„So wies ich entschlossen eine Welt zurück, die mich selbst zurückgewiesen hatte.“
(Jean Genet)
Der Sommer pausiert, seit einigen Tagen ist es deutlich kühler geworden. Dennoch sind wir gestern zur Lahn geradelt und eine Runde geschwommen. Ich hatte vom Markt grüne Bohnen mitgebracht, die wir uns danach zubereiteten. Dazu gab es eine Wildbratwurst und Kartoffeln. Ein frugales Essen, das uns ausgezeichnet mundete. Abends sah ich dann, wie die Französinnen die Niederländerinnen besiegten. Die Art und Weise, wie sie das taten, lässt für die deutsche Mannschaft im Viertelfinale wenig Hoffnung. Auch die deutschen Frauen leiden ja unter einer gnadenlosen Selbstüberschätzung. Wenn es nach ihnen ginge, hätten die anderen Mannschaften eigentlich gar nicht anreisen brauchen und hätten den Deutschen den Pokal kampflos überlassen können. Das ist die Scholzsche Krankheit: zwanghafter und durch nichts gedeckter Optimismus.
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Die Mauersegler brüten direkt über Us Dachfenster. Sie geht davon aus, dass irgendwann einmal einer der Vögel durchs geöffnete Fenster in ihr Schlafzimmer fliegt und sie ihm dann helfen muss, wieder hinauszufinden. Sie fürchtet, dass er in Panik gerät, wild herumfliegt und sie ihn kaum zu fassen bekommt. Bislang haben die Mauersegler es in ihrem wilden Flug immer geschafft, die Fensterhöhle zu meiden.
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„Das deutsche Proletariat hatte, im Gegensatz zum russischen, in seiner Brust, an Stelle eines Herzens, in seiner großen Mehrheit ein Sparkassenbuch, und in seinem Kopf den Willen, ein guter Bürger zu werden. … Es hatte keine revolutionäre Vergangenheit. Es war zu dressiert durch die kapitalistische Produktionsweise. Es hatte gar keine Tradition der Aktion. Es war mehr deutsch als Proletariat.“
(Fritz Brupbacher: 60 Jahre Ketzer)
Ich möchte nicht versäumen, an den Schweizer Arzt und Anarchisten Fritz Brupbacher zu erinnern, der vor 80 Jahren, im Januar 1945, in Zürich gestorben ist. Er war für Burkhard und mich ein wichtiger Orientierungspunkt im Dschungel linker Positionen nach dem Ende der antiautoritären Bewegung und lieferte uns Argumente in der Auseinandersetzung mit den erstarkenden Traditionalisten. Er lieferte uns ein Plädoyer für das, was man damals etwas verdinglicht den „subjektiven Faktor“ nannte. Zunächst hatten wir uns freizumachen von der auch in der Linken verbreiteten Anarchophobie und den umlaufenden Vorurteilen, was denn Anarchismus sei. Schon das Wort „Anarchie“ löste bei vielen Unbehagen und Abwehr aus: „Ohne Herrschaft – also ohne Ordnung, das kann doch nicht sein.“ Reflexe schnappten ein, Ressentiments wurden mobilisiert. Letztlich nährt sich die Anarchophobie aus Triebängsten und abgewehrten Wünschen. Der Anarchist ist im Bürger und im Kommunisten anwesend in Gestalt seiner unterdrückten Triebnatur. Verstärkt wurden die Schwierigkeiten, einen unverkrampften Umgang mit dem Begriff Anarchismus zu finden, dadurch, dass hierzulande auch die Rote Armee Fraktion und ihre Praxis anarchistisch genannt wurden. Die an Moskau orientierten Teile der Linken forcierten diese Ineinssetzung, um den Anarchismus in Misskredit zu bringen. Seine Praxis beruhte in ihren Augen auf blankem Voluntarismus. Die Verhältnisse seien noch nicht reif und es gelte sich in Geduld zu üben. Der Vorwurf der Traditionalisten war derselbe, den schon Alexander Herzen gegenüber Bakunin erhoben hatte: Er nehme den den zweiten Monat der Schwangerschaft für den neunten. Dabei waren die objektiven Voraussetzungen für die Errichtung einer freien Gesellschaft längst gegeben, es hing alles vom Willen der Beherrschten ab. Die objektive Überreife der Verhältnisse lebt von der subjektiven Unreife der Beherrschten. Der Marxismus und alle Varianten der Sozialdemokratie, die Kommunisten eingeschlossen, die auf demselben Holz gewachsen sind, setzen auf die Reife der Produktionsverhältnisse, während der freiheitliche Sozialismus oder Anarchismus auf die Stärkung des menschlichen Willens zur Veränderung setzt. Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl haben 1967 in Frankfurt auf der 22. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt gemeinsam das berühmte „Organisationsreferat“ gehalten, das die intellektuelle Hegemonie des antiautoritären Flügels untermauern sollte und eine Entwicklungsstufe linker Theorie dokumentiert, die danach nie wieder erreicht wurde. Dutschke und Krahl plädierten für eine Neubestimmung des Verhältnisses von Marxismus und Anarchismus und eine deutliche Akzentverschiebung zugunsten des Anarchismus: „Durch die globale Eindimensionalisierung aller ökonomischen und sozialen Differenzen ist die vor einhundert Jahren praktisch berechtigte und marxistisch richtige Anarchismuskritik, die des voluntaristischen Subjektivismus, dass Bakunin sich hier auf den revolutionären Willen allein verlasse und die ökonomische Notwendigkeit außer Acht lasse, heute überholt.“ Die Neubestimmung ist bis heute unterblieben, die Wendung zur Orthodoxie begrub die guten Ansätze der Revolte unter sich und warf die Theoriebildung auf das Niveau der 1920er Jahre und der Dritten Internationale zurück. Dutschke hatte Prupbachers Schrift „Marx und Bakunin“ in die von ihm zusammengestellte „Bibliographie des revolutionären Sozialismus“ aufgenommen. Ich rate obendrein zur Lektüre seiner Autobiographie: „60 Jahre Ketzer – ‚Ich log so wenig als möglich‘“, die 1973 in der Züricher Verlagsgenossenschaft erschienen ist. Fritz Brupbacher ist eine der zahlreichen vergessenen Gestalten am Rande der Arbeiterbewegung, deren Wiederentdeckung sich lohnt. Eigentlich sind diese Randfiguren und Dissidenten das Interessanteste in und an der Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. In der DHP und anderen Texten habe ich immer wieder auf Menschen wie Johann Most, Otto Rühle, Franz Jung, Emma Goldman, Otto Gross, Rudolf Rocker, Karl Korsch, Louise Michel, Paul Mattick und andere hingewiesen. Ihr Erbe liegt weitgehend brach und harrt unserer Aneignung. Vor allem sollten wir sie nicht vergessen.
