Heimatboden und das Land des Vaters bieten sich an: Patria, Vaterland.“ 11 „An den Rändern Europas regen und formieren sich verletzte, fieberkranke Identitäten.“ 12 Wer sich seiner sicher ist, hat so etwas nicht nötig. „Auf einer hysterischen Stufe kann die Idee nationaler Identität sich zu einer rassistischen Idee verwandeln. Wenn dies geschieht, dann gibt es höher- und minderwertige Rassen, Übermenschen und Untermenschen, nützliche und schädliche, zu züchtende und auszurottende Rassen. Den letzteren kann das menschliche Mitgefühl aus ideologischen Gründen entzogen werden.“ 13 „Jeder Mensch besitzt mehrere Identitäten. Schwört er auf die eine, erstickt er die anderen.“ 13

Und, könnte man noch hinzusetzen: Wenn er sie erstickt hat, bekämpft er alles, was auch nur entfernt an das Erstickte erinnert. Wie sagte Robert Gernhardt: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“

Damit ist in aller Kürze alles Wesentliche zu diesem Thema gesagt.

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Immer wieder mal höre ich mir Jeff Beck an, wie er, begleitet von der famosen Jennifer Batten, bei David Letterman „What Mama Said“ spielt. Er starb vor rund einem Jahr an einer Hirnhautentzündung. Seitdem ich das weiß, habe ich vor, mich gegen Meningitis impfen zu lassen.

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Ich muss leider mal wieder über meinen Lieblingsfeind sprechen: den Lärm. Er ist omnipräsent und zugleich nicht fassbar, er dingt von allen Seiten auf mich ein, von überall und nirgends. Ich setzte mich gegen Mittag auf den Balkon. Ich hatte vor zu lesen. Aber alle zwanzig Sekunden fuhr unten auf der Straße ein Auto vorüber, und leider haben nicht alle einen leisen Elektromotor. Viele Fahrer drücken, wenn sie sehen, dass vorn an der Kreuzung die Ampel auf Grün steht, voll aufs Gas, nur um dann zu merken, dass sie es doch nicht schaffen. Kaum hatte ich mich zusammengerissen und mir vorgenommen, den Lärm des Straßenverkehrs, so gut es geht zu ignorieren, hielten fast gleichzeitig zwei Lieferwagen von Paketlieferdiensten unter meinem Balkon. Der eine mit voll aufgedrehter türkisch-arabischer Musik und laufendem Motor, der andere nur mit laufendem Motor. Beide rissen die Türen auf, griffen Pakete, und warfen die Türen krachend wieder zu. Der eine von beiden konnte seine Lieferung nicht an den Mann oder die Frau bringen. Also Tür wieder aufgerissen und zugeschmissen. Jemand versuchte, mit einer Riesenlimousine in eine viel zu kleine Parklücke einzuparken, was ihm erst beim geschätzt zehnten Versuch halbwegs gelang. Jedes Mal, wenn er den Rückwärtsgang einlegte, ertönte ein durchdringender Piepton. In der einen Stunde, die ich es auf dem Balkon ausgehalten habe, fuhren vorn circa zehn Einsatzfahrzeuge mit eingeschalteten Martinshörnern über die Kreuzung Jedes von ihnen war mehr oder weniger lang durchdringend zu hören. Das ist ja auch ihr Sinn. Aber es macht einen auf die Dauer verrückt. Gestern Abend sah in der Glotze eine Reportage darüber, dass die digital ausgelösten und übermittelten Notrufe zu einem großen Teil Fehlalarme sind, was man meist erst feststellt, wenn man am Zielort angekommen ist. Handys und Smartwatches lösen Notrufe aus, wenn sich ihre Besitzer länger nicht oder zu abrupt bewegt haben. Der ganze sogenannte Fortschritt kippt immer offenkundiger in Dysfunktionalität und Wahnsinn um.

