135 | Meine innere Familie

„Vielleicht wird meine letzte Erkenntnis sein, dass es vergeblich war, dass ich meine Lebenszeit damit vertan habe, in einem dunklen Zimmer nach einer schwarzen Katze zu suchen.“

(Natascha Wodin: Die späten Tage)

Selten habe ich meine eigene Lage in einem Buch derart präzise beschrieben gefunden, wie im neuen Roman von Natascha Wodin. Sie gehört wie Wilhelm Genazino, Robert Walser, Paul Auster, Amos Oz oder Sándor Márai schon lange zu meiner „inneren Familie“, wie sie selbst solche geistigen Verwandtschaftsverhältnisse nennt. Sie spricht über den schlechten Zustand ihrer Zähne und den Gaumen aus Kunststoff, der ihre Oberkieferprothese hält und den sie als Fremdkörper im Mund spürt. Dass sie in keine rohe Möhre, keinen Apfel, in kein knuspriges Brötchen mehr beißen kann und vieles nicht mehr so schmeckt wie früher. Sie erinnert daran, dass uns als Kindern das regelmäßige Zähneputzen weitgehend unbekannt war. Ich hielt es lang für eine weitere pädagogische Schikane. Sie erzählt von ihrer „Fußhebeschwäche“ und ihrem permanenten Stolpern über Teppichkanten und Fußmatten. Sie berichtet von ihrer Ochsentour durch Arztpraxen und träumt manchmal davon, dass sie vielleicht doch nochmal in Bewegung kommt und sich das Steuer noch einmal herumreißen lässt. Sie spricht freimütig von ihrer im Alter sich zuspitzenden Menschenscheu, von der Panik, die sie anspringt, wenn sich Besuch ankündigt. Auch sie benutzt Walkingstöcke, die aber in Wahrheit ihre Krücken sind. Kurzum, es ist eine für mich schmerzhafte und erschreckende Lektüre, weil ich mich beinahe auf jeder Seite wiedererkenne. Es ist, als blickte ich in einen Spiegel, der mir überwiegend unangenehme Bilder und Zustände zeigt. Andererseits ist die Lektüre auch tröstlich, weil ich erlebe, dass es einem mir wichtigen Menschen ähnlich geht und dieser Mensch an seinem Restleben hängt, um es kämpft und etwas aus seinen schwindenden Möglichkeiten macht. Ich lese das Buch langsam, weil ich Angst davor habe, dass es zu Ende geht.

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Gestern Abend haben wir in einem Gießener Programmkino den Film „Sorry, Baby“ der amerikanischen Regisseurin Eva Victor gesehen, die auch die Hauptrolle spielt. In Besprechungen, die Ursula gehört hatte, wurde der Film als eine Hymne an die Freundschaft angekündigt. Wir haben aber eher einen Film über Entfremdung und Einsamkeit gesehen. Agnes, eine junge Akademikerin, wird Opfer eines sexuellen Übergriffs durch ihren Doktorvater und versucht, das Erlebte in der ländlichen Abgeschiedenheit von Massachusetts irgendwie zu bewältigen. Weder der ein wenig einfältige Nachbar Gavin, noch ihre Freundin Lydie können ihr wirklich helfen. Trost findet sie schließlich durch die Nähe eines Kätzchens, das ihr als vereinsamtes auf der Straße auffällt und das sie bei sich aufnimmt. Ein Fremder, der mit ihr sein Sandwich teilt, ist der einzige Mensch, der ihr Verständnis und Mitgefühl entgegenbringt. Verstärkt wurde unser Eindruck von Einsamkeit und Verlassenheit sicher dadurch, dass wir beide die einzigen Zuschauer in einem relativ großen Kino waren und der Raum nicht gut geheizt war. Der Film und der Raum, in dem er gezeigt wurde, verschmolzen zu einem Kontinuum der Einsamkeit und des Schmerzes. Eine seltsame Ironie des Schicksals führt dazu, dass Agnes nach der Flucht ihres Doktorvaters dessen Stelle und Büro übernimmt. Sie bleibt also ganz dicht am Ort des Geschehens, aber man ahnt, dass sie trotzdem einen Modus Vivendi finden wird. Sie ist stark genug.