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Weil auch nach der Reparatur meines Rades mit der Schaltung irgendetwas nicht stimmte, hab ich es heute nochmal in die Werkstatt gebracht, wo wegen der Ferien im Moment nicht so viel los ist und sie Zeit haben, die Nabe aufzumachen und zu schauen, ob sie die Fehlerquelle finden und beheben können. Morgen kann ich, wenn alles gut läuft, das Rad wieder abholen. Bis dann hat man mir ein Rad geliehen, mit dem ich den Weg in die Stadt zurück antreten konnte und nicht laufen musste. Trotz intensiver Bemühungen konnten die Leute von der Fahrradwerkstatt den kleinsten Gang nicht wiederfinden. Obwohl man ihn in hiesigen Gefilden oft braucht, werde ich lernen müssen, ohne ihn auszukommen. Der Beinmuskulatur wird es zugute kommen. Ab und zu werde ich absteigen und schieben müssen.
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„Ich bin ja nicht 1937 geboren. Da bin ich als Claus Peymann in Bremen geboren. Geboren bin ich 1968.“
(Claus Peymann)
Claus Peymann ist tot. Er starb am 16. Juli 2025 im Alter von 88 Jahren in Berlin. Freunde, die in der Nähe lebten, haben mich jahrelang nach Bochum ins Schauspielhaus eingeladen und mir, der ich bis dahin nur das Gießener Provinztheater gekannt hatte, damit einen völlig neuen Zugang zur Welt des Theaters verschafft. Ich bin ihnen und natürlich Claus Peymann unendlich dankbar für die Erweiterung meines Horizonts. Für immer werde ich Bilder von Kleists „Die Herrmannsschlacht“ in mir tragen und mich an Kirsten Dene und Gert Voss und Branko Samarowski im Tasso erinnern. Auch meine Liebe zu Thomas Bernhard erhielt durch die Begegnung mit Peymanns Theater neue Nahrung. Alles in allem verdanke ich ihm viel.
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„Sollen die Staats-Vandalen nur zerstören und ruinieren!“
(Botho Strauß: Herkunft)
Die ganze Bootshausstraße entlang Richtung Rübsamensteg standen am Bahndamm Brombeerbüsche. Ab August wuchsen deren Früchte einem quasi ins Maul, überall standen Leute und streckten ihre Hände nach den reifen Früchten aus. Die dicksten befanden sich wie immer weit oben und außer Reichweite. Die ganze Nachbarschaft deckte sich dort mit Brombeeren ein. Wer wegging, hatte vom Saft der Früchte rote Finger und Hände. Auch ich hatte manchmal ein Behältnis bei mir, in das ich eine größere Menge Brombeeren pflückte, um sie zu Hause zu einem leckeren Nachtisch zu verarbeiten. Gelegentlich kochten wir auch mal ein paar Gläser Marmelade. Vor ein paar Tagen nun stellten wir auf dem Weg zur Lahn mit Schrecken fest, dass die Brombeergestrüppe gerodet waren. Um ihr promptes Nachwachsen zu verhindern, hatte man Baumstämme und Äste auf die Böschung geworfen. „Wer tut so etwas?“, fragte U entgeistert. Die Leute vom Gartenamt werden das auf Anweisung von oben getan haben, vermutete ich. Wer aber hat diese Anweisung erteilt? Die wird und muss von der Stadt gekommen sein. Warum tut man so etwas? Die vorgetragenen Gründe werden aus dem Bereich der instrumentellen Vernunft stammen und sachlich klingen. Man hätte den Wildwuchs der Ranken stoppen müssen, weil sie Passanten und Radfahrer gefährdeten und der Zugang zu den Bahngleisen gewährleistet sein müsse und pipapo. Die Rodung der Brombeerbüsche, die ja ein Stück Wildnis inmitten der Zivilisation darstellen, hat eine verschwiegene Innenseite. In Gestalt der wild wuchernden Ranken begegnen wir unserer eigenen inneren Wildnis, die wir mühsam gerodet und unserem Willen unterworfen haben, und die uns dennoch ständig weiter bedroht. Der domestizierte Trieb rebelliert gegen seine Zähmung und erkennt sich in allem wieder, was ihm draußen an Ungezähmtem und Wildem begegnet. Im Kampf dagegen setzen wir den Kampf in unserem Inneren gegen unsere Triebnatur fort. Der abendländische Mensch fühlt sich mehr vom Toten als vom Lebendigen angezogen und ist darauf aus, Lebendiges in Totes zu verwandeln: „Außen soll sich nichts bewegen und innen kein Gefühl sein“, hat Klaus Theweleit dieses im Kern faschistische Programm zusammengefasst. Kolonisierung der inneren und äußeren Natur beruht auf einer tödlichen Produktionsweise, die die des Kapitals ist, und ist in der Anwendung des Vernichtungsprinzips totalitär. Es kommt erst zur Ruhe, wenn ihm alles einverleibt und anverwandelt ist. Erst diese Verfilzung ökonomischer Motive mit der Abwehr innerer Gefahren der Überschwemmung durch unbewusste, triebhafte Impulse erklärt die Brutalität, mit der die Kolonisation geschieht und betrieben wird. Bleibt man auf der Ebene der gesprochen Worte und vorgetragenen Gründe wird man an die tatsächliche Dynamik und den naturzerstörenden Furor nicht heranreichen. Es ist ja leider nicht nur der Bahndamm, wo diese Praxis herrscht. Eigentlich findet man sie in beinahe jedem Garten und in jedem Park. Wo sich irgendein sogenanntes Unkraut hervorwagen könnte, wird Mulch oder Schotter ausgebracht, die Ränder der Grundstücke werden nach wie vor mit Glyphosat besprüht. Dann hat man seine Ruhe.
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Gestern Abend habe ich begonnen, auf Arte unter der Überschrift „Der Traum vom Paradies“ einen Bericht über sogenannte Aussteiger auf La Gomera zu schauen, die sich in der Tradition der Hippie-Bewegung verorten und „offene Partnerschaften“ praktizieren. Als ich sah und hörte, wie einer der Kommunarden sagte: „Die freie Liebe triggert mein Ego“, stieg ich schon nach wenigen Minuten aus der Sendung aus. Da wird jedem echten Hippie speiübel.
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Am Rande des Lahnuferwegs liegt seit einer Woche ein totes Kaninchen. Gestern Abend waren von dem Kadaver nur noch ein paar Fetzen Fell übrig, die am abgenagten Skelett hingen, und ein Hauch von Verwesung. Am Steg war es aber dennoch wunderbar. Ich war der Einzige und genoss die Ruhe. Als ich schwamm, flog ein Eisvogel mit schrillem Schrei über mich hinweg. Ich sah ihn gerade noch aus dem Augenwinkel.
