139 | Der Trost des Vertrauten

„Nach dem Ausladen des Gepäcks öffnete sie (die Mutter, G.E.) alle Fenster und Türen und ließ die kühle Mailuft durchs Haus wehen. Sie schaltete das alte Radio an, Musik tönte über das Grundstück bis in den dahinter gelegenen Wald. Schön war es in dieser Welt, die sich nicht gleich veränderte, wenn man ihr mal kurz den Rücken zudrehte.“

(Matthias Brandt: Raumpatrouille)

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„Dafür war sie hergekommen, für den schlichten Trost des Vertrauten. Bei gedämpftem Licht, brennenden Kerzen und einem mit schlichten Stechpalmenkränzen geschmückten Altar sah die Calvary Church genauso aus wie damals, als sie als kleines Mädchen neben ihren Eltern und Henry gestanden und auf der Bank vor ihr ein dünnseitiges Gesangbuch gelegen hatte, dessen Liedtexten sie mit den Fingern folgte. In ihrem Alter vertraute sie inzwischen darauf, dass dieses Eintauchen in eine reichere, unschuldigere Vergangenheit sie für die Gegenwart wappnete.“

(Stewart O‘Nan: Abendlied)

Vor Jahren strahlte der Sender Arte eine Dokumentation aus, die „Nicht länger nichts – Die Geschichte der Arbeiterbewegung“ hieß. Dort erzählte ein italienischer Historiker vom Anthropologen Ernesto de Martino, der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Feldforschung in Kalabrien betrieb. Einmal nahm er einen Bauern in seinem Auto mit, um sich von diesem den Weg zeigen zu lassen. Als der Bauer sich irgendwann umdrehte und merkte, dass der Kirchturm seines Dorfes nicht mehr zu sehen war, geriet er in Panik.

Für den interviewten Historiker und für uns, die wir heute diese Geschichte hören, ist der verschwundene Kirchturm eine Metapher, die uns etwas sagt: Heute ist für uns alle, oder doch fast alle, der Kirchturm verschwunden. Für den einen war es die Sowjetunion und die Kommunistische Partei, für einen anderen die Gewerkschaft, für einen Dritten die Fabrik, für einen vierten das Wohnquartier oder der Sportverein. Der Kirchturm ist weg und damit der Mittelpunkt und das Metronom des Lebens. In der Folge drohen die Menschen ihr Selbst und das Gefühl der Kohärenz zu verlieren. Daher rührt die verbreitete Sehnsucht nach dem Vertrauten und Tröstenden. Viele ökonomisch keineswegs Not leidende Menschen wählen wegen dieser Sehnsucht die AfD. Es sind eher kulturelle als ökonomische Gründe, aus denen AfD gewählt wird. Der gesellschaftliche Wandel vollzieht sich zu rasant und geht dabei radikal über die Köpfe der Menschen hinweg. Das erzeugt eine Art sozialer Seekrankheit. Aus diesem Grund gibt es ein verbreitetes Bedürfnis nach Ruhe, nach der Herstellung einer Lebenssituation, in der sich möglichst wenig ändert. Die eigene Lage soll konstant, überschau- und einschätzbar sein und bleiben. Man kann diesen Wunsch nach stationären Zuständen auch als Widerstand gegen die ständig alles umwälzende Kraft und Gewalt der kapitalistischen Produktionsweise verstehen. Wenn wir versuchen, ihn so zu verstehen, kommen wir vielleicht auch eher in die Lage, ihn einer nostalgischen Rechten abspenstig zu machen, die von der Gartenlaube und einer angeblich einmal heilen Welt träumt.

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Das Völkerrecht, das in seiner modernen Gestalt als Konsequenz aus dem mörderischen Wüten des 20. Jahrhunderts ins Leben gerufen wurde, wird gegenwärtig behandelt wie ein toter Hund. Die UNO, sein irdischer Sitz, hindert niemand an nichts. Sie befindet sich in der ohnmächtigen Situation einer Instanz, die über das Wetter herrscht. Eine Veto-Macht findet sich immer, die einen vernünftigen Beschluss sabotiert. Im Sinne Kants könnte man sagen: Wenn zahlreiche real existierende Staaten mit dem Völkerrecht nichts anfangen können, wenn ihr Handeln mit ihm kaum etwas zu tun hat, dann spricht das nicht gegen das Völkerrecht, sondern gegen das, was sie tun. Ihr Handeln sollte schleunigst mit dem Völkerrecht in Einklang gebracht werden. Es ist auf keinen Fall das Völkerrecht, das fallen gelassen oder geändert werden sollte. Das Völkerrecht ist ein Gebot der Vernunft. Im Einklang mit ihm zu handeln, heißt vernünftig und sittlich zu handeln. Es lebe Kant und die praktische Vernunft!

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Am Alten Friedhof sah ich ein Plakat der CDU zu den bevorstehenden Kommunalwahlen, auf dem war zu lesen: „Verkehrschaos beenden – Schneller ankommen“. Wer wo ankommen will oder soll, wird nicht verraten. Rasend schnell auf den Abgrund zu. Oder ins Nirgendwo. Paul Virilio lässt grüßen. Virilio war ein im Jahr 2018 gestorbener französischer Philosoph und Dromologe, der ein bahnbrechendes Buch mit dem Titel „Rasender Stillstand“ geschrieben hat. Die Dromologie ist die Lehre von der Geschwindigkeit. Virilios These war: Wir bewegen uns in immer schnellerem Tempo, aber von einem gesichtslosen Ort zum nächsten. Alle Orte gleichen sich. Deswegen ist unsere Schnelligkeit inhaltsleer und sinnlos. Wie die Selbstverwertung des Werts ist  sie letztlich tautologisch.

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Heute, also am 6. März 2026, wird David Gilmour 80 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Wie oft bin ich mit meinem Walkman und der Musik von Pink Floyd auf den Ohren in den Bergen oberhalb des Gardasees herumgelaufen und hab mich weggeträumt. Ihm zu Ehren und mir zur Freude höre ich gerade „Comfortably Numb“, in einer Live-Version aus dem Circus Maximus in Rom. Joachim Hentschel hat am 6. März in der Süddeutschen Zeitung eine lesenswerte Würdigung von David Gilmour veröffentlicht.

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„Die Haut ist der Reisesack des Lebens.“

(Robert Musil)