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„Entweder Glück existiert für (fast) alle, oder es existiert für (fast) keinen.“

(Peter Brückner)

Das Jahr geht zu Ende. Wie immer hofft man am Ende eines derart finsteren Jahres, dass das kommende Jahr besser, friedlicher werden möge. Aber, bei Lichte besehen, gibt es keine Anhaltspunkte dafür. Es ist so, als würde das alte Jahr am ersten Januar einfach nach vorn umgeklappt. Krieg, Elend und Trümmer, wohin man schaut. Es gibt nichts oder kaum etwas, woran wir mit unserer Sehnsucht andocken könnten, worauf sich setzen ließe. Unsereiner hat gelernt, dass Lebensgeschichte und Geschichte wie zu einem Zopf verflochten sind und Glück als nur privates nicht denkbar und möglich ist. Immer häufiger begegne ich Menschen in meinem Alter, die mit einem Seufzer sagen: „Was ein Glück, dass ich so alt bin und den Fortgang der Ereignisse nicht mehr miterleben muss!“ Das war einmal deutlich anders, und die Sorge war eher, dass man das Beste, was die Zukunft bereit hielt und bringen würde, nicht mehr miterleben würde. Der Friedhof, auf dem wir inzwischen unsere Träume beerdigt haben, ist gut belegt, und die Nachfrage nach Sterbehilfe ist groß. In der Satirezeitschrift Titanic ist einmal ein Cartoon erschienen, der ein paar bärtige, langhaarige Zausel zeigte, die in einem Käfig hockten, der auf einem Lastwagen transportiert wurde. Darunter hieß es: Im Hochtaunus wurden letzten Mittwoch die letzten Vertreter der Kritischen Theorie ausgewildert. So ungefähr fühle ich mich denn auch. Und dennoch gilt es, weiter an der Idee einer menschlichen Gesellschaft festzuhalten, die geschichtlich längst möglich ist.

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„Identität, das ist der Lockvogel vor dem Vergnügungslokal, in dem einem dann das Fell über die Ohren gezogen wird.“

(György Konrád: Identität und Hysterie)

Wenn wir unter Identität jene Struktur des Menschen verstehen, durch die das psychische mit dem gesellschaftlichen und das gesellschaftliche mit dem psychischen Leben vermittelt wird, worin soll diese Vermittlung heute bestehen? Haben nicht immer mehr einzelne mit dem Ganzen gar nichts mehr zu tun? Unvermittelt zerfällt das Volk in lauter Teilvölker, die in ganz verschiedenen Gegenwarten und Identitätslagen zu Hause sind.

Für die Zustimmung zum Regiertwerden braucht es nicht nur einen Vertrag (der immer eine Metapher ist) zwischen dem Staat und seinen Bürgern, die zentrale Belange ihres Lebens an ihn abtreten, sondern auch die Ausschaltung abweichenden Verhaltens und Denkens, also eine gewisse Homogenität, eine Einheitlichkeit der Denk-, Gefühls- und Verhaltensweisen. Ohne ein gewisses Maß an Massenloyalität kann ein moderner Staat nicht existieren. Ein Teil des staatlichen Gewaltmonopols besteht in der Definitionsmacht darüber, was in einer Gesellschaft als normal und was als unnormal gilt, und in der Sanktionierung abweichenden Verhaltens. Der Staat bestimmt sich als Souverän in seinem Gewaltmonopol durch die Bestimmung des inneren Feindes, was zugleich den Krisencharakter der Ära entschleiert, die für ihn offensichtlich angebrochen ist. Er verliert an allen Fronten: nach unten geht ihm die Setzung der Normen verloren, die regeln, was als normal anzusehen ist, nach oben verliert er seine Steuerungskompetenz an supranationale Institutionen und an den entfesselten Weltmarkt, der ihm seine Handlungsweisen mehr und mehr diktiert. Das, was man Gesellschaft nannte, zerfällt in einen gnadenlosen Jahrmarkt der Eitelkeiten und wird zunehmend asozial. Die im Zeichen des Kalten Krieges konstruierten homogenisierenden Identitäten verloren nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die herausragende Stellung und Funktion, die sie im Kampf der Systeme gewonnen hatten. Die Identitäten sind seither prekär. Der rechte Populismus schlägt Profit aus dieser Malaise, indem er scheinbar verlässliche nationale Identitäten anbietet, die allesamt dadurch gekennzeichnet sind, dass sie partikular sind und sich gegenseitig verneinen. Wer nicht deutsch, nicht französisch, nicht polnisch und so weiter ist, ist nicht unsereiner, und wer nicht unsereiner ist, dem kann das menschliche Mitgefühl entzogen werden.