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Gibt es etwas Schöneres als an einem Sommersonntagmorgen im Fluss zu schwimmen? Heute raffte ich mich auf und radelte schon um kurz nach sieben los. Um diese Zeit kann man die Ampeln getrost ignorieren. Gemächlich fuhr ich durch den Morgen. Die üblichen Verdächtigen führten ihre Hunde aus. Die Sonne war gerade über den Bäumen des jenseitigen Ufers hochgestiegen und ihre wärmenden Strahlen erfassten den Steg und mich. Gestern Abend war ich auf der glitschigen Treppe, die vom Steg ins Wasser führt, abgerutscht und hatte mir ein taubeneigroße Schwellung am linken Schienbein zugezogen. Begünstigt wurde die Schwellung sicher durch die vermaledeiten Blutverdünner, den ich einnehmen muss. Deswegen packte ich heute einen Schwamm ein und reinigte die Treppensprossen von glitschigen Ablagerungen. Nach dem Bad im Fluss absolvierte ich auf dem Steg ein abgespecktes Gymnastikprogramm. Auf den Heimweg erstand ich in einer Bäckerei, die natürlich nur die Verkaufsstelle einer Brotfabrik ist, ein paar Brötchen fürs Frühstück, das ich zur Feier des Tages auf dem Balkon einnahm, auf dem man es am Sonntag einigermaßen aushalten kann, weil der Verkehr weniger stark ist. Ein paar Rollkoffer-Idioten waren aber auch zu dieser frühen Stunde bereits unterwegs und ratterten übers Pflaster. Zum Frühstück schob ich Bachs Brandenburgische Konzerte in den CD-Player und erfreute mich an der wunderbaren Musik.
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„Und ehrlich gesagt noch ein Drittes, sagt er, es sei ihm ähnlich ergangen wie dem Mann in einem alten Witz, ob ich nicht den Witz von dem Mann kenne, der seine Brieftasche verloren hat? Also ein Mann verliert die Brieftasche, in der sich alles Geld und seine Papiere befinden. Er stellt das Haus auf den Kopf, er krempelt die Anzüge um und kann sie nicht finden. Seine Frau fragt ihn, warum er überall nachsieht, nur nicht in der rechten Tasche seines braunen Mantels. Da sagt der Mann: „Ganz einfach. Wenn die Brieftasche dort auch nicht ist, dann habe ich sie endgültig verloren.“
(Jurek Becker: Der Boxer)
Die letzte Woche saß ich mehrfach im Botanischen Garten uns las Jurek Beckers Roman „Der Boxer“. Es ist einer der frühen Romane Beckers und ist ein Zwiegespräch zwischen einem namenlosen Ich-Erzähler und dem Juden Aron Blank, der nach Jahren der Inhaftierung aus einem Konzentrationslager entlassen wird und in den Nachkriegsalltag der DDR zurückkehrt. Aron lässt sich auf ein Interview mit dem Ich-Erzähler ein, das sich über mehr als zwei Jahre hinzieht und sich zu einer Art Lebensbeichte auswächst. Aron wird bei seiner Deportation von seiner Frau und seinem zweijährigen Sohn getrennt, den er in der Obhut einer wenig vertrauenswürdigen Nachbarin zurücklassen musste. Er begibt sich auf die Suche nach dem Kind, das Mark heißt und das er schließlich auch findet – oder er findet ein Kind, das er für seinen Sohn hält. Es entwickelt sich eine spannende Vater-Sohn-Beziehung, deren Schilderung das Gerüst des Romans bildet. Mark wird eingeschult und lernt gut, eines Tages jedoch wird er von einem Mitschüler aus unklaren Moriven verprügelt. Aron, der sich inzwischen, um seine Anpassung zu erleichtern, Arno nennt, ist empört und will sich einmischen, ändert jedoch seine Meinung und überlegt, wie er Mark dazu verhelfen kann, sich zu wehren. Dazu erzählt er Mark die Geschichte von einem Boxer, der selbst als Junge verprügelt wurde, dann in einen Box-Verein eintrat, mächtig trainierte und schließlich den Tyrannen vor aller Augen verprügeln konnte. Mark ist beeindruckt und wird bald daraufhin Mitglied in einem Box-Verein und zu einem von seinen Mitschülern gefürchteten, aber auch respektierten Jungen. In gewisser Weise ist „Der Boxer“ auch ein Roman über die Nachwirkungen des Nationalsozialismus auf die nachfolgende Generation – auch, und in diesem Fall vor allem, auf der Seite der Opfer.
Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, denn ihr sollt das Buch ja selber lesen. Ich bin seit ewigen Zeiten ein Verehrer der Kunst von Jurek Becker. Im November 1980 hat er mir eine Exemplar seines Erzählungsbandes „Nach der ersten Zukunft“ signiert. Auf dem Einband blickt er ernst und nachdenklich in die Kamera – ohne das heute übliche Fotografen-Lachen.
Für Jurek Becker habe ich die Lektüre von Jonathan Lethems „Der Fall Brooklyn“ unterbrochen, in die man aber an jeder beliebigen Stelle wieder einsteigen kann. Verlassen hatte ich das Buch nach dem Satz: „Dennoch ist die Frage, wer vor dir in deinem Haus gewohnt hat und unter welchen Umständen er es verlassen hat, schwerwiegend, wenn du sie an dich herankommen lässt.“
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Die deutschen Frauen haben ihr EM-Spiel gegen Frankreich gewonnen, leider nicht mit spielerischer Eleganz und Leichtigkeit, sondern mit den berühmten „deutschen Tugenden“: Härte, Verbissenheit, Kampfgeist und Willensstärke. „Wille“, der „Berge versetzen kann“, ist eine zentrale Kategorie im Denken der Nazis gewesen. Diesem teutonischen Furor mussten sich die Französinnen letztlich beugen, deren Spielweise von den Deutschen niedergewalzt und an der Entfaltung gehindert wurde. Es war wahrlich kein schönes Spiel. Hoffentlich strahlt das nicht auf andere Lebensbereiche aus und wird überall als Heilmittel gepriesen. Das läge auf der Linie von Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Reiche, die ja möchten, dass mehr gearbeitet wird, was ja auch zu den deutschen Tugenden gerechnet werden kann.