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Am Samstag hörte ich auf dem Alten Friedhof zum ersten Mal in diesem Jahr eine Singdrossel. Da die Bäume noch nicht belaubt sind, kann man Vögel relativ einfach entdecken. Ich setzte mich auf eine Bank und lauschte ihrem Gesang, der es für meine Begriffe mit dem der Nachtigall durchaus aufnehmen kann. Ich saß sicher eine Viertelstunde auf der Bank unter dem Baum, auf dem sie saß und sang. Einmal kam ein Mann mit einem nervösen Hund vorbei und ich fürchtete, sie könnten den Vogel in die Flucht schlagen. Aber der ließ sich nicht aus der Ruhe und sang unverdrossen, in diesem Fall: unverdrosselt, weiter.

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„Die Unglücklichen sind Gefährlich!“

(Goethe)

Gestern sah ich den Westernklassiker von John Sturges „Zwei rechnen ab“, der im Original „Gunfight at the OK Corral“ heißt und mit Burt Lancaster als Wyatt Earp und Kirk Douglas als Doc Holliday großartig besetzt ist. Die Eingangsszene lieferte eine Illustration einer These von Paul Auster, dass es im alten, „wilden“ Westen wesentlich zivilisierter, friedlicher und sicherer zuging als im heutigen Amerika. Da reiten nämlich drei finstere Burschen ins Wildwest-Städtchen Tombstone ein, binden ihre Pferde vor dem Saloon fest und betreten die Kneipe. „Bevor ihr was zu trinken bekommt, schnallt erst mal eure Revolver ab und legt sie auf die Theke“, sagt der Wirt. Murrend leisten die Kerle der Aufforderung Folge. In der ganzen Stadt hat der Sheriff Plakate aufhängen lassen, auf denen zu lesen ist: „Feuerwaffen sind in der Stadt verboten“. Im Saloon bleibt es zunächst friedlich, später wird im Film noch reichlich herumgeballert und getötet.  Es geht in diesem Western, wie so oft, um Aufrichtung und Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols, die eine große zivilisatorische Errungenschaft darstellen. In den USA – und anderswo – ist das nie richtig und auch nur annähernd vollständig gelungen, und in den letzten Jahrzehnten geraten auch die Ansätze dazu in Gefahr. Trump und seine Rhetorik haben die Remilitarisierung und die Ausbreitung roher Gewalt im amerikanischen Alltag mächtig befeuert. Austers Buch erzählt von dieser Gewalt, deren Metastasen den ganzen Gesellschaftskörper befallen. Das gilt mutatis mutandis auch für Russland. Ich habe neulich von der enormen Zahl von Tötungsdelikten berichtet, die auf das Konto von Kriegsheimkehrern aus dem Ukraine-Krieg gehen. Es ist greulich und abscheulich. „Die Unglücklichen sind gefährlich!“, lässt Goethe den Clavigo im gleichnamigen Theaterstück sagen. Die meisten Einsamen sind auch unglücklich, und da die Einsamkeit grassiert, grassiert auch das Unglück und die von ihr ausgehenden Gefahren. Die Nachrichten berichten täglich darüber. Die Durchhalteprosa ist ja unter anderem auch eine Art Chronik der fortwährenden Gewalt.

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Die Aufregung der letzten Tage kann ich nicht ganz nachvollziehen: Die Bundestagsfraktion der AFD beschäftigt als Mitarbeiter Rechtsradikale. Ja, wen denn sonst? Und: Machen es die anderen Parteien anders? Vergeben nicht auch sie gut dotierte Posten an Leute, die ihre Richtung präferieren und den richtigen Stallgeruch haben?