Als mich das Krankenhaus Anfang der 1980er Jahre nach einer Sprunggelenksoperation nach längerem stationären Aufenthalt entließ, sagte mir einer der Ärzte beim Abschiedsgespräch: „Es kann sein, dass sich in dem operierten Gelenk später mal eine Arthrose einnistet.“ Ich hörte das zwar, nahm es aber nicht richtig wahr. Wenn es denn wahr werden würde, war es weit weg. Jetzt, da die Prophezeiung wahr geworden ist, ist mir diese Warnung wieder eingefallen. Wenn ich sie immer im Kopf gehabt hätte, hätte es auch nichts geändert. Jetzt muss ich mir gelegentlich ein Schmerzmittel einpfeifen. Dasselbe gilt für meine linke Schulter, die ich mir gebrochen habe, als ich mit 12 oder 13 Jahren bei den Pfadfindern vom Baum gestürzt bin. Ich habe gelegentlich davon berichtet. Also: Arthrose oben links und rechts unten, und in der Mitte, also der Hüfte, sowieso. Wenn die Wunden und Brüche der Kindheit und Jugend verheilt sind, folgt eine glückliche Zeit, in der man den Körper vergisst, weil er funktioniert und nicht stört. Für ein paar Jahrzehnte lebt man in einem „freundlichen Körper“, wie Philippe Claudel es ausgedrückt hat. Implizit geht man davon aus, dass diese Phase ewig währt, bis man eines Schlechteren belehrt wird und man in das Zeitalter der Hinfälligkeit und des „unfreundlichen“, oder gar „feindlichen Körpers“ eintritt. In Claudels Buch „Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens“ heißt es: „Eine Etappe folgt auf die nächste, unerbittlich, bis zum Tod. Sie sind alle ein Zeichen dafür, dass der Körper, der hinfällig werdende Körper, die Oberhand über den Geist gewinnt. Man kann sich immer zur Beruhigung sagen, dass ein Greis der Weiseste in einer Gesellschaft ist, doch das verhindert nicht, dass seine angebliche Weisheit sich an den Grenzen eines schlecht funktionierenden Körpers stößt, ihm mehr Pein als Freunde bereitet, mehr Bitterkeit als Vergnügen. Der Mensch hat nur für eine Zeitspanne von zwanzig, heute vielleicht dreißig Jahren seinen Frieden. Vorher und vor allem danach kämpft er.“ Claudel vermag es, diesen Erfahrungen eine Sprache zu verleihen und uns zu einem Verstehen von Vorgängen zu verhelfen, die uns alle beunruhigen. Wenn sie schon nicht zu ändern sind, kann man sie wenigsten begreifen. Und Begreifen hilft manchmal.

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„Vor den Vätern sterben die Söhne.“

(Thomas Brasch)

Treue Leserinnen und Leser der DHP wissen: Ich fahre gelegentlich mit dem Auto raus und gehe bei Hohensolms eine Runde spazieren. Vor rund fünfzig Jahren hatten Freunde in diesem Ort ein Haus erworben, in dem sie bis zu ihrer Trennung lebten. Ich habe manchmal im Sommer, wenn sie wegfuhren, das Haus und die zu ihm gehörenden Tiere gehütet. Seitdem kenne die Gegend recht gut und hänge an ihr. Einmal hatte sich bei einem gemeinsamen Abendessen ihr damals vielleicht zweieinhalbjähriger Sohn in das unterste Fach eines Bücherregals verkrochen. Alle lachten über das Kind und rätselten, was es damit zum Ausdruck bringen wollte. Ich deutete seine kleine Inszenierung so: Beide Eltern waren Schriftsteller und hatten ihrem Kind signalisiert, dass ihnen Bücher die Welt bedeuteten, eigentlich auch mehr als ihr Kind. Überspitzt formuliert: Dass sie es nur als Buch akzeptieren könnten. Also verwandelte sich das Kind in ein Buch, in der vagen Hoffnung, sie würden es aus dem Regal nehmen und in ihm lesen. Die Eltern wussten mit der Pantomime ihres Sohnes nichts anzufangen und wiesen meine Deutung als überspannt zurück. Wenig später trennten sie sich. Der erwachsen gewordene Sohn wurde Notfallsanitäter. Irgendwann verlor er seinen Job, stürzte ab und irrte mehr oder weniger ziellos durchs Leben. Rastlos, immer auf der Suche nach Anerkennung. Mit Büchern hatte er, soweit ich das beurteilen kann, wenig am Hut. Heute fand ich die Nachricht im Briefkasten, dass er im Februar 2026 gestorben ist.

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Die SPD hat sich für eine härtere Bestrafung von Femiziden ausgesprochen. Die Krux ist, dass der Femizid zu jenen Verbrechen gehört, die sich durch Strafandrohungen nicht verhindern oder eingrenzen lassen. Je mehr Affekte im Spiel sind, desto weniger funktioniert die Abschreckung per Strafrecht. Man kann sich schwerlich einen wütenden Ehemann vorstellen, der das erhobene Messer, mit dem er im Begriff ist, auf seine Frau loszugehen, beim Denken an eine mögliche Strafe sinken lässt. Wut ist ein Affekt, der unbelehrbar ist. Eine Prävention hätte gründlicher anzusetzen: beim in dieser Kultur tief verankerten Frauenhass. Wer nach den Ursachen dieses Hasses suchen möchte, wird bei Klaus Theweleit, Bernd Nitzschke und André Glucksmann fündig werden.

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Heute sah ich, wie Donald Trump nach dem Einsatz von Bodentruppen im Iran gefragt wurde. Er antwortete: „Wir müssen das noch erörtern. Irgendwann werden wir es vielleicht tun und das wäre großartig.“

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Die kulturelle Transmission war traditionell über die Generationen innerhalb der Familie und der Hausgemeinschaft vermittelt: Die Vergangenheit des Großvaters war die Gegenwart des Vaters und die Gegenwart des Vaters markierte zugleich die Zukunft des Sohnes. Das Alter wurde als Sitz der Erfahrung und des Wissens in Ehren gehalten und respektiert. Heute hat sich die Wertehierarchie der Lebensalter in ihr Gegenteil verkehrt. Die neuen digitalen Technologien befinden sich in den Händen der jungen Leute, die zum ersten Mal in der Geschichte über Fähigkeiten und Kenntnisse verfügen, die sie den Älteren und Alten voraushaben. Dementsprechend wird seit einiger Zeit der größte Wert der Jugend beigemessen und sie genießt einen beinahe kultischen Status. Die Erfahrungen der Eltern und der Älteren taugten unter den neuen Bedingungen nichts mehr. Diese Entwertung der Erfahrung beinhaltet für die Alten eine enorme Kränkung. Der alte Mensch wird immer mehr zu dem, der kein Wissen hat, die neuen Medien und Techniken nicht beherrscht und insgesamt hinter dem Mond lebt. Großeltern müssen sich von ihren Enkeln erklären lassen, wie ein Smartphone funktioniert und was ein Tablet ist. Aber das soziologisch Bedeutsamste scheint mir zu sein, dass die Weitergabe kultureller Traditionsbestände und moralischer Normen nicht mehr stattfindet und funktioniert. Die Kette, die von der Vergangenheit zur Gegenwart und von dort in die Zukunft führt, ist abgerissen. Wir treten in einen moralisch leeren Raum ein, niemand weiß mehr, was das Richtige ist, das er tun, und was das Falsche ist, das er lassen soll. Alle tun nur noch, was sie wollen und wonach ihnen zumute ist, bald wird niemand mehr wissen, was sich „sich gehört“. Bei der Formulierung dieses Satzes wird mir ganz blümerant: So etwas sagt man nicht mehr! Aber wo kommen wir hin, wenn man so einen Satz nicht mehr sagen kann und darf? In Teufels Küche, würde ich sagen. Unter solchen Bedingungen einer gesellschaftlichen und politischen Desintegration müssen wir uns auf einen Rückgang der Zivilisation und ein Anwachsen der Barbarei einstellen. Eines Tagen wird niemand mehr von irgendetwas durch verinnerlichte Maßstäbe und Normen abgehalten. Niemand wird von irgendetwas zurückgehalten oder zu irgendetwas angehalten. Was die Dinge noch schlimmer macht, und sie zweifellos in Zukunft noch weiter verschlimmern wird, warnte Eric Hobsbawm bereits vor 25 Jahren, „ist der ständige Abbau von Verteidigungsstellungen, die von der Zivilisation der Aufklärung gegen die Barbarei errichtet wurden … Denn das Schlimmste von allem ist, dass wir uns an das Unmenschliche gewöhnt haben. Wir haben gelernt, das Unerträgliche zu ertragen.“ Diese von Hobsbawm angesprochene Tendenz hat sich seit der Zeit, da er sie angesprochen hat, noch einmal dramatisch verstärkt.