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„Die Tragik des Menschen besteht darin, dass in seiner genetischen Ausstattung vieles möglich ist; aber erst in der sozialen Organisation spielt sich das Leben ab. Ich als fünfundsiebzigjähriger, hinkender Mann habe die genetische Ausstattung, Olympiasieger im Hochsprung zu werden, aber es ist im Moment nicht möglich.“
(Paul Parin)
In den letzten Tagen sprang meine Hirnantilope nach Salicina im Schweizerischen Engadin. Ich war 1975 bei Bernd Rabehl in Berlin zu Besuch, als ihn ein Anruf von Theo Pinkus aus Zürich erreichte, der zu einer Begegnung mit Herbert Marcuse im Ferienzentrum Salecina am Maloja-Pass einlud. An den Gesprächen mit Marcuse und seiner Frau Erica werde tageweise auch Max Frisch teilnehmen, der zugesagt habe, aus dem benachbarten Berzona herüberzukommen. Da Bernd Rabehl aus irgendwelchen Gründen nicht aus Berlin weg konnte, gab er die Einladung an uns weiter. Kurzerhand stiegen wir in einen geliehenen Opel und machten uns auf den Weg. Auf dem Höhepunkt der RAF-Hysterie erregten vier oder fünf langhaarige Typen in einem riesigen alten Opel-Admiral mit Berliner Kennzeichen Verdacht, und so dauerte unsere Anreise viel länger als geplant. Wir kamen mitten in der Nacht in Salecina an, und da es keine freien Betten mehr gab, schlugen wir unser Lager im Stroh auf. Ich erinnere mich, dass ich wegen der bevorstehenden Begegnung mit Herbert Marcuse so aufgeregt war, dass ich kein Auge zu tat und mich im Schlafsack unruhig hin und her wälzte. Eine Woche nahm Herbert Marcuse sich Zeit, mit einer bunt zusammengewürfelten und aus ganz Europa angereisten Gruppe junger Leute über „Perspektiven der Veränderung“ zu diskutieren. An ein oder zwei Tagen stieß Max Frisch zu uns und nahm an den Gesprächen regen Anteil. Marcuse und Frisch waren befreundet und verstanden sich offensichtlich gut. In der Reihe „rororo-Monographie“ gibt es einen Band von Volker Hage über Max Frisch. Dort findet man auf Seite 99 ein Foto, auf dem Frisch, Marcuse und Pinkus zu sehen sind, wie sie rauchend und miteinander redend vor der Eingangstür von Salecina stehen. Ich stand ein paar Meter entfernt und rauchte auch, bin aber auf dem Foto nicht zu sehen. Warum auch, war ich doch damals eine Rübe auf dem Feld – und bin es in gewisser Weise bis heute geblieben. Es war die Phase in der Entwicklung der Linken, die man als Fraktionierung, Entmischung und Dogmatisierung des Protests bezeichnen kann. Von der einstigen Leichtigkeit und Fröhlichkeit der antiautoritären Zeit war nichts mehr zu spüren. Prompt warf eine Gruppe Berliner Frauen Marcuse vor, sich als Mann zum Thema Feminismus geäußert zu haben. Sie sprachen ihm rundweg die Berechtigung dazu ab. Ich bilde mir ein, dass ich damals zum ersten Mal den Begriff „Betroffene“ gehört habe. Nur sie als „Betroffene“ hätten die Berechtigung, sich zu Frauenfragen zu äußern. In seiner Erwiderung, die freundlich, aber bestimmt ausfiel, sagte Marcuse sinngemäß, dass ihn seine Rolle als kritischer Intellektueller dazu berechtige, ja strenggenommen sogar verpflichte, sich zu drängenden gesellschaftlichen Fragen zu äußern. Wenn das anders wäre und jeder sich nur zu seiner eigenen Befindlichkeit äußern dürfe, könne er weder etwas zum Vietnamkrieg, noch zur Diskriminierung der Schwarzen in den USA, ja strenggenommen auch nichts zur Ausbeutung der Arbeiterklasse sagen. Auch im Konzentrationslager sei er selbst glücklicherweise nicht gewesen, was ihn aber nicht hindere, sich zu der systematischen Vernichtung in den Lagern der Nazis zu äußern. Andere Teilnehmer hielten ihm im Kontext einer Debatte über die Rolle des Proletariats irgendwelche Marx-Zitate vor. Auf Seite sowieso-sowieso der Grundrisse stünde dazu dies und das. Darauf Herbert: „Genosse, das steht in einem Buch, das vor über einhundert Jahren geschrieben worden ist.“ Es sei grob unmarxistisch, den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext, in dem bestimmte Sätze von Marx gefallen sind, außer Acht zu lassen. Wahrheiten besäßen einen historischen Index und könnten veralten. Der Marxismus sei kein Kanon heiliger Texte und wir müssten den historischen Materialismus auf sich selbst anwenden. Das und nur das sei lebendiger Marxismus. In einer Mittagspause schloss ich mich einer kleinen Gruppe an, die mit Herbert einen Spaziergang zu einem nahegelegenen See unternahm, und hatte Gelegenheit, ihn dies und das zu fragen. Noch heute habe ich seinen unverwechselbaren deutsch-amerikanischen Sound im Ohr. Die Begegnung mir ihm war für mich richtungsweisend. Seine unerschrocken-unorthodoxe Haltung und der beinahe flapsige Umgang mit heiligen Texten beeindruckten mich tief und wirkten wie ein Tritt in den dogmatisch verzagten Arsch. In den Pausen standen Erica Sherover und er händchenhaltend und rauchend vor der Tür. Herbert mit seinen rund achtzig Jahren schien mir jünger als viele der Teilnehmer, die durch die Bank seine Söhne und Töchter oder gar Enkel sein konnten. Die Spuren dieser Begegnung und der mein ganzes Leben durchziehenden Lektüre seiner Bücher und Texte sind heute noch in meinem Denken und Schreiben spürbar. Ich erkenne in meiner Verehrung Herbert Marcuses auch ein Bedürfnis nach einer nicht durch die NS-Vergangenheit beschädigten Vaterfigur und einer idealisierungsfähigen Autorität. Es gab, da unsere Eltern, Lehrer und viele Mitglieder der älteren Generation durch ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus als Vorbilder ausfielen, bei vielen von uns eine Sehnsucht nach nicht beschädigten Autoritäten, und dazu gehörten vor allem die in die Emigration getriebenen linken Intellektuellen und Schriftsteller, an denen wir uns orientierten und von denen wir viel gelernt haben. Was soll daran schlimm oder bedenklich sein, wenn es sich, wie im Falle Herbert Marcuses, um eine Autorität handelte, die sich selbst immer wieder Frage stellte und auch uns dazu aufforderte, uns unseres kritischen Verstandes zu bedienen und niemandem blind zu glauben. Am Rande des Treffens führte Herbert Gespräche mit Theo Pincus und Berthold Rothschild, die später unter dem Titel „Die Salecina-Gespräche“ Eingang in ein Suhrkamp-Bändchen gefunden haben, das „Gespräche mit Herbert Marcuse“ heißt und 1978 erschienen ist. Herbert Marcuse starb 1979 während eines Deutschlandbesuchs bei Jürgen Habermas in Starnberg. Sein Grabstein auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin trägt die Inschrift: „Weitermachen!“ Mein Kontakt zu Bernd Rabehl schlief ein, nachdem er sich auf die Seite der Rechten geschlagen hatte, Wahlkampf für die NPD machte und für die „Junge Freiheit“ schrieb. Ich habe ihn vollständig aus den Augen verloren. Manchmal bedauere ich das. Der frühe Tod von Rudi Dutschke, der 1979 an den Spätfolgen des Attentats von 1968 verstarb, hat Rabehls Konversion vermutlich begünstigt. Manchmal kann man sich in der Treue zu bestimmten Gedanken und Haltungen wechselseitig stützen. Auf sich zurückgeworfen ist man anfälliger für Resignation, Anpassung und Verrat.