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„Jeden Tag nach dem Aufwachen, wenn das Bewusstsein langsam einsetzt, der Schock: Du bist alt, du wirst bald sterben.“

(Natascha Wodin)

Am Neujahrstag pfeift ein kalter Wind ums Haus am Edersee. Um Mitternacht wurde eine Weile geböllert, dann senkte sich wieder Ruhe über das Dorf. Die Böller klangen wie Maschinengewehr- oder Granatfeuer. Schon aus Respekt vor den Ukrainerinnen und Ukrainern sollte man sich das Böllern verkneifen. Wir tranken mit den Wirtsleuten einen alkoholfreien Sekt, sprachen über unsere Hoffnungen fürs neue Jahr, aber niemand am Tisch glaubte ernsthaft an ihre Einlösung und Erfüllung. Auch der Kanzler wirkte nicht sonderlich überzeugend mit seinen Beschwörungsfloskeln zum neuen Jahr. Keiner glaubt mehr an irgendwas. Alle sind ernüchtert und trostlos. Nur Putin strahlt und grinst und ist guter Dinge. Er wird es schaffen, die Ukraine in die Steinzeit zurückzubomben, und niemand hält ihn auf.

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„Wieviel Zeit von seinem eigenen Tage behält man übrig für die Bedrängnisse der anderen?“

(Wilhelm Raabe)

Chronik der Gewalt. In den letzten Tagen wurden in Berlin mehrere Kältebusse angezündet, die Obdachlosen Schutz vor dem Erfrieren bieten sollen und sie mit heißem Tee und Schlafsäcken versorgen. Wer tut so etwas? Unter der Überschrift „No Pitty for the Poor“ habe ich mich kürzlich zu diesem traurigen Thema geäußert. Attacken auf die Ärmsten der Armen, auf Wehr- und Hilflose, ist das Stammland des Faschismus. Hier gibt sich sein Wesen zu erkennen.

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Am Morgen des 2. Januar ist alles weiß. Über Nacht sind rund zehn Zentimeter Schnee gefallen. Ein Nachbar rückte mit einem Schneepflug an und befreite Höfe, Straßen und Bürgersteige vom Schnee. Der Schnee dämpft den Lärm der Welt und verzaubert sie, soweit das möglich ist. Von Herzhausen dringt das Pfeifen der Bahn herüber, das genauso zum Ort gehört wie die Rufe des Käuzchens in der Nacht. Nichts bewegt sich im Dorf.

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„Die Macht der Vergangenheit über die Gegenwart scheint von grenzenloser Reichweite zu sein, selbst in so spätem Alter holt mich meine Kindheit an völlig unerwarteter Stelle noch einmal ein.“

(Natascha Wodin: Die späten Tage)