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Die Wahl im traditionell konservativen Baden-Württemberg ist überraschend glimpflich verlaufen. Nach dem Abschied von Winfried Kretschmann rechnete man allgemein mit einer Rückkehr der CDU, die das Land jahrzehntelang beherrscht hat. Nun wird ein türkischstämmiger Grüner voraussichtlich neuer Ministerpräsident. Mit einem hauchdünnen Vorsprung von einem halben Prozent haben Cem Özdemir und die Grünen die Wahl gewonnen. Was aber auch daran lag, dass die CDU in Gestalt von Manuel Hagel eine derartige „Pfeife“ aufgestellt hatte, wie Jan van Aken am Wahlabend richtig feststellte. Die CDU wird weiter nach einem neuen Hans Filbinger oder Erwin Teufel suchen müssen. Die Linke gehört dem Landtag von Baden-Württemberg ebensowenig an, wie die FDP. Das Erstere bedauere ich, das Zweite begrüße ich schärfstens und hoffe, dass das Schule macht. Nächsten Sonntag haben wir hier in Hessen Kommunalwahlen. In Gießen wird der fehlgeschlagene Verkehrsversuch noch nachwirken und dazu führen, dass die Rot-Rot-Grüne Stadtregierung abgestraft wird. Bei der letzten Kommunalwahl wurden die Grünen mit 29,72 Prozent der Stimmen zur stärksten Kraft in der Stadtverordnetenversammlung. Das wird sich so sicher nicht wiederholen. Aber das Gedächtnis der Wählerinnen und Wähler ist kurz, und in einer Stadt wie Gießen sind die Grünen auch nach allem, was sie in den letzten Jahren verbockt und angerichtet haben, immer für 20 Prozent der Stimmen gut.

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„Ich wusste noch nicht, was Fremdheit war, obgleich ich schon in ihr lebte. Heute bin ich froh, dass ich als Kind nicht reden konnte.“

(Wilhelm Genazino: Tarzan am Main)

Vier Jugendliche saßen im Eiscafé und zeigten sich etwas auf ihren Handys. Ein unglaublich dicker Rumäne mit kahlem Schädel würgte Schleim aus den Tiefen seiner Bronchien hoch und ließ ihn zwischen seinen Füßen aufs Pflaster klatschen. Er verrieb den Auswurf mit seinem Schuh. Ein sichtlich erregter Schwarzer brüllte seine Wut in die Fußgängerzone hinaus. Außerdem führte er eine Bluetooth-Box mit sich, aus der laute Musik drang. Sein Gebrüll und die Musik waren weithin zu hören. Der Mann, der im Auftrag der Post den Briefkasten in der Plockstraße leerte, fluchte, weil der Kasten mit Büchern vollgestopft war, die aus dem ein paar Schritte weiter aufgestellten Bücherkasten stammen. Eine offensichtlich verwirrte Frau entnehme sie dem Kasten und stopfe sie mit Gewalt in den Briefkasten, erklärte der Mann. Das tue sie regelmäßig, vielleicht in der Annahme, die erreichten auf diese Weise irgendwelche Leser. Vielleicht denke sie sich auch gar nichts dabei und sei einfach nur verrückt. Junge Leute warfen im Park mit Holzstäben nach anderen im Gras stehenden Holzstäben. Weil er weiß, dass mir die eisernen Bänke zu hart und unbequem sind, hatte mein kroatischer Freund eine Sitzunterlage mitgebracht. Als er mich kommen sah, breitete er sie neben sich aus und lud mich zum Niedersetzen ein. Wir sprachen eine Weile über dies und das. Dann spielten wir unser Liebslingsspiel und fragten uns, welchen Berufen die Vorübergehenden nachgehen oder was sie so treiben. Irgendwann sagte er: „Meine Frau wartet“, stand auf und wandte sich zum Gehen. Der Witz dabei ist: Er hat gar keine Frau und will auch keine. Zwei kleine Thailänder versuchten, Rollschuh zu laufen. Sie waren blutige Anfänger und standen ganz steif und mit rausgedrücktem Hintern auf den Rollen. Ihre Mutter saß ein paar Meter weiter auf einer Bank und beaufsichtigte die ersten Fahrversuche ihrer Sprösslinge. In jeder Runde durch den Park machten sie bei ihr halt. Als die Sonne hinter den Häusern verschwand, wurde es schnell kühl und ich ging nach Hause.

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Gestern Mittag saß ich mit meiner Liebsten in Marburg in einer Kaffeerösterei in der Oberstadt an dem Tisch, an dem ich weiland mit Birgit Vanderbeke gesessen habe, bevor sie dann unten an der Lahn aus ihrem letzten Buch gelesen hat. Ihr Tod liegt nun auch bereits wieder beinahe fünf Jahre zurück. Ich war seit längerer Zeit zum ersten Mal wieder in Marburg und habe natürlich an diese Begegnung gedacht. U spielt im Landestheater in einer Laiengruppe Theater, und ich holte sie abends dort ab. Auch in Marburg hörte ich gestern alle naslang den Satz: „War hier nicht früher mal das Sowiesosowieso-Geschäft?“ Die Furie des Verschwindens geht offensichtlich auch in Marburg um. Aber dennoch wirkt das Stadtzentrum von Marburg nicht ganz zu heruntergekommen und trostlos wie das Gießener. Von der großen und altehrwürdigen Buchhandlung Elwert existieren allerdings nur noch traurige Reste. Auf dem Weg zum Landestheater stattete ich auch der Buchhandlung „Roter Stern“ einen Besuch ab, die in alter Größe und Ausrichtung fortexistiert. Natürlich arbeitet hier inzwischen eine neue Generation von Buchhändlerinnen und Buchhändlern, die ich nicht mehr kenne. Aber im Sortiment ist der Rote Stern sich im Kern treu geblieben. Die Anfänge des Roten Stern hat KD Wolff in seiner Autobiografie „Bin ich nicht ein Hans im Glück?“ beschrieben. Ich kenne sie beinahe genauso lang und habe die Gründungsmitglieder des Kollektivs noch erlebt. Es war ja die Zeit, als wir in Gießen einen linken Verlag gründeten und den Prolit-Buchvertrieb aufbauten, der heute noch existiert und beinahe alle linken Verlage ausliefert.

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Vor 15 Jahren, also am 11. März 2011, ist in de Folge eines Tsunamis das Kernkraftwerk im japanischen Fukushima explodiert. Tausende Menschen kamen ums Leben. Die Japaner haben dennoch an der Kernkraft als Energiequelle festgehalten. Inzwischen ist weltweit eine Rückkehr zur Kernenergie zu beobachten, die als sauber und umweltfreundlich gilt. Auch Frau von der Leyen hält die Abkehr von ihr für einen „strategischen Fehler“ und plädiert für den Bau der neuen Generation von kleinen „modularen Atomreaktoren“. Ich habe 2011 das  „Tagebuch einer Katastrophe: Oder die Unfähigkeit zu lernen“ veröffentlicht. Man findet den Text unter diesem Titel im Netz.