Die Begegnung mit Marcuse liegt beinahe auf den Tag genau 50 Jahre zurück, vielleicht hat das dazu beigetragen, die Erinnerung ins Bewusstsein zu heben. Auf dem Rückweg legten wir einen Zwischenstopp in Zürich ein, wo wir in der Wohngemeinschaft von Mario Erdheim übernachten durften. Erdheim hatte mit einer Arbeit über „Prestige und Kulturwandel“ promoviert, die in unserem kleinen Gießener Focus-Verlag erschienen ist. Dort sind auch meine Jugendwerke erschienen und so kannten wir uns dem Namen nach. Ich arbeitete zu dieser Zeit im Focus-Verlag und hatte sein Buch lektoriert. Erdheim arbeitete damals neben seiner Ausbildung zum Psychoanalytiker als Lehrer an einem Züricher Gymnasium, bevor er eine universitäre Laufbahn als Ethnologe und Kulturwissenschaftler einschlug, die ihn unter anderem an die Frankfurter Uni führte. Bekannt geworden ist er mit dem Buch „Die gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit“, das dann standesgemäß im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Er war, wenn ich das richtig sehe, der Lieblingsschüler von Paul Parin, der 2009 gestorben ist. Ihm und seiner Frau Goldy bin ich im Rahmen eines Forschungsprojekts über die Züricher Jugendunruhen von 1980 und dann auf der Frankfurter Buchmesse einige Male begegnet. Es erfüllte mich mit Stolz, dass er sich in einem seiner späten Bücher, das unter dem Titel „Der Traum von Ségou“ im Jahr 2001 in der Europäischen Verlabgsanstalt erschienen ist mit einem Artikel von mir auseinandergesetzt hat, den ich im Jahr 2000 in der „Züricher Wochenzeitung“ veröffentlicht habe und der „Von der Neurose zur ‚Soziose‘“ hieß. Es geht in diesem Text im Kern um eine frühes Thema Marcuses, das er als „Veralten der Psychoanalyse“ bezeichnet hat. Die Frage war und ist, ob sich die auf dem Vormarsch begriffenen Störungsbilder, deren destruktive Äußerungsformen die Öffentlichkeit erschrecken, noch zureichend in den traditionellen psychiatrisch-psychologischen Diagnose-Katalogen und Begriffen unterbringen lassen, oder ob wir nicht vielmehr genötigt sind, sie als „Soziosen“ zu begreifen? Waren die klassischen Neurosen, in deren Behandlung die Psychoanalyse sich herausbildete, das Produkt einer patriarchalischen Traditionsfamilie, in der eine ungebrochene Vaterautorität Triebverzicht und Unterwerfung unters Realitätsprinzip erzwang, so zeugen die neuen Krankheitsbilder eher von einem Zuwenig an (gelungener) Verdrängung und zugemuteter Enttäuschung. „In den fortgeschrittensten Sektoren der modernen Gesellschaft wird der Bürger nicht mehr ernstlich von Vaterimagines heimgesucht“, schrieb Marcuse aus amerikanischer Perspektive schon in den 50er Jahren. Wo treffen wir noch familiäre Beziehungen und Bindungen an, die sich zu ödipalen Dramen oder auch nur persönlich ausgetragenen Konflikten zuspitzen? Unter den Realitätseinbrüchen der Gegenwart ist der familiäre Binnenraum zusammengebrochen, die Eltern verblassen zu Statisten. Ihr Erziehungsvorsatz, wenn er denn überhaupt noch besteht, schrumpft auf ein bloßes „Wir würden oder möchten gern …“. Gegen meine ketzerischen Thesen hielt Paul Parin daran fest, dass es nach wie vor individuelle und sehr spezifische Triebschicksale gebe, mit denen Psychoanalyse sich beschäftigen sollte. Gut dialektisch denke ich, dass an beiden Positionen etwas dran ist und wir beide recht haben. Stolz war ich darauf, dass der berühmte Paul Parin mich für würdig hielt, sich mit meinen Thesen auseinanderzusetzen. Als ich ihn Ende der 1990er Jahre zu einem Seminar nach Italien einlud, sagte er mir mit Verweis auf sein Alter und verlagerte Interessenschwerpunkte ab. Der Brief endete mit den Worten: „Einen fröhlichen Brief konnte ich natürlich nicht schreiben, wünsche Dir aber mit dem alten Gruß der Anarchisten ‚Freiheit und Glück‘.“
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Die Bilder von zu Skeletten abgemagerten Menschen, die wir in letzter Zeit aus dem Gazastreifen zu sehen bekommen, erinnern an jene, die die alliierten Truppen im Frühjahr 1945 von überlebenden Insassen befreiter Konzentrationslager gemacht haben, die ja die Vorfahren derer sind, die den Palästinensern das heute antun. Warum tut man anderen an, was einem selbst widerfuhr? Welcher grauenhafte Wiederholungszwang ist da am Werk? Man wird in ihm das Produkt einer nicht bewältigten kollektiven Traumatisierung sehen können. Die Frage ist: Wie kann der Ausstieg aus dieser düsteren Mechanik gelingen?
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Ich kann mich mit der Unsitte öffentlichen Telefonierens einfach nicht abfinden. Noch immer finde ich es daneben, im Gehen und vor fremden Ohren zu telefonieren. Es ist nicht so lang her, da waren die einzigen, die in der Fußgängerzone scheinbar Selbstgespräche führten, Verrückte, bei denen irgendwelche inneren Dispute laut wurden, die unter Zwang nach außen drangen. Warum gibt es plötzlich derart viel zu sagen, das so dringend ist, dass es unterwegs gesagt werden muss und keinen Aufschub duldet? Und wo ist die Scham geblieben, die einst dafür sorgte, dass Privates privat blieb? Können die Menschen die Erfahrung des Getrennt- und Alleinseins nicht mehr ertragen? Der englische Psychoanalytiker D. W. Winnicott hat in seinem Buch „Reifungsprozesse und fördernde Umwelt“ die Bedingungen beschrieben, unter denen die Fähigkeit zum Alleinsein sich ausbilden kann. Die Fähigkeit, allein sein zu können, kann sich nur dann entwickeln, wenn ein Kind die verlässliche, leibliche Anwesenheit von Erwachsenen spürt, die im Stadium der Abhängigkeit und psychischen Desintegration als Hilfs-Ich fungieren und Schutz vor der ansonsten aufflackernden Angst gewähren. Später wird ein solches Kind fähig, auf die wirkliche Anwesenheit der Mutter oder Mutterfigur zu verzichten, weil es eine innere Umwelt errichtet hat, die die äußere Stützung tendenziell überflüssig macht. Schon diese wenigen Andeutungen vermitteln uns eine Ahnung, dass in der sogenannten Medien- und Informationsgesellschaft, in der Computer, Handys und flackernde Bildschirme schon die frühe Umwelt der Kinder bestimmen und den Takt vorgeben, die Bedingungen für die Ausbildung der Fähigkeit zum Alleinsein schwächer werden oder gar absterben. Für unsere Handyjunkies scheint es nichts Bedrohlicheres zu geben, als einmal für eine Stunde von ihm getrennt und allein zu sein. Aus dem Alleinsein steigen Ängste und Gefühle der Leere auf, die nur durch permanentes Online-Sein und ständiges Gequatsche gebannt werden können. Gestern trieb mich beim Versuch, auf einer Bank im Botanischen Garten sitzend Natalia Ginzburg zu lesen, eine Frau aus Russland oder der Ukraine beinahe in den Wahnsinn, die eine Bank weiter mit einer durchdringenden Stimme unablässig und stundenlang in ihr Handy plapperte. Warum kann sie nicht einfach so dasitzen und dem Gesang des Rotkehlchens lauschen? Man kann ja abends und von zu Hause aus immer noch anrufen und das, was gesagt werden muss, sagen.