Im Kern beinahe jeder psychischen Erkrankung stoßen wir auf eine Vorherrschaft der lebensgeschichtlichen Vergangenheit über die Gegenwart. Ja, darin besteht recht eigentlich die Erkrankung. Der Traumatisierte lebt nie wirklich im Hier und Jetzt, er bleibt an die traumatisierende Situation fixiert, kann sich nie aus ihrem Schatten lösen. Meine früh gestorbene Mutter hat mich fest im Griff und lässt mich nicht los. Sie hat das Geheimnis meiner Individuation und Loslösung mit ins Grab genommen. Noch als über Siebzigjähriger bin ich der kleine verängstigte Junge, der sich verlassen fühlt und vor Gott und der Welt fürchtet. Ich werde auch den noch verbleibenden Rest meiner Tage im Bann der Angst verbringen und kein wirklich freier Mensch sein. Zu allem Überfluss dränge ich die Menschen, die es gut mit mir meinen, gegen ihren Willen in Rollen, die aus meinem alten Familiendrehbuch stammen. Ich tue ihnen mitunter vollkommen unnötig weh, und unrecht sowieso. Zu der sozialen Unfreiheit kommt bei mir die psychische Fesselung noch hinzu. Das Versprechen der authentischen Psychoanalyse besteht ja darin, die Vorherrschaft des Vergangenen über das Gegenwärtige aufzuheben und den Menschen frei zu machen für eigene Entwürfe. Sie möchte den Raum für eigene Entscheidungen erweitern, der ja eng genug ist, und den Menschen befähigen, das Wagnis eines eigenen Lebens einzugehen. Vielleicht hätte ich mich bei Zeiten doch einer Psychoanalyse unterziehen sollen, aber ich war immer davon überzeugt, mich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem lebensgeschichtlichen Sumpf ziehen zu können. Man kann wahrscheinlich sagen: Ich hatte schlicht Angst davor und suchte mein ganzes Leben nach Argumenten, mich vor dieser Aufgabe drücken zu können. Wenigstens sollte ich aufhören, mir selbst etwas vorzumachen und mir mein Scheitern eingestehen. Ich klebe auf der Leimrute meiner Vergangenheit und kann mich nicht von ihr lösen. Das ist am Vorabend meines 75. Geburtstags eine traurige Bilanz. Sartres Imperativ: Du musst etwas aus dem machen, was man aus dir gemacht hat, ist und bleibt wahr und für mich ein steter Tritt in den verzagten Hintern. Aber das sagt sich so leicht und ist so schwer zu machen. Sartre wollte das auch als Aufforderung verstanden wissen, sich nicht mit dem Verweis auf eine schwierige Kindheit herauszureden: Papperlapapp, du bist frei!

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„Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.“

(Gotthold Ephraim Lessing)

Der venezolanische Präsident Maduro ist zweifellos ein Schurke, dessen Sturz zu begrüßen ist. Aber wenn ein Schurke den anderen aus schurkischen Gründen und auf völkerrechtswidrig-schurkische Weise absetzt und entführt, ist das etwas ganz anderes und zu verurteilen. Dieser Sturz bringt das Volk von Venezuela der Freiheit keinen Schritt näher, sondern unterwirft es lediglich einem neuen Joch. So etwas nannte man früher, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Man kann sich gut vorstellen, dass Trump und Maduro sich gut verstehen und dass Trump ihn gelegentlich aus dem Gefängnis abholt, um gemeinsam mit ihm und Putin einen Bordellbesuch zu unternehmen. Die Bundesregierung blieb in der Bewertung des Überfalls auf Venezuela vage und weigerte sich, die USA dafür zu verurteilen. Die Lage sei „juristisch komplex“ und man müsse diese erst gründlich analysieren. Venezuela verfügt über riesige Erdölreserven, auf die US-Konzerne Zugriff haben wollen. So wenig komplex ist die Lage. Es geht um den Profit, das ist alles.

Wie soll man Putin Paroli bieten, wenn es nun wieder gängige Praxis wird, seinen Nachbarn zu überfallen und man damit durchkommt? Was sollte China noch davon abhalten, sich Taiwan einzuverleiben? Schon denkt Trump laut darüber nach, wann er seine Truppen nach Grönland schickt. „Wir brauchen Grönland für unsere nationale Sicherheit“, ließ er dieser Tage verlauten. In rund zwei Monaten werde man sich „um Grönland kümmern“. Das Völkerrecht, das derartiges imperialistisches Gebaren eindämmen oder gar abschaffen wollte, scheint passé, es herrscht erneut das Recht des Stärkeren. Die Starken verständigen sich untereinander und teilen sich die Beute auf. Ich fürchte, irgendwann wird es auch darum gehen, das Experiment Kuba zu beenden und es sich einzuverleiben. Der Verwilderung der internationalen Politik schreitet scheinbar unaufhaltsam voran, rohe Gewalt kehrt in die Regelung von politischen Konflikten zurück und beherrscht die von den USA ausgerufene „Neue Weltordnung“. Eingegangene vertragliche Verpflichtungen werden aufgekündigt, Hungernde dem Hungertod überantwortet, missliebige Präsidenten werden entführt und fremde Schiffe gekapert. Es ist zum Fürchten.