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Chronik der Gewalt. In der Schweiz sind bei einem Brand in einem Linienbus mindestens sechs Menschen ums Leben gekommen. Ein mutmaßlich psychisch kranker Mann hatte sich mit einer entflammbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet. Offenbar war es seine Absicht, in seinen Untergang möglichst viele andere mitzureißen, sonst hätte das Vorhaben an einem abgeschiedenen Ort realisiert. Die Tat bekommt dadurch etwas Demonstratives und Amokartiges. Zu den möglichen Motiven solcher Täter habe ich mich in einem Text geäußert, der unter dem Titel „Alles mitreißen in den Untergang“ erschienen ist. Man findet den Text zum Beispiel hier: https://www.krisis.org/2007/alles-mitreissen-in-den-untergang/ Der Text ist im Jahr 2007 auch in der Wochenzeitung „der Freitag“ erschienen, wo er aber hinter einer Bezahlschranke verborgen ist.

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„Man darf jedoch eines nicht übersehen: Weber hat den Begriff aus der Theologie übernommen. Charisma haben bedeutet dort soviel wie: im Besitz der göttlichen Gnade sein; Thomas von Aquin  bezeichnet diese Gnade als etwas Übernatürliches, das den Menschen von Gott verliehen wird. Charisma ist damit nicht Teil der natürlichen Ordnung, nicht Teil der materiellen Welt oder der menschlichen Gesellschaft, es wird vielmehr von außen in diese Welt hineingetragen.“

(Donald G. MacRae: Max Weber)

Gestern Abend erschrak ich wieder mal darüber, dass der Kapitalismus vor nichts zurückschreckt, vor nichts halt macht. Der Sender 3sat brachte am 12. März 2026 eine Dokumentation zum Thema „Charisma“, was ich erst mal spannend fand. Dann aber las ich in der Ankündigung: „Charisma entscheidet über Karrieren und Politik. Die geheimnisvolle Ausstrahlung folgt erlernbaren psychologischen Mustern, wie die Wissenschaft zeigt.“ Und meine Neugier war schlagartig erloschen. Manager und sogenannte Führungskräfte hätten gern mehr von dieser geheimnisvollen Eigenschaft, um mehr aus ihren Untergebenen herauszuholen. „Charisma“ soll als Produktivkraft des Kapitals erschlossen und nutzbar gemacht werden. Dem „Charisma“ ergeht es nicht besser als der „Resilienz“, die in den letzten Jahren von der menschlichen Fähigkeit, mit unvermeidlichen Schlägen fertig werden zu können, die das Leben einem zufügt, zu einer Fähigkeit mutierte, sich in der sozialdarwinistischen Leistungskonkurrenz besser behaupten zu können. Man will, wenn man Zeuge solcher Vereinnahmungen wird, stets rufen: „Halt, so war das nicht gemeint!“ Aber schon hat sich das Kapital jene faszinierende psychische Widerstandskraft, die Menschen instand setzt, Stress auszuhalten, Krisen zu überwinden und nach Niederschlägen wieder aufzustehen, unter den Nagel gerissen. Der Boom des Themas passt auch den Wirtschaftsbossen ins Konzept. Neuerdings nutzen immer mehr Firmen Konzepte zur Steigerung der psychischen Widerstandskraft. Dabei ist das Prinzip Resilienz eigentlich nicht dazu gedacht gewesen, Menschen für die Arbeit fit zu machen und fürs Büro zu dressieren, sondern sie im Umgang mit den Herausforderungen ihres Lebens zu stärken. Die Zahl der Unternehmen wächst, die ihren Belegschaften Resilienztrainings anbieten. Belegschaften sollen lernen, mit immer stärkeren Belastungen umzugehen und die Produktivität ihrer Arbeit zu steigern. Es scheint, als hätten Unternehmer die Herkunft des neuen Zauberworts zu intensiv studiert. Es stammt aus der Materialwissenschaft und beschreibt Stoffe, die auch nach extremen Verformungen wieder in ihren Ausgangszustand zurückkehren. Arbeiter und Angestellte sind aber kein Material, das sich von allen Schlägen, die die Chefs ihnen zufügen, schnell wieder zu erholen hat. Sogenannte Arbeitgeber nutzen die Trainings nur, um ihren Leuten noch mehr aufbürden zu können. Ihre Belastbarkeit soll erhöht werden. Vernünftig wäre es, das aberwitzige Tempo des Lebens zu drosseln, allen Menschen anständige, menschenförmige Arbeitsbedingungen zu bieten und ihnen nicht länger zuzumuten, ihre Gesundheit auf dem Altar des Profits zu opfern. Dann bräuchte es den ganzen psychologisch-medizinischen Reparatur- und Kompensationsaufwand nicht.

Jetzt wendet sich das gefräßige Raubtier dem Thema „Charisma“ zu. „Charisma“ bezeichnete bei den alten Griechen ein Geschenk der Götter, eine Gnadengabe, die manchen Menschen zuteil wird, unabhängig von erbrachten Leistungen und niemandem zu Diensten. Die Abkehr von diesem Verständnis des Charismas zu einer kapitalistischen Tugend kündigte sich beim Soziologen Max Weber bereits an. Bei ihm bezeichnet Charisma nicht länger eine göttliche Gnadengabe, sondern die überlegene Leistungsfähigkeit eines Menschen. Ein Rest Geheimnis blieb aber bei Weber insofern erhalten, als die Ursprünge des Charismas sich der rationalen Erklärung entziehen. Manche Menschen haben es, andere eben nicht. Magier und Schamanen verfügen über diese außeralltägliche Kraft, über der der Schleier des Geheimnisvollen gebreitet bleibt. Bei den Griechen konnten solche Fähigkeiten durch Handauflegen weitergegeben werden, heute sollen sie in Workshops erlernt werden können. Herr Lehmann besucht einen Charisma-Workshop und steigt zur umjubelten und von der Belegschaft verehrten Führungskraft auf. Die Umsätze der Abteilung verdoppeln sich, der Rubel rollt. Je älter ich werde, desto mehr erfüllt mich Skepsis angesichts des wissenschaftlichen Furors, der erst zur Ruhe kommt, wenn der letzte frei lebende Vogel beringt und die letzte Fledermaus besendert ist: Man muss nicht alle Falten des Vorhangs auseinanderziehen, um noch das letzte Geheimnis zu lüften. Wenn wir der Naturbeherrschung Einhalt gebieten wollen, müssen wir auch unserem Willen zum Wissen Grenzen setzen. Das Wissenwollen ging stets dem „Herr-sein-wollen-über“ und der Ausbeutung voraus.

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Am Samstag, dem 14. März 2026, ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren gestorben. Er war zweifellos für die Linke in diesem Land eine wichtige Figur, auch wenn das Verhältnis manchmal spannungsreich war. Ich bin kein Habermas-Experte und werde den vielen Nachrufen, die dieser Tage erscheinen werden, keinen weiteren hinzufügen. Ich bin irgendwann aus der Habermas-Lektüre ausgestiegen, weil sie mir zu anstrengend und akademisch-trocken war. Ich räume gern ein, dass das auch mit meiner nachlassenden Fähigkeit zu tun hat, mich auf sperrige und wissenschaftliche Texte einzulassen. Mein Konzentrationsvermögen hat in den letzten Jahren stark nachgelassen. Mein Verhalten hat also etwas von dem des Fuchses, der die Trauben, die ihm zu hoch hängen, für sauer erklärt.