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Weiter in der Chronik der Gewalt: Am Sonntagnachmittag, also am 20. Juli, ist es laut taz vor dem Düsseldorfer Hauptbahnhof zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Teilnehmern zweier politischer Kundgebungen gekommen. Nach Angaben der Polizei trafenTeilnehmer einer prokurdischen Demonstration auf eine Gruppe von Teilnehmern einer prosyrischen Versammlung. Zwischen beiden Seiten kam es zunächst zu verbalen Provokationen, die in eine körperliche Auseinandersetzung übergingen. Dabei flogen auch Flaschen und Steine. Laut Polizei waren an der Schlägerei mehrere Dutzend bis über hundert Personen beteiligt. In der Spitze war von „mehreren Hundert Beteiligten“ die Rede. Die Polizei war mit rund 200 Einsatzkräften vor Ort. Der Import von Konflikten im Nahen Osten nach Europa und Deutschland ist kein neues Phänomen, aber immer wieder erschreckend. So etwas leitet Wasser auf die Mühlen derer, die für massive Abschiebungen auch in für die Abgeschobenen gefährliche Weltgegenden sind.
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Angesichts des an Größenwahn grenzenden Geweses um die deutschen Fußballer und in jüngster Zeit Fußballerinnen fiel mir der Satz von Kaiser Wilhelm II. ein, der da lautet: „Schwarzseher dulde ich nicht“. Das Zitat lautet vollständig: „Schwarzseher dulde ich nicht, und wer sich zur Arbeit nicht eignet, der scheide aus, und wenn er will, suche er sich ein besseres Land.“ Es ist schon auffällig, wie sich rund um große Sportereignisse etwas von dieser unsäglichen preußisch-deutschen Mentalität durchgehalten hat. Menschen, die eine pessimistische oder auch nur kritische Einstellung haben und überall Schwierigkeiten sehen, werden noch immer nicht toleriert. In den Auftritten von Friedrich Merz, aber auch anderen Politikern, lebt der (Un-) Geist von Wilhelm II. fort. Merz drückt damit seine Erwartung aus, dass die Deutschen, die ja eigentlich keine Untertanen mehr sein sollten, eine positive und arbeitsame Haltung zeigen sollen. Nur durch solch eine mentale Mobilmachung sei der Standort zu retten. Der Aufmarsch deutscher Industrieller im Kanzleramt und die ganze Inszenierung hat mich extrem unangenehm berührt. Zu meiner notorischen Schwarzseherei gehört auch, dass mir anlässlich dieser Zusammenkunft der Auftritt Hitlers vor dem Industrie-Club Düsseldorf im Januar 1932 einfiel, wo er die zentralen Elemente seines Geschichts- und Menschenbilds und seine Gedanken zum „Wiederaufstieg“ Deutschlands vorstellte.
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„Im Bereich natürlicher Intelligenz beobachten wir gewaltige Verblödungsprozesse. Wie Lava wälzt sich Dummheit in Form sinnloser Kriege und grausamer Überfälle über den Globus, während künstliche Intelligenz die Welt übernimmt.“
(Axel Hacke)
Eine heutige Familienszene: Die Mutter steht mit dem jüngeren von zwei Kindern im Kinderwagen vor dem Eingangstor zum Nachbargrundstück. Sie spricht in ihr Handy hinein. Das Kind quengelt vor sich bin. Ihr Mann wartet derweil am geöffneten Tor auf das größere Kind, das irgendwo auf dem Hinterhof herumtrödelt. „Kommst du jetzt bitte!“, fordert er das Kind auf. Er wartet weiter und man kann sehen, wie er mit dem Impuls kämpft, seinen Sohn etwas rüder anzugehen, wie man es früher mit ihm getan hätte. Aber er hat sich im Griff und wartet weiter, bis das Kind sich irgendwann bequemt, auf seinem Dreirad näher zu kommen. Die ganze Szene zieht sich endlos hin. Die Mutter hat ihr Telefonat beendet und drängt zum Aufbruch, der Vater wartet weiter am Tor. Irgendwann ermannt er sich, packt den Lenker des Dreirads und zieht das Kind auf den Bürgersteig. Das Kind quittiert diese Intervention mit schrillem Protest und schreit in einer Tonlage, die an Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“ erinnert. Endlich verschwindet die Kleinfamilie aus meinem Blick- und Hörfeld.
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Eine buddhistische Nachbarin hat U eine Pfefferminzpflanze aus Plastik geschenkt, die höchstwahrscheinlich in einem chinesischen Straflager von Zwangsarbeitern hergestellt worden ist.
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Eine Amsel hüpft unter den Bäumen des Johannisparks hektisch umher und hofft auf einen frühen Wurm. Zwei Männer stehen beim verwaisten Blumencorso und pusten den Rauch ihrer Zigaretten in die Luft. Ein schwarz gekleideter Kellner bläst mit einem Laubbläser die Blätter vor einem Lokal zusammen. Ein rot gekleideter Mann klaubt in der Fußgängerzone mit einer Zange Kippen auf, die ein paar Meter weiter von Rauchern auf dem Boden ausgetreten werden. Eine zeitgenössische Sisyphosarbeit, auf Deutsch: ein Ein-Euro-Job. Eine Frau schleppt keuchend ihren massigen Körper vorüber. Ein Täuberich balzt um eine Taube, die nicht so recht in Stimmung ist. Ein Mann hinterlässt eine intensive Parfüm-Dunstglocke. Junge Möchtegerngangster klatschen sich ab. Der rumänische Bettler sitzt auf seinem Stammplatz vor der Post und bittet um eine Spende für Essen, was von den vorüberhastenden Passanten ignoriert wird. Ein Mann beschwert sich lautstark, dass die Post noch geschlossen ist. Im Büro der Lebenshilfe spielt jemand Schach gegen sich selbst. Ein junger Mann in T-Shirt und kurzer Hose geht durch die Straße und brüllt einen Rap-Song an die Häuser hin. Aus einem Auto antwortet jemand mit dröhnender türkischer Musik. Ein Sommermorgen in der Stadt.