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„Wäre Dialektik ein Gefühl, sie wäre kaum auszuhalten.“

(Saša Stanišic: Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird)

Nun bin ich also 75 Jahre alt. 75 ist eine Zahl, die nichts besagt, außer dass ich nun auch offiziell ein alter Mann bin. Der Tag, so kurz nach Weihnachten, verlief vollkommen ereignislos und unspektakulär. Wenn ich ehrlich bin, war ich ein wenig enttäuscht über die Gleichgültigkeit, mit der die Welt meinen Geburtstag nicht zur Kenntnis nahm. Aber wie und warum sollte sie auch? Zu Hause wird ein Standardbrief des Magistrats eingegangen sein, in dem mir, wie allen Jubilaren, zum runden Geburtstag gratuliert wird. Das ist alles. Wir haben dann Günter besucht, der lange Jahre Pfarrer der hiesigen Gemeinde und der Mann meiner Cousine Dorothea gewesen ist, die leider vor zwei Jahren gestorben ist. Wir saßen am Kamin, in dem brennende Holzscheite krachten und knisterten und eine wohlige Wärme verbreiteten. Vor dem Fenster hängt ein Vogelhaus, in dem ein reges Treiben herrschte. Mindestens zehn verschiedenen Vogelarten tummelten sich dort und teilten sich überwiegend friedlich das Futter, das Günter reichlich ausschüttet. Die Brust eines Dompfaffs leuchtete rot, seine Gattin nahm sich dagegen vergleichsweise unauffällig aus. Aufgeplusterte Amseln füllten phasenweise das ganze Häuschen aus. Ein zierliches Rotkehlchen wartete schüchtern auf einem Blumenkasten neben dem Vogelhäuschen, bis der Andrang nicht so groß war. Man könnte stundenlang dort sitzen und die Vögel beobachten. Nach eigenem Bekunden tut Günter das auch gelegentlich. Wir tranken grünen Tee, aßen selbstgebackenen Stollen und sprachen über die Widrigkeiten des Alters und die Schwierigkeiten des familiären Zusammenlebens. Mit Anbruch der Dämmerung verabschiedeten wir uns und fuhren ins Nachbardorf zurück, wo U ein Geburtstagsmenü für uns zubereitete.

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„Wir sind auf der Erde, diesem Schachbrett, und versuchen, unsere Züge zu ziehen, doch gelegentlich scheint es, als würde uns die große Hand eines gleichgültigen Riesen willkürlich auf einen holprigen Weg schicken.“

(Patti Smith: Bread of Angels)

Ein Glücksgriff ist mir bei der Auswahl der Bücher gelungen, die ich an den Edersee mitgenommen habe. Von Natascha Wodins „Die späten Tage“ war bereits die Rede. Ein großartiges Buch, das Elke Heidenreichs Zitatensammlung „Altern“ allemal vorzuziehen ist. Über sie sagt Wodin, ohne ihren Namen zu nennen: „Wieder einmal eines dieser Altersbüchlein, in denen man nachlesen kann, wie schön das Alter ist. Keine Schmerzen, keine Gebrechen, keine Armut, keine Einsamkeit, keine Todesangst. Nur Dankbarkeit und Freude darüber, dass man noch lebt, natürlich topfit und gesund, optimal vernetzt, beschenkt mit Altersweisheit, zahlreichen Freunden und einer Rente, von der man in der Welt herumreisen und sich jede Art von Wellness gönnen kann.“ Heute Morgen, also am 7. Januar 2026, hörte ich auf HR2, wie Martina Gedeck aus dem Buch von Natascha Wodin las – im Rahmen einer äußerst positiven Besprechung. Das hat mich für Natascha Wodin gefreut.

Saša Stanišics Buch „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“, versammelt neun Reden, die er anlässlich von Preisverleihungen gehalten hat. Im Unterschied zu vielen anderen Reden, die aus solchen Anlässen gehalten werden und die oft an Langeweile nicht zu überbieten sind, sind die von Stanišic äußerst kurzweilig und unterhaltsam. Eine wunderbare Lektüre. Saša Stanišic schätze ich, seit ich seinen Roman „Herkunft“ gelesen habe.

Aus einem Grund, der mir nicht zugänglich ist, also aus Zufall, habe ich auch Ingmar Bergmans Roman „Sonntagskinder“ mitgenommen und U vorgelesen. Ein wunderbares Buch, geschrieben wie ein Drehbuch zu einem seiner Filme, voller sinnlicher Details und Alltagsbeobachtungen. Es geht um die schwierige Beziehung zu Bergmans Vater, der ein strenger, mitunter grausamer evangelischer Pfarrer war. Im Mittelpunkt steht die Schilderung eines Ausflugs, den der Vater und sein achtjähriger Sohn unternehmen. Mit dem Rad und der Eisenbahn fahren sie gemeinsam nach Granäs, wo der Vater eine Predigt halten soll. Allein die Schilderung dieser kleinen Reise macht das Buch lesenswert. Die Eisenbahnfahrten meiner Kindheit wurden wieder lebendig, genauso allerdings die Schrecken jener pädagogischen Paranoia, die man damals Erziehung nannte. Ich stamme ja aus einem ähnlichen Milieu.