Peter Brückners Beitrag zur Debatte um Habermas‘ Linksfaschismus-Vorwurf, die in dem Band „Die Linke antwortet Jürgen Habermas“ aus dem Jahr 1968 enthalten ist, hat mich immer angesprochen und überzeugt. Er führt Habermas‘ Unbehagen an der antiautoritären Linken letztlich darauf zurück, dass deren Akteure „in der Lage sind, mehr Desintegration in sich zuzulassen, als es dem Kritiker zumutbar und möglich erscheint“. Wo Repression ihre Narben setzte, entwickelt sich unbewusst auch panikartige Angst vor dem emanzipierenden Anspruch der antiautoritären Rebellion. Diese Angst fließe in die Reaktion der Betroffenen ein und führe ihnen die Feder. Das, was Kritiker der studentischen Rebellion als „Unreife“ vorhielten, sei ihre Kreativität – „gesehen durch das Ressentiment der Beschädigten“. So Peter Brückner in seiner Antwort auf Habermas. Ich habe mir vorgenommen, Habermas‘ Wiederaufnahme seines Buches von 1962 „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ demnächst zu lesen. „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“ ist im Jahr 2022 im Suhrkamp-Verlag erschienen. Einen Versuch will ich noch unternehmen, bevor ich mich von der Lektüre solcher Texte endgültig verabschiede.

Oskar Negt, der in den 1960er Jahren Assistent bei Habermas war, hat Habermas in seinen Erinnerungen trotz aller gelegentlichen Differenzen ein Denkmal gesetzt. In seiner Abschiedsvorlesung im Jahr 2002 hat Negt sich an seine Zeit als Assistent von Jürgen Habermas erinnert. Dieser habe ihm wegen eines bei Adorno gehaltenen Referats über Marx „zum Eintritt in die Republik der Wissenschaftler“ verholfen. Und das in einem gesellschaftlichen Klima, das ein anderer Adorno-Schüler, Alfred Schmidt, so charakterisiert hat: Marx war in Westdeutschland weitgehend tabuisiert und durfte nur hinter vorgehaltener Hand genannt werden. „Das war ein merkwürdiges Klima, das führte so weit, dass Plessner an Adorno eine witzige Karte aus Trier schickte: ‚Beste Grüße aus der Geburtsstadt Hegels.‘ Das heißt, man hat sich hinter einem gewissen Hegelianismus verschanzt, meinte aber in Wahrheit etwas anderes; die Zeitläufte waren dem aber derart ungünstig, dass sich diese äsopische Sprache eben empfahl. Das geistige Klima jener Zeit war angesichts des massiven Drucks  von außen derart vergiftet, dass jeder, der Marx auch nur positiv erwähnte, riskieren musste, als Stalinist abgetan zu werden. Daher wohl die äußerste Zurückhaltung, die sich die Vertreter der Kritischen Theorie in dieser Frage auferlegten.“ Habermas war so souverän, jemanden zu seinem Assistenten zu machen, der sich offen zur marxistischen Tradition bekannte. Negt sagt weiter: „Auch die folgenden Assistenten wählte Habermas übrigens immer so aus, dass sie mit seinen Gedanken keineswegs vollständig übereinstimmten, sondern als harte, widerständige Gesprächspartner auftreten konnten.“ Habermas wurde nie müde, für den „herrschaftsfreien Diskurs“ einzutreten, dessen Teilnehmer sich nur dem „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ beugen sollen. Im zweiten Band seiner Autobiographie, der Erfahrungsspuren heißt, bescheinigt Oskar Negt Habermas, dass es ihm gelungen sei, diese theoretischen Maximen lebensgeschichtlich einzulösen. Sie seien trotz gelegentlicher großer Differenzen immer befreundet gewesen.

Noch eine Anekdote zu Habermas. Mein Freund H., der wie Habermas eine Kiefer-Gaumen-Spalte aufweist, die man zu jener Zeit noch „Hasenscharte“ nannte, besuchte im Rahmen seines Philosophiestudiums im Frankfurt auch einmal ein Habermas-Seminar. Als er sich irgendwann zu Wort meldete, sei Habermas erbleicht, habe die Sitzung abgebrochen und den Raum verlassen. Den Rest wissen wir von einem Mitscherlich-Sohn, der in Gießen studierte. Er erzählte, dass Habermas noch am gleichen Abend seinen Vater Alexander um ein Gespräch gebeten und ihm bestürzt davon berichtet habe, dass die linken Studenten selbst davor nicht zurückschreckten, ihn nachzuäffen. Das passte in sein Bild vom „linken Faschismus“, den er schon auf dem Vietnamkongress an Rudi Dutschke und dem SDS wahrgenommen haben wollte. Der Mitscherlich-Sohn konnte das Missverständnis aufklären und hat so zur Beruhigung von Jürgen Habermas und zur Entspannung der Lage zwischen ihm und der linken Studenten beigetragen. Den Vorwurf des „linken Faschismus“ nahm er später zurück, an seiner Kritik am begriffslosen Aktionismus hielt er fest.

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Die Kommunalwahlen in Gießen ergeben folgendes vorläufige Bild: CDU 21,6; SPD 18,6; AfD 7,6;  Grüne 17,8; Linke 15,3. Die Grünen sind die großen Verlierer und büßten im Vergleich zu den Kommunalwahlen von 2021 9 Prozent ein. Dennoch wird das Bündnis aus SPD, Grünen und Linken weiter die Stadtregierung bilden können.

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„Es ist diese Angst vor dem vermeintlich gefährlichen Pöbel, die fast jeden intelligenten Menschen in seinen Überzeugungen zum Konservativen macht.“

(George Orwell: Erledigt in Paris und London)