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Auf meinem heutigen Gang über den Alten Friedhof fiel mir Henri Bergsons Begriff des „elan vital“ ein, wahrscheinlich, weil es mir an ihm mangelt. Man beginnt ja häufig erst dann über etwas nachzudenken, wenn es eigentlich bereits zu spät ist und sich ein gravierender Mangel bemerkbar macht. „Elan vital“ bezeichnet bei ihm die „Schwungkraft des Lebens“, eine allem zugrunde liegende und alles durchpulsende Kraft des Werdens und des Schöpferischen. Der „elan vital“ ist nach Bergson überall wirksam, in uns Menschen ebenso wie in der Natur, zu der wir gehören, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Dieser Strom des Lebendigen, wo stammt er her? Was setzt ihn frei, was weckt ihn? Und vor allem: Kann er versiegen, austrocknen? Und wenn ja, um welchen Preis? Stirbt man dann bei lebendigen Leib? Wenn er der Tod eines Tages kommt, trifft er einen bereits Gestorbenen, einen lebenden Leichnam an. Das Erkenntnisvermögen, welches das Lebendige am ehesten erfassen kann, nennt Bergson „Intuition“. Sie kann ihre Erkenntnisse nicht in Begriffen erfassen, sondern sich der Wahrheit nur in Bildern und Metaphern nähern. Begriffe sind ihr zu hart, sie spießen auf, erschlagen das Erkannte, statt es vorsichtig zu umkreisen und sich ihm tastend zu nähern. Nicht von Ungefähr erhielt der Philosoph Bergson 1927 den Nobelpreis für Literatur. Die positivistische Wissenschaft, deren Ideal die Mathematik ist, schlägt alles tot, was eine sanftere Stimme hat und sich vor verkrampften Fragestellungen und Laboratoriumsbeleuchtung zurückzieht. Wer etwas über Schmetterlinge in Erfahrung bringen will, kann sich auf eine blühende Wiese begeben und sich ihnen als vorsichtiger Beobachter nähern, sie umkreisen, sich an ihrem taumelnden Flug und ihren Farben erfreuen, oder er kann sie mit einem Käscher fangen, ihre Flügel brechen, sie aufspießen und präparieren. Letzteren Weg hat die moderne Wissenschaft eingeschlagen, nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Welt in dem trostlosen Zustand, in dem wie sie heute vorfinden. Ich fürchte, für eine Umkehr ist es zu spät, zu gründlich hat der industrielle und wissenschaftliche Zugriff sein Zerstörungswerk verrichtet.

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Habe für den Freitag eine Besprechung des Amok-Buches von Paul Auster geschrieben, das „Bloodbath Nation“ heißt. Das Problem dabei ist: Man möchte viel sagen und muss sich gleichzeitig extrem kurz fassen. Der Raum, der einem zur Verfügung gestellt wird, ist knapp bemessen. Die Redakteurin hatte zu meiner ersten Fassung einige Fragen gestellt und mich gebeten, deren Beantwortung noch einzuarbeiten. Also habe ich mich gestern noch einmal darangesetzt. Die Fragen waren relativ flott beantwortet, aber der Text danach entschieden zu lang. Also streichen. Eine Passage, die ich besonders gelungen fand, musste weichen. Aber, was soll‘s, es ist ja nur eine kurze Buchbesprechung. Ich habe da im Laufe der Jahre eine gewisse Wurstigkeit entwickelt. Nach einer Stunde hatte ich eine Fassung hinbekommen, die dem Buch und seinem Autor hoffentlich einigermaßen gerecht wird. Da ich Paul Auster sehr verehre, ist mir das schon wichtig, auch wenn ich weiß, dass er diese Besprechung nie zu sehen bekommen wird. Sie wird hoffentlich in einer der nächsten Ausgaben des Freitag erscheinen. In der Eisenberg-Freitag-Pipeline steckt noch eine Besprechung des Buches „Fone Kwas“ von Georgi Demidow (DHP 93), die sicher zunächst einmal erscheinen wird.

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Gestern sah ich auf Arte den Film „Madame Rosa“ mit der wunderbare Simone Signoret. Sie spielt in diesem Film aus dem Jahr 1977 eine ehemalige Prostituierte, die Kinder von Kolleginnen aufgenommen hat und sich gegen eine karge Entlohnung als Pflegemutter um diese kümmert. Madame Rosa wird im Alter von ihrer Vergangenheit eingeholt, zu der auch die Deportation nach Auschwitz gehört. Ein Krebsgeschwür und die traumatischen Erinnerung an das Konzentrationslager zehren sie aus und sie wird zunehmend hinfällig. Man sieht, wie sie sich am Treppengeländer in ihre im sechsten Stock gelegene Wohnung hinaufschleppt. Den Kindern gegenüber versucht sie ihren Zustand zu verbergen und sagt: „Meine Beine, die tragen mich einfach nicht mehr.“ Ihrem Lieblingspflegekind Momo gegenüber ist sie offener und gesteht ihm ihre Angst, von der sie heimgesucht wird. Er fragt, warum sie denn Angst habe, und sie antwortet mit einem Satz, der mir sehr vertraut ist: „Man braucht keinen Grund, um Angst zu haben, mein Junge.“ Als der Tod naht, steht ihr der Vierzehnjährige bei und verhindert, dass man sie in ein Krankenhaus bringt. Sie stirbt, während er neben ihr sitzt, in ihrem „Judenversteck“ im Keller des Hauses. Ein Film, der mich aus verschiedenen Gründen sehr berührt hat. Bis zum 24. März ist er in der Mediathek verfügbar.