Gegen Ende des einwöchigen Aufenthalts im Kellerwald habe ich begonnen, „Bread of Angels – Die Geschichte meines Lebens“ von Patti Smith zu lesen. Patti Smith gehören seit langer Zeit meine Sympathien, sowohl als Musikerin als auch als Schriftstellerin. Ich fühle mich ihr seelenverwandt, wie man so sagt – bis auf ein paar esoterische Eskapaden, die ich nicht mitvollziehen konnte. Ihre Heimatlosigkeit in dieser Welt ist mir wohlvertraut. „Ich fühlte mich wie ein wandelnder Widerspruch“, heißt es an einer Stelle. Das habe ich so oder so ähnlich zig Mal auch von mir gesagt und geschrieben. Zeitlebens stand und steht sie auf der Seite der Ausgestoßenen und Entrechteten. Zu Hause fühlt sie sich allenfalls an den Rändern. Arthur Rimbaud ist ihr künstlerisches Vorbild, ihr Heroe. Sie ist, wie er, „der Kunst verfallen“. Eine unbedingt lesenswerte Autobiographie, die bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist.

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Auf meiner nachmittäglichen Runde ums Dorf sah ich heute ein Reh. Es stand auf einer Wiese zwischen zwei Waldstücken. Der Wind hatte den Schnee verweht, und das Reh rupfte an den Grashalmen, die an einigen Stellen aus dem Schnee herausragten. Ich konnte es aus relativ geringer Entfernung eine Weile beobachten, dann wurde es meiner Gewahr und floh in den angrenzenden Wald.

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Am Tag vor dem angekündigten schweren Wintereinbruch kehrten wir nach Hause zurück. Unsere Wohnungen waren ausgekühlt und brauchten eine Weile, um wohnlich zu werden. Nach einem improvisierten Reste-Essen schauten wir abends auf Arte den französischen Spielfilm „Das Verhör“ von Claude Miller aus dem Jahr 1981. Der großartige Lino Ventura verkörpert den Polizeiinspektor Gallien, der den Mörder und Vergewaltiger zweier Mädchen sucht und im angesehenen Notar Martinaud gefunden zu haben glaubt. Die ganze Silvesternacht lang verhört er ihn. Unter dem Druck der Befragung zerbröselt die bürgerliche Fassade und gibt den Blick frei auf Abgründe, die hinter der Normalität einer bürgerlichen Existenz verborgen liegen. Der überraschende Schluss des Films soll hier nicht preisgegeben werden. Man kann den Film in der Arte-Mediathek anschauen.

Anderntags las ich U den Schluss des Romans „Sonntagskinder“ von Ingmar Bergman vor, ein Buch, das 1996 bei Kiepenheuer & Witsch in Köln erschienen ist und dessen Lektüre ich euch ans Herz legen möchte. Ingmar Bergman ist im Jahr 2007 gestorben. Wir verdanken ihm neben den Romanen großartige Filme wie „Das siebente Siegel“, „Wilde Erdbeeren“, „Szenen einer Ehe“, „Das Schlangenei“ und „Fanny und Alexander“, um nur einige zu nennen.

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„Wenn einer von uns beiden stirbt, ziehe ich nach Paris!“

(Sigmund Freud)