Der Zufall hat mir ein Buch von George Orwell in die Hände fallen lassen, das ich nicht kannte, ja von dessen Existenz ich bis dahin nichts wusste. Auf Deutsch heißt es „Erledigt in Paris und London“, wobei erledigt in diesem Fall soviel bedeutet wie „runtergekommen, fertig“. Viele von uns kennen nur seine späten Werke wie „Farm der Tiere“ und „1984“, mit denen er Weltruhm erlangte. Es gibt aber mehrere Bücher aus der Zeit davor. Bis 1927 arbeitete Orwell, der da noch Eric Arthur Blair hieß, bei der Britischen Kolonialpolizei in Burma. Davon und von den Gründen seiner Demission berichtet er in seinem Buch „Einen Mann hängen“, dessen Lektüre mich erschüttert hat und aus dem ich im Gefängnis oft vorgelesen habe. Das Buch, das ich in einem öffentlich zugänglichen Bücherkasten gefunden habe, erzählt von der Zeit danach, in der Orwell/Blair ziemlich orientierungslos herumirrt. Etwas Altes ist vorbeigegangen, ein neuer Lebensentwurf hat sich noch nicht ausgebildet. Orwell lebt in einem lebensgeschichtlichen Interregnum gewissermaßen. In Paris arbeitet er zunächst als Englischlehrer. Nachdem er diesen Job verloren hat, beginnt eine Odyssee durch die Unterwelt von Paris. Er leidet Hunger und hält seinen Kopf mit Mühe über der Wasseroberfläche der Realität. Er tut sich mit Boris zusammen, einem Landstreicher, den er in einer der zahlreichen Notunterkünfte kennengelernt hat, in denen er seine Nächte verbringt. Für ein Hotelzimmer reicht das Geld nicht. Gemeinsam schlagen sie sich durch, arbeiten als Tellerwäscher in Hotels und Gaststätten und nächtigen in irgendwelchen Massenquartieren. Sie leben von dem bisschen Geld, das sie als Küchenhilfen verdienen, und von geklautem Essen. Das Beeindruckende an Orwells Bericht ist, dass er nicht zu den Ausgestoßenen herabsteigt, sondern in dieser Phase seines Lebens einer der Ihren ist und zu ihnen gehört. Er isst, was sie essen, schläft, wo sie schlafen und riecht, wie sie riechen oder besser: stinken. Als ein alter Freund aus London ihm dort Arbeit verschafft, verabschiedet Orwell sich von Boris und Paris und setzt nach England über. Da er die Stelle, die ihm sein Freund versprochen hat, erst Monate später antreten kann, setzt er auch in England sein Landstreicherleben fort, nächtigt auch hier in Obdachlosenasylen, und lebt mit und unter Tramps, Bettlern und Kleinkriminellen. Die Häuser, in denen er seine Nächte verbringt, sind spürbar die Nachfahren der Arbeitshäuser und verströmen einen „kalten, entmutigenden, gefängnishaften Geruch“. Immer wieder stößt man in diesem Buch auf Portraits faszinierender Menschen, die an den Rändern der Gesellschaft leben und über eine Menge Überlebensklugheit und -techniken verfügen.

Der George Orwell, den die meisten von uns kennen, nimmt in den Kämpfen des Spanischen Bürgerkriegs Gestalt an. Die Erfahrungen, die er dort macht, prägen ihn und speisen seinen Kampf gegen jedwede Form von totalitärer Herrschaft. Auf dem Weg nach Spanien macht Orwell noch einmal in Paris Station und besucht Henry Miller, der ihm eine Cordjacke schenkt. Diese könne ihn vor dem spanischen Winter schützen, kugelsicher sei sie allerdings nicht. Auch wenn sie das gewesen wäre, hätte sie Orwell nicht vor der Kugel schützen können, die ihn am 20. Mai 1937 an der Aragon-Front in den Hals traf und schwer verletzte. Orwell erholte sich von der Verletzung, die ihm die Kugel eines Faschisten zugefügt hatte. Die Verletzungen durch die Stalinisten, die im Spanischen Bürgerkrieg das Kommando auf Seiten der republikanischen Kräfte übernommen hatten und auf Orwell als Mitglied der trotzkistischen POUM nicht gut zu sprechen waren, verheilten nie richtig und wurden zu einer Quelle seines weiteren Schreibens. Dazu zog er sich auf sein Cottage nördlich von London zurück, wo er sich neben dem Schreiben dem Züchten von Rosen widmete. Über Orwells Leidenschaft für Rosen hat Rebecca Solnit ein faszinierendes und kluges Buch geschrieben, das „Orwells Rosen“ heißt und in der deutschen Übersetzung 2022 im Rowohlt-Verlag erschienen ist. Im August 2022 habe ich das Buch für die Wochenzeitung „der Freitag“ besprochen. Man findet die Besprechung auch in Folge 57 der DHP.

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„Für einen Intellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist es unmöglich, nicht prokubanisch zu sein.“

(Jean-Paul Sartre)

Heute Morgen hörte ich beim Frühstück, dass Donald Trump erklärt habe, demnächst Kuba zu übernehmen. Kuba sei eine sehr geschwächte Nation und der könnte damit machen, „was er wolle“. Zusätzlich geschwächt wurde das Land durch die systematische Blockade, die die USA seit vielen Jahren gegenüber Kuba verhängt hat. So hat Trump jüngst Strafzölle gegen jedes Land angedroht, das Öl an Kuba liefert. In Kuba war gestern zum dritten Mal innerhalb weniger Monate das veraltete Stromnetz zusammengebrochen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Kuba lange Zeit unterstützt hat, und der US-Blockade geht es mit dem Land kontinuierlich bergab. US-Außenminister Rubio entwickelt bei den Plänen, Kuba zu annektieren, einen besonderen, von privaten Motiven angetriebenen Ehrgeiz: Seine Eltern stammen aus Kuba.

Simone de Beauvoir und Sartre besuchten 1960 Kuba, um ihre Solidarität mit der Revolution zum Ausdruck zu bringen, die 1953 den Diktator Batista gestürzt hatte, der Kuba den US-Konzernen zur Ausplünderung überlassen hatte. Es existiert eine ganze Reihe von Fotos, auf denen die Beauvoir und Sartre mit Che Guevara zu sehen sind. Die Männer rauchen dicke kubanische Zigarren. Castro ließ es sich nicht nehmen, seine Gäste im Hotel abzuholen und über die Insel zu führen. Diese waren beeindruckt, wie die Kubaner Castro verehrten und er sich frei unter ihnen bewegte und mit Arbeitern Basketball spielte. Im Unterschied zur Sowjetunion, wo die Staats- und Parteiführung sich in ihren Burgen einigelte und den Bezug zur Bevölkerung längst verloren hatte, ja sich vor ihr fürchtete. Die Nähe zu den Menschen ging auch der kubanischen Führung im Laufe der Zeit verloren, die bürokratische Sklerose erfasste auch die kubanische Revolution und erstickte ihren Elan. Che hat das zeitig gespürt und sich in neue, erfolglose revolutionäre Projekte gestürzt, von denen er schließlich verschlungen wurde.

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„Der Tod menschlicher Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen einer Kultur, die im Begriff ist, in die Barbarei zu verfallen.“

(Hannah Arendt)

Der kürzlich ermordete Trump-Propagandist Charlie Kirk sagte in einer Rede vor US-Studenten: „Ich kann das Wort Empathie nicht ausstehen. Ich glaube, Empathie ist ein erfundenes New-Age-

Wort – und es richtet großen Schaden an.“ Sein Guru Trump demonstriert jeden Tag, wohin ein Mangel an Empathie führt. In der Praxis der ICE-Beamten und der weltweit geführten Kriege gibt sich das Wesen des Trumpismus zu erkennen.