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In der Glotze sah ich durch Zufall unter der Überschrift „Der rollende Supermarkt“ eine Reportage über einen mobilen Tante-Emma-Laden in der Lüneburger Heide. Ein älterer Mann, der Uwe heißt, beliefert etwa 40 Dörfer einmal in der Woche mit dem Nötigsten. Die Lebensmittelläden auf dem Land haben dicht gemacht, und die älteren Bewohner der Dörfer, die nicht mobil sind, sitzen auf dem Trockenen. Uwe kennt alle seine Kunden mit Namen, aber das Wichtigste ist: Er hört ihnen zu. Sein Wagen ist nicht nur Lebensmittellieferant, sondern auch Nachrichtenbörse und Umschlagplatz für Dorf- und Lebensgeschichten. Uwe trägt den nicht mehr gangsicheren alten Frauen und Männern die Einkäufe in die Wohnung und hat ein Ohr für ihre Sorgen und Nöte. Oft handelt er im Sinne der ökonomischen Vernunft grob unvernünftig, indem er sich Zeit für seine Kunden nimmt, die er eigentlich nicht hat, weil die Kundschaft im nächsten Dorf bereits wartet. Paket- und Essensboten haben für solche „informellen Umwegleistungen“, wie man das in der Soziologie nennt, keine Zeit. Uwes Tante-Emma-Mobil ist nicht nur wichtig für die Versorgung der alten Menschen und sichert seine Existenz, es ist auch Garant des „sozialen Immunsystems“ in den von ihm angefahrenen Dörfern. Menschen leben, wie Ernst Bloch wusste, nicht vom Brot allein, sondern sind auf menschliche und soziale Bindungen angewiesen. Sie benötigen die Einbettung in eine soziale Gemeinschaft. Dass diese im Zuge der Modernisierung zerrieben wird und sich mehr und mehr auflöst, macht das wahre Elend der heutigen Menschen aus und treibt sie den rechten Rattenfängern in die Arme, die ein nationales Lagerfeuer versprechen, an dem sie sich wärmen können. Wem es wirklich um Prävention gegen die von rechts drohenden Gefahren geht, der sollte Menschen wie Uwe unterstützen, sich für die Rettung der Dorfläden, Dorfkneipen und Wochenmärkte einsetzen und die Bänke um die Dorflinde pflegen und bewahren. Wie soll ein heutiger Mensch spüren, dass er einer Gemeinschaft angehört, die ihn schätzt und kennt? Immer mehr Menschen sind mit dem Ganzen der Gesellschaft und den Anderen nicht mehr verbunden und drohen aus der Welt zu fallen. Neben all den materiellen Problemen, ist das das Elend der Gegenwart. Der logische Endpunkt der kapitalistischen Entwicklung ist das soziale Atom, der „vereinzelte Einzelne“, wie Marx gesagt hat. Menschen wie Uwe aus der Lüneburger Heide verrichten eine Gemeinwesenarbeit von unschätzbarem Wert. Ich habe in Nordhessen miterlebt, was es bedeutet, wenn ein solcher rollender Laden plötzlich nicht mehr ins Dorf kommt, weil es sich für die Betreiber nicht mehr rechnet. Die Sicherung der Elemente des sozialen Immunsystems auf dem Land, aber nicht nur dort, ist eine Existenzfrage der Demokratie. Das soziale Immunsystems besteht aus einem Geflecht aus sozialen Bindungen und Kontakten, das Menschen ebenso dringend benötigen wie das körperliche Immunsystem. Das Vorhandensein und die Qualität beider haben großen Einfluss darauf, ob wir körperliche und seelische Abwehrkräfte mobilisieren können. Wir sollten uns die Rettung des sozialen Immunsystems etwas kosten lassen. Die Folgen seiner Zerstörung sind mit Geld gar nicht zu beziffern. Man findet die Reportage in der Mediathek: https://www.ardmediathek.de/tv-programm/6852d86e2d3677ca18da016a Ich habe vor dreizehn Jahren zum Thema „Die Zerstörung des sozialen Immunsystems“ einen Text geschrieben, den ihr hier finden könnt: https://www.nachdenkseiten.de/?p=14941
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Ein Zitat, das Goethe zugeschrieben wird: „Zwei Dinge sollten Eltern ihren Kindern geben: Wurzeln und Flügel.“ Ein Satz, der viel Dialektik enthält und zum Nachdenken anregt.
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Ein Frau in der russischen Provinz sagt: „Die Männer trinken viel. Das war schon immer so. Viele sterben daran.“
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Es existiert in der 3sat-Mediathek ein Gespräch zwischen Katja Gasser und Jonathan Franzen. Sie fragt ihn, ob es Witze über Donald Trump gebe und ob er ihr einen erzählen könne. Franzen sagt daraufhin, dass es zwischen ihm und seinen Freunden eine Übereinkunft gebe, über Trump nicht zu sprechen, nicht ein einziges Wort. Wie Karl Kraus, der sagte: „Zu Hitler fällt mir nichts ein.“ Er setze weiter auf „kindness“, und übersetzt es notdürftig mit „Freundlichkeit“. Freundlichkeit sei glücklicherweise immer noch anzutreffen und scheinbar nicht ganz tot zu kriegen. Außerdem erfülle es ihn mit Hoffnung, dass es immer noch junge Leute gebe, die läsen und manchmal den Wunsch an ihn herantrügen, mit ihm über eins seiner Bücher zu sprechen.
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Heute bemerkte ich beim Betreten des Balkons, dass etwas fehlte. Im Sinne Brechts fehlt immer etwas, aber in diesem Fall fehlt etwas Bestimmtes, das sich benennen lässt: Die Mauersegler sind fort. Ihr Brutsaison ist zu Ende und sie haben den Rückflug nach Afrika angetreten, von wo sie im Mai den weiten Weg hierhergekommen sind. Ihr schrilles Pfeifen beim rasenden Umkreisen des Häuserblocks wird mir fehlen. Das ist für mich das Geräusch des Sommers in der Stadt. Auch sonst deutet einiges darauf hin, dass der Höhepunkt des Sommers überschritten ist.
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Ich habe noch immer ein Rebenmesser in Gebrauch, das ich vor ungefähr dreißig Jahren in einem Weinberg oberhalb des Gardasees gefunden habe. Ich war mit dem Rad unterwegs und betrat einen Weinberg, um mein Wasser abzuschlagen, als ich mit dem Fuß an etwas Festes stieß. Im berabgefallenen Weinlaub lag dieses Messer, das jeder italienische Bauer in der Hosentasche seiner blauen Arbeitshose mit sich trägt oder trug, um die Weinstöcke von überflüssigen Trieben zu befreien. Ich bin immer wieder begeistert von seiner Form und Beschaffenheit und inzwischen vor allem von seiner Haltbarkeit. Es hat die typische sichelförmig gebogene Klinge und einen hölzernen Griff, der auf jeder Seite von fünf vergoldeten Nieten zusammengehalten wird. Die Klinge ist oxidiert und ich schleife sie ab und zu mit einem Wetzstein nach. Auf die Idee, von diesem Messer zu erzählen, kam ich bei der Lektüre einer Geschichte von Natalia Ginzburg, in der ein Mann in den Abruzzen seine Frau mit einem Rebenmesser tötet. Die Frau hatte seinen Sohn aus einer anderen Ehe umgebracht und ihm eine Suppe aus dessen Fleisch zubereitet, die er ahnungslos gegessen hatte. Manchmal geht es bei Natalia Ginzburg so rauh zu, wie das bäuerliche Leben in den Bergen war. Inzwischen isst man auch dort Dosensuppen und Tiefkühlpizza. Ich habe nicht vor, jemanden mir dem Rebenmesser umzubringen. Ich benutze es beim Pilze- und Kräutersammeln und manchmal zerteile ich mit ihm einen Apfel in mundgerechte Schnitzen. Es liegt gut in der Hand.