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Heute bin ich mit dem Rad zum Evangelischen Krankenhaus gefahren, um mir die Überweisung in die Neurologische Ambulanz abzuholen. Dort habe ich durch Vermittlung einer Ärztin, die mich wegen meiner Thrombose behandelt, Ende April einen Termin bekommen. Das Krankenhaus liegt auf einem Hügel am Stadtrand von Gießen. Den Hügel hinauf schaffe ich es mit meinem Hollandrad nicht, also stellte ich es unten am Hardthof ab, einer ehemaligen Brauerei, die vor etwa 50 Jahren in Eigentumswohnungen aufgeteilt worden ist, in die sogenannten „Kreative“ eingezogen sind. Damals nannte man diese Menschen noch „Kulturschaffende“, ein Begriff, der wegen seines DDR-Beigeschmacks inzwischen aus dem Verkehr gezogen worden ist. Schade eigentlich, ich mochte ihn. Ich lehnte mein Rad an einen Baum neben dem Haus, in dem der aus Funk und Fernsehen bekannte Politikwissenschaftler Claus Leggewie mit seiner Familie wohnt, und machte mich an den Aufstieg. Oben angekommen landete ich am Eingang zum Sterbehospiz. Obwohl das natürlich Zufall war, erblickte ich darin ein Zeichen, einen Wink von „Freund Hein“. Ich betrat das Krankenhaus durch die Notaufnahme, in der es zuging wie in einem Taubenschlag. Ich musste das ganze Krankenhaus durchqueren, weil die neurologische Praxis sich in einem Nebengebäude befand. Ich hatte Glück und kam sofort dran. Ich musste mein Krankenkassenkärtchen in den Scanner stecken und erhielt wenig später die gewünschte Überweisung – vom Neurologen in die neurologische Ambulanz der Gießener Uniklinik. Umständlicher geht es nicht. Aus irgendwelchen Gründen kann man nicht mit einer einfachen Überweisung die Uni-Klinik aufsuchen. Wahrscheinlich sichern auf diese Weise die niedergelassenen Ärzte ihre Pfründe. Ich ging dann durch den Wald den Berg wieder hinunter. Vom Wegesrand roch es stechend nach Fuchs. Ich bekam ihn aber leider nicht zu Gesicht. Ich bestieg mein Rad und fuhr Richtung Stadt. Ich wollte in der Hofbäckerei meinen Lieblingskuchen kaufen, stellte vor der Tür aber fest, dass ich kein Geld dabei hatte. Ich hatte wegen der frühlingshaften Temperaturen eine andere Jacke angezogen und vergessen, das Portemonnaie aus der anderen Jacke herauszunehmen. Diesem Umstand hatte ich zu verdanken, dass ich Roman traf, der in dem Stück „Der Staat gegen Fritz Bauer“ den Fritz Bauer spielt. Im April habe ich noch einmal Gelegenheit, das Stück zu sehen. Ein Mal wird es in dieser Spielzeit noch gespielt. Ich habe in der DHP 74 von meinem Bezug zu Fritz Bauer erzählt. Zu Hause angekommen, stellte ich fest, dass ich vergessen hatte, die Balkontür zu schließen. Diese Gelegenheit hatte ein Taubenpärchen genutzt, bei mir einzuziehen und am Fuß eines Bücherregals mit dem Nestbau zu beginnen. Ich musste den beiden klarmachen, dass ich nicht gewillt bin, mein Wohnzimmer mit ihnen zu teilen. Panisch flogen sie auf und verließen das Zimmer, nicht ohne zuvor noch einen ordentlichen Schiss abzusetzen.