Ein bei möglichst vielen Gesellschaftsmitgliedern entwickelten empathisches Vermögen ist die Voraussetzung eines gedeihlichen Zusammenlebens. Sich in den anderen hineinversetzen, sich und die anderen in die richtige Perspektive zu bringen, bildet das subjektive Fundament eines demokratischen Gemeinwesens. Mitgefühl entwickeln ist das einzig wirksame Antidot gegen die Barbarei. Im Umkehrschluss gilt: Wer Empathie verteufelt, macht sich zum Propagandist der Barbarei. Dass sich diese menschlichen Fähigkeit seit einiger Zeit zurückbildet, davon zeugt das Umsichgreifen einer ganzen Reihe von zeitgenössischen psychischen Störungen – von Narzissmus, Borderline bis hin zu Autismus und Psychopathie. Die Fähigkeit, uns in andere einfühlen, mit ihnen mitzufühlen und unser Verhältnis zu ihnen in richtiger Perspektive zu sehen, mag zwar in uns angelegt sein, aber sie bildet und formt sich vor allem in den Erfahrungen mit den frühen Bezugspersonen – besser oder schlechter und manchmal auch gar nicht. Die frühe Mutter-Kind oder Eltern-Kind-Beziehung bildet die Basis dieser menschlichen Vermögen oder Unvermögen. Je kapitalistischer die Welt wird und je tiefer sie in die menschlichen Beziehungen eindringt und den Subjektaufbau bestimmt, desto schlechter ist es um das Vermögen des Mitfühlens bestellt. Es ist seit Langem eine meiner Grundthesen, dass der Kapitalismus sich den zu ihm pasenden Sozialcharakter schafft und in Gestalt der „funktionalen Psychopathen“ die Menschen bekommt, die er verdient. Einfühlungsvermögen wird zum Standortnachteil, Skrupellosigkeit und Kälte erhöhen die Chancen, sich am Markt zu behaupten. Die Schwachen und Sensiblen werden zerquetscht,Typen wie Trump und Musk triumphieren und finden Anerkennung und Bewunderung. Empathie ist ein Hindernis auf dem Weg der vollständigen Durchkapitalisierung der Welt. Befördert wurden die Tendenzen zur Produktion des kapitalistischen Menschen dadurch, dass wir uns den digitalen Technologien so begeistert unterworfen haben. Jonathan Franzen beschreibt die Folgen dieser Unterwerfung und mahnt zu grundlegenden Korrekturen, bevor es zu spät ist: „Das hat dazu geführt, dass menschliche Fähigkeiten wie Empathie und Selbstreflexion verkümmern, und die Zeit ist gekommen, uns wieder auf uns selbst zu besinnen, uns wie Erwachsene zu benehmen und die Technologie in ihre Schranken zu weisen.“ Wenn ich durch die Stadt gehe und meine Mitmenschen betrachte, wie sie an ihren Apparaten kleben und förmlich in sie hineinkriechen, sehe ich manchmal schwarz und denke, dass wir den Zeitpunkt verpasst haben, an dem eine Kurskorrektur noch möglich gewesen wäre. Ich fürchte, wir haben‘s verkackt.

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„Gewohnheiten, Routinen, Rituale gewinnen Bedeutung durch Wiederholung, und diese Wiederholungen können als Bollwerk gegen Angst dienen. Paul wackelte nicht mit den Beinen und kaute nicht an den Nägeln. Er war nie sichtlich nervös, aber Angst färbte sein Leben.“

(Siri Hustvedt: Ghost Stories)

Auf dem Weg zum Alten Friedhof sah ich das neue Buch von Siri Hustvedt im Schaufenster einer Buchhandlung. Ich ging mit meinen Walkingstöcken hinein und erstand das Buch. Der Buchhändler, der es herbeiholte, ist meist übertrieben freundlich: „Ich hole Ihnen das Buch gern“, sagte er beflissen. „Darf ich es Ihnen als Geschenk einpacken?“, fragte er. Da hatte ich es aber fast schon in meinem Rücksack verstaut und war auf dem Weg zur Tür. Auf dem Friedhof setzte ich mich auf eine Bank, die gut zur Sonne stand und begann sofort zu lesen. In diesem Buch versucht Siri Hustvedt, den Tod ihres Mannes, der Paul Auster war, zu bewältigen. Es zog mich sofort in seinen Bann, und so saß ich da in der wunderbaren Frühlingssonne und las. Auch beim Lesen nehme ich meine Umgebung wahr. Ein Bussard kreiste im tiefblauen Himmel über mir und ich hörte seine heiseren Schreie oder Pfiffe. Die Osterglocken sind aufgeblüht und leuchteten gelb aus der Wiese zu mir herüber. Ein Zitronenfalter taumelte vorüber. Der Alte Friedhof bildete eine angemessene Kulisse für das Buch von Hustvedt, das ja vom Sterben und Abschiednehmen von einem geliebten Menschen erzählt. Sie denkt darüber nach, welche Rolle der Tod von Austers Enkelin und der nachfolgende Suizid seines drogenabhängigen Sohnes bei der Entstehung des Krebses gespielt haben könnte. Schon lange wird in Erwägung gezogen, dass Trauer und Malancholie bei der Entstehung einer Krebsarkrankung eine Rolle spielen können. Das Buch von Hustvedt führte mich unter die giftigen Bäume meines eigenen inneren Dschungels. Ich dachte über den Krebstod meiner Mutter nach und darüber, was ihn ausgelöst haben mochte. Litt sie unter der Fühllosigkeit meines Vaters? Hatte sie den Verlust des „Führers“ nicht verwinden können, der ihr Leben über Jahre mit Sinn ausgestattet und ihm eine Richtung gegeben hatte? Ich fragte mich natürlich auch, ob ich eine solche Enttäuschung für sie gewesen bin, dass sie sich nach einer relativ kurzen Begegnung mit mir in ihre himmlischen Gemächer zurückzog? Ich habe es schon oft gesagt: Waisenkinder neigen dazu, sich selbst die Schuld am Tod eines Elternteils zu geben. Das ist, wenn man so will, die Kehrseite des kindlichen Narzissmus. Damit sind meine Lebensthemen vage umrissen. Und natürlich die ewige Angst des kleinen Jungen, der seine Verankerung in der Welt eingebüßt hat und ziellos und ungeliebt auf dem Meer der Erscheinungen herumtreibt. Was soll ich hier, wer bin ich doch gleich, was soll das Ganze? Es war eine große, nie endende Anstrengung, mir einen Sinn zu erfinden, der mit genug Kraft fürs Weiterleben und Durchhalten gab. Jetzt wo die erprobten Sinnstrukturen wegbrechen und zerbröseln, schieben sich die darunter liegenden alten Fragen und Probleme wieder in den Vordergrund. Ich kann und will auch nicht auf die Sinn-Zichorie zurückgreifen, die diese Gesellschaft in Gestalt von Konsumgütern und medialer Zerstreuung anbietet. Heute hilft mir die Musik von Johann Sebastian Bach, in den Tag hineinzufinden. Gestern bestieg ich bei strahlendem Sonnenschein mein altes Automobil, das mal wieder bewegt werden musste, nachdem es wochenlang herumgestanden hatte und ich fürchtete, dass sich die Batterie entleert. Ich fuhr ins Tal des mäandernden Baches, stellte die Kiste ab, schulterte meinen Rucksack, ergriff meine Stöcke und ging los. Mein erstes Ziel war die Bank im nächsten Tal, von der ich wusste, dass sie vormittags günstig zur Sonne steht. Auf dem Weg dorthin scheuchte ich einen Rehbock auf, der wütend bellte und davonsprang. Ich breitete meine Decke über die Bank, die mir sonst zu hart für meinen Hintern war, holte das mitgebrachte Buch aus dem Rucksack und saß dann aber erst mal einfach so da und sinnloste vor mich hin. Leuchtende Zitronenfalter flatterten vorüber, auch die ersten Pfauenaugen ließen sich sehen. Die Sonne hatte sie aus ihren Winterquartieren hervorgelockt und so taumelten sie zahlreich im kräftigen Wind um mich herum. Ein schönes Exemplar setzte sich zu meiner Freude auf mein Knie und schlug mit den Flügeln, so dass ich die faszinierende Musterung sehen konnte. Ein Bussard lag ruhig im Wind und schraubte sich kreisend höher und höher. Eine Maus raschelte im Laub hinter mir. Talaufwärts stand eine Reh in der Wiese und äste seelenruhig. Dass ich gelegentlich aufstand und nach ihm schaute, störte es nicht. Eine halbe Stunde stand es da, bis eine Joggerin es aufscheuchte, die mit stierem Blick und ohne meinen Gruß zu erwidern an mir vorübergekeucht war. Ich las dann eine Weile in Andrej Kurkows Roman „Picknick auf dem Eis“, den ich vor ein paar Tagen dem öffentlichen Bücherschrank entnommen habe und der mich schnell in seinen Bann zog. Irgendwann stand ich auf und setzte meinen Weg fort. Ich hielt nach wildem Schnittlauch Ausschau, den ich hier vor Jahren einmal gefunden hatte, fand aber keinen. Am Ende des Tals ließ ich mich auf einen Dialog mit einem Kleiber ein. Ich versuchte, seine schrillen Pfiffe nachzuahmen und bildete mir ein, dass er auf mein Pfeifen antwortete. Auf mein Pfeifen folgte ein Pfeifen seinerseits,von dem ich annahm, dass es sich um eine Erwiderung handelte. Als ich U davon erzählte, erklärte sie das für Quatsch. Meine Nachahmungsversuche seien so grundverschieden gewesen, dass die Vögel sich überhaupt nicht davon stören ließen und ihren eigenen Dialog fortsetzten. Im Stillen blieb ich aber bei meiner Annehme, ich sei in ein Gespräch mit einem Kleiber getreten und wir hätten miteinander kommuniziert. Am Ende meines Spaziergangs, als ich mich den Hang hinaufquälte, an dessen Ende früher einmal die Tausendjährige Eiche stand, kam ich noch in den Genuss eines Schlagzeugsolos, das ein Specht auf einem hohlen Baum hinlegte. Ginger Baker und Keith Moon wären vor Neid erblasst, wenn sie es hätten hören können. Als ich den Parkplatz erreicht hatte und gerade in mein Auto einsteigen wollte, donnerte eine Phalanx von militärischen Hubschraubern über mich und den Wald hinweg. Das Geräusch des nahenden Krieges.