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Vom hochgeschätzten österreichischen Schriftsteller Alfred Polgar ist folgende Geschichte überliefert. Der Gefängnisdirektor unterbreitet einem zum Tode Verurteilten das Angebot, dass er sich vor der Hinrichtung ein Essen seiner Wahl wünschen könne. Der Mann erwidert: „Hätten Sie mir das früher angeboten, wäre es zu der Tat gar nicht gekommen.“
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Als ich eben auf den Balkon getreten bin, spürte ich an der morgendlichen Kühle, dass der Sommer vorbei ist. Gestern traf ich auf dem Badesteg einen Vater mit seiner kleinen Tochter an, die sich ganz ohne technisches Gerät miteinander beschäftigten. Sie sprachen in irgendeiner osteuropäischen Sprache miteinander. Er zeigte dem vielleicht fünfjährigen Mädchen, wie man mit einer Schnur und Maiskörnern als Köder angeln kann. Stolz zeigte mir das Kind einen kleinen Fisch, den es in einer mit Wasser gefüllten Tüte aufbewahrte. Sie werde ihn später zurück in den Fluss setzen, sagte sie. Weil ich die beiden nicht weiter stören wollte, bestieg ich mein Rad und fuhr zu einer anderen Badestelle, wo ich mich auf eine Bank setzte, auf den ruhig dahinströmenden Fluss schaute und meinen Gedanken nachhing. Abends sah ich auf Arte einen tollen Film über den englischen Maler William Turner, der von 1775 bis 1851 lebte und dem es vor allem darum ging, verschiedene Facetten von Licht einzufangen. Timothy Spal spielt in „Mr. Turner – Meister des Lichts“ grandios die Hauptrolle. Danach war ich müde und ging zu Bett. So gehen meine Tage dahin.
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Gestern habe ich in einen Moment der Irrealisierung erlebt. Ich kam aus einem Drogeriemarkt, in dem ich schon hunderte Male gewesen bin und trat auf die Fußgängerzone hinaus, die ich seit fünfzig Jahren kenne, und wusste plötzlich nicht, wohin ich mich wenden sollte, wo links und rechts ist. Ich stand eine Weile verwirrt vor dem Eingang, dann kehrte die Orientierung zurück. Nur eine momentane Bewusstseinstrübung, oder ein Ausblick und Vorgeschmack eines nahenden Zustands? Die Erfahrung hat mich jedenfalls verstört.
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Es ist neun Uhr am Vormittag und es sind schätzungsweise bereit zehn Rettungswagen mit eingeschaltetem Martinshorn in der Nähe unseres Hauses vorüber gefahren. Im Laufe des Tages werden sicher noch vierzig weitere hinzukommen. Wenn ich einen Mittelwert von 1000 Euro zugrunde lege, beliefen sich die Kosten für Krankentransporte in Gießen an einem Tag auf circa 50.000 Euro. In Berlin fallen laut FAZ vom 27. Juli 2025 durchschnittlich 660 Euro pro Krankentransport an, in Schleswig-Holstein 1530 Euro. Auf einen Monat hochgerechnet fielen allein in Gießen rund 1,5 Millionen Euro im Monat an. Für Transporte in vollkommen überlastete Notaufnahmen von Kliniken, deren Betriebskosten ja noch dazu kommen. Die Ausgaben für Fahrtkosten sind in Deutschland binnen fünf Jahren um mehr als 40 Prozent auf acht Milliarden Euro gestiegen. Mein Vorschlag wäre, statt dieser teuren und häufig auch sinnlosen Transporte dezentrale Ambulanzen einzurichten, an die Patienten, die sich in Not befinden oder wähnen, jederzeit wenden können. Übers ganze Stadtgebiet verteilt könnte man Container aufstellen, in denen Tag und Nacht ausgebildetes medizinisches Personal erreichbar wäre. Nicht alle Transporte in Kliniken würden dadurch überflüssig, aber ein Großteil sicher. Das wäre nicht nur kostengünstiger, sondern auch menschenfreundlicher. Dem stehen die Interessen von Gesundheitskonzernen und Transportunternehmen entgegen, die sich am gegenwärtigen System eine goldene Nase verdienen. „Wir setzen einen hohen finanziellen Anreiz, Patienten zu transportieren, egal ob das sinnvoll ist oder nicht“, zitiert die FAZ einen Intensivmediziner. Ich war selbst im letzten Jahr einige Mal in Notaufnahmen, und habe gesehen, was da los ist. Einmal musste ich neun Stunden dort zubringen. Da werden mit Lalülala auch Kinder angeliefert, die im Schwimmbad in eine Biene getreten sind. Kein Witz, ich habe es selbst erlebt. Früher hätte der Bademeister den Stachel herausgezogen und die Stichstelle desinfiziert, heute wird die 112 gewählt. Viele Menschen haben keinen Hausarzt mehr, der traditionell der erste Anlaufpunkt gewesen ist. Auch darauf sollte wieder mehr gesetzt werden. Tagsüber der Hausarzt und abends und nachts die Notfallambulanz im Stadtteil.
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Die Frühäpfel, die ich auf dem Wochenmarkt erstanden habe, füllen mit ihrem Duft mein Schlafzimmer aus. Ich bilde mir ein, dass ich seither besser schlafe. In der Zufahrt zu unserem Grundstück in Kassel stand ein Baum mit Klaräpfeln. Wenn ich morgens mit dem Rad zur Schule aufbrach, suchte ich mir von den über Nacht herabgefallenen Äpfeln die schönsten Exemplare aus und nahm sie mit. Man musste beim Aufsammeln höllisch aufpassen, dass man nicht in eine Wespe griff, die die reifen Früchte ebenfalls sehr schätzten und sich in die hineinfraßen. Ein Stich in Handfläche oder Finger konnte sehr schmerzhaft sein. Manchmal nahm ich einen solchen Stich zum Anlass, mir die ersten beiden Stunden freizunehmen. Ich reckte dann beim Betreten des Klassenzimmers den geschwollenen Finger in die Höhe, eine Geste, bei der sich damals noch niemand etwas dachte. Der Geschmack des Klarapfels ist unübertroffen, wenn man den richtigen Zeitpunkt zum Verzehr erwischt. Zu früh ist er noch sauer und hart, zu spät wird er mehlig, dazwischen schmeckt er einfach göttlich.
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