Am Abend unserer Rückkehr sah ich auf Arte noch einen beeindruckenden Film des israelischen Filmemachers Yair Qedar über Sigmund Freud. In teilweise traumartig animierten Bildern und interessanten Gesprächen mit Freudianern wird uns Freud als widersprüchlicher Charakter und ungewöhnlich lebendiger und schöpferischer Geist vorgestellt. Am Anfang des Films steht eine Szene, in der der kleine Sigmund miterlebt, wie ein Wiener Antisemit, von denen es viele gab, seinem Vater die Kipa vom Kopf schlägt. Wortlos bückte sich der solcherart Gedemütigte und hob die Kopfbedeckung wieder auf. Der kleine Sigmund empfand dies als beschämend und hätte seinen Vater lieber als stolzen und starken Rächer erlebt. Diese Szene enthält den Schlüssel zu Freuds ambivalenten Verhältnis zu seinem Vater. Umso eigenartiger, dass man Freud nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich zur Emigration förmlich zwingen musste. Er hielt noch immer die katholische Kirche für den eigentlichen Feind. Erst eine Vorladung seiner geliebten Tochter Anna ins Gestapo-Quartier und die energische Intervention seiner Patientin Marie Bonaparte überzeugten ihn von der Notwendigkeit, das Land zu verlassen und nach London zu gehen, wo er am 23. September 1939, assistiert von seinem Arzt Max Schur, starb. Freud war bekanntlich an Krebs erkrankt und konnte kaum noch sprechen. Die Arte-Mediathek bietet den Film „Outsider. Freud“ noch ein Jahr lang zum Nachschauen an.

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Vom Versuch, mit dem Rad zum Wochenmarkt zu fahren, nehme ich nach wenigen Metern Abstand. Es scheint mir einfach zu rutschig und ich will und darf keinen Sturz riskieren. Vorn im Park kommt mir ein Mann entgegen. „Es is arch kalt, wenn mer so geht“, sagt er in meine Richtung und hofft wohl auf ein Gespräch. Ich nickt ihm freundlich zu und gehe weiter. Das winterliche Wetter lässt ein großes Wir über den isolierten Einzelnen entstehen. Es gibt ein alle verbindendes Thema, über das man selbst mit Fremden sprechen kann, ohne gleich als verrückt oder aufdringlich zu gelten. Ein Eichhörnchen huscht über den Weg und rettet sich vor einem heranstürmenden Hund auf den nächsten Baum. Die Leute bewegen sich vorsichtig und gehen jetzt alle so, wie ich leider immer gehe. Meine Gangunsicherheit fällt ausnahmsweise nicht auf. Auf dem Markt waren nur wenige Stände aufgebaut, vor denen sich lange Schlangen bildeten. Ein Ehepaar hält den Betrieb auf, indem es lang und breit darüber diskutiert, was es am Sonntag zu Essen geben soll. Hinter ihnen beginnen die Wartenden zu murren. Die Bäckersfrau freut sich, dass ich ihr das Geld passend in die klammen Hände drücke und ihr das Kramen nach dem Wechselgeld erspare. Ich treffe niemanden, den ich kenne, und so trete ich bald den Heimweg an. Heute gibt es bei uns ein Gericht, das „Himmel und Erde“ heißt, weil es aus Äpfeln und Kartoffeln besteht. Dazu gibt es gebratene Blutwurstscheiben und geröstete Zwiebeln. Ein Essen, mit dem man die meisten Leute jagen kann, wie gesagt wird, das wir aber sehr mögen und im Winter recht häufig zubereiten. Eins dieser Arme-Leute-Essen, das es bei Bauern früher oft gab. Mario Adorf schwärmte davon, wie sein Mutter es zubereitet hat. Jemand hat mir irgendwann das von ihm signierte Rezept geschenkt, das irgendwo sein muss, das ich aber im Moment nicht finde.

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Bei sonnigem Winterwetter haben wir die Schwanenteiche umrundet. Das schöne Wetter hat viele Gießener rausgelockt, und es herrschte ein Betrieb, wie sonst in der Fußgängerzone. Die Wege waren stellenweise vereist, so dass Vorsicht geboten war. Auf dem Rückweg kamen wir am Gießener Gefängnis vorbei, das früher mal eine Zweiganstalt der JVA Butzbach war, in der ich dreißig Jahre beschäftigt war. Wenn dort mal ein besonders auffälliger oder schwieriger Gefangener gelandet war, musste einer von uns Butzbacher Psychologen dort vorbeischauen und versuchen, die Kuh vom Eis zu bringen, wie man so sagt. Später wurde die Gießener Anstalt eine eigenständige Einrichtung und bekam auch eine Psychologenstelle. Im Vergleich zum Moloch Butzbach, war die Gießener Anstalt klein, übersichtlich und beinahe familiär, und ich war ganz gern ab und zu mal dort.

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