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Eine kleine Auswahl des gegenwärtigen politischen Neusprechs:

  • Auf Augenhöhe sein
  • gut aufgestellt sein
  • zielführend
  • fokussiert 
  • vernetzt sein
  • ins Boot geholt werden
  • auf den Prüfstand gestellt
  • in die Spur gebracht werden
  • klare Kante zeigen
  • rote Linien ziehen
  • die Brandmauer aufrechterhalten
  • technologieoffen sein
  • und zukunftsorientiert
  • an Stellschrauben drehen
  • worauf es am Ende des Tages ankommt
  • ein Reformpaket schnüren

Besonders an Abenden nach Wahlen kann man solche Sprechblasensammlungen hören und sehen.

Für Habermas war Sprache das Medium der Aufklärung und Verständigung. In der Wirklichkeit wird sie immer mehr zu einem Instrument der Manipulation, der Vernebelung und des Betrugs. Nie war das deutlicher zu spüren als nach dem neuerlichen Wahlsieg von Trump.

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Die tote Taube, die ich vor Tagen am Ende unserer Straße liegen sah, ist inzwischen plattgewalzt und beinahe schon Teil des Straßenbelags und des Schmutzes geworden, der sich auf ihm ansammelt. Für mich hat die Verwandlung, die diese Taube innerhalb weniger Tage durchlaufen hat, etwas Symbolisches, das mich beschäftigt und beunruhigt. Wir alle werden plattgewalzt und wandeln uns den Verhältnissen an, unter denen wir zu leben gezwungen sind. Meine Hirnantilope springt zu Malapartes Roman „Die Haut“. Beim Einmarsch der Amerikaner in Rom läuft ein Mann jubelnd auf eine Panzerkolonne zu. Er möchte die amerikanischen Soldaten als Befreier vom Faschismus begrüßen. Er rutscht aus, wird von einem Panzer überrollt und regelrecht plattgewalzt. Dann wird das, was von ihm übrig ist, von anderen „wie ein Teppich aus Menschenhaut aus dem Straßenstaub gelöst“ und „wie eine Fahne geschwenkt“. „Das ist die Fahne Europas dort, das ist unsere Fahne“, ruft jemand. Diese Szene ist mir angesichts der in den Asphalt gepressten Taube eingefallen. Auch aus ihr hätte man ein kleines Fähnchen machen können, um mit ihm gegen den mörderischen Straßenverkehr und die Vernichtung der Natur zu demonstrieren.

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Viele junge Leute bekommen durch Sonnenbrillen und Kapuzenpullover etwas Lauerndes und latent Gewalttätiges. Ich vermute, dass sie hinter dieser martialischen Fassade ihre Verletzlichkeit und Unsicherheit verbergen wollen. Sie versuchen, ein Trauma in einen Triumph zu verwandeln: Lieber sollen sich die anderen vor ihnen fürchten, als sie sich ständig vor den anderen.

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Ministerpräsident Alexander Schweitzer von der SPD ist vom allgemeinen Abwärtstrend der SPD erfasst und mitgerissen worden. Obwohl er der Spitzenpolitiker mit den höchsten Zufriedenheitswerten gewesen ist, vermochte er gegen den Sog des Niedergangs nichts ausrichten. Seit Langem läuft etwas schief in und mit der SPD, und es wäre höchste Zeit herauszufinden, was es ist. Der in immer rascherem Tempo erfolgende Austausch des Führungspersonals scheint nicht an das Problem zu rühren. Im Kern besteht das Problem der SPD darin, dass sie von ihrer Geschichte her Arbeiterpartei ist und es immer weniger klassische Arbeiter gibt. Darauf hat die SPD reagiert, in dem sie sich anderen Schichten und Themen zugewandt hat. Das Resultat: Nun kehren ihr die noch verbliebenen Arbeiter den Rücken und wandern zur AfD ab, der man eher zutraut, die Partei der „kleinen Leute“ zu sein. Was natürlich ein Trugschluss ist. Leider scheint es auch der Linken nicht zu gelingen, das von der SPD aufgelassene Gelände zu besetzen. Sie wird zur Partei der unzufriedenen und kritischen Jugend und derer, die einen alternativ-unangepassten Lebensstil pflegen. Auch das ist kein Angebot für die verbliebenen Arbeiter und die „Erniedrigten und Beleidigten“, die ihr Heil einstweilen weiter bei der AfD suchen. Um Alexander Schweitzer tut es mir leid. Er ist ein  unprätentiöser, um Sachlichkeit bemühter, sympathischer Politiker, von denen es immer weniger gibt. Sein Kontrahent von der CDU, Gordon Schnieder, weist das „behäbige Gastwirtsgesicht“ auf , das Max Weber an sozialdemokratischen Parteifunktionären im wilhelminischen Deutschland beobachtete. Er hat das Charisma eines Pfälzer Saumagens, den Helmut Kohl ausländischen Staatsgästen gern als Gastgeschenk überreichte. Genau deswegen ist Schnieder der ideale Repräsentant dieses Bundeslandes. Alexander Schweitzer passt besser nach Bremen oder Hamburg.

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